mini|Beate Hahn, in den 1920er Jahren Beate Hahn (auch Charlotte Beate oder Lotte Beate Hahn) war eine deutsch-amerikanische Gartenpädagogin. Sie wurde am 21. April 1894 in Berlin-Zehlendorf als Sophie Charlotte Beate Jastrow geboren und starb am 3. Juni 1970 in Ossining, nördlich von Tarrytown, Westchester County, US-Bundesstaat New York.

Kindheit und Jugend in Berlin Beate Hahn war die Tochter des Historikers und Sozialpolitikers Ignaz Jastrow und der Lehrerin Anna Seligmann Jastrow (1858–1943). Zusammen mit ihrer älteren Schwester, der späteren Archäologin Elisabeth Jastrow, wuchs sie im wilhelminischen Berlin als Tochter einer bildungsbürgerlichen Familie assimilierter Juden auf, was den Schwestern eine entsprechende Schulbildung ermöglichte.Julia K. Koch: Unpubliziert und vergessen – die Forschungen der Elisabeth Jastrow. In: AktArcha – Akteurinnen archäologischer Forschung und ihre Geschichte(n). 2024. (online, abgerufen am 3. Januar 2025.) Nach Hahns eigenem Bekunden war sie – kaum zweijährig – völlig fasziniert, als sie eines Tages im elterlichen Garten gelbe und lila Krokusse entdeckte.Monique Humbert: Beate Hahn – Ein Leben für Gärten. Ausschnitt eines undatierten Artikels in der Weltwoche, Zürich ca. 1959, im Nachlass von Beate Hahn. Die Sehnsucht nach einem Garten, den sie zuletzt im Alter von fünf Jahren gesehen hatte, wurde später zur Triebfeder ihres Bemühens, möglichst vielen Kindern dieses Erleben in einem Garten zu vermitteln.Beate Hahn: Vorrede in Kindergarten – Ein Garten der Kinder, 1936. „Mit acht Jahren hatte ich mich entschieden, Gärtnerin zu werden. Ich habe meine Meinung dazu nie geändert und meine Entscheidung niemals bereut.“Beate Hahn in ihrem 1969 oder 1970 selbst verfassten maschinenschriftlichen Lebenslauf. Original im Archiv der Deutschen Gartenbaubibliothek e.V., das der Universitätsbibliothek der Technischen Universität Berlin angegliedert ist. Ihre Eltern pachteten für sie ein eigenes Feld am Spandauer Berg, auf dem sie gärtnern konnte. Mit zwölf Jahren begegnete sie zum ersten Mal Karl Foerster, als sie bei ihm Maiglöckchen kaufte. Dieser Kontakt entwickelte sich zu einer lebenslangen Freundschaft. Hahn erhielt bei Privatlehrern Unterricht in Latein, Französisch und Englisch. Im Alter von 15 Jahren legte sie gemeinsam mit Kindern eines Jugendheims einen Garten an. Nach ihrem Abitur besuchte sie von 1913 bis 1915 die Obst- und Gartenbauschule für Frauen gehobener Stände in Marienfelde. Anschließend nahm sie eine Anstellung auf dem Rittergut Friedenthal bei Hildburghausen in Thüringen an. In dieser Zeit begann sie Artikel über Gartenbau zu schreiben und verfasste ihr erstes Buch Hurra, wir säen und ernten! das jedoch erst 1935 veröffentlicht wurde. 1917 wechselte sie die Anstellung und übernahm die Vertretung der Gutsgärtnerin in Hirschfelde mit einer üppigen Park- und Gartenanlage. Nach dieser zeitlich begrenzten Vertretung ging Hahn zurück zu ihren Eltern und betreute einige Privatgärten.Beate Hahn: selbst verfasster Lebenslauf. Original im Archiv der Deutschen Gartenbaubibliothek e.V. Als Hahn 22 war, lehnte sie mehrfach das Angebot der Eigentümerin des Hauses Bergstraße 2 in Berlin-Wannsee, Charlotte Hahn, ab, für sie als Obergärtnerin zu arbeiten. Schließlich schlug die Dame vor, selbst bei Hahn Unterricht zu nehmen. Doch Beate Hahn erwiderte, dass sie nicht die Absicht habe, Damen der Berliner Gesellschaft zu unterrichten. Auf die Frage, warum sie denn nicht bei ihr eintreten wolle, meinte die Gärtnerin: „Weil mir Ihr Betrieb nicht gefällt.“ Als die Dame weiterfragte „Und wie muss ein Betrieb aussehen, der Ihnen gefällt, Beate?“, antwortete diese: „Er muss eine glückliche Harmonie zeigen zwischen Obst, Gemüse und Leben im Garten.“ – „Dann werde ich eben meinen Garten Ihren Wünschen entsprechend umstellen“ antwortete die Dame und tat es, vielleicht auch ein wenig der zukünftigen Schwiegertochter zuliebe.Die Dame war Charlotte Hahn, geb. Landau (1865–1934); Wiedergabe des Gesprächs nach Monique Humbert: Beate Hahn – Ein Leben für Gärten. Die von der jungen Gärtnerin angesprochene „glückliche Harmonie zwischen Obst, Gemüse und Leben im Garten“ könnte ein versteckter Hinweis auf ein frühes Interesse an der Anthroposophie Rudolf Steiners sein.

