Christa Gail Pike (* 10. März 1976 in Beckley, West Virginia) ist eine US-amerikanische Mörderin. Sie war 20 Jahre alt, als sie für den Foltermord an ihrer Klassenkameradin Colleen Slemmer, den sie als Achtzehnjährige begangen hatte, verurteilt wurde. Sie ist die jüngste nach 1972 in den USA zum Tode verurteilte Frau, seitdem infolge des Furman-Urteils von 1972 die Bedingungen für die Verhängung der Todesstrafe insbesondere im Hinblick auf jugendliche Täter verschärft wurden. Pike überlebte am 30. September 2026 einen Vollstreckungsversuch ihrer Hinrichtung per Giftspritze, woraufhin der Gouverneur von Tennessee alle noch 2026 geplanten Hinrichtungen aussetzte und eine Überprüfung durch eine unabhängige Stelle anordnete.
Familiärer Hintergrund und Kindheit Christa Pike wurde 1976 als Tochter von Carissa Hansen und Emil Glenn Pike in Beckley, West Virginia geboren. Ihre Eltern hatten eine instabile Beziehung. Nach zwei Jahren Ehe ließen sie sich nach einem Seitensprung der Mutter zunächst scheiden, heirateten jedoch ein Jahr später nach einem Suizidversuch der Mutter erneut und blieben diesmal zwei Jahre zusammen. Beide Elternteile vernachlässigten ihre Tochter regelmäßig. Eine Tante stellte fest, dass sie „durch das Haus über Hundescheiße krabbelte“ und ihre Mutter stets weiter Party feiern wollte, selbst wenn das kleine Mädchen schwere Verletzungen am Körper hatte. Pikes Großmutter väterlicherseits war die einzige, die sich regelmäßig um sie kümmerte; Pike glaubte, dass diese die einzige war, von der sie je geliebt wurde. Als ihre Großmutter 1988 starb, unternahm Pike im Alter von 12 Jahren ihren ersten Suizidversuch, für den sie geringe Aufmerksamkeit durch ihre Eltern bekam.
Pikes Lebenssituation blieb über ihre Teenagerzeit prekär, wobei sie sowohl Opfer von Gewalt war als auch selbst Gewalt ausübte. Einer der Lebensgefährten ihrer Mutter schlug sie ins Gesicht. Zudem war sie in dieser Zeit häufig in kriminelle Taten verwickelt. Während Pike daraufhin bei der neuen Familie ihres Vaters lebte, beschuldigten sie ihre Halbschwestern, von ihr gemobbt zu werden, weswegen ihr Vater sie fortschickte.
Pike behauptete, mehrfach belästigt und sexuell missbraucht worden zu sein. Freunde und Familie zweifelten diese Anschuldigungen an und unterstellten ihr, eine pathologische Lügnerin zu sein. Es existieren aber Indizien wie die Aussage einer Erzieherin, dass Pike im Kindergarten Bilder von Penissen gemalt habe, sowie die tatsächliche Verurteilung eines Nachbarn, der Pike in einer Hanfplantage festgehalten und vergewaltigt haben soll. Im Alter von 17 Jahren wurde Pike von einem Unbekannten vergewaltigt, der sie beim Spazieren im Dunkeln packte und missbrauchte. Trotz klinischer Spurensicherung wurde kein Täter ermittelt. Pikes Mutter spielte beide Vorfälle herunter.
Obwohl sie als Kind sehr intelligent war, war sie in der Schule erfolglos. Ihr instabiles Familienleben führte dazu, dass sie regelmäßig die Schule wechselte, und so verschlechterten sich ihre Noten mit zunehmendem Alter rapide. In der zehnten Klasse wurde sie für ein Jahr in eine Jugendanstalt geschickt, wo ihr Interesse am Job Corps, einem Regierungsprogramm zur Berufsvorbereitung von sozial schwachen Jugendlichen, geweckt wurde.
1994 befand sich Pike in ihrem letzten Jahr des Job Corps in Knoxville, Tennessee. Sie war in diesem Zeitraum frisch mit einem Mann namens Tadaryl Shipp liiert. Gemeinsam entwickelten sie Interesse an Okkultismus und Satanismus.
Tathergang Pike wurde auf eine Klassenkameradin im Job Corps, die 19-jährige Colleen Slemmer, eifersüchtig, da sie glaubte, diese versuche, ihr ihren Freund Tadaryl Shipp auszuspannen. Mit ihrer besten Freundin, der 18-jährigen Shadolla Peterson, plante Pike, Slemmer in ein abgelegenes, stillgelegtes Dampfkraftwerk in der Nähe des Campus der University of Tennessee zu locken, um sie dort zu quälen. Daher verließen am 12. Januar 1995 Pike, Shipp, Peterson und Slemmer den Schlaftrakt der Schule und machten sich in den Wald nahe dem Kraftwerk auf, unter dem Vorwand, gemeinsam Marihuana zu rauchen und Frieden zu schließen.
