Genia Nobel (Eugenia Schmerling, auch als Eugenie Schmerling und Eugenie Nobel bekannt, geboren am 13. Dezember 1912 in Moskau; gestorben am 7. August 1999 in Berlin) war eine deutsche jüdische Widerstandskämpferin und Kommunistin. Nach Verbüßung einer Zuchthausstrafe wegen ihrer antifaschistischen Aktivitäten floh sie nach Shanghai und arbeitete dort für den sowjetischen Rundfunksender TASS. Später war sie in der DDR eine wichtige Redakteurin für internationale Themen und erhielt den Orden Stern der Völkerfreundschaft.

Leben in Deutschland Genia Nobel, geborene Schmerling, wurde 1912 in Moskau als Kind einer wohlhabenden russisch-jüdischen Familie geboren. Ihr älterer Bruder war Grigory Schmerling (geb. 14. November 1909 in Moskau, gest. 1997 in Croydon). Ihr Vater Boris Berka Schmerling (geb. 16. Juni 1879, gest. 1956 Streatham) war Chemiker. Über ihre Mutter Rosa, geborene Ponosowsky (geb. 6. August 1880, gest. 4. Oktober 1920 Neuilly-sur-Seine), ist kaum etwas bekannt. Nach der Oktoberrevolution 1917 musste die Familie Moskau verlassen und floh, nach einer kurzen Übergangszeit in der Türkei, weiter nach Paris, wo Genia ab 1918 die Grundschule besuchte. 1920 starb Genias Mutter. 1923 siedelte ihr Vater mit Genia und ihrem älteren Bruder Georg nach Berlin um. Genia besuchte ein konservatives Mädchengymnasium, ihr Freundeskreis bestand jedoch aus sozialistischen, anarchistischen und kommunistischen jungen Menschen. Sie selbst engagierte sich in einer sozialistischen Schülergruppe. alt=historisches Plakat mit obiger Aufschrift|mini|KPD-Plakat „Keine Stimmen den bürgerlichen Parteien und den Sozialdemokraten“ von 1928 Im Alter von 19 Jahren trat sie in die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) ein. 1931 begann sie ihr Studium in Rechtswissenschaften und Volkswirtschaft an der Berliner Universität. Dort lernte sie ihren späteren Ehemann Günter Nobel kennen, der ebenfalls jüdischer Herkunft war und ähnliche politische Ansichten vertrat. Enttäuscht von der Politik der SPD, die in ihren Augen zu zahm war, traten beide 1932 in die radikalere Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands (SAP) und kurz darauf in die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) ein, die bis dahin noch legal war. Als die NSDAP und mit ihr der Antisemitismus an die Macht kamen, mussten beide 1933 das Studium abbrechen, nicht zuletzt, weil sie wegen ihrer jüdischen Herkunft von nationalsozialistischen Kommilitonen drangsaliert und bedroht wurden. Genia nahm eine Arbeit als Sekretärin auf, um den Lebensunterhalt zu sichern. Im Gegensatz zu Günters Brüdern, die das Land im selben Jahr verließen, beschloss Genia, gemeinsam mit Günter in Deutschland zu bleiben und in den Widerstand zu gehen. Für die seit 1933 von der NSDAP verbotene KPD in Berlin-Charlottenburg produzierte Genia in ihrer Wohnung die illegale KPD-Zeitung Die Rote Fahne und verbreitete sie über Kontaktpersonen in Betrieben.

Verhaftung und Zuchthaus Im Februar 1934 wurde Genia Schmerling zum ersten Mal von der Gestapo verhaftet, weil ein Untermieter sie wegen des Besitzes des sogenannten Braunbuchs, das nationalsozialistische Verbrechen auflistete, denunziert hatte. Sie schaffte es, das verbotene Buch rechtzeitig aus dem Fenster zu werfen, und wurde nach drei Wochen mangels Beweisen freigelassen. Ihr besorgter Vater stellte seine Tochter ab sofort unter Hausarrest. Um dem zu entkommen, heiratete sie noch im selben Jahr ihren Freund Günter Nobel. Sie lehnte eine Hochzeit nach jüdischem Ritus ab, obwohl Günters Eltern sie dazu drängten.Sarah Kirsch, S. 11.

alt=Tafeln mit Außen- und Innenansicht des Gefängnisses, einer Zeichnung von gefangenen Frauen beim Hofgang und einem erläuternden Text|mini|Eine Gedenktafel erinnert an das Frauengefängnis Barnimstraße 10

