alternativtext=Frankfurter Silberamulett mit Gebet|mini|Die Amulettkampsel mit zwei Ösen und die zusammengerollte Silberfolie im Archäologischen Museum Frankfurt Die Frankfurter Silberinschrift ist ein frühchristliches Silberamulett des 3. Jahrhunderts aus dem römischen Nida. Das Amulett wurde 2018 bei Ausgrabungen auf einem römerzeitlichen Gräberfeld in Frankfurt-Praunheim gefunden und ist heute Teil der Sammlungen des Archäologischen Museums Frankfurt am Main. Im Jahr 2024 konnte die zusammengerollte Silberfolie mithilfe von Computertomographie digital „entrollt“ und der Text entziffert werden. Die Inschrift gilt als eines der frühesten materiellen Zeugnisse des Christentums nördlich der Alpen und liefert wertvolle Hinweise auf frühchristliche Frömmigkeitspraktiken in den Grenzgebieten des lateinischen Westens.
Fundort mini|Lageplan der einstigen Römerstadt Nida mit dem Fundort der Frankfurter Silberinschrift auf dem Gräberfeld im gelben Kreis
Das Frankfurter Silberamulett wurde im Rahmen archäologischer Grabungen auf dem Gräberfeld an der Heilmannstraße in Frankfurt-Praunheim geborgen.Zum Gräberfeld: Andrea Hampel: Das Gräberfeld „Heilmannstraße“ in Frankfurt a. M.-Praunheim. In: Hessen Archäologie 2017 (2018), S. 132–135; und Stadt Frankfurt a. M. [u. a.]: Frühestes Zeugnis des Christentums nördlich der Alpen. In: Bayerische Archäologie 2 (2025), S. 4–7. Das seit dem späten 19. Jahrhundert bekannte Gräberfeld liegt im nordwestlichen Randbereich der antiken Stadt Nida, die als Hauptort der civitas Taunensium zu den bedeutendsten urbanen Zentren der römischen Provinz Germania superior gehörte. Die Siedlung entwickelte sich aus einem militärischen Stützpunkt der 70er Jahre des 1. Jahrhunderts n. Chr. und erlebte nach dem Abzug der Truppen im frühen 2. Jahrhundert eine rasche Transformation zu einer kulturell und wirtschaftlich prosperierenden Stadt. Zu Beginn des 3. Jahrhunderts erreichte sie den Höhepunkt ihrer urbanen Entwicklung. Befestigungsanlagen zeugen von der Bedeutung und Wehrhaftigkeit des Orts in dieser Phase. Ab den 50er Jahren des 3. Jahrhunderts erlebte Nida insbesondere infolge anhaltender Konflikte in den Grenzprovinzen einen rasanten Niedergang, der sich deutlich in vermehrten Wüstungsprozessen manifestierte. Spätestens um 275/280 n. Chr. war der Ort vollständig aufgegeben, was einen tiefgreifenden Einschnitt in die Siedlungsgeschichte darstellt.Peter Fasold: Die Römer in Frankfurt, Regensburg 2019, S. 30–42, 105–107 und 122–128. Die Aufgabe der Stadt bietet zugleich den terminus ante quem für die Datierung des Amuletts. Die in situ geborgenen Beigaben – ein Räucherkelch aus Ton und ein Keramikgefäß – stützen eine Datierung der Bestattung in die Zeit zwischen 230 und 260 n. Chr.Santiago Guijarro: The Frankfurt Amulet. Popular Christianity in the Limes Germanicus. In: Isidorianum 34/1 (2025), S. 25–48, hier: S. 26.
Das Gräberfeld an der Heilmannstraße wurde in den Jahren 2017 und 2018 durch das Denkmalamt Frankfurt am Main untersucht. Dabei konnten auf einer Fläche von rund 500 m² insgesamt 127 Gräber dokumentiert werden. Die Lage des Friedhofs ist hierbei insofern bemerkenswert, als er sich in der nordwestlichen Peripherie des antiken Stadtgebiets befand und – anders als die übrigen Nekropolen Nidas – nicht unmittelbar an einer Hauptverkehrsroute lag.
Die Bestattungen waren klar von Körpergräbern dominiert. 113 der insgesamt 127 Bestattungen entfielen auf diese Form, während auf anderen Friedhöfen Nidas Körperbestattungen lediglich rund 10 % der Grablegungen ausmachen. Auffällig war, dass von den 113 Körpergräbern 45 ohne jegliche Beigaben verblieben, die übrigen jedoch durch ein ausgesprochen vielfältiges Spektrum an Grabinventar gekennzeichnet sind. Hervorzuheben sind insbesondere die zahlreich vertretenen Glasgefäße, die in den älteren Nekropolen des Stadtgebiets bislang nicht nachgewiesen werden konnten. Dazu tritt eine Vielfalt an Schmuckbeigaben – darunter Perlen aus Glas, Gagat und Halbedelsteinen wie Bergkristall. Bemerkenswert ist darüber hinaus der Nachweis von 14 Paar Schuhen, die neben den Füßen oder an den Unterschenkeln der Verstorbenen niedergelegt wurden.
