mini|hochkant=1.2|R. A. Cunningham mit der Gruppe der im Juli 1884 noch sieben „Aborigines“,In der Kultur der indigenen Australier gilt es als pietät- und respektlos, die Bilder verstorbener Personen zu zeigen und zu veröffentlichen. Dieser sensible Umgang mit Portraits von Personen bezieht sich in der Regel aber auf einen relativ kurzen Zeitraum weniger Monate nach ihrem Tod, kann unter den über 200 Stämmen allerdings variieren. Es ist davon auszugehen, dass die Trauerphase der in diesem Artikel abgebildeten Personen als abgeschlossen gilt. Vgl. hierzu Indigenous cultural protocols: what the media needs to do when depicting deceased persons. Online unter: Special Broadcasting Service, 27. Juli 2017, abgerufen am 28. Januar 2025. Foto von Carl Günther (Berlin), von links nach rechts: „Billy“, Robert A. Cunningham, „Jenny“, ihr Mann „Toby“, deren Sohn „Toby“, „Jimmy“, vorne: Tagarah (auch „Sussy“ genannt) und „Bob“

Cunninghams Völkerschau der „Aborigines“ 1883–1888 war eine Völkerschau (im heutigen Sprachgebrauch auch Menschenzoo), bei der eine Gruppe indigener Australier in Nordamerika und Europa zur Schau gestellt wurde.

Veranstalter der Schau war Robert A. Cunningham (1837–1907) aus Kanada. Er entführte im Januar 1883 eine Gruppe von neun Personen aus North Queensland nach Nordamerika, um sie ab Mai 1883 zunächst im Rahmen einer Völkerschau-Tournee von P. T. Barnum zur Schau zu stellen. In den USA verstarben im Februar 1884 zwei Männer der Gruppe. Im April 1884 setzte Cunningham die Tournee in Europa fort. Im Laufe des Jahres 1885 verstarben vier weitere Gruppenmitglieder. Die Völkerschau erwies sich für Cunningham als lukrative Einnahmequelle. Deshalb tourte er mit den drei Überlebenden von 1885 bis 1887 weiter durch Skandinavien, Russland und Südeuropa. Wahrscheinlich brachte er sie im April 1888 zurück nach Australien.

Verschiedene Anthropologen zeigten großes Interesse an der Völkerschau, denn die im deutschsprachigen Raum so genannten „Australneger“ galten im rassistischen Denken des 19. Jahrhunderts als „Urmenschen“ auf der untersten Stufe der „Rassenhierarchie“. Sie wurden als „Wilde“ und „Kannibalen“ stigmatisiert und deshalb besonders abschätzig beschrieben und behandelt.

Vorgeschichte Impresario R. A. Cunningham Der sich nach seinem Vorbild des US-amerikanischen Schaustellers und Zirkuspioniers P. T. Barnum mit seinen Initialen abkürzende R. A. Cunningham aus Kanada gilt in der Forschung als „Prototyp des schlechten, rücksichtslosen Völkerschau-Impresarios“, der ausschließlich auf Profit aus war.Hilke Thode-Arora: Für fünfzig Pfennig um die Welt. Frankfurt am Main 1989. Schon zu seinen Lebzeiten galt er – nicht zuletzt aufgrund seiner Selbstinszenierung – als „Menschenjäger“ und „Freak-Catcher“.

Entführung aus Townsville Cunningham unternahm im Dezember 1882 in Darwin im Auftrag von Barnum zunächst einen erfolglosen Versuch, eine Gruppe Indigener zu verschleppen. Der zweite Versuch in Townsville war erfolgreich. Cunningham bewarb später seine Völkerschau ganz offen mit der Behauptung, die Gruppe auf sein Schiff gelockt und entführt zu haben. Über die genauen Umstände der Entführung in Townsville ist wenig bekannt. Cunningham brachte die Gruppe am 22. Januar 1883 zunächst nach Sydney.

