Heliopolis (altägyptisch: Iunu) war eine bedeutende Stadt in Unterägypten, deren Geschichte sich über mehrere Jahrtausende erstreckt. Als religiöses und kulturelles Zentrum spielte Heliopolis eine wichtige Rolle in der ägyptischen Mythologie und Geschichte vom 4. Jahrtausend v. Chr. bis in die ptolemäische Zeit.
Prädynastische Zeit (ca. 5300–3000 v. Chr.) Gräberfunde aus dem mittleren 4. Jahrtausend v. Chr. im Tempelgebiet und drei Kilometer südöstlich davon deuten auf eine für damalige Verhältnisse große Siedlung in Heliopolis hin. Die entdeckten Keramikfunde bezeugen Handelsverbindungen in die Levante und nach Oberägypten, was die überregionale Bedeutung von Heliopolis unterstreicht.
Frühdynastische Zeit (ca. 3000–2686 v. Chr.) Archäologische Bohrungen in sechs Meter Tiefe förderten Textilreste und Fragmente von Krugverschlüssen zutage, die auf eine intensive Nutzung des Geländes in einer frühen Phase hinweisen. Die Siedlung in Heliopolis erstreckte sich in dieser Zeit über eine Länge von bis zu 500 Metern im Durchmesser.
Altes Reich (ca. 2686–2160 v. Chr.) mini|Fragment eines Kalksteinschreins des Königs Djoser, Museo Egizio, Turin Aus dem Alten Reich stammen neben Keramikscherben auch Inschriftenfragmente eines kleinen Kalksteinschreins aus der Zeit des Djoser (3. Dynastie, ca. 2650 v. Chr.), die zu den frühesten Belegen für Götternamen mit bildlicher Darstellung gehören. Gefunden wurden sie bei italienischen Ausgrabungen Anfang des 20. Jahrhunderts und befinden sich heute im Ägyptischen Museum in Turin. Dargestellt sind unter anderem sitzende Gottheiten mit hieroglyphischer Beischrift. Jedoch sind nur die Götter Seth und Geb inschriftlich benannt. Es wird aber davon ausgegangen, dass es sich um die älteste Darstellung der sogenannten „Neunheit von Heliopolis“ handelt. In einem anderen Bildfeld sind Mitglieder der königlichen Familie zu sehen. Weitere Rückschlüsse auf die Geschichte des Tempels lassen sich aus Funden ziehen, die an anderen Orten in Ägypten entdeckt wurden. Zwischen Felsen in der Nähe des Roten Meeres im Wadi el-Jarf wurden einige Papyri aus der Zeit des Königs Cheops entdeckt. Sie geben einen detaillierten Einblick in die Logistik und Versorgung der Pyramidenbauprojekte. Heliopolis wird dort als wichtiger Lieferant für Lebensmittel erwähnt, welche für die Arbeiter in Giza benötigt wurden.
Ein zweites Objekt aus der 4. Dynastie (2613–2494 v. Chr.) wurde nicht in Ägypten, sondern im israelischen Tell Hazor gefunden. Es handelt sich dabei um ein Fragment einer Königsstatue in Sphingengestalt mit einer hieroglyphischen Inschrift. König Mykerinos wird dort die Bezeichnung „geliebt von den Seelen von Heliopolis“ zuteil. Damit ist diese Königssphinx die bislang älteste aus Heliopolis stammende Statue. Der Palermostein enthält sowohl Hinweise auf Heliopolis als auch auf die „Seelen von Heliopolis“. Darauf stehen unter anderem vereinzelte Stiftungen von Königsdenkmälern der 5. Dynastie (2494–2345 v. Chr.).
Aus diesen Quellen lässt sich schließen, dass Heliopolis schon in der 4. und 5. Dynastie ein wichtiges wirtschaftliches und religiöses Zentrum war.
Aus der 6. Dynastie (2345–2181 v. Chr.) wurden das Fragment eines Obelisken von Teti II. und ein Schrein, der vermutlich für eine Königsstatue bestimmt war, entdeckt. Außerdem fanden sich im Tempelgebiet Königssphingen, Gründungsbeigaben für Gebäude sowie Alabastergefäße. Ein weiterer wichtiger Befund aus der 6. Dynastie sind Gräber von Hohepriestern, welche in Heliopolis wohnhaft waren. Die Hohepriester anderer Epochen in Heliopolis stammten meist aus der Königsfamilie und wurden deshalb eher in den Königsnekropolen von Giza, Sakkara oder Theben bestattet. Dies entsprach aber nicht den normalen Priesterbestattungen. In der Regel stammten die Hohepriester eines Ortes aus der lokalen Oberschicht und wurden auch in den lokalen Nekropolen unweit ihrer Tempelbezirke bestattet. Die östlich neben dem Tempel gelegenen Grabanlagen wurden bei den ständigen Erweiterungen des Tempels im Verlauf der Jahrhunderte planiert und überbaut. Die Grabkammern sind zwar noch erhalten, liegen aber heute unter den Stadtteilen Matariya-Ost und Ain-Schams-West. Dies führte dazu, dass keine oder nur wenige Gräber des 4. und 3. Jahrtausends v. Chr. ausgegraben werden konnten. Daher sind die gefundenen Hohepriestergräber in Heliopolis aus mehreren Gründen wichtig für die Rekonstruktion der Tempelgeschichte.