In diesem Kontext gewann der Fund einer silbernen Amulettkapsel, die unter dem Kinn eines in einem Körpergrab bestatteten Mannes im Alter von etwa 35 bis 45 Jahren (Stelle 134) lag und eine zusammengerollte Silberfolie mit eingeritzter Inschrift enthielt, besondere Bedeutung.Stadt Frankfurt a. M. [u. a.]: Frühestes Zeugnis des Christentums nördlich der Alpen. In: Bayerische Archäologie 2 (2025), S. 4–7, hier: S. 5.
Objektbeschreibung
Das geborgene Objekt, das nach der Auffindung in den Bestand des Archäologischen Museums Frankfurt überführt wurde, besteht aus einer 3,5 cm langen Silberkapsel, die eine hauchdünne, stark beschädigte Silberfolie enthält. Außen besitzt die Kapsel an einer ihrer Längsseiten kleine Ösen für die Lederschnur oder den Lederriemen, mit denen sie am Körper des Trägers befestigt werden konnte. Bereits erste Materialanalysen im Jahr 2019 deuteten darauf hin, dass das Silberplättchen eine Inschrift trägt, die zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nicht entziffert werden konnte. Erst durch hochauflösende CT-Aufnahmen und eine virtuelle Glättung der zerknitterten Folie am Leibniz-Zentrum für Archäologie in Mainz (LEIZA) im Mai 2024 ließ sich die Inschrift vollständig erfassen. Die Inschrift umfasst 18 Zeilen und ist etwa 9 cm lang.Stadt Frankfurt a. M. [u. a.]: Frühestes Zeugnis des Christentums nördlich der Alpen. In: Bayerische Archäologie 2 (2025), S. 4–7, hier: S. 5f.; und Santiago Guijarro: The Frankfurt Amulet. Popular Christianity in the Limes Germanicus. In: Isidorianum 34/1 (2025), S. 25–48, hier: S. 27f.
Schrift und Ausführung Eine erste paläographische Rekonstruktion und Transkription wurde von Markus Scholz veröffentlicht.Stadt Frankfurt a. M. [u. a.]: Frühestes Zeugnis des Christentums nördlich der Alpen. In: Bayerische Archäologie 2 (2025), S. 4–7, hier: S. 7; auch online auf der Website des Archäologischen Museums Frankfurt. Der Text ist in kursiver Schrift ausgeführt und zeigt eine Mischung aus Groß- und Kleinbuchstaben, wie sie auch in Graffiti oder Fluchtafeln vorkommt. Es handelt sich somit nicht um die elegante Kalligraphie, wie sie auf offiziellen Inschriften oder Denkmälern erscheint. Im Text erscheinen griechische Begriffe, die in lateinischer Schrift wiedergegeben sind. Die lateinische Sprache der Inschrift und die populäre Kursivschrift verorten seinen Träger kulturell und sozial in ein volkstümliches Umfeld.Santiago Guijarro: The Frankfurt Amulet. Popular Christianity in the Limes Germanicus. In: Isidorianum 34/1 (2025), S. 25–48, hier: S. 28f. Gleichwohl kann die Sprache durchaus als ausgefeilt gelten.Stadt Frankfurt a. M. [u. a.]: Frühestes Zeugnis des Christentums nördlich der Alpen. In: Bayerische Archäologie 2 (2025), S. 4–7, hier: S. 7.
Zum Amulettcharakter Die Einordnung des Fundes als Schutzamulett beruht sowohl auf seiner äußeren Beschaffenheit als auch auf dem Inhalt der Gravur. Schutzamulette waren in der Antike weit verbreitet und übernahmen mit der Verbreitung des Christentums zunehmend christliche Motive. Da die meisten bekannten christlichen Amulette erst ab dem 4. Jahrhundert entstanden, handelt es sich bei dem Frankfurter Fund um ein außergewöhnlich frühes Beispiel. Während viele frühchristliche Amulette noch eine Mischung aus christlichen und heidnischen Elementen aufweisen, richtet sich die Schutzanrufung des Frankfurter Amuletts ausschließlich an Jesus Christus.Santiago Guijarro: The Frankfurt Amulet. Popular Christianity in the Limes Germanicus. In: Isidorianum 34/1 (2025), S. 25–48, hier: S. 27f.