Gruppe der neun „Aborigines“ Sechs der neun „Aborigines“Die Verwendung des Begriffs „Aborigines“ ist inzwischen umstritten. Im Englischen (wörtliche Übersetzung: Ureinwohner) wurden die über 200 verschiedenen Stämme der indigenen Australier als Aborigines bezeichnet. Der Begriff gilt in Australien inzwischen aber als abwertend. Um der Vielfalt der unterschiedlichen Stämme stärker Rechnung zu tragen, hat sich dort inzwischen der Begriff Aboriginal verbreitet; s. What’s the appropriate term: Aboriginal … First nation. Online unter: Working with Indigenous Australians, Juli 2022, abgerufen am 29. Januar 2025. Auch im Deutschen wird inzwischen eine Vermeidung des Begriffs empfohlen; s. Aborigines. Online unter: Postkoloniales Wörterbuch, 24. Juli 2022, abgerufen am 29. Januar 2025. stammten von Palm Island und gehörten zum Stamm der Manbarra. Die übrigen drei Männer der Gruppe gehörten zum Stamm der Biyaygiri. Bekannt sind die englischen Namen, die vermutlich Cunningham ihnen zugeschrieben hat. Ihre Aborigine– bzw. Stammesnamen sind unterschiedlich und teils widersprüchlich überliefert, insbesondere in den Publikationen von Rudolf VirchowRudolf Virchow: Australier von Queensland. In: Zeitschrift für Ethnologie. Band 16, 1884. S. 407–418, hier S. 408. und von Emile Houzé und Victor Jacques,Victor Jacques, Emile Houzé: Communication de MM. Houzé et Jacques sur les australiens du Musée du Nord. In: Bulletin de la Société d’Anthropologie de Bruxelles. Band 3, 1884. S. 53–153, hier S. 97. die an den sieben in Europa zur Schau gestellten Personen wissenschaftliche Untersuchungen vornahmen und jeweils in längeren Aufsätzen genaue Personenbeschreibungen vornahmen.

Die etwa 16- bis 18-jährige Tagarah („Sussy“, bei Virchow: „Susi Dakaro“) wurde während der Tournee in den USA von Cunningham als „Prinzessin Tagarah, Tochter des Kannibalenkönigs von Nord-Queensland“ bezeichnet. Ihr etwa zwanzigjähriger Mann war Houzé und Jacques bekannt als „Tambo“ und wurde eventuell auch „Johnny“ genannt. Bei seinen Nachfahren ist sein Stammesname überliefert als Kukamunburra.Den Namen Kukamunburra erwähnt Poignant nicht; lt. Joanne Watson steht dieser Name aber auf seinem Grabstein nach seiner Beerdigung auf Palm Island 1994; s. Joanne Watson: Palm Island. Through a Long Lens. Aborigineal Studies Press, Canberra 2010, S. 143.

Die vier weiteren Gruppenmitglieder von Palm Island waren der gut zwanzigjährige „Jimmy“ bzw. „James“ (bei Houzé/Jacques: Tinendal, bei Virchow: Tiniden oder Tinendal), außerdem „Jenny“ (bei Houzé/Jacques: Yarembera, bei Virchow: Yemberi oder Yorembera, etwa 30 bis 40 Jahre alt), ihr Mann „Toby“ (bei Houzé/Jacques: Wangong, bei Virchow: Koddigandal oder Kuttegandal) und deren gemeinsamer Sohn, der ebenfalls „Toby“ genannt wurde (bei Houzé/Jacques: Kottiganden, bei Virchow: Telegorah; 7 bis 8 Jahre alt). Nach dem Tod des Vaters 1885 nannte sich der Junge „Benny“, weil er nicht den Namen des toten Vaters tragen sollte.

Die übrigen drei Männer der Gruppe stammten von der Nachbarinsel Hinchinbrook Island, darunter „Billy“ (bei Houzé/Jacques: Warutchsenben, bei Virchow: Warrisimbol oder Warichisinbin; 30 bis 35 Jahre alt) und „Bob“ (bei Houzé/Jacques: Oritchnenben, bei Virchow: Orininben oder Orininden; 20 bis 25 Jahre alt). Der Name des dritten Biyaygiri ist unbekannt.Roslyn Poignant: Die Aborigines: „professionelle Wilde“ und Gefangene. In: Pascal Blanchard u. a. (Hrsg.): MenschenZoos. Schaufenster der Unmenschlichkeit. Hamburg 2012, S. 232–241.

Nur „Billy“, „Jenny“ und ihr Sohn „Benny“ überlebten die Völkerschau-Tournee.

Aufenthalt in Sydney und Abreise aus Australien Während des fünfwöchigen Aufenthaltes in Sydney ereignete sich am 12. Februar 1883 ein Zwischenfall, als zwei Männer der Gruppe (laut Poignant wahrscheinlich „Billy“ und der Mann ohne Namen) einen Fluchtversuch unternahmen und bei ihrer Festsetzung einen Polizisten mit dem Messer verletzten. Am 20. Februar 1883 wurden die beiden Männer einem Richter vorgeführt, der die geplante Ausreise der Gruppe als Entführung bezeichnete und verhindern wollte. Der Fall erregte Aufsehen, und die Zeitung Evening News kritisierte, dass Sydney zum „Zwischenlager eines Menschenraubgeschäfts“ werde. Zwei andere Männer, „Jimmy“ und „Toby“ (der Ehemann von „Jenny“), die etwas Englisch sprechen konnten, gaben gegenüber der Polizeibehörde nach dem Gerichtsverfahren allerdings an, dass sie freiwillig mit Cunningham reisen wollten. Poignant sieht bei den teils widersprüchlichen Schilderungen noch einige offene Fragen.

