mini|Die Buchhandlung 2024 Die J. Ricker’sche Universitäts-Buchhandlung, von der Gründung bis 1900 J. Ricker’sche Buchhandlung, wurde am 20. März 1832 von Joseph Ricker in Gießen gegründet. Der zweite Besitzer Franz Anton Ricker schloss der Buchhandlung 1850 einen Verlag an. 1900 erhielt die Buchhandlung durch Ernennung der hessischen Regierung auf Antrag der Universität den Status einer Universitäts-Buchhandlung.siehe unter: "Bekanntmachung" im "Gießener Anzeiger. General-Anzeiger für Oberhessen", Zweites Blatt, Dienstag, 24.4.1900, S. 3, in der Deutschen Digitalen Bibliothek Die Buchhandlung gehört neben Hoffmann’s Buchhandlung in Weimar zu den ältesten Deutschlands und feierte 2022 ihr 190-jähriges Bestehen.
Geschichte Am 20. März 1832 gründete Peter Joseph Ricker (4. April 1805–5. Oktober 1834) aus Villmar im ehemaligen Herzogtum Nassau die "Dritte Gießener Buchhandlung" in einem angemieteten Laden am Marktplatz. Er hatte bei Heyer in Gießen den Buchhandel erlernt und war seit 1827 mit der Leitung des Sortiments betraut worden.Rudolf Schmidt, Deutsche Buchhändler. Deutsche Buchdrucker. Beiträge zu einer Firmengeschichte des deutschen Buchgewerbes, 6 Bd., Verlag der Buchdruckerei Franz Weber, Berlin (später: Eberswalde, Verlag von Rudolf Schmidt), 1902–1908. Mit der Absicht, sich selbständig zu machen, trat er 1831 aus dem Geschäft aus. Die Konzession zur Gründung einer eigenen Buchhandlung wurde Ricker als "Ausländer" aus dem Herzogtum Nassau anfänglich verweigertsiehe: Geschäftsjubiläum der J. Ricker’schen Buchhandlung in Gießen. In: Börsenblatt für den deutschen Buchhandel, Montag, 20.3.1882, S. 174–175., zumal Ricker sich als ein früher Weggefährte Georg Büchners für die freiheitlichen Ideen des Vormärzes engagierte. Zunächst wurde seine Braut Johanette Christine geborene Eckstein, Tochter des hiesigen Universitätsaktuars (gestorben 1866) als Inhaberin der Buchhandlung eingetragen.vergleiche hierzu Eduard Zernins Ausführungen, welche den Kampf der Johanette Christine Eckstein um die Erlangung der Buchhandelskonzession schildern. In: Börsenblatt 1882 Nr. 212/13.siehe: Christoph Hoffmann, Jura, Recht und jetzt Romane. In: Gießener Allgemeine, 23. Dezember 2022 Ricker war Mitglied des geheimen oberhessischen "Pressvereins".Link zur Seite des Büchner-Portals, abgerufen am 7. Januar 2025. Die Vereinigung um Büchner und den Theologen und Pädagogen Friedrich Ludwig Weidig hatte sich am 3. Juli 1834 bei einer Versammlung auf der Gießener Badenburg gegründet. Dort wurde auch der Druck des Hessischen Landboten beschlossen, einer Flugschrift, die die sozialen Missstände anprangerte und die Landbevölkerung mit der Parole "Friede den Hütten! Krieg den Palästen!" zum Kampf gegen die Unterdrückung aufrief. Ricker wurde als Strohmann für den Ankauf einer Druckerpresse genannt und kam in Untersuchungshaft. In der Haft zog er sich ein Magenleiden zu, an dem er wenige Wochen später, im Alter von 29 Jahren, verstarb.Artikel von Christiane Müller-Lang auf "mittelhessen.de", 28. April 2023 (Artikel nur mit Abo lesbar).
