Die tschechische Grammatik ist das System, das die Strukturen der tschechischen Sprache beschreibt. Diese zeichnet sich durch einen flektierenden, fusionalen Sprachbau aus, welcher eine stark ausdifferenzierte Vielfalt von Endungen bei Substantiven, Adjektiven, Pronomen, Numeralien und Verben hervorbringt. Wesentliche Merkmale sind unter anderem die Verwendung von sieben Fällen in der Deklination sowie die Unterscheidung des Verbalaspekts.
Substantive Substantive sind in der Deklination nach Geschlecht (Genus), Zahl (Numerus) und Fall (Kasus) markiert.
Die drei Genera sind wie im Deutschen männlich, weiblich und sächlich. Das Geschlecht eines Substantivs kann häufig anhand seiner Endung abgeleitet werden. Es ist jedoch wichtig zu beachten, dass es eine Reihe von Ausnahmen gibt.
Maskulina Enden häufig auf Konsonanten Typische Endungen sind -ec, -el, -ák, ík, -ař und -íř Feminina Enden häufig auf -a Typische Endungen sind -ka, -ice, -yně, -ost Neutra Enden häufig auf -o oder -í Typische Endungen sind -ko, -um, -iště
Relikte der Numeruskategorie Dual (Zweizahl) sind in den Deklinationen der paarweise auftretenden Körperteile ruce ‚Hände‘, nohy ‚Beine‘, oči ‚Augen‘, uši ‚Ohren‘, ramena ‚Schultern‘, kolena ‚Knie‘ vorhanden. Auch das Tschechische kennt Pluralia tantum wie prázdniny ‚Ferien‘, hodinky ‚Armbanduhr‘ oder brýle ‚Brille‘ und Singularia tantum wie listí ‚Laub‘ oder uhlí ‚Kohle‘.
Fälle Das Tschechische unterscheidet sieben grammatikalische Fälle, die sich aus dem Urindogermanischen erhalten haben. Die ersten vier Fälle entsprechen weitgehend dem Deutschen. Den Vokativ hat das Tschechische von allen slawischen Sprachen am stärksten bewahrt und die Anrede im Vokativ ist die einzig mögliche. Der Lokativ tritt nur in Verbindung mit Präpositionen auf, kann also nicht für sich stehen. Der Instrumental dient der Bezeichnung eines Mittels für eine Handlung.
NummerFall (Kasus)FragewortPräpositionen (Auswahl)BeispielÜbersetzung1.Nominativkdo?, co? (wer?, was?)—Lenka spíLenka schläft2.Genitivkoho?, čeho? (wessen?)od (von), u (bei), bez (ohne), z (aus), vedle (neben)Bydlím vedle Lenky.Ich wohne neben Lenka.3.Dativkomu?, čemu? (wem?)k (zu), kvůli (wegen), proti (gegen), vůči (gegenüber)Podal Lence ruku.Er gab Lenka die Hand!4.Akkusativkoho?, co? (wen?, was?)pro (für), mimo (außer), skrz (durch)Má Lenku rád.Er hat Lenka gern.5.Vokativ— —Pojď Lenko!Komm Lenka!6.Lokativo kom?, o čem?o (um), při (bei), v (in)Mluvíte o Lence?Sprecht ihr über Lenka?7.Instrumentalkým?, čím?s (mit), před (vor), mezi (zwischen)S Lenkou je to podobné.Mit Lenka ist es ähnlich. Präpositionen verlangen immer einen bestimmten Fall. Bei mehrdeutigen Präpositionen können dies je nach Verwendung zwei oder drei verschiedene Fälle sein. Wie im Deutschen entscheidet bei lokalen Präpositionen die Frage nach dem Wohin? bzw. Wo? über die Verwendung des Falls. Bei zielgerichteten Ortsangaben folgt der Akkusativ (na stůl ‚auf den Tisch‘, pod zemi ‚unter die Erde‘), bei statischen Ortsangaben je nach Präposition der Lokativ (na stole ‚auf dem Tisch‘) oder der Instrumental (pod zemí ‚unter der Erde‘).
Belebtheit Beim männlichen Genus wird im Singular zusätzlich zwischen „belebt“ und „unbelebt“ unterschieden. Die Akkusativform von unbelebten Substantiven stimmt mit der Nominativform überein. Bei belebten Objekten stimmt der Akkusativ mit dem Genitiv überein. Die Belebtheitskategorie bezieht sich auf Lebewesen wie Personen, Tiere und fiktive Wesen. Pflanzen sind unbelebt. In gewissen Fällen entspricht die grammatische Kategorie jedoch nicht einer faktischen Belebtheit: sněhulák ‚Schneemann‘, strašák ‚Vogelscheuche‘, Oscar (der Filmpreis). Umgangssprachlich hat die Belebtheit auch eine expressive Funktion, etwa bei Automarken oder diesen Beispielen: vstřelit góla ‚ein Tor schießen‘, vypnout mobila ‚das Handy ausschalten‘.
Deklinationsklassen Die Substantiva werden verschiedenen Deklinationsklassen zugeordnet, sodass sich eine stark ausdifferenzierte Deklination mit einer Vielzahl möglicher Endungen ergibt.https://www.philol.uni-leipzig.de/fileadmin/Fakult%C3%A4t_Philo/Linguistik/Forschung/LAB/LAB_87/LAB87_weisser.pdf Dazu kommt eine Reihe von Ausnahmen bei einzelnen Wörtern, die auf archaische Formen zurückgehen. +Substantiva männlich unbelebtFallHarte Endung Muster hrad (Burg) 🏰 Weiche Endung Muster stroj (Maschine) 🎰Singular1hradstroj2hradu / -astroje3hradustroji4hradstroj5hradestroji6hradě / hradustroji7hrademstrojemPlural1hradystroje2hradůstrojů3hradůmstrojům4hradystroje5hradystroje6hradechstrojích7hradystroji
+Substantiva männlich belebtFallHarte Endung Muster pán (Herr) 👨💼Weiche Endung Muster muž (Mann) 🙋♂️Endung -a Muster předseda (Vorsitzender) 👮♂️Endung -e Muster soudce (Richter) 👨⚖️Singular1pánmužpředsedasoudce2pánamužepředsedysoudce3pánovi / pánumuži / mužovipředsedovisoudci / soudcovi4pánamužepředsedusoudce5panemužipředsedosoudci6pánovi / pánumuži / mužovipředsedovisoudci / soudcovi7pánemmužempředsedemsoudcemPlural1pánové / pánimuži / mužovépředsedovésoudci / soudcové2pánůmužůpředsedůsoudců3pánůmmužůmpředsedůmsoudcům4pánymužepředsedysoudce5pánimužipředsedovésoudci6pánechmužíchpředsedechsoudcích7pánymužipředsedysoudci
+Substantiva weiblichFallEndung -a Muster žena (Frau) 🙋♀️ Endung -e Muster růže (Rose) 🌹Weiche Endung Muster píseň (Lied) 🎶Harte Endung Muster kost (Knochen) 🦴Singular1ženarůžepíseňkost2ženyrůžepísněkosti 3ženěrůžipísnikosti4ženurůžipíseňkost5ženorůžepíseňkost6ženěrůži písnikost7ženourůžípísníkostíPlural1ženyrůžepísněkosti 2ženrůží / -Øpísníkostí3ženámrůžímpísnímkostím4ženyrůžepísněkosti5ženyrůžepísněkosti6ženáchrůžíchpísníchkostích7ženamirůžemipísněmikostmi
+Substantiva sächlichFallEndung -o Muster město (Stadt) 🏘️Endung -e Muster moře (Meer) 🌊Endung -e Muster kuře (Küken) 🐤 Endung -í Muster stavení (Gebäude) 🏛️Singular1městomořekuřestavení2městamořekuřetestavení3městěmořikuřetistavení4městomořekuřestavení5městomořekuřestavení6městě / městumořikuřetistavení7městemmořemkuřetemstavenímPlural1městamořekuřatastavení2městmoříkuřatstavení3městůmmořímkuřatůmstavením4městamořekuřatastavení5městamořekuřatastavení6městechmořích kuřatechstaveních7městymořikuřatystaveními
Adjektive Deklination Adjektive werden wie Substantive in Kasus, Numerus und Genus unterschieden. Sie passen sich dabei in allen drei Eigenschaften an das Substantiv an, auf welches sie sich beziehen (KNG-Kongruenz). FallHart
Muster mladý (jung)Weich
Muster jarní (Frühlings-)männlichweiblichsächlichmännlichweiblichsächlichSingular1mladýmladámladéjarní2mladéhomladémladéhojarníhojarníjarního3mladémumladémladémujarnímujarníjarnímu4mladého / mladýmladoumladéjarního / jarníjarníjarní5mladýmladámladéjarní6mladémmladémladémjarnímjarníjarním7mladýmmladoumladýmjarnímjarníjarnímPlural1mladí / mladémladémladájarní2mladýchjarních3mladýmjarním4mladémladémladájarní5mladí / mladémladémladájarní6mladýchjarních7mladýmijarními
Steigerung Tschechische Adjektive bilden einen Komparativ, von welchem sich der Superlativ ausnahmslos durch die Vorsilbe nej- ableitet. Die verbreitetste Endung zur Bildung des Komparativs ist ‑ejší bzw. ‑ější. Einige Adjektive bilden die Steigerung mit der Endung ‑ší (Zum Beispiel mladý ‚jung‘, hladký ‚glatt‘, sladký ‚süß‘, nizký ‚niedrig‘, suchý ‚trocken‘). Eine kleine Gruppe zweisilbiger Adjektive mit der Endung ‑ký bildet den Komparativ auf -čí (zum Beispiel lehký ‚leicht‘, hezký ‚schön‘, tenký ‚dünn‘). Einige häufig benutzte Adjektive bilden unregelmäßige Komparativformen. AdjektivKomparativSuperlativÜbersetzungRegelmäßige Steigerungveselýveselejšínejveselejšílustigmladý mladší nejmladší junglehkýlehčí nejlehčí leichtUnregelmäßige Steigerungdlouhýdelšínejdelšílangmalýmenšínejmenšíkleinvelkývětšínejvětšígroßdobrýlepšínejlepšígutšpatnýhoršínejhoršíschlecht Ähnlich wie im Deutschen kann die Steigerung einer Eigenschaft auch durch das Voranstellen von více ‚mehr‘ oder méně ‚weniger‘ bzw. nejvíce ‚am meisten‘, nejméně ‚am wenigsten‘ ausgedrückt werden.
Possessivadjektive Possessivadjektive werden von Substantiven abgeleitet, die ein einzelnes Individuum bezeichnen (in der Regel eine Person, selten auch ein Tier).
Die männliche Form wird auf ‑ův/‑ova/-ovo gebildet: Karlův most ‚Karlsbrücke‘, otcova smrt ‚Vaters Tod‘, Schrödingerova kočka ‚Schrödingers Katze‘, Tylovo naměstí ‚Tyl-Platz‘. Die weibliche Form wird auf -in/-ina/-ino gebildet:, sestřin kabát ‚der Mantel der Schwester‘, Pandořina skříňka ‚Büchse der Pandora‘, Janini sourozenci ‚Janas Geschwister‘.
Adverbien Das vom Adjektiv abgeleitete Adverb hat meist die Endung -e,-ě. Bei der Ableitung von Adjektiven, die auf -ký enden, endet das Adverb auf -ce, häufig auch auf -o. Enden die Adjektive auf -ský oder cký, enden die Adverbien mit -y: lidský / lidsky ‚menschlich‘, německý / německy ‚deutsch‘.
Adverbien können wie Adjektive gesteigert werden. Die Steigerung erfolgt in der Regel durch Anhängen der Nachsilbe -eji. Davon wird wie bei den Adjektiven der Superlativ durch die Vorsilbe nej- vor dem Wortstamm gebildet. Beispiel: rychle / rychleji / nejrychleji ‚schnell‘. Unregelmäßige Formen sind beispielsweise:
dobře / lépe – ‚gut / besser‘ špatně / hůř – ‚schlecht / schlechter‘ brzy / dřív – ‚bald / früher‘ dlouho / déle – ‚lang / länger‘ vysoko / výš – ‚hoch / höher‘
Pronomen
Personalpronomen Da die Person des Subjekts eindeutig aus dem Verb ablesbar ist, werden die Personalpronomen im 1. Fall (já, ty,…) nicht verwendet, außer zur ausdrücklichen Hervorhebung. Im 2., 3. und 4. Fall existieren teilweise Kurzformen (mi, tě, ti, ho, mu), die in neutralen Kontexten verwendet werden, wenn das Objekt nicht hervorgehoben werden soll. Sie stehen niemals am Satzanfang oder nach einer Präposition.
In der 3. Person werden die Formen, die mit j- beginnen, ohne Präpositionen verwendet, während die Formen, die mit n- beginnen immer in Verbindung mit einer Präpositionen stehen. Da der 6. Fall immer eine Präposition verlangt, existiert hier keine mit j- beginnende Form. Fall1. Person2. Person3. PersonReflexivummännlichweiblichsächlichSingular1játyononaono—2mětě / tebeho / jeho / něhojí / ního / jeho / něhosebe3mi / mněti / tebemu / jemu / němují / nímu / jemu / němusi / sobě4mětě / tebeho / jeho / něhoji / niho / jeho / něhose / sebe5—ty——6mnětoběněmníněmsobě7mnouteboujím / nímjí / níjím / nímsebouPlural1myvyoni / onyonyona—2násvásjich / nichsebe3námvámjim / nimsi / sobě4násvásje / něse / sebe5myvy——6násvásnichsobě7námivámijimi / nimisebou
Wenn sich ein Pronomen auf das Subjekt des Satzes bezieht, wird anders als im Deutschen in jeder grammatikalischen Person das Reflexivpronomen verwendet.
Vidím se. ‚Ich sehe mich (selbst).‘ vs. Vidíš mě ‚Du siehst mich.‘ Vidí se. ‚Er sieht sich.‘ vs. Vidí ho. ‚Er sieht ihn.‘
Possessivpronomen Die Possessivpronomen der ersten Person Singular (můj / má / mé ‚mein(er) / meine / mein(es)‘) und der zweiten Person Singular (tvůj / tvá / tvé ‚dein(er) / deine / dein(es)‘) deklinieren wie Adjektive, ebenso das Reflexivum (svůj / svá / své). Daneben existieren in einigen Fällen (weiblich, sächlich, Plural) die gleichwertigen Formen moje, tvoje, svoje, welche pronominal deklinieren.
Die Formen der ersten und zweiten Person Plural (náš / naše / naše ‚unser(er) / unsere / unser(es)‘ bzw. váš / vaše / vaše ‚euer...‘) haben eine eigene pronominale Deklination.
In der dritten Person wird nur die weibliche Form její ‚ihr(er) / ihre / ihr(es)‘ wie ein Adjektiv nach dem Muster jarní dekliniert. Die männliche und sächliche Form jeho ‚sein‘ und die Pluralform für alle Genera jejich sind nicht flektierbar.
Demonstrativpronomen Das Demonstrativpronomen ten / ta / to ‚dieser / diese / dieses‘ kann die Funktion des nicht existierenden bestimmten Artikels übernehmen, insbesondere in der gesprochenen Sprache. Aus der Verwendung der Demonstrativa in der Umgangssprache entwickelten sich in den germanischen und romanischen Sprachen die Artikel.