mini|hochkant=1.2|Schloss Hämelschenburg mini|Wappen der Schlosserbauer Jürgen Klencke und Anna von Holle am Portal des Westturms
Das Schloss Hämelschenburg ist ein Wasserschloss im Ortsteil Hämelschenburg der Gemeinde Emmerthal im Weserbergland zwischen Hameln und Bad Pyrmont. Es gilt mit seinen Kunstsammlungen, Gartenanlagen, einer Wassermühle, den Wirtschaftsgebäuden sowie der Kirche als ein Hauptwerk der Weserrenaissance. Das Schloss liegt an der Straße der Weserrenaissance und am Niedersachsenweg.
Geschichte mini|hochkant=1.5|Hämelschenburg oberhalb der Emmer um 1650 mini|Ehrenhof vor dem Schloss mini|Schlossbrücke mini|Schlossgraben vor dem Ostflügel mini|Ostflügel vom Wirtschaftshof gesehen Nachdem sie im Jahr 1324 von den Bischöfen von Minden mit der Burg Waldau (castrum Woldowe) und dem darunterliegenden Flecken „Hermersenburg“ (opidum Hemerschenborch) belehnt worden waren, erbauten die Grafen von Everstein vermutlich auf einer Anhöhe oberhalb des späteren Schlosses eine neue Burg, die den Namen des Fleckens erhielt und nach bisherigem Kenntnisstand erstmals 1356 erwähnt wird.Nds. Landesarchiv, Abt. Hannover, Best. Celle Or. 8 (Auswärtige Sachen), Nr. 130. Der Flecken- bzw. Burgname verschliff sich unter dialektalem Einfluss zu „Hämelschenburg“, möglicherweise in Anlehnung an den vermeintlichen Burgenerbauer Hermann III. von Everstein. Denkbar ist aber auch eine Ableitung von dem nahegelegenen Dorf Hermersen (heute wüst), wozu der ursprüngliche Name „Hermersenburg“ passen würde sowie die Tatsache, dass der Flecken älter ist als die Burg.
Die Burg fiel nach dem Aussterben des Eversteiner Grafenhauses und einem Erbfolgekrieg gegen das Haus Lippe um 1410 an die Herzöge von Braunschweig-Lüneburg. Diese vergaben sie wie bereits zuvor die Grafen zunächst als Burglehn an wechselnde Adelsfamilien (u. a. Kanne, Post, Lappe, Spiegelberg, Werdinghausen). 1437 wurde dauerhafter Besitzer das Rittergeschlecht Klencke (später von Klencke), welches aus Thedinghausen stammte, wo es auf dem Gut Oenigstedt ansässig war. 1485 geriet die Hämelschenburg anscheinend in die Große Fehde (auch Bierfehde) der Stadt Hildesheim gegen ihren Bischof und dadurch in die Gegenpartei der Welfen. Diese übetrugen die Burg daher kurzzeitig an den nicht näher bekannten Adeligen Ludwig von Sundern, der nach Beilegung der Fehde jedoch die Herausgabe verweigerte und deshalb 1487 durch Herzog Wilhelm II. von Braunschweig-Wolfenbüttel belagert werden musste. Dabei geriet die Burg in Brand und wurde nach der 1493 bezeugten Wiedereinsetzung der Familie Klencke neu aufgebaut. 1544 brannte die gesamte Anlage einschließlich dem Ort und der tiefer gelegenen Schlosskirche vollständig nieder.
Bau des Schlosses Die wirtschaftliche Blüte zwischen 1520 und 1620 brachte dem Weserbergland eine rege Bautätigkeit. Beiderseits der Weser wurden vom Adel und den Landesherren viele Schlösser neu erbaut oder alte wesentlich umgestaltet. Der Wesersandstein (gelb und gut zu behauen von rechts der Weser, rot und deutlich härter von links der Weser) war ein begehrter Baustoff für Fassaden, Fußböden und Dacheindeckungen in ganz Nordwest- und Nordeuropa. Ab 1588 wurde die 1544 abgebrannte Hämelschenburg unweit als Wasserschloss neu erbaut. Der Schlossbau war 1613 abgeschlossen. Bauherren waren Georg (Jürgen) Klencke (1551–1609; gedient am Grafenhof zu Nienburg/Weser und als Söldner zum Rittmeister aufgestiegen) und seine Frau Anna von Holle (1567–1630), hochgebildete Nichte des Lübecker Bischofs Eberhard von Holle aus Verden und des Obersts Georg von Holle. Jürgen Klencke hatte in jungen Jahren in den Söldnerheeren Georg von Holles und dessen Waffengefährten und Vetters Hilmar von Münchhausen das Kriegshandwerk gelernt und diente später selbst neun Jahre lang im Spanisch-Niederländischen Krieg und in den Hugenottenkriegen als Söldnerführer.