Nach Rickers frühem Tod wurde die Buchhandlung von seinem Bruder Franz Anton Ricker (30. November 1819–9. Juli 1892) geführtsiehe: Leo Ricker, "Franz Anton Ricker. Buchhändler und Verlagsbuchhändler zu Gießen 1816–1892". In Nachrichten der Gießener Hochschulgesellschaft, Fünfter Band – Zweites Heft, Verlag von Alfred Töpelmann, Gießen 1926 (gedruckt in der Brühl’schen Universitäts- Buch- u. Steindruckerei R. Lange, Gießen), S. 10., bis 1850 zunächst als Geschäftsführer für seine Schwägerin, dann als ihr Teilhaber und seit 1863 als alleiniger Inhaber.siehe Artikel über Anton Ricker unter "Lokales" im "Gießener Anzeiger. General-Anzeiger für Oberhessen", Erstes Blatt, Dienstag, 20.3.1882, S. 2, in der Deutschen Digitalen Bibliothek Franz Anton war als zehntes Kind des Kaufmanns und Oberschuldheißen (Schultheißen) Johann Anton Ricker und seiner Frau Barbara geborene Handlaß in Villmar an der Lahn geboren, das 1803 zum Herzogtum Nassau gekommen war. Nach dem Besuch der Elementarschule in Villmar absolvierte er ab dem 1. September 1830 eine Lehre beim Buchhändler Troschel in Trier und wurde noch vor Beendigung seiner Lehre von ihm als Gehilfe eingestellt.siehe: Leo Ricker, "Franz Anton Ricker. Buchhändler und Verlagsbuchhändler zu Gießen 1816–1892". In Nachrichten der Gießener Hochschulgesellschaft, Fünfter Band – Zweites Heft, Verlag von Alfred Töpelmann, Gießen 1926 (gedruckt in der Brühl’schen Universitäts- Buch- u. Steindruckerei R. Lange, Gießen), S. 10. Um 1840 erwarb Franz Anton Ricker in Gießen ein Bürgerhaus an der Ecke Neue Bäue – Sonnenstraße, einst im Besitz des Professors Höpfner, in dem Johann Wolfgang Goethe als Wetzlarer Reichskammergerichtspraktikant ab 1772 als dessen Gast gewohnt hatte (das Haus war mit einer Gedenktafel geschmückt). Hier fand auch die Buchhandlung einen neuen Standort. Durch Bombenangriffe der Alliierten im Dezember 1944, bei denen 80 Prozent des Gießener Stadtkerns zerstört wurden, wurde das Haus zerstört.
Unter Franz Anton Ricker blühte die Buchhandlung auf. Ein der Buchhandlung angeschlossener Verlag wurde gegründet. Unter den Verlagswerken ragen u. a. der von Justus Liebig während seiner Gießener Zeit 1847 begonnene "Jahresbericht über die Fortschritte der Chemie" hervor, den Rickers Nachfolger später an Friedrich Vieweg & Sohn verkaufte, Friedrich Ludwig Karl Weigands "Deutsches Wörterbuch", zwei Bände aus dem Jahr 1880, das aus dem älteren "Kurzem deutschen Wörterbuch" von Friedrich Jakob Schmitthenner hervorgegangen war, die im Jahr 1881 vom Reorganisator der Gießener theologischen Fakultät, Bernhard Stade, begründete "Zeitschrift für die alttestamentliche Wissenschaft", die Werke des Juristen Wilhelm Sell, der Forstwissenschaftler Johann Christian Hundeshagen und Carl Justus Heyer, des Geologen August von Klipstein sowie die "Zeitschrift für die gesammte Thierheilkunde". Nach einem Brand im November 1886 erfolgte der Verkauf der Buchhandlung an Friedrich Hermann Reimer, der aus der Familie des Berliner Verlagsbuchhändlers Georg Andreas Reimer stammte. Friedrich Hermann übernahm die Buchhandlung zum 1. Januar 1887. Unter Reimer siedelte die Firma aus dem alten, kleinen Haus inmitten der Gießener Altstadt in einen für ihre Zwecke erstellten Neubau an der Süd-Anlage 5 (im Nationalsozialismus umbenannt in "Hindenburgwall") über. Als weiteren Geschäftszweig gliederte Reimer ein wissenschaftliches Antiquariat an.
Im Februar 1894 übernahm Alfred Töpelmann (27. April 1867 Leipzig–12. November 1954 Gießen) die Buchhandlung.siehe Bekanntmachung im "Gießener Anzeiger. General-Anzeiger für Oberhessen", Erstes Blatt, Freitag, 9.2.1894, S. 3, in der Deutschen Digitalen BibliothekBiografie von Alfred Töpelmann. In: Deutsche biographische Enzyklopädie, 2. Ausgabe, Band 10, hrsg. von Rudolf Vierhaus, Verlag K G Saur, München 2008, S. 62, ISBN 978-3-598-25040-8. Der Umfang und der Umsatz des Geschäfts vergrößerten sich. Die Buchhandlung wurde zum akademischen Sortiment am Ort, die insbesondere den Lehrkörper der Ludoviciana und ihre Institute sich zu Kunden warb. Um die Jahrhundertwende ernannte die hessische Regierung auf Antrag der Universität Töpelmann zum Großherzoglich hessischen Universitäts-Buchhändler. Zum April 1900 wurde der Name der Buchhandlung im Handelsregister von "J. Ricker’sche Buchhandlung" in "J. Ricker’sche Universitäts-Buchhandlung" geändert.siehe unter "Bekanntmachung" im "Gießener Anzeiger. General-Anzeiger für Oberhessen", Zweites Blatt, Dienstag, 24.4.1900, S. 3, in der Deutschen Digitalen Bibliothek
Der Verlag der Buchhandlung firmierte ab 1899 als "J. Ricker’sche Verlagsbuchhandlung (Alfred Töpelmann)" und wurde auf das Gebiet der wissenschaftlichen Theologie und orientalischen, speziell semitischen Sprachwissenschaft begrenzt. 1900 wurden das Schwesterorgan der um neunzehn Jahre älteren alttestamentlichen Zeitschrift für das Neue Testament, die von Erwin Preuschen herausgegebene "Zeitschrift für die neutestamentliche Wissenschaft und die Kunde des Urchristentums" und gleichzeitig die "Ephemeris für semitische Epigraphik" von Mark Lidzbarski ins Leben gerufen. 1903 erschienen unter Leitung der Philologen Albrecht Dieterich und Richard Wünsch die "Religionsgeschichtlichen Versuche und Vorarbeiten". Das Antiquariat erkor das Gesamtgebiet der Philosophie zu seinem Spezialfach und errang durch Ankäufe bedeutender Bibliotheken wie der des Bonner Professors Jürgen Bona Meyer und des Pädagogen und Schulmannes Ludwig Adolf Wiese in Potsdam sowie durch die Veröffentlichung mit bibliographischer Akkuratesse zusammengestellter Kataloge über ein reiches Lager autoritären Ruf im In- und Ausland.