Bemerkenswert ist zudem, dass der Text auf eine feine Silberplatte graviert wurde, da die Mehrheit der bekannten Amulette aus vergänglicherem Material wie Papyrus oder Pergament bestehen. Zwar sind aus der hellenistischen Welt auch metallene Amulette bekannt – meist aus Gold oder Silber –, doch blieben diese selten. Das Frankfurter Exemplar diesbezüglich folglich ein Unikat dar; ein weiteres bekanntes christliches Silberamulett datiert erst in das 5. Jahrhundert n. Chr. Das Material selbst ist insofern von Bedeutung, da es in engem Zusammenhang mit der Funktion des Objekts stand. So wurden Fluchtexte gewöhnlich auf Bleitafeln eingeritzt, während Schutztexte bevorzugt auf edlere Metalle geschrieben wurden. Die Wahl von Silber unterstreicht somit auch die schützende Bestimmung des Objekts.Santiago Guijarro: The Frankfurt Amulet. Popular Christianity in the Limes Germanicus. In: Isidorianum 34/1 (2025), S. 25–48, hier: S. 28.
Ein weiteres auffälliges Merkmal ist die Verwendung der lateinischen Sprache, da die Mehrheit der erhaltenen Amulette in griechischer Sprache abgefasst wurde. Die kursiv ausgeführte Schrift deutet auf ein volkstümliches Umfeld des Schreibers und Trägers. Griechischsprachige Amulette jüngeren Datums integrierten bisweilen Wörter aus anderen Sprachen – etwa Hebräisch oder Aramäisch. Dies sollte dazu dienen, die magischen Wirkkräfte heraufzubeschwören, die diesen Worten zugeschrieben wurde.Santiago Guijarro: The Frankfurt Amulet. Popular Christianity in the Limes Germanicus. In: Isidorianum 34/1 (2025), S. 25–48, hier: S. 28f. Auch in der Inschrift des Frankfurter Amuletts findet sich dieses Phänomen. So erscheint das Wort agios („heilig“) dreimal in lateinischer Umschrift,Zu diesem Aspekt Harald Buchinger: Die „Frankfurter Silberinschrift“. In: Heiliger Dienst 78/4 (2025), S. 304–306. und die Namen Jesus Christus (Iesous Christos) werden in abgekürzter Gestalt mit Überstrich wiedergegeben (I͞H X͞P), entsprechend der Tradition der nomina sacra.Santiago Guijarro: The Frankfurt Amulet. Popular Christianity in the Limes Germanicus. In: Isidorianum 34/1 (2025), S. 25–48, hier: S. 28f.; Eckhard Nordhofen: Ein Christliches Tetragram. In: Merkur 912 (2025), S. 82–86; ders. Die Frankfurter Silberinschrift verherrlicht den heiligen Gottesnamen. In: Communio 54/3 (2025), S. 309–318. Zu anderen magischen Aspekten der Inschrift vgl. auch Piotr Kubasiak: Mit den Dogmen zaubern? Die magische Verwendung des christlichen Credos zwischen Zauberei und symbolischer Kommunikation. In: Kult – Magie – Ritual. Festschrift für Reinhard Meßner zum 65. Geburtstag, hrsg. v. Andreas Vonach [u. a.], Innsbruck 2025, S. 301–318, hier: S. 313–315. Möglicherweise kannte der Verfasser diese Schreibweise des Namens Christi aus griechischen Manuskripten.Santiago Guijarro: The Frankfurt Amulet. Popular Christianity in the Limes Germanicus. In: Isidorianum 34/1 (2025), S. 25–48, hier: S. 39.
Transkription und Übersetzung Die Transkription und Übersetzung des Textes sind erschwert, da die Inschrift nur digital per CT zugänglich ist. Dadurch lassen sich für die Entzifferung einzelner Buchstaben wichtige Einschnittart und -richtung nur schwer erkennen. Zudem weist der Text vor allem am Zeilenanfang große Lücken auf, deren Rekonstruktion durch die ungleichmäßige Größe der Buchstaben der lateinischen Kursivschrift zusätzlich erschwert wird.Santiago Guijarro: The Frankfurt Amulet. Popular Christianity in the Limes Germanicus. In: Isidorianum 34/1 (2025), S. 25–48, hier: S. 29. Santiago Guijarro schlägt folgende Lesung des Textes vor:Santiago Guijarro: The Frankfurt Amulet. Popular Christianity in the Limes Germanicus. In: Isidorianum 34/1 (2025), S. 25–48, hier: S. 38; für einen umfassenden philologischer Kommentar vgl. ebd. S. 29–37. Alternative Lesung und Übersetzung von Markus Scholz in: Stadt Frankfurt a. M. [u. a.]: Frühestes Zeugnis des Christentums nördlich der Alpen. In: Bayerische Archäologie 2 (2025), S. 4–7, hier: S. 7; auch online auf der Website des Archäologischen Museums Frankfurt [Zugriff am 29. Juni 2026].