Das Wasserschloss entstand am Ortsrand von Hämelschenburg oberhalb des Flusslaufes der Emmer im Stil der Weserrenaissance. Die finanziellen Mittel kamen einerseits durch die Zölle, die an der Straße, die das Anwesen querte, erhoben wurden, andererseits aus enormen Gewinnen eines regen Kornhandels zusammen. In 30-jähriger Bauzeit diente der bereits vom Onkel Jürgen Klenckes, Ludolf Klencke (der von 1581 bis 1585 die Schlüsselburg erbaut hatte), errichtete umfriedete Wirtschaftshof unmittelbar an der Emmer dem Bauherren und seiner Frau als vorübergehende Wohnstatt. Der Bau des Nordflügels des als Dreiflügelanlage durchgängig geplanten Schlosses verbesserte die Wohnverhältnisse. Der Mittel- und der Südflügel mitsamt zweier im italienischen Renaissancestil erbauten achteckigen Treppentürme folgten nach und nach. Die Vollendung des Schlosses erlebte Jürgen Klencke nicht mehr, er starb 1609. Ungeklärt ist, wer der Baumeister war. Vermutlich baute Cord Tönnis den Nordflügel und Johann Hundertossen den Südflügel.
Jürgen Klencke und Anna von Holle hatten zusammen 14 Kinder, von denen zwölf erwachsen wurden, was für die damalige Zeit angesichts hoher Kindersterblichkeit eine außergewöhnliche Zahl darstellt. Der älteste Sohn Ludolf übernahm das Schloss nach dem Tod seines Vaters und ließ zusammen mit seiner Mutter den Bau fertigstellen.
Religionsgespräch und Allianzen 1614 fand auf dem Schloss das Hämelschenburger Religionsgespräch zwischen dem Lutheraner Georg Calixt und dem Katholiken Augustinus Turrianus statt.
Im Dreißigjährigen Krieg gelang es Anna von Holle, Schloss Hämelschenburg nebst zugehöriger St. Marienkapelle durch Allianzen zu schützen. Die couragierte Schlossherrin fuhr den anrückenden Truppen unter Tilly entgegen und handelte mit dem General einen Schutzvertrag aus, der es seinen Soldaten unter Androhung der Todesstrafe verbot, Hämelschenburg zu betreten. Auf diese Weise bewahrte sie die gesamte Anlage vor Plünderung und Zerstörung.
Im Siebenjährigen Krieg (1756–1763) wurde Hämelschenburg zwar besetzt, und es verschwanden auch Teile der Inneneinrichtung, durch erneut geschicktes Taktieren der Schlossherren konnte Schlimmeres jedoch abgewendet werden. Der Gesamtkomplex mit seinen vier aufwendig gestalteten Giebeln, 17 Zwerchhäusern, den beiden hohen, kupfergedeckten Treppentürmen, zwei ebenerdigen, doppelgeschossigen Erkern (so genannten Ausluchten), mehreren Portalen und einer prächtigen Zugangsbrücke über den mit Karpfen besetzten Schlossteich ist bis heute vollständig erhalten.
Zeit des Nationalsozialismus In der Zeit des Nationalsozialismus stellten sich die Schlossherren ausdrücklich gegen das politische Regime, indem sie sich auf den in ihrer Ritterfamilie belegten Grundsatz der obersten Herrschaft Gottes über die weltlichen Mächte beriefen. Dieser Grundsatz wurde durch das Aufstellen einer Figurengruppe versinnbildlicht. Über dem Kamin des Speisezimmers im Erdgeschoss des Westflügels knien Jürgen Klencke und seine Frau Anna von Holle mit ihren 14 Kindern (heute 13, eines wurde gestohlen) unter dem Kruzifix. Diese Einstellung wurde von der NSDAP respektiert, und auch der angrenzende Ort Hämelschenburg blieb ohne Ortsgruppenleiter. Als einziger Affront der Machthaber lässt sich der um 1939 verbreiterte Ausbau der Staatsstraße durch das Schlossensemble deuten, der dazu diente, die Anreise der NS-Anhänger zum Reichserntedankfest auf dem Bückeberg bei Hameln zu erleichtern. Auch wurde der Jüdische Friedhof Hämelschenburg wenige Tage nach der Reichspogromnacht 1938 von SA-Leuten aus dem Nachbarort Gellersen geschändet.
Dementgegen öffnete man die Schlosskirche sonntags ausdrücklich für die in der umliegenden Landwirtschaft verdingten polnischen Fremdarbeiter zum Gottesdienst.
Die Finanzierung des Schlosses gelang in dieser Zeit unter anderem durch zahlende adlige „Feriengäste“, denen allerdings durch ein über der Speisetafel aufgehängtes vierseitiges Transparent unmissverständlich politische Äußerungen untersagt waren.
Modernisierung mini|hochkant=0.7|Hölzernes Wasserrad und Erneuerbare Energien durch modernes Wasserkraftwerk mini|Alte Wassermühle an der Emmer Im 19. und 20. Jahrhundert wurde das Schloss Hämelschenburg den Erfordernissen moderner Wohnkultur angepasst. So wurden 1845–1850 der hohe Wall an der West- und Ostseite entfernt und der Graben an der Nordseite zugeschüttet. Die Rotsandstein-Eindeckung der Dächer wurde bis 1974 durch die leichtere Schieferdeckung ersetzt und zusätzliche Dachgauben wurden eingefügt. Der ursprüngliche Verputz wurde abgeschlagen und das originäre Bruchsteinmauerwerk wieder sichtbar gemacht. Die ehemals außen liegende Pilgerhalle wurde nach innen verlegt und schließlich das ganze Schloss mit einer modernen Zentralheizung versehen. Diese Umbauten beeinträchtigen nicht das historische Erscheinungsbild.
Mutmaßliche Architekten Die Architekten des Schlosses sind nicht namentlich beurkundet. Die Vielzahl der Bauhütten und Bauschulen der damaligen Zeit lassen nur eine verallgemeinernde Mutmaßung zu. Fast identische stilistische Einzelheiten des Cord Tönnis, dem nachgewiesenen Baumeister des Hauses Osterstraße 9 in Hameln, der auch an den Schlössern von Detmold und Schwöbber sowie am Archivhäuschen von Rinteln arbeitete, lassen sich an den Fassaden der Hämelschenburg wiedererkennen. Details der Gestaltung der Giebel von Nord- und Westflügel sind identisch mit Werken der Baumeister Eberhard Wilkening und Johann Hundertossen; die Mitwirkung des letzteren ist aber neuerdings wieder umstritten. Hundertossen gilt als Baumeister der Münchhausen’schen Schlösser Schwedesdorf in Lauenau sowie Beverns; der Bauherr in Bevern, Statius von Münchhausen, war ein Vetter des Jürgen Klencke (die Mütter waren Schwestern). Münchhausens zweite Ehefrau war Jürgens Nichte; Statius stand mit Klenckes nachweislich in engem Austausch über ihre wechselseitigen Bauvorhaben.
Eingemeindung Am 1. Januar 1973 wurde die Gemeinde Hämelschenburg in die neue Gemeinde Emmerthal eingegliedert.
Museum mini|Pilgerweg Hämelschenburg Seit 1973 ist das Schloss Hämelschenburg im Besitz von Lippold von Klencke, der die Anlage als privates Museum teilweise öffentlich zugänglich gemacht hat. Er brachte das Schloss 1993 in die private, als gemeinnützig anerkannte Stiftung Rittergut Hämelschenburg ein, um Gelder zum denkmalgerechten Erhalt des Schlosses und der übrigen unter Denkmalschutz stehenden Gebäude des Rittergutes zu sammeln und ihre Nutzung zu sichern.Website Schloss Hämelschenburg
Der Museumsbereich enthält eine vollständig erhaltene Ausstattung von Möbeln, Gemälden, Porzellan, Gläsern und Waffen aus der Renaissance-, Barock- sowie Gründerzeit. Etwa ein Drittel der Räume wird im Rahmen von Führungen gezeigt, die täglich im Sommerhalbjahr stattfinden.Wegweiser für Entschlossene in HAZ vom 25. November 2008. Die übrigen Räume sind vermietet und werden von Privatpersonen bewohnt.
In die Eingangshalle (ehemaliges Wohnzimmer) wurde die Front der „Pilgerhalle“ eingefügt. Dabei handelt es sich um zwei Säulen, die von in den Sandstein modellierten Jakobsmuscheln bekrönt werden. Sie umrahmen eine Durchreiche, die den Pilgern auf ihrem Weg von Norden nach Santiago de Compostela in Spanien Speisung und Unterkunft verhießen. Dieses Versprechen wird auch heute noch aufrechterhalten. So übernachtete eine dänische Pilgerin 2005 zwei Nächte kostenlos im Schloss.
Das Schloss bietet auch Brautpaaren die standesamtliche Trauung im historischen Rahmen. Im Trauzimmer befindet sich eines der wenigen erhaltenen, durch Pedaldruck selbstspielenden Pianolas von Steinway & Sons.
Landschaftspark und Grab-Pyramide mini|Mausoleum im Landschaftspark Oberhalb des Schlosses wurde im 19. Jahrhundert ein Landschaftspark mit exotischen Bäumen angelegt. Am Ende des Parks steht eine Pyramide, die Georg Ludwig Friedrich Laves 1855 als Begräbnisstätte (Mausoleum) der Familie von Klencke errichtet hat. Sie wurde bis 1942 benutzt und steht heute leer.
St.-Marien-Kirche Baugeschichte