miniatur|hochkant|Streikposten vor der Hol­ten­auer ­Schleuse (Kiel). (Foto: Friedrich Magnussen) Der Streik im Öffentlichen Dienst vom 11. bis 13. Februar 1974 – auch als „Kluncker-Runde“ bezeichnetTim Schanetzky: Die große Ernüchterung. Wirtschaftspolitik, Expertise und Gesellschaft in der Bundesrepublik 1966 bis 1982 (=Wissenskultur und gesellschaftlicher Wandel, Band 17). Akademie-Verlag, Berlin 2007, S. 167, ISBN 978-3-05-004302-9. Hanno Beck: Volkswirtschaftslehre. Mikro- und Makroökonomie. Oldenbourg, München 2012, S. 429 f., ISBN 978-3-486-71317-6. – war ein bedeutender Arbeitskampf in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Die Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV) und weitere Gewerkschaften forderten kräftige Lohn- und Gehaltserhöhungen. Wirtschaft und Staatsfinanzen waren von der ersten Ölkrise und einer hohen Inflationsrate geprägt. Während der Streiktage traten bundesweit rund eine Million Beschäftigte in den Ausstand, insbesondere in Großstädten kam der öffentliche Nahverkehr weitgehend zum Erliegen. Nach drei Streiktagen erreichten die Gewerkschaften für die Beschäftigten einen Tarifabschluss, der mit einer Lohn- und Gehaltserhöhung von 11 Prozent, mindestens jedoch 170 DM, deutlich über dem ersten konkreten Arbeitgeberangebot lag.

Der Streik veränderte das Verhältnis zwischen Gewerkschaften und der Bundesregierung. Zudem führte er zu kontroversen öffentlichen und wissenschaftlichen Bewertungen, etwa im Hinblick auf die gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen und das Verhältnis zu Kanzler Willy Brandt (SPD).

Voraussetzungen und Vorgeschichte Lage der Gewerkschaften Die von Heinz Kluncker geführte ÖTV zählte 1974 etwa eine Million Mitglieder.Führer: Gewerkschaftsmacht, 2017, S. 397. Sie war nach der IG Metall die zweitgrößte Gewerkschaft im Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB)Führer: Gewerkschaftsmacht, 2017, S. 14. und hatte in den Jahren zuvor bereits wichtige tarifpolitische Erfolge erzielt, wie die Einigung zur Einführung der 40-Stunden-WocheFührer: Gewerkschaftsmacht, 2017, S. 336. und des 13. Monatsgehalts im öffentlichen Dienst.Führer: Gewerkschaftsmacht, 2017, S. 242.

Ökonomisches Umfeld Die wirtschaftliche Lage in Westdeutschland war 1974 von der ersten Ölkrise geprägt, die im Herbst/Winter 1973 zu einer Vervierfachung des Rohölpreises geführt hatte. Die Kosten für Kraftstoffe stiegen deshalb um mehr als 30, für Heizöl um mehr als 180 Prozent. Eine Reaktion der Bundesregierung bestand in der Verhängung eines Sonntagsfahrverbots für Pkw. Die allgemeine Teuerungsrate lag 1973 bei 7,1 Prozent.Inflationsrate in Deutschland von 1950 bis 2024. In: Statista, März 2025, abgerufen am 23. November 2025.

Forderungen 1969 und 1973 hatte es in mehreren Branchen zwei Wellen wilder Streiks gegeben, mit denen der Ausgleich für Teuerungen gefordert worden war. Die Gewerkschaften traten als Reaktion auf diese Kampfbereitschaft der Arbeitnehmer im Anschluss offensiver auf und verlangten zweistellige Lohn- und Gehaltserhöhungen.Klaus Schönhoven: Die deutschen Gewerkschaften. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1987, S. 237 f, ISBN 3-518-11287-2. Zu den wilden Streiks von 1969 und ihrer Bedeutung für die ÖTV siehe Weiß: Die ÖTV, S. 107–112. Für die Streiks von 1969 in Nürnberg beispielhaft Retrospektive Perspektive. 50 Jahre ÖTV Nürnberg, 1946–1996. Sandberg-Verlag, Nürnberg 1996, S. 18, ISBN 978-3-930699-09-4. Zu den Streiks von 1973 kurz Karl Lauschke: „Wir fordern Euch auf, die Verhandlungen mit aller Härte zu führen.“, S. 53. Die ÖTV sowie die Deutsche Postgewerkschaft (DPG) unter der Leitung von Ernst Breit forderten im November 1973 im Kern eine Anhebung der Lohn- und Gehaltszahlungen um 15 Prozent, mindestens jedoch 185 DM, sowie ein Urlaubsgeld von 300 DM. Die ÖTV ging überdies mit Nebenforderungen in die Verhandlungen. Sie betrafen vor allem die Krankenpflege und die Ausbildung. Ferner wollte sie 50 DM für jedes Kind.Siehe ötv nachrichten für Arbeiter und Angestellte im öffentlichen Dienst vom 30. November 1973. Die von Heinz Groteguth geführte Deutsche Angestelltengewerkschaft (DAG) verlangte 14 Prozent und ein Urlaubsgeld von 400 DM. Die Gewerkschaften hielten dies aufgrund der Teuerung für berechtigt.Führer: Gewerkschaftsmacht, 2017, S. 339.Zur ökonomischen und moralischen Funktion der Forderungen Führer: Gewerkschaftsmacht, 2017, S. 365. In der ÖTV war dieser Forderungskatalog durch deren Große Tarifkommission am 28. November 1973 festgelegt worden. Er harmonisierte die Forderungsvorschläge der ÖTV-Bezirke, die zuvor von ÖTV-Mitgliedern auf Kreisebene entwickelt und diskutiert worden waren.Weiß: Die ÖTV, S. 169. Zu diesem Meinungsbildungsprozess am Beispiel Dortmund siehe kurz Karl Lauschke: „Wir fordern Euch auf, die Verhandlungen mit aller Härte zu führen.“, S. 53.