Mittleres Reich (ca. 2055–1650 v. Chr.) mini|Obelisk von Sesostris I.
Nach dem Ende der Ersten Zwischenzeit war Ägypten wieder ein geeinter Staat. Im Gegensatz zum Alten Reich, in dem der König als gottgleich galt, musste er nun seine Legitimation beweisen. Zentraler Ort dafür wurde Heliopolis. Amenemhat I., Begründer der 12. Dynastie, verlegte die Hauptstadt von Theben in die Nähe des Fayums im Norden und baute dort seine Pyramide. 100 Kilometer entfernt, spielte Heliopolis eine wichtige Rolle in der Herkunft der Arbeiter dieses Bauprojekts.
Unter Sesostris I. (1956–1911 v. Chr.), dem Nachfolger Amenemhats I., wurden die Tempelhäuser nicht mehr aus Lehmziegeln, sondern aus Steinblöcken gebaut. Zum 30. Königsjubiläum ließ er einen Obelisken mit einer Höhe von 40 Ellen (ca. 20,5 Meter) in Heliopolis aufstellen. Seine Maße machten ihn zum größten Obelisken der damaligen Zeit. Eines der beiden Exemplare steht heute noch an derselben Stelle, an welcher er vor fast 4000 Jahren errichtet wurde. Neben diesem Obelisken ließ Sesostris I. zusätzlich noch einen Hathortempel erbauen. Eine Inventartafel aus dem Ägyptischen Museum in Turin zeigt den vermutlich unter Sesostris I. erbauten, jedoch archäologisch noch nicht nachgewiesenen Tempel.
Das ägyptisch-deutsche Archäologenteam konnte an zwei Stellen im Tempelgebiet Reste von Heiligtümern Sesostris‘ I. finden. 350 Meter vom Obelisken entfernt fand sich im Bereich des späteren Atum-Tempels von Nektanebos I. ein Kalksteinblock mit einer Darstellung des Königs. Ferner fanden sich in einer Distanz von 600 Meter vom Obelisken entfernt, im heutigen Suq el-Khamis, Bauteile des Mittleren Reichs und mehr als vier zerschlagene Statuen des Königs mit einer Höhe von jeweils gut vier Metern aus Rosengranit.
Ebenfalls unter Sesostris I. entstand vermutlich das Konzept eines oberägyptischen Heliopolis für Theben / Luxor. Entsprechend der traditionellen Einteilung des Landes liegt Oberägypten im Süden und Unterägypten im Nildelta. Das oberägyptische Heliopolis ist damit ein Pendant zum heliopolitanischen Tempel in Unterägypten, um beide Landesteile miteinander zu verbinden.
Neben Denkmälern von Sesostris I. sind auch Bauteile aus der Zeit Sesostris‘ III. in Heliopolis gefunden worden.
Östlich des Tempelgebiets, auf dem Gebiet der heutigen Stadtteile Matariya-Ost und Ain-Schams-West, liegt unter den Häusern eine Nekropole des Mittleren Reichs mit einer Vielzahl an Kammergruppen, die zu großen Grabkapellen gehörten.
Neues Reich (ca. 1550–1069 v. Chr.) mini|Tempelmodell von Sethos I. mit moderner Rekonstruktion des Tempels, Brooklyn Museum New York.
Mit dem Sieg des Ahmose I. über die Hyksos begann die Epoche des Neuen Reichs. Denkmäler dieses Königs sind in Heliopolis selbst nicht erhalten. Allerdings belegt eine Felsstele, dass es einen Tempel von ihm gegeben haben muss. Sie wurde in einem Steinbruch 15 Kilometer südlich gefunden und erwähnt drei Tempel, die der König erbauen ließ; in Theben für Amun, in Memphis für Ptah und in Heliopolis für Atum.
Die Könige der 18. Dynastie stammten aus der Thebaïs und hatten dadurch eine starke Verbindung zum Lokalgott Amun. In den folgenden Jahrzehnten ließen sie in Theben eine Tempellandschaft nach heliopolitanischem Vorbild erbauen. Es entstand ein oberägyptisches Heliopolis. Trotzdem errichteten die Könige auch in Heliopolis weiterhin Tempel und Denkmäler. Zeitlich lagen diese Bauprojekte jedoch meistens in den späten Regierungsjahren.
