mini|Der Graben mit dem Leopoldsbrunnen im Vordergrund mini|Der Graben mit festlicher Advent-Beleuchtung mini|Der Graben bei Nacht Der Graben ist einer der bekanntesten Plätze im Zentrum der Wiener Innenstadt, des 1. Bezirks. Er zieht sich vom Stock-im-Eisen-Platz / Stephansplatz (mit dem Stephansdom) beim Beginn der Kärntner Straße aus und führt Richtung Nordwesten zur Querachse Kohlmarkt–Tuchlauben. Vom Graben, der als Fußgängerbereich gestaltet wurde, zweigen schmale historische Gassen ab. Er fungiert als luxuriöse Einkaufs- und Flaniermeile und bildet mit der Kärntner Straße und dem Kohlmarkt das „Goldene U“ des Wiener Handels.
Straßengeschichte Die Entstehung des Grabens mini|Der Graben um 1900 mini|Der Graben 1821 (Georg Christian Wilder) mini|Der Graben 1781 (Carl Schütz) mini|Der Graben vor 1609 (Jacob Hoefnagel) Der Graben geht schon auf das alte Römerlager Vindobona zurück, wo eine Mauer entlang des heutigen Straßenzugs und der heutigen Naglergasse die südwestliche Umwallung des Kastells bildete, wobei sich davor ein Graben befand. Auch vor der mittelalterlichen, zwei bis drei Meter dicken und sechs Meter hohen Burgmauer war dieser Graben noch immer vorhanden. Am Ende des 12. Jahrhunderts kam es zur babenbergischen Stadterweiterung, die durch das Lösegeld für Richard Löwenherz finanziert wurde. Dabei wurde der Graben – wahrscheinlich mit den Resten der Mauer – zugeschüttet und planiert. Der Graben wurde somit zu einem der ersten Straßenzüge in der Stadterweiterungszone. In diesem Bereich der Stadt waren noch größere unbebaute Gebiete vorhanden, was wohl dazu beigetragen hat, dass der Name Graben bis heute überlebt hat.
Der Graben im Mittelalter Die planmäßige Anlage der Stadterweiterung ist auch an den unterschiedlichen Bebauungen nördlich und südlich des Grabens zu erkennen. Die Bebauung an der Nordseite ist bis heute unregelmäßig und es gab nur einen einzigen schmalen Durchgang zur Peterskirche, das so genannte Jungferngässchen. Ein noch heute existierendes Wäschegeschäft Zur schwäbischen Jungfrau, dessen Namen auch auf die dort angesiedelten Schwaben hinweist, wurde bereits 1720 gegründet. Dagegen wurden im 13. Jahrhundert an der Südseite fünf Gassen regelmäßig angelegt, und zwar die Obere Bräunerstraße (heutige Habsburgergasse), die Untere Bräunerstraße (Bräunerstraße), die Färberstraße (Dorotheergasse), die Laderstraße (Spiegelgasse) und die Reifstraße (Seilergasse). Zwar war hier noch recht viel unverbaut, doch änderte sich das rasch.
Laut dem Historiker Karl Oettinger löste die Anlage des Grabens den Straßenzug Hoher Markt–Wipplingerstraße als Hauptverkehrsader ab. Die neue Verbindung führte angeblich von Am Hof über die Bognergasse und den Graben zum Stock-im-Eisen-Platz und bog dort in Richtung Stephansdom ein, um über die Rotenturmstraße die Wollzeile zu erreichen. Der Verkehr musste daher nicht mehr über den Hauptmarkt am Hohen Markt verlaufen. Da aber praktisch alle Wege in der Stadt ihr Ende fanden und es damals kaum einen Grund gab, in Richtung Schottentor zu fahren, ist diese Theorie umstritten.
Am Graben befanden sich damals hauptsächlich Holzhäuser, was am 23. März 1327 zu einer Katastrophe führte. Im Haus des Pfarrers von St. Stephan, Heinrich von Luzern in der Wallnerstraße brach ein Feuer aus, das in kurzer Zeit über den Kohlmarkt den ganzen Graben erfasste und das ganze Gebiet vernichtete. Bei den Rettungsarbeiten war auch König Friedrich der Schöne anwesend. Zwar zählte der Graben damals noch nicht zu einer bevorzugten Lage des Adels, doch wohnten dort offenbar schwäbische Geschlechter, die mit Rudolf I. nach Wien gekommen waren.
Das einzige Gebäude, das aus dieser Zeit bekannt ist, ist der Freisingerhof.
