Sprachlosigkeit bezeichnet „das durch starke Emotionen ausgelöste, vorübergehende Unvermögen, etwas in Worte zu fassen“ (speechlessness). Davon anzugrenzen ist die Aphasie, diese ist eine erworbene Störung der Sprache aufgrund einer Beschädigung bestimmter Gehirnareale, die für die Sprachsteuerung entscheidend sind.
Begriffsbestimmung Das Wort Sprachlosigkeit wird mit Adjektiven wie stumm, stimmlos, wortlos, unartikuliert oder dumpf verbunden. Das Adjektiv sprachlos meint „ohne gesprochene Worte, schweigsam, wortlos oder stumm“, und in Kombination mit dem Hilfsverb sein, jemandem „fehlen die Worte, einen Sachverhalt oder ein Ereignis zu kommentieren oder sich dazu zu stellen, meist aus Überraschung“. Der Duden definiert Sprachlosigkeit als „Sprachlossein; Unfähigkeit, sich auszudrücken, zu kommunizieren“.
Definition von Sprachlosigkeit Die wissenschaftliche Definition von Sprachlosigkeit bestimmt sie als einen, für eine Person (sprechende Person) oder ihren Gesprächspartner (hörende Person), unmittelbar gegebenen Ausdruck bzw. Eindruck des Fehlens von Worten an Stellen einer Gesprächssituation, an denen diese zu erwarten wären. Sie stellt eine willkürliche oder unwillkürliche Reaktion auf ein verbales oder nonverbales Ereignis dar, welches innerhalb des Gesprächsverlaufes selbst auftreten oder von außerhalb des Gesprächskontextes auf die Person einwirken kann.
Sprachlosigkeit liegt erst in dem Fall vor, in dem eine als normal empfundene Sprechpause in einem Gespräch eine Dauer überschreitet, die von der sprechenden und/oder der hörenden Person als auffällig und bedeutungsvoll (ostensiv,) erlebt wird.
Auf phänomenologischer Ebene wird Sprachlosigkeit als mein Nicht-Sprechen oder Schweigen eines Individuums in Gesprächssituationen, in denen gewöhnlich ein sprachlicher Gesprächsaustausch besteht, wahrgenommen.
Das Nicht-Sprechen bezeichnet einen Zustand, in welchem eine Person ihre Aufmerksamkeit auf eine als ungewöhnlich lang empfundene Sprechpause legt, diese jedoch nicht mit einer verbalen kommunikativen Absicht füllen kann. Die Person bemerkt, dass sie a) etwas sagen könnte, jedoch b) nicht spricht, und diesen Umstand c) nicht oder nicht ohne Weiteres ändern kann, selbst wenn sie d) dies wollte. Das Schweigen bezeichnet einen Zustand, in welchem eine Person ihre Aufmerksamkeit auf eine verbal kommunikative Absicht legt, die sie über eine ungewöhnlich lang empfundene Sprechpause hinaus nicht äußert, obwohl sie sich als vollständig in der Lage dazu fühlt, ihre Absicht verbal zu äußern. Die Person bemerkt, dass sie a) etwas sagen könnte, jedoch b) nicht spricht, diesen Umstand aber c) ohne Weiteres ändern könnte, dies jedoch d) willentlich unterlässt. Unter Sprachlosigkeit in dem hier verwendeten Sinne wird ein psychologisches bzw. sozialpsychologisches Phänomen verstanden, dass sich von psychosomatischen, psychopathologischen und neuro-biologischen Konzeptionen abgrenzt, bei denen die Sprachlosigkeit als ein Symptom einer Störung betrachtet wird.
Entwicklungsmodell der Sprachlosigkeit Die Entstehung von Sprachlosigkeit im Kontext einer verbalen Konversation lässt sich in drei Phasen unterteilen:
Vorläufer von Sprachlosigkeit Die zentrale Voraussetzung für die Entstehung von Sprachlosigkeit sind die Erwartungen, welche die sprechende Person an sich, an die hörende Person und an die äußeren Bedingungen des Gespräches stellt. Die Erwartungshaltung einer Person erlaubt die Vorhersage von Ereignissen, Reaktionen und Verhaltensweisen und gibt das Gefühl von Sicherheit und Kontrolle. Verletzungen der Erwartungshaltung ziehen vielfältige negative Konsequenzen nach sich.
Verursachung von Sprachlosigkeit Sprachlosigkeit wird dadurch verursacht, dass die Erwartungen der sprechenden Person verletzt werden und erhebliche interpersonelle Anpassungsleistungen erfordern, um die Sprachlosigkeit zu bewältigen. Die grundlegende Untersuchung zu den Ursachen von Sprachlosigkeit von Berger ergab, dass 35 % der Befragten sprachlos waren, weil die Person, mit der sie interagierten, ein unerwartetes Verhalten zeigte oder unerwartete Informationen preisgab; 27 % führten ihre Sprachlosigkeit auf Stress und extreme Gefühlszustände zurück; 13 % gaben an, dass ihnen Wissen oder Informationen zum Gesprächsthema fehlten, und weniger als 10 % der Befragten nannten Unsicherheit über die Gefühle der anderen Person, Schwierigkeit, unerwartete Fragen zu beantworten, oder übermäßige Achtung vor der anderen Person als Ursache ihrer Sprachlosigkeit an. Die berichteten Ursachen lassen sich auf eine Diskrepanz zwischen der Erwartung der sprechenden Person an ein Ereignis und dem tatsächlich eintretenden Ereignis zurückführen.
Je höher die Erwartungshaltung einer Person ist, desto ausgeprägter ist ihre Reaktion auf eine Verletzung dieser Erwartung. Zu den Reaktionen auf eine Erwartungsverletzung zählen vorwiegend ein Gefühl der Überraschung, aber auch negative Affekte wie Angst, Wut oder Trauer, Gefühle der Schuld sowie der Zufriedenheit und Freude, wenn etwa ein Ereignis positiver ausgefallen ist, als erwartet. Zu den Reaktionen auf die Sprachlosigkeit selbst gehört vorwiegend das Gefühl der Machtlosigkeit und der Schwäche.
Ausdrucksformen von Sprachlosigkeit Die Sprachlosigkeit zeigt sich in den Ausdrucksformen des Schweigens, die als strategische, willentliche und intentionale Sprachlosigkeit beschrieben wird, und des Nicht-Sprechens, das als nicht-strategische, unwillentliche und non-intentionale Sprachlosigkeit beschrieben wird.
Die non-intentionale Sprachlosigkeit liegt vor, wenn eine Erwartungsverletzung eine Person überrascht, schockiert oder überwältigt, und sie in der Folge negative Affekte wie Angst, Trauer oder Schmerz empfindet. Diese Personen berichten, zu emotional zu sein, um etwas sagen zu können, oder davon, dass ein Gesprächspartner etwas gesagt oder getan hat, das so unerwartet war, dass sie nichts mehr sagen konnten, oder, dass sie etwas sagen wollten, jedoch nicht die richtigen Worte gefunden haben.
Die intentionale Sprachlosigkeit liegt vor, wenn eine Erwartungsverletzung eine Person weniger stark überrascht, schockiert oder überwältigt, und sie in der Folge weniger negativen Affekte empfindet als Gefühle der Schuld und Peinlichkeit. Diese Personen berichten davon, in Gesprächssituationen nichts mehr zu sagen, damit die Situation nicht noch schlimmer wird, als sie ohnehin schon ist, oder davon, zu schweigen, da sie fürchten, in den Augen des Anderen einen schlechten Eindruck zu machen.
Sprachproduktionsmodell der Sprachlosigkeit Die Sprachlosigkeit (Nicht-Sprechen, Schweigen) wird vor dem Hintergrund bio-medizinischer, psychologischer oder sozialpsychologischer Erklärungsansätze betrachtet. Grundlage der verschiedenen Erklärungsansätze ist das Modell der Sprachproduktion nach Levelt.
Nach Levelt wird der Prozess der Sprachproduktion in eine Phase der Konzeptualisierung und Wortselektion, der darauffolgenden Phase der Silben- und Lautbildung und der abschließenden Phase der lautlichen Artikulation von Worten unterteilt. In allen Phasen kommt es zu einem Selbst-Monitoring, welches den Sprachproduktionsprozess steuert und Fehler korrigiert.
Die semantische Angemessenheit, d. h. die Bedeutung einer geplanten sprachlichen Aussage wird in der Phase der Konzeptualisierung und Wortselektion gebildet und in einer "konzeptionellen Rückkoppelungsschleife" geprüft. In der Phase der Silben- und Lautbildung wird die verbale Äußerung vorbereitet und in einer „inneren Rückkoppelungsschleife“ geprüft und während der artikulatorischen Phase, in welcher sich die sprechende Person selbst sprechen hört, erfolgt die Prüfung und Korrektur in einer „auditiven Rückkoppelungsschleife“. Da der sprechenden Person die auditive Schleife nur bei offener Sprache verfügbar ist, ist diese im Fall der Sprachlosigkeit nicht von Bedeutung.
Im Prozess der Sprachproduktion kann es sowohl in den einzelnen Phasen der Sprachproduktion als auch während der Beobachtung und Überprüfung des Sprachproduktionsprozesses zu Fehlern kommen.
Die Phänomenen der Sprachlosigkeit können während der Phasen der Sprachproduktion bis zur Phase der Artikulation und während des Monitorings dieser Sprachproduktionsphasen auftreten.
Bei sprachlosen Personen, die nicht sprechen können, kommt es in den Phasen zu Fehlern, die die Person zwar monitoren, aber nicht korrigieren kann.
Nicht-sprechende Personen, die auf Nachfrage berichten sprachlos zu sein, da sie nicht wussten, was sie hätten sagen können, weisen eine Sprachlosigkeit auf Ebene der Konzeptualisierung semantisch bedeutsamer Aussagen auf. Nicht-sprechende Personen, die auf Nachfrage berichten sprachlos zu sein, da sie nicht die richtigen Worte finden konnten, um das zu sagen, was sie sagen wollten, weisen eine Sprachlosigkeit auf Ebene der Wortselektion auf. Nicht-sprechende Personen, die auf Nachfrage berichten sprachlos zu sein, da sie zwar wussten, was sie sagen wollten, dies jedoch nicht aussprechen konnten, weisen eine Sprachlosigkeit auf Ebene der Lautbildung auf.
Bei Personen, die schweigen, ist der gesamt Prozess der Sprachproduktion unbeeinträchtigt, jedoch wird die mental vorliegende sprachliche Aussage nicht artikuliert. Die schweigende Person gibt auf Nachfrage an: "Ich wusste genau, was sich hätte sagen können, aber ich wollte es nicht sagen!" Hier kommt es in den Phasen der Sprachproduktion zu keinen Fehlern, jedoch wird der Übergang von der Lautbildung zur Lautartikulation durch die schweigende Person aktiv gehemmt.
Formen der Sprachlosigkeit Die Formen der Sprachlosigkeit in Gesprächssituationen lassen sich auf einem Kontinuum zwischen einer nicht absichtlich herbeigeführten und nicht willentlich kontrollierbaren (non-intentionalen) Sprachlosigkeit und einer beabsichtigten und willentlich kontrollierbaren (intentionalen) Sprachlosigkeit anordnen.
Auf der non-intentionalen Achse der Sprachlosigkeit lassen sich psychologische Formen wie die nicht-strategische Sprachlosigkeit nach Berger, die emotionale Sprachlosigkeit oder die Alexinomie, psychosomatische Formen wie die Alexithymie, psychopathologische Formen wie der selektive Mutismus die "traumabedingte Sprachlosigkeit" oder der "speechless terror"van der Kolk, B. A. (1996). The complexity of adaptation to trauma: Self-regulation, stimulus discrimination, and characterological development. In B. A. van der Kolk, A. C. McFarlane, & L. Weisaeth (Hrsg.): Traumatic stress: The effects of overwhelming experience on mind, body, and society (pp. 182–213). The Guilford Press., oder neurobiologisch bedingte Formen der Aphasien ansiedeln. Bis auf die nicht-strategische Sprachlosigkeit nach Berger lassen sich alle anderen Formen der non-intentionalen Sprachlosigkeit als Symptom einer psychischen, entwicklungsbedingten oder neurobiologischen Störung betrachten, sodass diese symptomatischen Formen nicht als Sprachlosigkeit im eigentlichen Sinne zu betrachten sind.
Auf der intentionalen Achse der Sprachlosigkeit lassen sich sozial-psychologische Formen, wie die strategische Sprachlosigkeit sowie das verbale, kommunikative oder konversationale Schweigen ansiedeln, zu denen auch Formen wie das eloquente SchweigenTanesini, Alessandra (2018). Eloquent Silences: Silence and Dissent. In Casey Rebecca Johnson (ed.), Voicing Dissent: The Ethics and Epistemology of Making Disagreement Public. New York: Routledge. pp. 109–128., das ostentative SchweigenSasamoto, Ryoko (2012) Silence in ostensive communication. In: Yoshimura, Akiko, Suga, Ayumi and Yamamoto, Naoko, (eds.) Observing Linguistic Phenomena. Eihosha, Tokyo, Japan, pp. 437–449., das onomatopoetische Schweigen, das metaphorische Schweigen, das mnemonische Schweigen, das rhetorische Schweigen oder das therapeutische Schweigen hinzugerechnet werden.
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