Zwei Jahre später, am 28. Juli 1936, wurden Genia und Günter Nobel in ihrer Wohnung in Berlin-Wilmersdorf von der Gestapo erneut verhaftet. Zwei festgenommene Untergrundkuriere hatten die KPD-Tätigkeit des Paares an die Gestapo verraten. Die Zeit der Untersuchungshaft bis zum Dezember 1937 verbrachte Genia im Frauengefängnis Barnimstraße, wo sie Kontakt zu anderen politischen Gefangenen aufnahm. Es gelang ihr, Papier ins Gefängnis einzuschmuggeln und einen Aufruf zum Widerstand unter den Gefangenen zu verbreiten. Unter der Anklage „Vorbereitung zum Hochverrat“ verurteilte das Kammergericht Berlin-Moabit Genia und Günter Nobel zu einer Zuchthausstrafe von drei Jahren. Genia wurde in der Frauen-Strafanstalt Lübeck-Lauerhof inhaftiert und 1938 in das berüchtigte Frauenzuchthaus Jauer in Niederschlesien überstellt. Während der Haftzeit 1936–1939 schrieben sich Genia und Günter Nobel 49 Briefe. Ihre Korrespondenz aus dem Zuchthausalltag ist erhalten geblieben und in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand veröffentlicht.

Im Shanghaier Ghetto mini|Shanghaier Ghetto (1943) Nach Verbüßung ihrer Zuchthausstrafe wurden Genia und Günter Nobel 1939 unter der Auflage freigelassen, Deutschland unverzüglich zu verlassen.Sarah Kirsch, S. 13–14. Mit ihren geringen Ersparnissen flohen sie nach Shanghai in China.Sarah Kirsch, S. 15. In der offenen Freihafenstadt herrschte kein Visumszwang, daher war sie der letztmögliche Zufluchtsort für Flüchtlinge ohne Geld und ohne internationale Beziehungen.Michael Robert Marrus: The Unwanted: European Refugees in the Twentieth Century. New York: Oxford University Press 1985, 180.Jonathan Spence: The Search for Modern China. Norton, New York 1990, S. 160–163. Das Ehepaar Nobel gehörte zu insgesamt 20.000 jüdischen Menschen, die in den 1930er Jahren nach Shanghai flohen. Das Paar lebte in Hongkou, einem armen Viertel im Osten Shanghais, das durch japanische Angriffe im Zweiten Japanisch-Chinesischen Krieg stark zerstört worden war. Infolge der Japanischen Invasion war die Stadt zudem überfüllt von Millionen geflüchteter Chinesen.Diana Lary: The Chinese People at War: Human Suffering and Social Transformation, 1937–1945. Cambridge University Press, New York 2010, S. 24–29, 46. mini|alt=Bild des Reisepasses wie beschrieben|Reisepass einer Deutschen (Ruth Callmann), ausgestellt in Berlin am 27. März 1939 (der rote Stempel bedeutet „jüdisch“) Wie die meisten Flüchtlinge waren Genia und Günter Nobel arm. Sie litten unter gesundheitlichen Problemen im subtropischen Klima und unter den Lebensbedingungen in Shanghai.Eugenia Nobel und Günter Nobel: Als politische Emigranten in Shangha, in: Beiträge zur Geschichte der Arbeiterbewegung, Nr. 6 (1979), S. 886. Genia Nobel beschrieb später die Wohnverhältnisse als beengt und überfüllt, die Versorgung als knapp und die sanitären Bedingungen als katastrophal. Zudem forderten Epidemien wie Typhus, Ruhr, Tuberkulose und Meningitis unter der hungernden Bevölkerung zahlreiche Opfer.Rana Mitter: Forgotten Ally: China's World War II, 1937–1945. Houghton Mifflin Harcourt, Boston 2013, S. 92–102. Trotz allem war das Shanghaier Ghetto nicht mit den nationalsozialistischen Ghettos in Europa während des Zweiten Weltkriegs vergleichbar. Die Flüchtlinge konnten Passierscheine bekommen und einer Arbeit nachgehen. Auch Chinesen lebten im Ghetto und diesen chinesischen Kriegsflüchtlingen ging es noch schlechter als den europäischen. Sie lebten zusammengepfercht in provisorischen Unterkünften oder auf der Straße, oft ohne ausreichende Nahrung und Wasser.David Kranzler: Japanese, Nazis & Jews: The History of the Jewish Refugee Community of Shanghai, 1938–1945. Bernard Revel Graduate School, Yeshiva University, New York 1971, 315–91.Marcia Ristaino: Port of Last Resort: The Diaspora Communities of Shanghai. Stanford University Press, Stanford 2001, S. 196.

Genia Nobel arbeitete in Shanghai zunächst als Übersetzerin und Sekretärin für verschiedene Arbeitgeber, darunter die US-Armee. Günter Nobel war ebenfalls für die US-Armee als Mechaniker für Fahrzeugwartung tätig.

Als der NS-Staat im November 1941 emigrierten Juden die deutsche Staatsangehörigkeit entzog, wurden die jüdischen Flüchtlinge in Shanghai staatenlos. Die Japaner lieferten die Staatenlosen zwar nicht an die deutsche Regierung aus, doch sie verhängten harte und willkürliche Bedingungen für den Zutritt oder das Verlassen des Ghettos für Jüdinnen und Juden, während nicht-jüdische Deutsche sich weiterhin frei bewegen konnten.Eugenia Nobel und Günter Nobel: Als politische Emigranten in Shanghai, S. 889.Marcia Reynders Ristaino: Port of Last Resort. The Diaspora Communities of Shanghai. Stanford University Press 2002, S. 190 Auch das Ehepaar Nobel wurde Ende 1943 in das von Japan verwaltete Ghetto für „Staatenlose“ umgesiedelt.Eugenia Nobel und Günter Nobel: Als politische Emigranten in Shanghai, S. 889.

Politische Arbeit und die TASS mini|alt=Sie Gedenkskulptur besteht aus den Bildern von sechs Menschen: einem gläubigen Juden, einer älteren jüdischen Frau, einem Mann mittleren Alters, einem Kind und einem Jugendlichen, die jeweils den Glauben, das Leid und die Liebe, die Festigkeit und die Zukunft, den Glanz und die Hoffnung sowie die sechs Millionen ermordeten Juden darstellen.|Gedenkskulptur beim Jüdischen Flüchtlingsmuseum in Shanghai Kurz nach ihrer Ankunft in Shanghai schlossen sich Genia und Günter Nobel einer kommunistischen Gruppe an, die von Johannes König, dem späteren Botschafter der DDR in der Volksrepublik (VR) China, geleitet wurde. Die Gruppe hatte keinen Kontakt zur KPD-Führung, wurde jedoch von der Partei rückwirkend anerkannt. Für eine spätere politische Karriere in der sowjetisch besetzten Zone war eine ununterbrochene Parteimitgliedschaft und die Kenntnis der sowjetischen Ideologie unerlässlich.Eugenia Nobel und Günter Nobel: Als politische Emigranten in Shanghai, S. 891.Henry Krisch: German Politics under Soviet Occupation. Columbia University Press, New York 1974, S. 22 und S. 52–55.

Zwischen 1941 und 1947 gehörte Genia Nobel zu den KPD-Mitgliedern, die das deutschsprachige Programm für den von der sowjetischen Nachrichtenagentur TASS betriebenen Kurzwellenradiosender XRVN gestalteten. Bis 1944 sendete der Sender Nachrichten und antifaschistische Propaganda.Georg Armbrüster, Michael Kohlstruck und Sonja Mühlberger: Exil Shanghai: Facetten eines Themas. In: Exil Shanghai 1938–1947: jüdisches Leben in der Emigration, Hentrich & Hentrich, Teetz 2000, S. 16. Nobel erstellte täglich eine 15-minütige Nachrichtensendung, die sie redigierte und übersetzte.Eugenia Nobel and Günter Nobel: Als politische Emigranten in Shanghai, S. 887. 1943 gehörte XRVN zu den ersten Sendern in Shanghai, die über den Sturz Mussolinis berichteten.Astrid Freyeisen: Shanghai und die Politik des Dritten Reiches, Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2000, S. 431.

Da die meisten Geflüchteten in Shanghai keine Kommunisten waren, entfremdete ihre politische Arbeit das Ehepaar von der jüdischen Gemeinschaft und sie lebten eher isoliert. Zudem galt ihre kommunistische Gruppe während der Zeit der chinesischen Nationalisten wie später bei den Japanern als illegal.Eugenia Nobel und Günter Nobel: Als politische Emigranten in Shanghai, S. 882. Die Sowjets konnten den TASS-Sender nur so lange betreiben, bis die Japaner seine Arbeit einschränkten und ihn 1944 ganz abschalteten.Eugenia Nobel und Günter Nobel: Als politische Emigranten in Shanghai, S. 887.

Repatriierung nach Kriegsende mini|alt=Zahlreiche Menschen mit Gepäck verlassen ein mehrstöckiges weißes Schiff|Jüdische österreichische Flüchtlinge bei der Ankunft in Shanghai mit dem italienischen Schiff Conte Verde (1938) Mit der Kapitulation Japans im Jahr 1945 wurde das Shanghaier Ghetto von den amerikanischen Streitkräften befreit. Die materiellen Bedingungen verbesserten sich, es gab mehr Arbeitsmöglichkeiten und für die KPD-Gruppe wurden die Treffen leichter.Eugenia Nobel und Günter Nobel: Als politische Emigranten in Shanghai, S. 890. Doch die staatenlosen Flüchtlinge in Shanghai waren mit dem Dilemma konfrontiert, China ohne Pass nicht mehr verlassen zu können.