Letztlich gelang es Cunningham aufgrund der Einverständniserklärung von „Jimmy“ und „Toby“, am 26. Februar mit der ganzen Gruppe aus Sydney abzureisen. Zunächst kam die Gruppe über Melbourne nach Auckland auf Neuseeland, wo Cunningham sie erstmals vor Publikum auftreten ließ. Im New Zealand Herald vom 24. März 1883 findet sich eine Anzeige, in der „Bumerang- und Speerwerfen“, „Corroboree oder Kriegstanz“ sowie „Tätowieren mit Glasflaschen“ angekündigt wurden.Australien Black Trackers (Anzeige). In: New Zealand Herald, 24. März 1883. Ende April 1883 erreichte die Gruppe San Francisco.

Verlauf der Völkerschau

Auftritte in Nordamerika 1883/1884 mini|Gruppe der 1883 neun „Aborigines“: vorne von links nach rechts „Jenny“, ihr Sohn „Toby“, ihr Mann „Toby“, „Tambo“ (auch Kukamunburra genannt) und Tagarah, hinten von links nach rechts „Bob“, Name unbekannt, „Billy“ und „Jimmy“

Nach der Ankunft in San Francisco reiste die Gruppe mit dem Zug weiter an die US-amerikanische Ostküste. Anfang Mai 1883 stieß sie zum Ethnological Congress of Strange Savage Tribes, der in Barnums Zirkus zusammen mit weiteren Gruppen von Zulus, Toda und Nubiern aufgeführt wurde. Angelockt durch Zeitungsinserate, in denen die „Australian Cannibals“ als letzte Exemplare dieser „hopeless embruited race“ angekündigt wurden, zählte die Schau bei ihrem ersten Auftritt in Baltimore bereits am ersten Tag mehr als 30.000 Besucher. Die Tournee führte durch zahlreiche weitere Städte der USA, darunter Chicago und St. Louis. Die Gruppe lernte während der Tournee Englisch und zeigte sich als sprachbegabt. Unabhängig von den Auftritten in Barnums Zirkus ließ Cunningham seine Gruppe auch in Vergnügungsstätten und Kuriositätenkabinetten aller Art auftreten. Als die Zirkustournee Ende 1883 in die Winterpause ging, versuchte Cunningham, die Gruppe in den damals populären Dime-Museen auszustellen. Insgesamt verzeichnete die Völkerschau über 130 Stationen sowohl in Groß- als auch verschiedenen Kleinstädten der USA und in Kanada.Elias Dehnen: Verschleppt, vorgeführt – aber nicht vergessen. In: Der Spiegel, 15. März 2022, abgerufen am 19. Dezember 2024.

Bei der Ankunft der Gruppe am 23. Februar 1884 in Cleveland (Ohio) brach „Tambo“ zusammen und verstarb im Alter von etwa 21 Jahren. Als mögliche Todesursache kamen laut Arztbericht eine Lungenentzündung oder Tuberkulose in Betracht. Seine Frau Tagarah trauerte viele Tage und weigerte sich zu essen. Die Gruppe musste unterdessen über zwei Wochen lang im Dime-Museum von Cleveland auftreten. Als die anderen Gruppenmitglieder den Leichnam nach ihren Bestattungsriten beisetzen wollten, hielt Cunningham sie davon ab und teilte der Gruppe drei Tage später mit, „Tambo“ sei bereits beerdigt worden. Die Gruppe erfuhr nicht, dass der Direktor des Museums, in dem die Gruppe aufgetreten war, den Körper einbalsamieren und mumifizieren ließ, um ihn später in einer Glasvitrine auszustellen. Während „Tambos“ Tod in der Öffentlichkeit große Aufmerksamkeit erfuhr, versuchte Cunningham den Tod des Mannes, dessen Name nicht überliefert ist und der etwa zwei Wochen später vermutlich noch in Cleveland verstarb, zu verheimlichen. Obwohl die Gruppe eigentlich den Sommer über weiter mit Barnum touren sollte, entschied sich Cunningham nach dem Tod der beiden Männer offenbar kurzfristig, die Tournee in Europa als eigenständiger Impresario fortzusetzen.

Auftritte in Europa 1884–1887 mini|Gruppe der 1884 sieben „Aborigines“, London 1884, von links nach rechts: „Jenny“, ihr Sohn „Toby“, dessen Vater „Toby“, „Billy“, „Bob“, „Jimmy“ und Tagarah

Die noch sieben Personen zählende Gruppe kam Anfang April 1884 in London an. Ab dem 19. April stellte Cunningham sie im dortigen Crystal Palace zur Schau. Im Mai blieben sie mehrere Wochen in Brüssel, wo sie im Leopoldpark zur Schau gestellt wurden. Dort wurde bei den meisten Gruppenmitgliedern eine Lungentuberkulose diagnostiziert. Von Brüssel fuhr die Gruppe nach Köln, wo sie im Juni 1884 in Castans Panopticum auftrat. Die Kölnische Zeitung berichtete am 27. Juni 1884: