mini|Carry Brachvogel, Aufnahme von Theodor Hilsdorf Karoline „Carry“ Brachvogel, geborene Karoline Hellmann (geboren am 16. Juni 1864 in München; gestorben am 20. November 1942 im KZ Theresienstadt), war eine deutsche Schriftstellerin.

Leben Karoline Brachvogel war die Tochter des wohlhabenden Münchner Kaufmanns Heinrich Hellmann (1819–1880) und seiner Ehefrau Zerlinda (oder Zerline) Karl (1838–1923). Die Familie wohnte zunächst in der Residenzstraße, später in der Brienner Straße. Zusammen mit ihrem Bruder Siegmund Hellmann (1872–1942) wuchs Karoline, genannt Carry, im Umfeld eines liberalen, kulturell interessierten Judentums auf.

Nach eigenen Angaben interessierte sie sich bereits als Kind für Literatur und Kunst sowie für das literarische Schreiben. Nach Richardsen besuchte sie zur Ausbildung ein „Institut“,Richardsen, S. 122. wobei die Historikerin Ritter eine private Höhere Töchterschule vermutet.

Im Jahr 1887 heiratete sie den römisch-katholischen Journalisten Wolfgang Brachvogel (1854–1892), damals Redakteur der Münchner Neuesten Nachrichten, ohne selbst zum Christentum zu konvertieren. Dies war ungewöhnlich, da ihr Ehemann weniger vermögend und katholisch war. Die Historikerin Judith Ritter vermutet eine Heirat aus Zuneigung statt aus Standesgründen. 1888 wurde ihre Tochter Feodora geboren, die religionslos aufwuchs, und ein Jahr später ihr Sohn Heinz-Udo (1889–1934), der getauft wurde. Ihren Sohn schickte sie aufs Gymnasium und ihre Tochter auf eine wirtschaftliche Frauenschule, wodurch sie später einen Beruf ausüben konnte.

Anfänge als Schriftstellerin mini|Brachvogels Wohngegend ab 1894 am Siegestor 1892 kam Brachvogels Mann durch einen Schwimmunfall zu Tode. Die junge Witwe und alleinerziehende Mutter lehnte es ab, eine Versorgungsehe einzugehen, und zog es vor unabhängig zu bleiben.Michaela Metz: Wie eine Lilie auf dem Feld. Carry Brachvogels Debütroman aus dem Jahr 1895 über ein Münchner Frauenschicksal ist wieder da. In: Süddeutsche Zeitung, 10. Juni 2014, S. 14. 1894 zog sie von der Brienner Straße zu ihrer Mutter in das Gebäude neben dem Siegestor mit der damaligen Adresse Ludwigstraße 17b, das heute die Hausnummer 33 trägt und das Institut für Statistik der Ludwig-Maximilians-Universität beherbergt.

Sie verfasste das Schauspiel Vergangenheit, das 1894 in Frankfurt am Main und München aufgeführt wurde.Nach Angaben im Lexikon deutscher Frauen der Feder von 1898 schrieb Brachvogel diese ersten Werke bereits vor dem Tod ihres Mannes. Auch seien in dieser Zeit bereits Essays und Zeitungsartikel entstanden. Ihr Debütroman Alltagsmenschen konnte durch Vermittlung Ernst von Wolzogens beim renommierten S. Fischer Verlag erscheinen. Im Buch prangert sie satirisch ein veraltetes Rollenbild an. Als die Veröffentlichung des byzantinischen Romans Der Nachfolger vom Verlag abgelehnt wurde, nahm sie das Angebot der Wiener Zeit an, Feuilletons zu verfassen. Das tat sie mit einigem Erfolg und konnte bald als Feuilletonistin nach München zurückkehren. Ihre zweite Veröffentlichung Der Erntetag und Anderes. Novellen widmete sie 1897 Marie Haushofer, mit deren Stiefmutter Emma Haushofer-Merk Brachvogel befreundet war. In den folgenden Jahren veröffentlichte sie zahlreiche Romane sowie Novellen, Jugendbücher und Biografien, hauptsächlich historisch bedeutender Frauen. Diese brachte sie zumeist in kleineren Verlagen wie Flemming, Wigand, Rothbarth, Engelhorn Verlag und Hermann Hillger Verlag. Nach der Historikerin Ritter konnte Brachvogel von ihrer Arbeit nach einigen Jahren gut leben und sich sogar einen gewissen Luxus leisten. So geht aus ihren Werken hervor, dass sie nicht nur Bayern, sondern auch nach London, Berlin, Wien, Norditalien oder Sizilien reiste.

