Bei dem Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt steuerte Taleb al-Abdulmohsen am Abend des 20. Dezember 2024 einen Pkw durch einen Rettungsweg auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt am Alten Markt und fuhr mit hoher Geschwindigkeit durch die Menschenmenge. Dadurch wurden sechs Personen getötet und mindestens 323 weitere verletzt. Er wurde von der Polizei unmittelbar nach der Tat festgenommen. Der Generalbundesanwalt stufte den Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt nicht als Terror ein, sondern als Amokfahrt.https://www.spiegel.de/panorama/justiz/magdeburg-generalbundesanwalt-will-verfahren-zum-anschlag-auf-weihnachtsmarkt-nicht-an-sich-ziehen-a-a501b625-1a73-43eb-97f9-727bcd2535c3

Tathergang und Opfer mini|Gedenken an der Johanniskirche|links mini|hochkant|Route der Amokfahrt, an der Kreuzung Ernst-Reuter-Allee/Breiter Weg umfährt der Attentäter bereits eine Betonblockade und nähert sich dem Alten Markt fortan auf dem Gehweg der Straße Breiter Weg. mini|Der Tatort wenige Stunden danach mini|hochkant|Alter Markt am Tag nach der Tat mini|Polizeifahrzeuge am Tag nach dem Anschlag vor dem Weihnachtsmarkt-Zugang

Am 20. Dezember 2024 um 19:02 Uhr wurde ein schwarzer BMW X3, der kurz vor dem Angriff gemietet worden war, mit hoher Geschwindigkeit durch eine Menschenmenge auf dem Weihnachtsmarkt gefahren. Laut Polizei war der Fahrer über einen nicht durch Sperren oder Poller geschützten Rettungsweg auf den Markt gelangt, auf dem er bereits das Tempo erhöht und erste Menschen verletzt habe. Der erste Notruf ging in derselben Minute im Lage- und Führungszentrum der Polizeiinspektion Magdeburg ein. Das Fahrzeug fuhr etwa 300 Meter weit durch die Menschenmenge. Ein in den sozialen Medien verbreitetes Überwachungsvideo zeigt einen Teil der Amokfahrt. Unmittelbar danach kehrte der Fahrer auf die Ernst-Reuter-Allee zurück und wurde dort nach einigen Minuten an der Ecke Breiter Weg neben der Straßenbahnhaltestelle Allee-Center von Polizisten festgenommen.

Durch den Anschlag starben sechs Menschen: ein neunjähriges Kind aus Niedersachsen und fünf Frauen im Alter von 45, zwei von 52, 67 und 75 Jahren. 41 Menschen wurden lebensgefährlich verletzt, 90 schwer und mehr als 80 leicht. Am 3. Januar 2025 aktualisierte das Innenministerium die Zahl der Verletzten auf 299. Weitere 232 Menschen wurden zwar nicht körperlich verletzt, mussten aber psychologisch betreut werden. Am 2. Mai wurde bekanntgegeben, dass die Zahl der Verletzten auf 323 gestiegen sei. Unter den Verletzten befanden sich 52 Kinder.

Täter

Der Fahrer des Pkw, Taleb al-Abdulmohsen, wurde 1974 in Saudi-Arabien geboren. Er ist Saudi schiitischer Herkunft, in Bernburg ansässig und hat seit März 2020 als Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie für das Gesundheitsunternehmen Salus im Maßregelvollzug Bernburg suchtkranke Straftäter betreut. In der Belegschaft gab es nach Informationen der Mitteldeutschen Zeitung und anderen Zweifel an der fachlichen Kompetenz. Zeitweise habe er auch im Salus-Fachklinikum gearbeitet, soll dort aber nicht mehr eingesetzt worden sein, nachdem er Patienten mehrfach Medikamente verschrieben habe, die potentiell lebensgefährlich gewesen seien. Seit Oktober 2024 war er im Urlaub bzw. krankgeschrieben. Die Personalakten wurden noch in der Tatnacht den Ermittlungsbehörden übergeben.

Über sein Webforum wearesaudis.net und soziale Medien verhalf er nach Presseberichten anderen zur Flucht aus Saudi-Arabien nach Deutschland. Im Jahr 2019 gab er der Frankfurter Rundschau und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Interviews, in denen er als Fluchthelfer vorgestellt wurde. In diesen sagt er über sich: „Ich bin der aggressivste Kritiker des Islams in der Geschichte. […] Es gibt keinen guten Islam.“ Auch die BBC stellte ihn und seine Website vor, die vom islamischen Glauben abgefallenen Asylbewerbern helfen soll, „insbesondere aus Saudi-Arabien und der Golfregion“.

Der Verdächtige wurde am Abend des 21. Dezember 2024 einem Ermittlungsrichter des Amtsgerichts Magdeburg vorgeführt, der wegen des Vorwurfs des (zu der Zeit) fünffachen Mordes, mehrfachen versuchten Mordes und mehrfacher gefährlicher Körperverletzung einen Haftbefehl erließ und Untersuchungshaft anordnete. Am 23. Dezember 2024 übernahm die Generalstaatsanwaltschaft Naumburg die Ermittlungen zur Tat (zu dem Zeitpunkt: „Verdacht des Mordes in 5 Fällen und des versuchten Mordes in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung in 200 Fällen“) unter dem Aktenzeichen 111 Js 9/24 GenStA Naumburg.

Am 20. Januar teilte sein Arbeitgeber Salus mit, dass der Ärztliche Direktor des Maßregelvollzugs Bernburg freigestellt wurde. Es soll eine umfassende Aufarbeitung geben, wie mit Hinweisen auf die problematische gesundheitliche Verfassung von al-Abdulmohsen umgegangen wurde. Er war als Stationsarzt für die psychiatrische Betreuung von Straftätern auf drei Stationen zuständig. Kollegen hatten einige Monate vor dem Anschlag Hinweise auf dessen Verfassung auch an Vorgesetzte gemeldet. Er hatte in einem Gespräch gesagt, er befände sich in einem Krieg, „aber nicht im metaphorischen Sinn, sondern in einem wirklichen Krieg, dessen Ausgang entweder sterben oder umbringen sein wird“. Ein Kollege regte per Mail an, ihm Hilfe anzubieten. Der Ärztliche Direktor führte danach ein Gespräch mit ihm. „Seine Äußerung wurde als überspitzter Ausdruck einer persönlichen Konfliktbelastung interpretiert.“ Bereits am 23. Dezember 2024 war eine fristlose Kündigung al-Abdulmohsens erfolgt. Das Justiziariat von Salus lässt Reaktionen auf Hinweise auf al-Abdulmohsens problematische gesundheitliche Verfassung intern überprüfen. Es soll „ein Hinweisgeberportal eingerichtet werden, in dem Mitteilungen auch anonym platziert werden können“.

Gefährdungseinschätzung der Behörden im Vorfeld Saudi-Arabien soll deutsche Sicherheitsbehörden in jüngerer Vergangenheit dreimal vor Taleb Jawad al-Abdulmohsen gewarnt haben. Nach Informationen von WDR, NDR und SZ haben sich mehrfach Menschen wegen Gewaltdrohungen von al-Abdulmohsen bei der Polizei gemeldet. Der Bundesnachrichtendienst (BND) erhielt eine Meldung aus Saudi-Arabien, dass al-Abdulmohsen bereits 2023 etwas „Großes“ in Deutschland angekündigt haben soll. Die zuständigen Landesbehörden sollen diesem Hinweis nachgegangen sein.

Eine Aktivistin der Säkularen Flüchtlingshilfe stellte im Jahr 2023 Strafanzeige gegen al-Abdulmohsen und warnte die Polizei vor einem Anschlag, den dieser vorbereiten würde. Die Staatsanwaltschaft Magdeburg bestätigte laut ZDF die Strafanzeige. Eine Gefährderansprache sei geplant gewesen, aber nicht durchgeführt worden. Im Spätsommer 2023 erhielt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge eigenen Angaben zufolge einen Hinweis zu al-Abdulmohsen. Weil das Bundesamt keine Ermittlungsbehörde ist, wurde die hinweisgebende Person direkt an die verantwortlichen Strafverfolgungsbehörden verwiesen. In einen Tweet aus Dezember 2023 schrieb al-Abdulmohsen: „Deutschland ist neben Saudi-Arabien das einzige Land, das saudische Asylbewerberinnen in der ganzen Welt jagt, um ihr Leben zu zerstören. Ich versichere Ihnen zu 100 %, dass die Rache bald kommen wird. Auch wenn es mich mein Leben kostet. Ich werde die deutsche Nation den Preis für die Verbrechen zahlen lassen, die ihre Regierung an saudischen Flüchtlingen begangen hat.“ Im Mai 2024 postete er auf X auf Englisch: „Ich gehe ernsthaft davon aus, dieses Jahr zu sterben. Begründung: Ich werde um jeden Preis für Gerechtigkeit sorgen. Und die deutschen Behörden versperren alle friedlichen Wege zur Gerechtigkeit.“ Im August 2024 postete er auf Arabisch: „Ich versichere Ihnen: Wenn Deutschland Krieg will, werden wir ihn haben. Wenn Deutschland uns töten will, werden wir sie abschlachten, sterben oder voller Stolz ins Gefängnis gehen. Weil wir alle friedlichen Mittel ausgeschöpft haben, sind uns nur noch mehr Verbrechen seitens der Polizei, des Staatsschutzes, der Staatsanwaltschaft, der Justiz und des Innenministeriums begegnet. Frieden nützt ihnen nichts.“ Im Herbst 2023 wollte eine Frau, die mit al-Abdulmohsen über das Internet in Kontakt stand, die Polizei Berlin warnen, dass al-Abdulmohsen 20 Deutsche töten wolle. Ihre Mail schickte sie aber an die Polizei in Berlin in New Jersey. Das Bundeskriminalamt hatte im November 2023 eigenen Angaben zufolge ebenfalls einen Hinweis zu dem Mann bekommen. Es sei ein Verfahren eingeleitet worden und die Polizei Sachsen-Anhalt habe dann entsprechende Ermittlungsmaßnahmen vorgenommen. Die Sache sei aber unspezifisch gewesen.

Das Landeskriminalamt Sachsen-Anhalt sowie das Bundeskriminalamt kamen 2023 zu dem Ergebnis, dass von al-Abdulmohsen „keine konkrete Gefahr“ ausgehe. Der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP) Jochen Kopelke erklärte, dass Hinweise aus dem Ausland oder Postings in sozialen Netzwerken nicht alle sofort verarbeitet werden könnten und dürften; der polizeiliche Alltag sei von Datenschutz, Quellen aus dem Ausland und rechtlichen Hürden geprägt. Der Bundesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft Rainer Wendt verwies ebenfalls auf fehlende personelle Kapazitäten und fehlende Befugnisse der Polizei und wies darauf hin, dass die Polizei noch nicht einmal alle islamistischen Gefährder bewachen könne, von denen sie weiß, dass sie zu einem Anschlag bereit wären.

Mutmaßliche Motivation und Rezeption Laut Polizei gab al-Abdulmohsen als Motiv für seine Tat „Unzufriedenheit mit dem Umgang mit saudi-arabischen Flüchtlingen in Deutschland“ an. Am Tag nach dem Anschlag teilte die Staatsanwaltschaft mit, dass die Äußerungen von al-Abdulmohsen zu seiner Motivlage „eher wirr“ geklungen hätten. Aufgrund von dessen Nationalität verortete der Terrorismusexperte Rolf Tophoven den Attentäter zunächst im militant islamistischen bzw. dschihadistischen Umfeld des Islamischen Staats. Allerdings ist der festgenommene Verdächtige den deutschen Behörden nach Informationen aus Sicherheitskreisen nicht als Islamist bekannt gewesen. Am Tag nach dem Anschlag teilte Bundesinnenministerin Nancy Faeser mit, dass die Einstellung des mutmaßlichen Täters „gesichert“ islamfeindlich sei. Der Terrorismusexperte Peter Neumann vom King’s College London betont, dass es schwierig sei, den Attentäter ideologisch einzuordnen, weil er nicht in ein bestimmtes Raster passe. Er sei „eben kein typischer Islamist“ gewesen, sondern „ein Saudi, der sich gegen den Islam gewendet“ habe, ein „militanter Islamkritiker“, dessen Ideologie eher in eine extrem rechte Richtung gehe. Das Tatziel Weihnachtsmarkt und das Auto als Tatwaffe seien IS-Methoden. Parallelen sah Neumann zum Attentat am Olympia-Einkaufszentrum in München 2016. Auch die Süddeutsche Zeitung schrieb, beide Täter hätten „Hass auf […] die Gesellschaft aufgrund ihres Umgangs mit Islamismus“ entwickelt und „das Heil in der AfD – und in den eigenen Mordplänen“ – gesehen.

Laut der Deutschen Presseagentur verdichten sich die Hinweise auf eine gravierende psychische Erkrankung des Attentäters. Der Generalbundesanwalt beim Bundesgerichtshof in Karlsruhe lehnte die Übernahme des Ermittlungsverfahrens ab. Zuständig ist die Generalstaatsanwaltschaft Naumburg wegen des hohen Ausmaßes der Rechtsgüterverletzung und der Bedeutung des Falls über die Landesgrenzen von Sachsen-Anhalt hinaus.

Mehrere Experten, darunter der Präsident des Thüringer Verfassungsschutzes, Stephan Kramer, und der Leiter der Fachberatungsstelle Gewalt- und Radikalisierungsprävention in Sachsen-Anhalt, Hans Goldenbaum, ordnen den Täter und seine Motivation – unabhängig von einer möglichen psychischen Erkrankung – dem rechtsextremen Spektrum zu.

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