Mitten im Tempelgebiet befand sich eine Mauer, die von W. M. Flinders-Petrie mit einem quadratischen Verlauf mit abgerundeten Ecken kartiert wurde und vornehmlich eine Fläche von 400 Metern Durchmesser umschloss. Teile dieser Mauer wurden schon vor 100 Jahren bei einer italienischen Ausgrabung unter der Leitung von Ernesto Schiaparelli entdeckt. Beide Ausgräber gaben eine Wandstärke von ca. 40 Metern an. Seitdem wurden verschiedene Meinungen zur Funktion veröffentlicht. Die Vorschläge suggerieren eine Umfassungsmauer, eine Plattform oder ein Fort aus der Hyksos-Zeit. Von 2015 bis 2020 konnte ein Teil dieser Mauer erneut untersucht werden. Funde im Mauerwerk datieren die Anlage spätestens in die Zeit von Thutmosis III. Vermutlich diente der Wall mit seiner großen Wandstärke dazu, den Sandhügel, auf welchem sich die ägyptische Weltschöpfung abgespielt haben soll, vor Nilfluten zu schützen. Diese Dammanlage hatte mindestens zwei Portale. Das erste im Südostwinkel war 1851 in Fragmenten noch zu sehen, das zweite wurde von dem ägyptisch-deutschen Grabungsteam in den letzten Jahren gefunden. Dabei entdeckte das Team einen Torpfosten des Neuen Reichs mit der Nennung des Gottes Atum. Außer dieser Dammanlage ließ Thutmosis III. in seinem 39. Regierungsjahr ein Obeliskenpaar von 23 Meter Höhe in Heliopolis aufstellen. Heute stehen sie in London und New York. Neben diesen beiden Obelisken gab es im Tempelareal der 18. Dynastie vermutlich einen weiteren Obelisken, von welchem einige Fragmente 1911/1912 vermessen wurden. Demnach muss es sich um einen der größten Obelisken Ägyptens gehandelt haben mit einer Höhe von rund 34 Meter.
Anders als in Theben ließ Amenophis III. in Heliopolis sehr wenig bauen. Von ihm gibt es einige schwarze Granodioritsäulen, die von einem Horustempel stammen, einen Balustradenblock mit Darstellungen einer Prozession von Fruchtbarkeitspersonifikationen und einen Reliefblock, der von Ramses II. wiederverwendet wurde. Mit Beginn des Neuen Reichs war Theben der neue Regierungssitz. Von da an ließen die Könige ihre Paläste, Gräber und Totentempel dort bauen. Dieser Wechsel der Regierungsstadt führte außerdem dazu, dass der Lokalgott Amun stärker verehrt wurde. Die von den Königen veranlassten Tempelerweiterungen und die vermehrte Verehrung durch die Bevölkerung führten schließlich dazu, dass Amun der neue Staatsgott wurde. Das könnte der Grund sein, warum Amenophis III. vor allem in Theben bauen ließ und es kaum Aktivitäten in Heliopolis von ihm gibt.
Sein Sohn Amenophis IV., besser bekannt als Echnaton, führte eine Glaubensreform zum Monotheismus durch. Der neue Staatsgott war der Sonnengott Aton und Echnaton der Vermittler zwischen dem Gott und der Bevölkerung. Der große Sonnenkult in Heliopolis passte zu großen Teilen zu Echnatons Reform, weshalb er dort viel bauen ließ.
Eine weitere Neuerung in dieser Zeit waren kleinere Steinblockmaße von 52 × 25 × 22 cm, die möglicherweise zur Erhöhung der Baugeschwindigkeit eingeführt wurden. Inschriften weisen auf mehr als ein Aton-Heiligtum hin. Sie sind heute aber nicht mehr in situ auffindbar.
Viele der verwendeten Steine wurden schon unter Ramses II. für seine Tempel abtransportiert. 1010 n. Chr. wurden sie dann für die Verschalungen der Minarette der Moschee des Fatimidensultans Al-Hakim verwendet.
Weiterhin wurden am Westrand des Tempelareals in deutlich jüngeren Zeiten in großer Zahl Statuenbasen und Altarfragmente von Echnaton, seiner Ehefrau Nofretete und seiner Tochter Meritaton gefunden.
Aus der Zeit Tutanchamuns haben sich mehrere stark zerstörte Reliefs erhalten, die zu einem seiner Tempel gehörten. Sie zeigen die Wiederherstellung des Amun-Kultes. Dargestellt ist der Gott Amun zusammen mit seinem göttlichen Sohn Chons.
Von Haremhab, dem letzten König der 18. Dynastie, gibt es bislang keine nachweisbaren Tempelneubauten in Heliopolis.