Nach der Ankunft an der ausgewählten Stätte wurde Slemmer von Pike und Shipp angegriffen, während Peterson „Schmiere stand“. Späteren Ermittlungen zufolge wurde Slemmer in den folgenden 30 Minuten geschlagen und verprügelt sowie mit einem Messer verletzt; zudem ritzte Pike ihr ein Pentagramm in ihre Brust. Zum Schluss schlug Pike Slemmers Schädel mit einem Stück Asphalt ein, wodurch sie schließlich getötet wurde. Pike packte sich ein Bruchstück von Slemmers Schädel als Trophäe in die Jackentasche.Rejected Appeal Pike begann, das Schädelstück stolz in der Schule herumzuzeigen, 36 Stunden später wurden die drei verhaftet. Das Logbuch der Einrichtung bewies, dass Pike, Shipp, Peterson und Slemmer gemeinsam aufgebrochen, aber nur drei Personen zurückgekehrt waren. Ermittler fanden zudem das Schädelstück in Pikes Jackentasche. Bald nach der Verhaftung gestand Pike der Polizei, Slemmer gefoltert und getötet zu haben. Allerdings behauptete sie, sie habe Slemmer nur verängstigen wollen, die Sache sei aber außer Kontrolle geraten. Pike hat auch immer bestritten, dem Opfer das Pentagramm eingeritzt zu haben.Grace Eliza Goodwinand, Stephanie Hegarty: US Supreme Court denies Christa Pike’s last-ditch bid to halt execution. In: BBC, 29. September 2026, abgerufen am 1. Oktober 2026 (englisch).
Prozessverlauf und Gesuche um Strafminderung Pike wurde wegen Mordes und Verabredung zum Mord angeklagt. Im Prozess wurde die Anklage durch Beweise und Pikes Geständnis gestützt. Am 22. März 1996 wurde Pike von den Geschworenen nach nur wenigen Stunden Beratung für schuldig in beiden Anklagepunkten erklärt. Acht Tage später, am 30. März 1996, wurde sie für den Mord zum Tode verurteilt und wegen der Verabredung zu 25 Jahren Haft. Shipp erhielt eine lebenslange Freiheitsstrafe mit der Chance auf ein Freilassungsgesuch nach 25 Jahren. Peterson, die als Kronzeugin auftrat, erhielt eine Bewährungsstrafe.
In den Jahren nach dem Todesurteil versuchte Pike, durch Berufungs- und Revisionsverfahren in Tennessee einerseits das Urteil in eine lebenslange Freiheitsstrafe umzuwandeln, andererseits den Zeitraum bis zur Durchführung der Hinrichtung zu verkürzen. Tatsächlich sitzt sie jedoch weiterhin in der Todeszelle. Im Juni 2001 und im Juni 2002 entschied sich Pike, die Berufung ihrer Anwälte zurückzunehmen, um auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet zu werden, obwohl ihre Anwälte ihr von diesem Schritt abrieten. Das Gericht unter Leitung der Richterin Mary Beth Leibowitz entsprach diesen Anträgen und legte als Hinrichtungsdatum den 19. August 2002 fest. Pike änderte aber im Juli 2002 wieder ihre Meinung, sodass gerichtlich entschieden wurde, das Berufungsverfahren wieder aufzunehmen. Am 2. August 2002 entschied das Gericht daher, die Hinrichtung zu vertagen. Im Dezember 2008 beantragte Pike abermals eine Abwandlung des Todesurteils in eine Haftstrafe, was allerdings abgewiesen wurde. Im gleichen Monat waren ihre Möglichkeiten zur Berufung ausgeschöpft.Pike's Final Appeal, Knoxville News Dezember 2008
Im Mai 2014 zogen Pikes Anwälte vor das zuständige Bundesgericht. Sie hinterfragten ihr Todesurteil und wollten es aus folgenden Gründen in eine lebenslange Freiheitsstrafe umwandeln: wirkungslose Unterstützung durch ihre Strafverteidiger, ihre psychische Störung und die Verfassungswidrigkeit der Todesstrafe gemäß neueren Gesetzen. In einem 61 Seiten langen Papier wurden am 11. März 2016 durch den District Judge Harry Sandlin Mattice Jr. alle diese Gründe zurückgewiesen und eine Strafminderung verneint.Mike Donila: Federal court denies Pike's request to overturn death penalty, WBIR-TV, 11. März 2016Federal Judge Denies Appeal, Knoxville News Sentinel, 11. März 2016 Ein weiteres Gesuch um Strafminderung vom 22. August 2019 wurde am 1. Oktober 2019 ebenfalls abgewiesen.Denied Appeal, US Federal Courts Archive August 22, 2019
Mordversuch in Haft Im August 2001 griff Pike gemeinsam mit einer Mitinsassin die Mitinsassin Patricia Jones an und versuchte, sie mit einem Schnürsenkel zu erdrosseln, womit sie fast erfolgreich war. Pike wurde daraufhin wegen versuchten Mordes verurteilt.Women on Death Row, Tennessee Department of Correction.