Teil der Frauenbewegung Seit 1903 war Brachvogel Mitglied im „Verein für Fraueninteressen“. Der 1894 von Ika Freudenberg unter dem Namen „Gesellschaft zur Förderung der geistigen Interessen der Frau“ gegründete Verein gehörte zur bürgerlichen Frauenbewegung, die Distanz hielt zu radikaleren Positionen, wie sie etwa von Anita Augspurg vertreten wurden. Zu den männlichen Mitgliedern des Vereins zählten auch Rainer Maria Rilke und Ernst von Wolzogen. 1911 hielt Brachvogel dort den Vortrag Hebbel und die moderne Frau, der 1912 veröffentlicht wurde.Verein für Fraueninteressen e. V.: Jahresbericht 1913, München, S. 9; zitiert nach Ingvild Richardsen: Nachwort zu Carry Brachvogels ‚Alltagsmenschen‘. In: Carry Brachvogel: Alltagsmenschen. Roman. Allitera Verlag, München 2013, ISBN 978-3-86906-538-0, S. 155–175; 170 Darin stellte sie das Frauenbild der deutschen Klassik dem neuen Typus der selbstbestimmten Frau gegenüber. Nach dem Tod von Ika Freudenberg übernahm Luise Kiesselbach 1912 die Leitung des Vereins. 1913 wurde Brachvogel in den Vorstand gewählt. In ihrem Roman Die große Pagode hatte Brachvogel die elenden Arbeitsbedingungen der Bühnenschauspielerinnen thematisiert. Um deren Situation zu verbessern, gründete sie eine „Kommission für Bühnenangelegenheiten“ im Verein für Fraueninteressen.

Auch die Lage der traditionell schlecht bis gar nicht bezahlten schreibenden Frauen sollte durch gegenseitige solidarische Unterstützung verbessert werden. Im Jahr 1913 gründete Brachvogel zusammen mit Emma Haushofer-Merk (1854–1925) den Münchner Schriftstellerinnen-Verein. Sein Ziel war es, gegen „gewissenlose Verleger“ eine angemessene Bezahlung schreibender Frauen durchzusetzen. Im Gründungsjahr hatte der Verein bereits 70 Mitglieder, zu denen etwa die prominenten Schriftstellerinnen Ricarda Huch, Annette Kolb oder Frieda Port gehörten. Brachvogel war eng mit dem Verein verbunden, der an ihrer Adresse gemeldet war und über Brachvogels Telefonnummer erreichbar war. Nach dem Tod von Haushofer-Merk übernahm sie 1925 den alleinigen Vorsitz In der schwierigen wirtschaftlichen Situation der 1920er Jahre organisierte sie mit dem Verein 1927 einen Hilfsfonds für bedürftige Mitglieder. Sie lehnte mehrfach Anfragen ab, bei denen die Mitglieder für andere Verbände kostenfreie Beiträge hätten schreiben sollen.

Der literarische Salon in Brachvogels Wohnung war in den 1920er Jahren ein Zentrum des kulturellen Lebens der Stadt. Zu Gast waren etwa Brachvogels Förderer Ernst von Wolzogen und die Schriftsteller Max Haushofer Jr., Oskar Mysing, Hugo Steinitzer, Rainer Maria Rilke und Lou Andreas-Salomé. Nach der Historikerin Ritter kultivierte Brachvogel absichtlich ein Image als kühl, unnahbar, scharfzüngig und intellektuell. Dadurch wollte sie als Schriftstellerin in ihrer Zeit ernst genommen und akzeptiert werden. Die Unterhaltung des Salons spricht ebenfalls für großzügige finanzielle Verhältnisse.

Verfolgung durch die NS-Diktatur und Tod Mit Beginn der NS-Zeit rückte ihre jüdische Herkunft in den Vordergrund. Schon 1933 entzog der Verband ihr in vorauseilendem Gehorsam den Vorsitz: Einige Mitglieder traten am 3. Mai zusammen und erklärten den Rücktritt der Vorsitzenden und Mitgründerin, ohne diese davon in Kenntnis zu setzen. Am 4. Oktober 1933 wurde bei der Hauptversammlung die Auflösung des Vereins beschlossen. Carry Brachvogel erhielt Berufsverbot, verlor ihre Existenzgrundlage und musste ihren Salon auflösen. Auch ihr Bruder Siegmund Hellmann hatte durch das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums Arbeit und Einkünfte verloren. Die folgenden Jahre lebte er zusammen mit der Schwester zurückgezogen in deren Wohnung in der Herzogstraße 55. Trotz des Berufsverbots veröffentlichte Brachvogel jeweils in den Jahren 1933, 1934 und 1936 noch Essays in „Monatshefte für Literatur, Kunst und Wissenschaft. Zeitschrift der Buchgemeinde Berlin“. Von 1938 bis 1942 pflegte Siegmund einen regelmäßigen Briefwechsel mit seinem Sohn Heinz, in dem er Brachvogel seit Kriegsbeginn nur noch als „Tante C.“ bezeichnet. Die Historikerin Judith Ritter nimmt an, dass dies dem Schutz der Jüdin Brachvogel vor der NS-Zensur diente. Aus den Briefen geht auch hervor, dass sie ein Exil in der Schweiz oder in den USA erwogen.