mini|Werbeplakat, 1970er Jahre Zum 1. April 1905 ging die "J. Ricker’sche Universitäts-Buchhandlung" mit Antiquariat auf Friedrich Robert Ernst Legler über, dem langjährigen Prokuristen der Buchhandlung Otto Harrassowitz in Leipzig, und wurde unter dem Namen "J. Ricker Universitäts-Buchhandlung (Ernst Legler)" betrieben. Der Verlag wurde von Alfred Töpelmann übernommen, der sein Geschäft unter dem Namen "Alfred Töpelmann vormals J. Ricker" fortführte. Der Verlag wurde an der Süd-Anlage in das erworbene Nachbargrundstück verlegt.siehe Bekanntmachung im "Gießener Anzeiger. General-Anzeiger für Oberhessen", Erstes Blatt, Mittwoch, 15.3.1905, S. 2 (Spalte 3: "Aus Stadt und Land"), in der Deutschen Digitalen Bibliothek Ernst Legler war mit Elise Agnes Legler geborene Rabes (14. August 1866 in Eutritzsch–11. Januar 1947 in Jena) verheiratet. Das Paar zog im April 1905 von Leipzig nach Gießen. Zum 19. Mai 1922 traten seine Söhne Alfred Max Legler (20. August 1890 in Leipzig–31. Dezember 1963 in Jena) und Werner Julius Eckhard Legler (5. März 1896 in Leipzig) als "persönlich haftende" Gesellschafter in die Firma ein. Die Buchhandlung wurde unter seinem Namen "J. Ricker Universitäts-Buchhandlung (Ernst Legler)" weitergeführt. Alfred war im Januar 1915 von Freiburg nach Gießen gekommen, Werner im September 1919, nach englischer Kriegsgefangenschaft. Werner Legler war mit Susanne Edith Marie geborene Bunde (geb. 27. Mai 1904 in Sonnenberg bei Wiesbaden) verheiratet. Aus der Verbindung gingen drei Söhne hervor, die zwischen 1927 und 1935 in Gießen geboren wurden. Im Januar 1932 verstarb Ernst Legler.siehe unter: "Bekanntmachung" (Spalte 1) im "Gießener Anzeiger. General-Anzeiger für Oberhessen", Erstes Blatt, Samstag, 18.2.1933, S. 7.siehe Artikel: 100 Jahre Ricker und Alfred Töpelmann in Gießen. In: Börsenblatt für den deutschen Buchhandel, Nr. 67, Samstag, 19.3.1932, S. 223–224. 1938 wurde der Standort der Buchhandlung von der Süd-Anlage an den Seltersweg 58 verlegt.siehe Anzeige der Buchhandlung am Seitenende links ("Geräumiger Laden gesucht"), im "Gießener Anzeiger. General-Anzeiger für Oberhessen", Mittwoch, 20.4.1938, S. 4.siehe Anzeige am Seitenende: "In jedes Heim eine Bibliothek", im "Gießener Anzeiger. General-Anzeiger für Oberhessen", Mittwoch, 2.11.1938, S. 6. Laut Handelsregistereintrag schied Julius Eckhard Werner Legler zum 16. März 1942 aus der Buchhandlung aus, die allein von seinem Bruder Alfred unter dem Namen des Vaters weitergeführt wurde.Stadtarchiv Gießen.
1960 übernahm Gideon Schüler die Buchhandlung und verlegte den Standort vom Seltersweg an den Ludwigsplatz 12. Schüler veranstaltete in einem der Buchhandlung angeschlossenen "Literarischen Salon" Autorenlesungen und nahm die verlegerischen Tätigkeiten im Namen der Buchhandlung wieder auf. Er führte das Geschäft bis 2005.Oliver Keßler, „Lieber dieses Leben als ein anderes.“ Gideon Schüler führte 45 Jahre die J. Ricker’sche Universitätsbuchhandlung – Buchhändler mit Leib und Seele. In: Gießener Anzeiger, 17. September 2005, S. 16.Gideon Schüler ist tot. In: boersenblatt.net. 21. Februar 2017, abgerufen am 25. Dezember 2024.