Fluchtversuch Im März 2012 wurde bekannt, dass es Fluchtpläne von Pike gab, in die der Vollzugsbeamte Justin Heflin und ein Mann aus New Jersey namens Donald Kohut involviert waren. Obschon aus Sicherheitsgründen kaum Details über die genauen Pläne und ihre Vorgeschichte veröffentlicht wurden, ist Folgendes über den Verlauf bekannt: Es begann wohl damit, dass Kohut, ein Personal Trainer in seinen frühen 30ern, Anfang 2011 einen Briefwechsel mit Pike startete. Im Juli desselben Jahres fuhr Kohut schließlich rund 1000 km mit dem Auto von Flemington, New Jersey, nach Nashville, Tennessee, um Pike persönlich kennenzulernen. Fortan besuchte er sie ein- bis zweimal im Monat. Wahrscheinlich entwickelte er in dieser Zeit mit ihr oder für sie einen Fluchtplan. Dabei wurde der Vollzugsbeamte Heflin mit einbezogen, der für Geld und Geschenke einwilligte. Ein Teil des Plans war hierbei, einen Gefängnisschlüssel nachzumachen.James Queally, "Raritan TWP Man Arrested"Associated Press, "Pair Planed to Copy Jail Key", Chattanooga Times Free Press, 24. März 2012. Anfang 2012 bekam ein Gefängniswärter einen Teil der Fluchtpläne mit und leitete seine Informationen an die zuständigen Behörden weiter.Christina Ng, "Tennessee Death Row Woman's Escape Plot Foiled", ABC News, March 21, 2012. Dadurch wurde das Vollzugsamt aufmerksam, sodass es zu Ermittlungen des Tennessee Bureau of Investigation (TBI) und der New Jersey State Police kam. Zum Zeitpunkt der Ermittlungen waren die Pläne allerdings noch nicht besonders weit fortgeschritten.
Im März 2012 wurde Kohut wegen Bestechung und Unterstützung bei einem Fluchtversuch verhaftet, gleichzeitig wurde Heflin wegen Bestechlichkeit, Amtsmissbrauch und Unterstützung bei einem Fluchtversuch verhaftet.Philip Caulfield, "2 Busted in Plot To Spring Female Killer From Death Row", New York Daily News, March 22, 2012. Pike wurde nicht bestraft, da Unklarheit darüber herrschte, inwieweit sie selbst in die Verabredung involviert war oder im Endeffekt nur Nutznießerin gewesen wäre.
Am 31. März 2012 wurde Kohut zu sieben Jahren Gefängnis im Tennessee State Northeast Correctional Complex verurteilt, die er 2019 abgesessen hat.Hunterdon County Democrat, "Tennessee prisoner faces 45 more counts in N.J.", nj.com, March 29, 2019. Heflin kooperierte während der Verhandlung mit den Behörden und wurde deswegen nicht bestraft. Allerdings verlor er seine Stelle bei der Vollzugsbehörde.
Hinauszögerung der Hinrichtung Am 27. August 2020 beantragte der Generalstaatsanwalt von Tennessee Herbert Slatery beim Obersten Gerichtshof von Tennessee, ein Hinrichtungsdatum für Pike festzusetzen. Durch die COVID-Maßnahmen und aus diversen weiteren Gründen erwirkten Pikes Anwälte einen Aufschub und nutzten diese Zeit, weiterhin für eine Strafminderung zu kämpfen. Der Bundesstaat lehnte eine Verlängerung der Verhandlungen allerdings ab. Am 21. Juli 2021 startete Pikes Anwalt dennoch ein Gesuch zur Verschiebung des Hinrichtungsdatums, aber auch dieser Versuch wurde abgelehnt.
Bis November 2022 hatte Pike alle Rechtsmittel vollständig ausgeschöpft. Gleichzeitig stellte der Oberste Gerichtshof des Bundesstaates fest, dass das Gesetz des Bundesstaates Tennessee, das für Jugendliche automatisch eine lebenslange Haft ohne Möglichkeit auf Bewährung vorsieht, verfassungswidrig sei.