Das Stift St. Pölten ist ein ehemaliges Kloster in St. Pölten in Niederösterreich. Es wurde um das Jahr 800 gegründet und war das älteste Kloster im Bereich des heutigen Niederösterreichs. Kaiser Joseph II. löste das Stift 1784 auf. Das Gebäude ist seit 1785 Sitz der in diesem Jahr gegründeten römisch-katholischen Diözese St. Pölten.
Geschichte Gründung Das exakte Gründungsjahr des Hippolytklosters liegt bis heute im Dunkeln. Erstmals urkundlich erwähnt wird das Stift an der Traisen im Jahr 976. Das Kloster hat aber mit großer Wahrscheinlichkeit bereits einige Zeit davor bestanden. Obwohl schriftliche Quellen dazu fehlen, wird eine Gründung um das Jahr 800 (jedenfalls nach 791) aufgrund folgender Ereignisse allgemein angenommen.
Das Gebiet des heutigen Niederösterreichs befand sich im 8. Jahrhundert zwischen dem Karolingerreich im Westen und dem byzantinischen Reich im Osten Europas. Herrscher über dieses Gebiet waren im 8. Jahrhundert die Awaren. Der Karolinger Karl der Große drängte die Awaren von Westen kommend ab 791 im sog. „Awarenfeldzug“ weiter nach Osten zurück. Damit wurde der heutige niederösterreichische Zentralraum Teil des Frankenreiches Karls, das christlich geprägt war. Die dazugewonnenen Gebiete wurden an Mitstreiter der Franken verteilt – zu ihnen zählten Adelige und auch Klöster. So gelangte das Benediktinerstift Tegernsee im fränkischen Bayern, das zu Geldabgaben und Kriegsdienst verpflichtet war, zu Besitzungen in der Region des heutigen St. Pöltens.Weissensteiner 2009, 40, in: Diözesanmuseum St. Pölten (Hrsg.): Sant Ypoelten. Stift und Stadt im Mittelalter. Ausst. Kat. 2009, St. Pölten 2009.
Tegernsee war der Überlieferung nach in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts vom adeligen Brüderpaar Adalbert und Ottokar gegründet worden. Nach dem Awarenfeldzug errichteten die beiden in dem dazugewonnenen Gebiet ein Kloster – das spätere Stift St. Pölten –, um ihre Besitzansprüche zu festigen. In dieses Kloster brachten sie Reliquien des hl. Hippolyt, die sie zuvor von Abt Fulrad aus St. Denis erhalten hatten (der die Reliquien direkt in Rom bekommen hatte). Diese Reliquien wurden namensgebend für das Kloster – und auch für die Siedlung und spätere Stadt, die rundherum entstand: „Pölten“ leitet sich von „Hippolyt“ ab. Zum Zeitpunkt der Klostergründung hatte keine Besiedelung dieses Ortes mehr bestanden, der in der Römerzeit als Aelium Cetium eine durchaus bedeutende Stadt gewesen war, die schließlich in der Zeit der Völkerwanderung in der Mitte des 5. Jahrhunderts erloschen war.
Gehörte das Hippolytkloster in der ersten Zeit seines Bestehens zum Stift Tegernsee, ging dieses Besitzverhältnis später auf das Bistum Passau über. Entweder zu der Zeit, als der Passauer Bischof Hartwig (reg. 840–866) Kommendarabt von Tegernsee war oder aber mit dem Ende des Klosters Tegernsee in der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts; das Bistum Passau hatte bereits seit dem ersten Drittel des 9. Jahrhunderts Besitzungen in der Region um St. Pölten gehabt.Weissensteiner 2009, 41-42, in: Diözesanmuseum St. Pölten (Hrsg.): Sant Ypoelten. Stift und Stadt im Mittelalter. Ausst. Kat. 2009, St. Pölten 2009. Die erste urkundliche Erwähnung des Klosters im Jahr 976 nennt es als zu Passau gehörig. Nach der Neugründung des Stifts Tegernsee forderte dieses die „abbatia ad sanctum Yppolitum“ im 11. Jahrhundert wieder zurück – allerdings vergeblich.