Heirat und eigene Familie Beate Jastrow heiratete am 11. September 1920 auf der Berliner Pfaueninsel Ingenieur Franz Hahn (1891–1933), den zweiten Sohn des Berliner Industriellenehepaars Oskar Hahn (1860–1907) und Charlotte Hahn geb. Landau, (1865–1934). Das junge Paar studierte ein Semester Ökonomie an der Technischen Hochschule in Aachen. Danach arbeitete Franz zunächst in den Werken Oberhausen, Mülheim und Großenbaum der Familienfirma (Hahnsche Werke AG). Aus der Ehe von Franz und Beate Hahn gingen drei Töchter hervor:

Anna Elisabeth Cornelia Miriam Hahn (1921 Mülheim/Ruhr – 2021 Vancouver, Kanada) Marianne Dorothea Bettina Hahn (1923 Düsseldorf – 1939 Altefeld, Werra-Meißner-Kreis) Charlotte Anna Eveline Hahn (1926 Düsseldorf – 2011 Ossining, Westchester Co. N.Y.)

Während der Angermunder Jahre wurden die Töchter, insbesondere Marianne, die mit einer Behinderung geboren worden war, von Angelika Schweizer (1900–1976) betreut. die der Familie Hahn ihr ganzes Leben lang freundschaftlich verbunden blieb.

Leben in Angermund Von Ende 1922 bis Ende 1927 lebten Franz und Beate Hahn in Angermund. Während dieser Zeit brachte Beate Hahn die Töchter Marianne (* 1923) und Charlotte (* 1926) in Düsseldorfer Kliniken zur Welt. Marianne war wegen eines Geburtsfehlers geistig und körperlich behindert.University of Southern California Shoah Foundation Institute Testimony of Charlotte Hahn Arner, Interview 4/9/1996, 5 Tapes, Interview Length 2:22:12 An der Adresse „Angermund 105 1/4“ bewohnte die Familie Hahn ein Landhaus mit sechs Zimmern, drei Mansarden und einer Warmwasser-Zentralheizung. Dazu gehörte ein knapp 3.000 m² großer Garten sowie ein ca. 10.000 m² großer Obstgarten,Christian F. Seidler: Die französische Besetzung der Bürgermeisterei Angermund im Jahr 1923. den Beate Hahn selbst bewirtschaftete. Tochter Cornelia erinnerte sich noch 2008 an den Umzug nach Angermund: Die Hahns waren nach Angermund gekommen, weil Franz in den Hahnschen Werken im nahen Großenbaum arbeitete. Dort legte Beate Hahn 1923 für die Arbeiterkinder einen Jugendgarten an, in dem diese viermal in der Woche praktischen und theoretischen Gartenunterricht erhielten. Außerdem wurde für das Stahlwerk ein Gärtnereigebäude mit einem Informationsraum und einer Bibliothek errichtet. Die Gärtnerei zog Gemüse für die Werkskantine und das Hotel des Werks. Sie betreute unter der Leitung eines Obergärtners auch die Gärten der Direktoren und Arbeiter. Beate Hahn beschrieb unter dem Titel Dem Gefährten – Dezember 1930 die Situation in Angermund während der Ruhrbesetzung durch französisch-belgische Truppen (1923–1925). Der expressionistisch-abstrakt anmutende Text umfasst 16 handgeschriebene Seiten und ist unvollendet,Beate Hahn: Dem Gefährten – Dezember 1930. Original im Archiv der Deutschen Gartenbaubibliothek e.V. Er ist die einzig bekannte Schilderung der Geschehnisse in Angermund während der Besetzung und deshalb für die Ortsgeschichte von herausragender Bedeutung.Christian F. Seidler: Die französische Besetzung der Bürgermeisterei Angermund im Jahr 1923. Zugleich wird darin auch Hahns Neigung zu eigenem kreativen Scheiben erkennbar.