Erste Verhandlungen und Warnstreiks miniatur|Kölner Müllwerker diskutieren wäh­rend eines Warnstreiks am 5. Februar 1974 vor dem Kölner Rathaus mit An­gehörigen der Stadtverwaltung. Auf der Treppe mit dem Megafon: Hinrich Lehmann-Grube, damals Personal­dezernent. (Foto: Gernot Huber)Stichworte zu Hubers Vita auf der Website des Sanat Ensembles, abgerufen am 13. Dezember 2025. Die gewerkschaftlichen Vorstellungen riefen in der Bundesregierung „blankes Entsetzen“ hervor.Edgar Wolfrum: Die geglückte Demokratie. Geschichte der Bundesrepublik Deutschland von ihren Anfängen bis zur Gegenwart. Pantheon-Verlag. München 2007, S. 334. Bundeskanzler Willy Brandt sprach sich am 30. November 1973Rede vor dem Deutschen Bundestag am 29. November 1973. In: Deutscher Bundestag, 7. Wahlperiode, Stenographischer Bericht, 67. Sitzung am 29. November 1973, Bonn. Bundestags-Drucksache 07/067, S. 3912 (online), abgerufen am 17. November 2025. und erneut am 24. Januar 1974Rede vor dem Deutschen Bundestag am 24. Januar 1974. In: Deutscher Bundestag, 7. Wahlperiode, Stenographischer Bericht, 76. Sitzung am 24. Januar 1974, Bonn. Bundestags-Drucksache 07/076, S. 4777 (online), abgerufen am 17. November 2025. öffentlich gegen eine zweistellige Einkommenserhöhung aus.Führer: Gewerkschaftsmacht, 2017, S. 342–347. In seinen Memoiren schreibt er, er sei entschlossen gewesen, festzubleiben: Sozialdemokraten hätten „noch mehr als andere zu zeigen, daß sie mit dem Geld der Steuerzahler umzugehen wissen“. In dieser Haltung sei er sowohl von Finanzminister Helmut Schmidt unterstützt worden, der aber zu Verhandlungen in die USA reisen musste, als auch von Bundespräsident Gustav Heinemann, der ihm geraten habe, notfalls mit Rücktritt zu drohen.Willy Brandt: Erinnerungen. Propyläen, Frankfurt am Main 1989, S. 312.

Am 13. Dezember 1973 kam es zum ersten Gespräch über einen neuen Tarifvertrag.Noch kein Angebot. Gespräche für öffentlichen Dienst vertagt. In: Nordwest-Zeitung, 14. Dezember 1974. Die Arbeitgeber – die Tarifgemeinschaft von Bund, Ländern und Kommunen – unter Leitung von Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher legten dabei kein Angebot vor und verwiesen auf das Stabilitätsprogramm der Regierung Brandt, das maßvolle Lohnabschlüsse vorsah.Siehe hierzu beispielsweise den konjunkturpolitischen Beschluss des Kabinetts: 44. Kabinettssitzung am 19. Dezember 1973. In Bundesarchiv (Hrsg.): Die Kabinettsprotokolle der Bundesregierung, Band 26/1973, bearb. von Christine Fabian und Christoph Seemann unter Mitwirkung von Veronika Heyde und Uta Rössel (online, abgerufen am 19. November 2025). In der nächsten offiziellen Verhandlungsrunde am 8. Januar 1974 boten sie eine Lohnerhöhung von 7,5 Prozent an, darüber gingen sie in der Gesprächsrunde vom 21. Januar 1974 nicht hinaus.Hitzige Tarif-Runde. Gespräche in Stuttgart von Protest-Demonstrationen begleitet. In: Nordwest-Zeitung, 22. Januar 1974. Beim vierten TreffenNeues Angebot im Tarifstreit. Öffentlicher Dienst geht am Montag in die vierte Runde. In: Nordwest-Zeitung, 26. Januar 1974. am 28. Januar 1974 erhöhten sie ihren Vorschlag schließlich auf 9,5 Prozent. Diese Offerten wurden von den Gewerkschaften als unzureichend abgelehnt, am AbendVor Streik im öffentlichen Dienst. Tarifverhandlungen sind gescheitert. In: Nordwest-Zeitung, 29. Januar 1974. des 28. Januar 1974 waren die Gespräche gescheitert.Arnulf Baring: Machtwechsel. Die Ära Brandt-Scheel. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1982, S. 694–696, ISBN 3-421-06095-9.Fritz Bilz, Beatrix Klein, Klaus Ehlert; herausgegeben von der ÖTV-Kreisverwaltung Köln: „Im Prinzip sind wir uns doch einig“. 50 Jahre ÖTV Köln, Köln 1996. S. 117–122. Kabinettsintern sprach Brandt zwei Tage später von Kräften, die beabsichtigten, die Regierung „wegzuputschen“.Zitiert nach Arnulf Baring: Machtwechsel. Die Ära Brandt-Scheel. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1982, S. 697, ISBN 3-421-06095-9.

Viele Warnstreiks begleiteten die Verhandlungsphase, beispielsweise in Köln, Hamburg, Hannover, Flensburg, Braunschweig,Abstimmung über Streik. In: Nordwest-Zeitung, 30. Januar 1974, S. 2. Karlsruhe, Heidelberg, Dortmund,Zu Dortmund siehe Karl Lauschke: „Wir fordern Euch auf, die Verhandlungen mit aller Härte zu führen.“, S. 54. Ludwigshafen,Klaus J. Becker: „Es ist gut, daß es in Deutschland Gewerkschaften gibt“. Geschichte der ÖTV-Kreisverwaltung Ludwigshafen–Speyer–Frankenthal. Herausgegeben von Lothar Plogsties. Pro Message, Ludwigshafen 2001, S. 58 f., ISBN 978-3-934845-09-1. oder Frankfurt am Main und Darmstadt.Heinrich Droege: Erster Streik bei der Bundespost: zum Beispiel Frankfurt (1974). In: Dieser Betrieb wird bestreikt. Berichte über die Arbeitskämpfe in der BRD (=Fischer-Taschenbücher, Band 1561). Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 1974, S. 58–76, hier S. 60–68, ISBN 3-436-02034-6.

Streikverlauf und Ergebnis Vorbereitung Die ÖTV sah in den Orientierungsdaten zur Lohnentwicklung, die die Bundesregierung im Zuge der Globalsteuerung wiederholt veröffentlicht hatte, eine Gefährdung der Tarifautonomie.Hierzu Führer: Gewerkschaftsmacht, 2017, S. 321–334.Rückblickend auch Jacques Schwarz: 50 Jahre ÖTV Berlin – eine halbwegs runde Geschichte. Herausgegeben von der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr, Bezirksverwaltung Berlin. ÖTV Bezirk Berlin, Berlin 2001, S. 107. Die Festlegungen Brandts interpretierte sie ebenso;Siehe die Äußerungen von Kluncker in Hans-Otto Hemmer, Hartmut Simon (Hrsg.): Auf die Wirkung kommt es an: Gespräche mit Heinz Kluncker. Bund-Verlag, Frankfurt am Main 2000, S. 172, ISBN 978-3-7663-3203-5. Kluncker bewertete sie als „Provokation“ und gab sich umso kämpferischer.Hans Günter Hockerts: Rahmenbedingungen: Das Profil der Reformära. In: Geschichte der Sozialpolitik in Deutschland seit 1945, hrsg. vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales und Bundesarchiv, Bd. 5: Bundesrepublik Deutschland 1966–1974. Eine Zeit vielfältigen Aufbruchs, Baden-Baden: Nomos 2006, S. 1–156, hier S. 119, ISBN 978-3-7890-7321-2. Bereits im Vorfeld der Tarifgespräche wurde ein Verbot von Streiks im öffentlichen Dienst gefordert, unter anderem vom niedersächsischen CDU-Vorsitzenden Wilfried Hasselmann.Hasselmann verteidigt das Berufsbeamtentum. Gegen Streikrecht im öffentlichen Dienst. In: Nordwest-Zeitung, 13. Dezember 1973. Die Gewerkschaften bereiteten unterdessen einen Streik vor, um ihre Forderungen durchzusetzen.Führer: Gewerkschaftsmacht, 2017, S. 360–371. Per Urabstimmung votierte die nötige MehrheitGefordert waren mindestens 75 Prozent. Siehe Bodo Schulte: Woche der Entscheidung. In: Nordwest-Zeitung, 4. Februar 1974. der teilnehmenden Gewerkschaftsmitglieder am 7. und 8. Februar 1974 für den Streik; in der ÖTV lag die Zustimmung bei 91,16 Prozent,Ausstand in drei Phasen geplant. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11. Februar 1974, S. 1. knapp 80 Prozent ihrer wahlberechtigten Mitglieder hatten an der Urabstimmung teilgenommen.Weiß: Die ÖTV, S. 176.

Verlauf miniatur|13. Februar 1974: Pro­test­marsch streikender Arbeiter und Angestellter aus allen Kieler Dienststellen des Post- und Fern­mel­de­we­sens auf der Hol­sten­stra­ße in Kiel (Foto: Friedrich Magnussen)