Um die Wende vom 13. ins 14. Jahrhundert wurde der Graben an beiden Enden mit Häusergruppen verbaut. Dadurch entstand am Nordwestende das Paternostergässchen, eine Verlängerung der Naglergasse und am Südostende die Grabengasse und das berüchtigte schmale Schlossergässchen, wo die Schlosser ihre Werkstätten einrichteten. Auch verwandte Handwerker, wie Schmiede, befanden sich dort. Die Enge des Schlossergässchen gab immer wieder Anlass zu Kritik als Verkehrshindernis. Der Graben wurde durch diese Anlage mehr als Platzanlage denn als Straße gesehen. Zu dieser Zeit galt er aber noch nicht als exklusive Adresse, insbesondere, weil in seinem Bereich die so genannte Mörung entsprang, ein offener Bach, der zur Abwasserentsorgung genutzt wurde und einen dementsprechenden Gestank verursachte. Mit der Zeit nahm die Ansiedlung verschiedener Honoratioren jedoch zu, anfänglich vor allem begüterte Bürger der Stadt.
Der Graben zur Barockzeit Obwohl die Struktur des Grabens mehr oder weniger gleich blieb, begann sich der Charakter zu wandeln. Geprägt wurde er vor allem durch den Arkadenhof, ein markantes Renaissancegebäude, das erst 1873 dem heutigen Grabenhof weichen musste. Der Graben wurde zum Schauplatz verschiedenster Festivitäten, darunter auch Erbhuldigungsfeiern. Dies veranlasste die ansässigen Hausbesitzer, ihre Gebäude umzubauen und die Fassaden mit reichem Dekor auszustatten. 1701 wurde die alte Peterskirche abgerissen und bis 1708 neu errichtet. mini|Aus dem Taschenbuch für Grabennymphen, 1787. Im Verlauf des 18. Jahrhunderts wurde die Marktnutzung zurückgedrängt, 1753 wurden die Grünwarenhändler entfernt und 1772 musste auch der Christkindlmarkt weichen. Der Graben wurde zum Hauptschauplatz des städtischen Lebens und zum bevorzugten Promenadeplatz. Dies beschränkte sich nicht nur auf den Adel, auch der Aufstieg der Unternehmer war zu erkennen, wobei das deutlichste Kennzeichen die Errichtung des Trattnerhofes durch den Buchdrucker Thomas Edler von Trattnern war. Allerdings tauchten auch Prostituierte, die berühmten Graben-Fräule bzw. Graben-Nymphen auf.
Die Regulierung des Grabens mini|links|Der Graben vor der Regulierung (schwarz) und heute (grün). mini|Blick auf den regulierten Graben, vom Stock-im-Eisen-Platz aus in Richtung Kohlmarkt, um 1890. mini|Das Elefantenhaus, bis 1866 der östliche Abschluss des Grabens; links davon die Schlossergasse, rechts die Grabengasse. Der Aufschwung des Grabens setzte sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts fort. Es siedelten sich immer mehr Luxusgeschäfte an, wobei die Läden mit künstlerisch wertvollen Schildern versehen waren. Durch diese Ansiedlungen und den zunehmenden Verkehr wurden die beiden Häuserblöcke an den Enden des Grabens immer mehr zu Hindernissen. Die Erste österreichische Spar-Casse ließ 1835 die Eckhäuser zu den Tuchlauben abreißen und bis 1838 ihr heute noch bestehendes Hauptgebäude errichten. 1840 wurden die Gebäude am Nordwestende des Grabens entfernt. Nach Felix Czeike wurde 1866 begonnen, die Häuser am östlichen Ende zwischen Grabengasse und Schlossergasse (beide aufgelassen) zu entfernen, wodurch der Graben nun direkt in den Stock-im-Eisen-Platz überging und über diesen der freie Blick auf den Stephansplatz möglich wurde. Im 19. Jahrhundert wurden fast alle alten Häuser am Graben, ausgenommen das Palais Bartolotti-Partenfeld, durch Neubauten ersetzt. Die Jungferngasse wurde verbreitert und damit ein offener Zugang zur Peterskirche geschaffen. Der Trattnerhof wurde 1911 durch einen zweiteiligen Neubau ersetzt, der mittig einen (nach dem Hof benannten) Durchgang zur Goldschmiedgasse erhielt.
Der Graben im 20. und 21. Jahrhundert mini|Der Graben ist Teil des Goldenen U. Der Graben war nun nicht nur ein Ort zum Luxuseinkaufsbummel und für Kaffeepausen, sondern auch stark befahrene Verkehrsfläche. Die Anfang des 20. Jahrhunderts noch eingesetzten Pferdeomnibusse wurden durch Linienautobusse ersetzt, für die der angrenzende Stephansplatz einen Verkehrsknotenpunkt bildete. Pferdefuhrwerke und Fiaker wurden in den 1910er und 1920er Jahren von Autos verdrängt, für die sukzessive immer mehr Platz benötigt wurde. Der Verkehr auf dem Stock-im-Eisen-Platz, Verbindung vom Graben zum Stephansplatz, wurde zuletzt von oben geregelt; die Kabine des Verkehrspolizisten befand sich auf einem hohen Ständer über dem Gewühl. Am 4. Dezember 1950 wurde hier die erste Neonbeleuchtung Wiens in Betrieb genommen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden diverse Vorschläge zur Ausgestaltung diskutiert, darunter zwei zur Überdachung des Grabens. Im Mai 1973 begannen, großteils in offener Bauweise, die Arbeiten an der U-Bahn-Station Stephansplatz, wodurch der Graben als Durchfahrt zu anderen Teilen der Altstadt ausfiel. Am 22. November 1971 wurde hier daher, vorerst versuchsweise, die erste Fußgängerzone Wiens eingerichtet. Im Zuge des U-Bahn-Baus wurde der Graben in mehreren Phasen umgebaut und die Fußgängerzone etappenweise erweitert. In diesem Zusammenhang wurden fünf Architekten beziehungsweise Architektenteams mit Vorschlägen zur Ausgestaltung beauftragt. Bei der Gestaltung der Fußgängerzone wurde der Niveauunterschied zwischen früheren Gehsteigen und Fahrbahnen größtenteils beseitigt.
Heute ist der Graben wieder eine der wichtigsten Promenade- und Geschäftsstraßen Wiens. Er wird von Touristen stark frequentiert und in der Sommersaison von Gastronomiebetrieben mit zahlreichen Schanigärten belegt. Gemeinsam mit Kohlmarkt und Kärntner Straße bildet der 200 Meter lange Graben das sogenannte „Goldene U“ an traditionsreichen Altstadt-Einkaufsstraßen, die über gehobenes Angebot verfügen und als Fußgängerzonen gestaltet sind.
Der Graben als Marktplatz Der Graben diente schon in frühester Zeit als Marktplatz. Schon 1295, also kurz nachdem der Graben selbst erstmals in Urkunden genannt wurde, wurde der Obsthandel erwähnt. Um 1320 begann der Handel mit Kraut, circa hundert Jahre später auch mit anderem Gemüse. Diese Produkte brachten dem Graben auch die Namen Grüner Markt und Kräutermarkt ein. Ab dem 14. Jahrhundert sind auch Mehl- und Brothändler überliefert. Die Bäcker selbst erhielten erst 1442 wieder die Erlaubnis, große Brote selbst zu backen. Am Graben entstanden so genannte Brotbänke, die die Bäcker mieten mussten. Im Paternostergässchen siedelten sich Paternosterer, also Erzeuger von Rosenkränzen an. ab 1424 sind in den Kammeramtsrechnungen auch Fleischbänke am Graben erwähnt, wobei es strenge Vorschriften über deren Öffnungszeiten gab. Wegen der Geruchsbelästigung sollten nach einem Erlass von Ferdinand I. 1564 die Fleischbänke verlegt werden, doch geschah das nicht vollständig. Im 18. Jahrhundert verlagerte sich die Geschäftstätigkeit immer mehr in die angrenzenden Häuser und 1753 wurde als letzter Markt der Gemüsemarkt aufgelöst.
Der Graben als Festplatz mini|Konzert der Polizei am Graben. Wegen seiner Lage und seiner Größe eignete sich der Graben besonders für Festumzüge. Seit 1438 sind Fronleichnamsprozessionen bekannt, gegeben dürfte es sie aber schon früher haben. Mit Aufkommen des Protestantismus spielten sie eine ganz besonders wichtige Rolle zur Demonstration des katholischen Glaubens. Zur Zeit von Kaiser Karl VI. fand täglich eine Messe bei der Pestsäule statt. Im 18. Jahrhundert fand fast wöchentlich eine Prozession statt, doch wurde dies von Maria Theresia eingeschränkt, und Joseph II. ließ überhaupt nur mehr die Fronleichnamsprozession übrig.
Der Graben diente aber auch als Platz für Triumphzüge, insbesondere beim Einzug der Erzherzöge und Kaiser. Nachweislich ab 1620 war er immer wieder Schauplatz der Erbhuldigungsfeiern, bei denen die Stände dem Landesherren die Reverenz erwiesen, das erste bekannte Mal bei Ferdinand II.
Gebäude Freisingerhof und Trattnerhof