Vom Benediktinerkloster zum Augustiner-Chorherrenstift Als Tochtergründung von Tegernsee war das Hippolytkloster wie dieses zunächst ein Benediktinerkloster. In der ersten Hälfte des 11. Jahrhunderts wurde das Stift St. Pölten allerdings ein Kollegiatstift für Kanoniker. Die Passauer Bischöfe Berengar (1013–1045) und Engilbert (1045–1065) werden im Nekrologium des Stiftes St. Pölten als Gründer bezeichnet, was sich auf die Reorganisation des Klosters in jenen Jahren bezieht.Bachhofer 2024, 7-9, in: Museum am Dom St. Pölten (Hrsg.): Schädelkult & Stiftstumult. 1.000 Jahre Hippolytkloster. Ausst. Kat. 2024, St. Pölten 2024. Diese Umwandlung ist im größeren Kontext der Klosterreformierungen jener Zeit zu sehen, die stark mit dem hl. Altmann (ab 1065 Bischof von Passau) sowie dem Ausbau der Seelsorge im Passauer Diözesangebiet in Verbindung stehen. Altmann war ein Anhänger der Gregorianischen Reform, die eine Erneuerung des Kanonikerwesens brachte: Mönchsgelübde sollten mit Kanonikerregeln verbunden werden, was letztlich zu den regulierten Chorherren führte.Bachhofer 2024, 7-9, in: Museum am Dom St. Pölten (Hrsg.): Schädelkult & Stiftstumult. 1.000 Jahre Hippolytkloster. Ausst. Kat. 2024, St. Pölten 2024. Altmann gründete in der Diözese Passau die Chorherrenstifte St. Nikola im Strudengau (1070) und Göttweig (1083). Die bereits bestehenden Klöster St. Florian (1071) und St. Pölten (zwischen 1071 und 1081) wurden von ihm reformiert.Bachhofer 2024, 7-9, in: Museum am Dom St. Pölten (Hrsg.): Schädelkult & Stiftstumult. 1.000 Jahre Hippolytkloster. Ausst. Kat. 2024, St. Pölten 2024.
Ende des 11. bzw. Anfang des 12. Jahrhunderts übernahmen die Regularkanoniker die Regel des hl. Augustinus für ihr Zusammenleben. So wurde das Hippolytkloster ein Augustiner-Chorherrenstift.
Im 12. Jahrhundert ist eine Stiftsschule in St. Pölten belegt, der wahrscheinlich auch ein Skriptorium angeschlossen war. Ein bedeutender Schüler dieser Zeit war Reginbert von Hagenau, der im Jahr 1130 Propst des Stiftes St. Pölten wurde und 1138 bis 1148 schließlich Bischof von Passau war.
Frühe Neuzeit Nach dem Mittelalter geriet das Stift St. Pölten in eine krisenreiche Zeit, die auf mehrere Umstände zurückzuführen ist: Hohe Abgaben an den Landesfürsten sowie viele Zerstörungen durch die Osmaneneinfälle 1529 und 1532, aber auch bei der Bauernbelagerung 1597 setzten dem Kloster wirtschaftlich zu; die Misswirtschaft einzelner Pröpste tat ihr Übriges. Auch große Stadtbrände fielen in diese Zeit: 1512 wurde die mittelalterliche Doppelturmfassade der Stiftskirche mit dem mittelalterlichen Trichterportal Opfer eines Brandes, wonach nur mehr ein Turm wiederhergestellt wurde, und 1621 die Klosteranlage selbst, wobei die Kirche diesmal unbeschädigt blieb. Das Leben im Stift war im 16. Jh. auch von Seuchen geprägt, an denen viele Chorherren starben; die Anzahl der Konventualen erreichte schließlich in den 1560er Jahren ihren Tiefpunkt.
Zudem stellte der sich stark verbreitende Protestantismus ein Problem für das Kloster dar: Es bekam immer weniger finanzielle Zuwendung durch bürgerliche Stiftungen und büßte Einfluss in der Stadt ein, die zum Großteil zum evangelischen Glauben übergetreten war. Dabei war ein großer Streitpunkt die Besetzung der Prediger der Liebfrauenkirche – der Pfarrkirche St. Pöltens – am heutigen Domplatz: Die Stadtvertretung forderte eine protestantische Prädikatur.Heidemarie Specht, Das Kloster der Augustiner-Chorherren im Hoch- und Spätmittelalter, in Diözesanmuseum St. Pölten (Hrsg.): Sant Ypoelten. Stift und Stadt im Mittelalter. Ausst. Kat. 2009, St. Pölten 2009, S. 62f. Erst mit der von den Habsburgern durchgesetzten Gegenreformation wendete sich das Blatt für das Chorherrenstift. 1625 wurden dem damaligen Propst Matthias Jammerer bei Hausdurchsuchungen in St. Pölten konfiszierte protestantische Bücher übergeben.Museum am Dom St. Pölten (Hrsg.): Schädelkult & Stiftstumult. 1.000 Jahre Hippolytkloster. Ausst. Kat. 2024, St. Pölten 2024, S. 54.
Die folgenden Jahrzehnte entwickelten sich zu einer Blütezeit des Klosters, wofür besonders der 1636 bis 1661 regierende Propst Johannes Fünfleutner verantwortlich war. Er förderte das klösterliche und geistige Leben in der Stadt und baute das seit 1621 großteils zerstörte Stift neu auf. Nach Propst Fünfleutner blieb das Kloster zunächst weitestgehend unverändert, bis unter Propst Christoph Müller von Prankenheim (reg. 1688–1715) und seinem Nachfolger Johann Michael Führer (reg. 1715–1739) das Kloster im Sinne des barocken Zeitgeschmacks neu ausgestaltet wurde.Museum am Dom St. Pölten (Hrsg.): Schädelkult & Stiftstumult. 1.000 Jahre Hippolytkloster. Ausst. Kat. 2024, St. Pölten 2024, S. 56.