Carry Brachvogel wurde am 21. Juli 1942 zusammen mit ihrem Bruder von der Gestapo an ihrer Wohnung abgeholt. Vom selben Tag ist eine Postkarte überliefert, in der Brachvogel sich um ihre Tochter sorgt und vermutet, dass sie bald nach Theresienstadt gebracht werde.Wortlaut nach Ritter: „Liebe, geliebte Feo, ich schreibe nach einem guten Abendessen und dto Kaffee! Morgen früh geht es weiter, von Th. [Theresienstadt] höre ich nur Gutes. (Dein Kuchen zum Kaffee war herrlich!) Bekannte sah ich bisher nicht. – Vermiete nun nur so rasch und gut wie möglich. Hoffentlich ist bei euch alles in Ordnung?? Mache keine weiteren Versuche, – sie sind zwecklos! Sei mutig, lies keine Zeitung. Wir grüßen Euch vielmals! Deine alte zuversichtliche Mama.“ So geschah es dann auch einen Tag später, als sie mit dem Transport II/18 in das KZ Theresienstadt deportiert wurde. Die damals 78-Jährige überlebte die verheerenden sanitären Zustände in dem Konzentrationslager nur wenige Monate; laut Totenschein starb sie am 20. November 1942 an Altersschwäche. Ihr Bruder Siegmund, der mit demselben Transport nach Theresienstadt gekommen war, starb wenige Tage später, am 7. Dezember 1942. Die Historikerin Ritter vermutete, dass beide aufgrund der jahrelangen schlechten Ernährungssituation und durch die Strapazen körperlich geschwächt waren und deshalb die Bedingungen in Theresienstadt nicht lange aushielten.

Ihre Tochter, Feodora Brachvogel, arbeitete weiterhin als Sekretärin und lebte bis zu ihrem Tod 1961 in der Clemensstraße 38. Im Gegensatz zu den Nachfahren von Siegmund Hellmann stellte sie keinen Antrag auf Wiedergutmachung. Stattdessen erhob die Jewish Restitution Successor Organization 1948 Anspruch auf österreichische Wertpapiere, den sie allerdings 1957 zurückzog.

Literarische Themen Ein Schwerpunkt von Carry Brachvogels Arbeit lag auf der Bearbeitung historischer Themen. Zur Antike schrieb sie 1900 Die Wiedererstandenen. Cäsaren-Legende und 1902 Der Nachfolger über den Aufstieg von Basileios I. In der Neuzeit beschäftigte sie sich auffallend oft mit Frauenbiografien, etwa Lætitia Bonaparte, Maria Theresia oder Katharina II. Die Biografien sind dabei überwiegend positiv, und Brachvogel erklärte die Schwächen ihrer Protagonistinnen durch Kontextualisierung. Für ihre historischen Arbeiten recherchierte sie etwa in der Bayerischen Staatsbibliothek und ergänzte ihre Werke um Literaturlisten. Daneben schrieb sie Romane über die bayerische gehobene Gesellschaft und Familiengeschichten.

In ihrer Erzählung Götter a. D. geht es um die zwei stereotype Figuren Ahasver, den „Ewigen Juden“, und Messalina, die sich im 1. Jahrhundert nach Christus treffen und sich danach bis ins 19. Jahrhundert immer wieder treffen. Dabei verwandelt sich Messalina in immer schwächere und verdorbenere Frauenrollen, während Ahasver trotz aller Judenverfolgungen überlebt. Hierbei steht Messalina für den Niedergang des Adels/der Monarchie und Ahasver für das Judentum, das Brachvogel zwar karikiert, aber das dennoch am Ende in einer liberalen Gesellschaft obsiegt.

Rezeption und Gedenken Ihre Werke wurden von Zeitgenossen als „fesselnd“ oder „psychologisch interessant“ bezeichnet und ihr werden „Seelenkenntnis“ und „Menschenbeobachtung“ zugeschrieben. In ihren Gesellschaftsromanen wurde Realitätssinn und eine treffsichere Wiedergabe des bayerischen Dialektes gelobt. Allgemein galt sie als bekannte und anerkannte Schriftstellerin; zu ihrem 60. Geburtstag 1924 gratulierte Oberbürgermeister Karl Scharnagl und der Verein Münchner Schriftstellerinnen gab ein rauschendes Fest. Auch ihr Geburtstag 1929 wurde in der Presse gewürdigt. Negative Rezensionen kritisierten eine flache, banale Handlung oder eine zu große Nähe zu „Unterhaltungslektüre“. Die Historikerin Judith Ritter bringt das in Verbindung mit der Tatsache, dass Brachvogel von ihren Büchern leben musste und auf möglichst hohe Verkaufszahlen angewiesen war.