Rückkehr nach Berlin Ende 1927 zogen Franz und Beate Hahn zurück nach Berlin. Sie wohnten in einer großen Villa mit der Adresse Bernhard-Beyer-Straße 3 in Steinstücken, einer Ortslage, die zur Gemeinde Neubabelsberg gehörte.Neubabelsberg war eine im Kaiserreich auf dem Gebiet der Gemeinde Klein Glienicke im Kreis Teltow entstandene Villenkolonie, die 1925 in Neubabelsberg umbenannt und 1939 nach Potsdam eingemeindet wurde. Deshalb befinden sich die aus dem Dritten Reich überlieferten Akten zum Besitz der Familie Hahn auch im Bestand des Brandenburgischen Landeshauptarchivs in Potsdam. Heute gehört Steinstücken zum Ortsteil Berlin-Wannsee im Bezirk Steglitz-Zehlendorf und ist fast vollständig vom Gebiet Potsdams umschlossen. Die Töchter wurden weiterhin von Angelika Schweizer betreut, bis Marianne nicht mehr zu Hause versorgt werden konnte und 1928 in einer Behinderteneinrichtung untergebracht werden musste. – Eine herzzerreißende Situation für Eltern und Geschwister. Fast siebzig Jahre später erzählte Charlotte mit mühsam beherrschter Stimme: „Obwohl ich erst zwei Jahre alt war, wusste ich, dass Marianne krank war, aber sie war meine Schwester! – Ich habe sie nie wiedergesehen.“Diese Aussage wird durch eine Postkarte bestätigt, die die ehemalige Kinderfrau Angelika Schweizer zu Weihnachten 1930 an die Schwestern Nele und Charlottchen Hahn von Ulm nach Neubabelsberg schickte. Original im Besitz der Familie Beate Jastrow Hahn. Franz Hahn ging 1928 für ein Jahr in die USA, wo er bei Lilian Gilbreth deren Erkenntnisse zur Analyse und Optimierung von Arbeitsabläufen studierte. Nach seiner Rückkehr war Franz Hahn als beratender Ingenieur mit eigenem Büro in Berlin sehr erfolgreich für Firmen im In- und Ausland tätig. Von einer Reise nach Rumänien brachte er Anfang der 1930er Jahre für jede seiner Töchter eine handbestickte Trachtenbluse mit. Vielleicht ist das ein Hinweis, dass die Eltern Marianne mehr oder wenig regelmäßig besuchten, aber nur Cornelia und Charlotte wurden im Sommer 1932 in diesen Blusen porträtiert. Sabine Lepsius malte sie in Steinstücken vor dem Hintergrund des Kakteenfensters im Wintergarten. Das Gemälde und die drei Originalblusen befinden sich seit 1997 bzw. 2020 im Jüdischen Museum Berlin.Jüdisches Museum Berlin: Das Museum ist ein Gedächtnisspeicher – Bestickte Trachtenblusen, zuletzt abgerufen am 13. Januar 2025. Nachdem Franz Hahn im Januar 1933 bei einem Ski-Unfall in den Schweizer Alpen ums Leben gekommen war, erbten Beate Hahn und die Töchter sein Vermögen, so dass sie im gewohnten Wohlstand (mit Villa, Koch, Dienern, Auto und Fahrer) weiterleben konnten. Schon um 1930 hatte Beate Hahn wieder mit dem Schreiben und der gärtnerischen Erziehung von Kindern begonnen. Sie veröffentlichte Bücher und entwickelte Spiele, mit denen sie Kinder und Erwachsene für das Thema Gartenbau begeisterte. Doch 1935/36 wurden ihr wegen ihrer jüdischen Herkunft von den Nationalsozialisten weitere Veröffentlichungen verboten. Trotzdem glaubte Beate Hahn zunächst noch, als getaufte Jüdin und Witwe eines Frontkämpfers des Ersten Weltkriegs keine ernsteren Repressalien befürchten zu müssen.

Flucht vor dem Nationalsozialismus