Letzte Jahrzehnte und Auflösung Absetzung Propst Führers und Administration Im Herbst 1739 wurde Johann Michael Führer aufgrund von Misswirtschaft als Propst abgesetzt. Damit findet die letzte kulturelle Hochzeit des Stiftes ein Ende. Das mit rund 400.000 Gulden schwer verschuldete Stift, dessen Konvent zu diesem Zeitpunkt aus 30 Chorherren bestand, wurde daraufhin von Administratoren geleitet, die teilweise aus den eigenen Reihen und teilweise aus dem Stift Klosterneuburg kamen:Heinrich Fasching: Propst Johann Michael Führer von St. Pölten. Absetzung und letzte Lebensjahre (1739–1745). In: 4. Beiheft zu Hippolytus. Neue Folge, St. Pölten 1991.
1739–1741 der ehemalige Stiftsdechant Hippolyt Wolff 1741–1747 der Klosterneuburger Chorherr Paul Bernhard 1747–1748 Hippolyt Wolff 1748–1755 Mathias Alteneder
1755 wurde mit Mathias Alteneder (reg. 1755–1779) nach 16 Jahren Administration wieder ein Propst gewählt; ihm gelang die finanzielle Stabilisierung des Stiftes. Sein Nachfolger Ildephons Schmidbauer (reg. 1779-1784) war der letzte Propst des Stiftes St. Pölten.
Auflösung des Stiftes Zu den zahlreichen Reformen von Kaiser Joseph II. gehörte auch eine Neuordnung der Diözesanstrukturen im Habsburgerreich. 1785 gründete er die Diözesen St. Pölten und Linz, deren Gebiete zuvor jahrhundertelang zur Diözese Passau gehört hatten. Diese josephinische Diözesanregulierung fand ihre Anfänge bereits im Jahr 1783 mit dem Tod des Passauer Bischofs Firmian. Auf der Suche nach einem Bischofssitz für das Gebiet des westlichen Niederösterreichs waren mehrere Klöster (Göttweig, Melk, St. Pölten) im Gespräch, die Wahl fiel schließlich auf das Augustiner-Chorherrenstift St. Pölten.Josef Wodka: Kirche in Österreich. Wegweiser durch ihre Geschichte. Wien 1959, S. 310. Am 21. November 1783 entschied Joseph II., das Bistum Wiener Neustadt samt Domkapitel nach St. Pölten zu übertragen – das Ende des Stiftes St. Pölten war damit besiegelt.Friedrich Schragl: Geschichte der Diözese St. Pölten. St. Pölten 1985, S. 112. Nach fast 1000-jährigem Bestehen wurde das Stift St. Pölten am 16. Juli 1784 aufgelöst.Friedrich Schragl: Geschichte der Diözese St. Pölten. St. Pölten 1985, S. 103. Zu diesem Zeitpunkt bestand der Konvent aus 32 Mitgliedern, von denen 15 auf den Stiftspfarren tätig waren.Heinrich Fasching: Propst Johann Michael Führer von St. Pölten. Absetzung und letzte Lebensjahre (1739–1745). In: 4. Beiheft zu Hippolytus. Neue Folge, St. Pölten 1991, S. 184. Diese ehemaligen Chorherren wurden damit zu Weltpriestern; die meisten von ihnen wirkten zunächst weiterhin in den Pfarren bzw. Bereichen, in denen sie auch vor der Klosteraufhebung tätig waren wie etwa Albin Apfelthaler in Retz, der bisherige Stiftsdechant Eusebius Uhlich als nunmehrigen St. Pöltner Dompfarrer oder Joseph Hippolyt Meyer, der Sakristeidirektor der Domkirche wurde und auch davor bereits Sakristan gewesen war.Josef Wodka: Kirche in Österreich. Wegweiser durch ihre Geschichte. Wien 1959, S. 198–199. Der letzte Propst des Stiftes St. Pölten, Ildefons Schmidbauer, übersiedelte gemeinsam mit vier weiteren Chorherren nach Wiener Neustadt und wurde dort Propsteipfarrer.Josef Wodka: Kirche in Österreich. Wegweiser durch ihre Geschichte. Wien 1959, S. 198–199. Im Jahr 1847 starb mit Andreas Malachias Spitzel der letzte ehemalige St. Pöltner Chorherr als Pfarrer in Bruck an der Leitha.Josef Wodka: Kirche in Österreich. Wegweiser durch ihre Geschichte. Wien 1959, S. 198–199.
Zum Zeitpunkt der Aufhebung wurden genaue Aufzeichnungen aller Besitzungen des Stiftes gemacht. Das Hippolytkloster hatte zu diesem Zeitpunkt ein Gesamtvermögen von 518.032 Gulden mit jährlichen Einkünften von 40.531 Gulden.Josef Wodka: Kirche in Österreich. Wegweiser durch ihre Geschichte. Wien 1959, S. 197–198.
Nutzung des Gebäudes seit 1785 bis heute