Perez Leshem (; * 5. September 1903 in Chemnitz; † 6. Oktober 2003 in Israel) kam als Fritz LichtensteinEs ist nicht bekannt, ab wann sich Fritz Lichtenstein Perez Leshem nannte. Aus den Archivalien im Center for Jewish History (siehe unten) geht hervor, dass er mindestens noch 1944 als Fritz Lichtenstein auftrat und auch seine damalige Frau den Namen Lichtenstein führte. Sein 1972 abgeschlossenes Buch Straße zur Rettung hat er als Perez Leshem veröffentlicht, und am Ende des Vorworts dankt er auch seiner Frau unter ihrem hebräisierten Namen. Drei Jahre zuvor wurde der Aufsatz Rescue Efforts in the Iberian Peninsula unter dem Autorennamen „Perez Leshem (Fritz Lichtenstein)“ veröffentlicht, obwohl Zeitungsberichte über seinen Abschied als Generalkonsul in Köln im Jahre 1967 belegen, dass er und seine Frau längst den Namen Leshem führten. Nach Ilona Treitel (From Germany to the Land of Israel in Late 1938, S. 6) fand der Namenswechsel um 1950 herum statt und stand vermutlich im Zusammenhang mit seinem Eintritt in den diplomatischen Dienst. – Da Perez Leshem der Name ist, unter dem er bekannt wurde und in Erinnerung blieb, wird nachfolgend auch nur dieser benutzt, sofern nicht Quellen auf Fritz Lichtenstein rekurrieren. zur Welt und war der Sohn von Oscar (* 10. März 1865 in Preußisch Eylau; gestorben am 2. Oktober 1942 im Ghetto Theresienstadt)Gedenkbuch – Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft 1933–1945: Lichtenstein, Oscar und Cläre Lichtenstein (geborene Wollenberg; * 21. Juni 1872; † 30. April 1936).Salomon Ludwig Steinheim-Institut: Cläre Lichtenstein geb. Wollenberg Er war früh in der jüdischen und zionistischen Jugendbewegung aktiv und übersiedelte bereits 1926 in den Kibbuz Jagur.USHMM: Oral history interview with Peretz Leshem (Einleitung) Seit 1931 hielt er sich wieder in Europa auf und war – immer wieder unterbrochen von Palästina-Aufenthalten – in leitender Funktion für den Hechaluz und andere jüdische Organisationen tätig: in der Flüchtlings- und Rettungsarbeit und insbesondere auch in der Organisation der Auslands-Hachschara. Nach dem Zweiten Weltkrieg und der Gründung des Staates Israel war Leshem von 1950 bis 1967 Mitarbeiter im israelischen Auswärtigen Dienst und zuletzt von 1963 bis 1967 tätig als israelischer Generalkonsul in der Bundesrepublik Deutschland.In mehreren Quellen wird Köln als damaliger Sitz des israelischen Generalkonsulats genannt; es ließ sich aber nicht eindeutig klären, ob es nicht seinen Sitz in Bonn hatte.
1973 erschien Perez Leshems Buch Straße zur Rettung 1933–1939. Nach Knut Bergbauer ist dieses „kenntnisreiche[.] wie quellenbasierte[.]“ Werk eines „der besten und informativsten Arbeiten zur deutschen Hachschara“.Knut Bergbauer: Unterwegs. Jüdische Jugendbewegung aus Deutschland in Europa, in: Knut Bergbauer, Nora M. Kissling, Beate Lehmann, Ulrike Pilarczyk und Ofer Ashkenazi (Hrsg.) Jüdische Jugend im Übergang – Jewish Youth in Transit. Selbstverständnis und Ideen in Zeiten des Wandels (zum Download auf researchgate.net)
Familie Der Kaufmann Oscar Lichtenstein gründete im Frühjahr 1895 in Chemnitz zusammen mit einem Partner die Firma Lichtenstein & Co., eine Großhandlung für StoffhandschuheIn anderen Quellen, unter anderem auch bei Ilona Treitel, From Germany to the Land of Israel in Late 1938, S. 5, ist die Rede von einer Textilfabrik.. Im August 1897 wurde die Ehe zwischen ihm und Clara (Cläre) Elise Wollenberg geschlossen, aus der Zwischen 1900 und 1908 vier Kinder hervorgingen.Stolpersteine in Chemnitz: Oscar Lichtenstein Über das Leben der Schwestern Agnes Carlotta (verheiratete Munz; * 13. April 1900 in Chemnitz; † 17. November 1992 in Wellington) und Käthe ist nichts bekannt. Bruder Hans Lichtenstein (* 1. August 1905 in Chemnitz; † 14. September 1994 in Blaricum) war ein bekannter Dirigent, Pianist, Begleiter und Sänger, der unter anderem mit Richard Tauber zusammenarbeitete. Nach dem Machtantritt der Nazis wurde er in Hamburg entlassen und lebte vermutlich ab 1936 in den Niederlanden. Hier tauchte er 1942 unter und entging so seiner Deportation. Nach dem Zweiten Weltkrieg lebte und arbeitete er – unterbrochen von einem mehrjährigen Aufenthalt an der Oper in Antwerpen – weiterhin in den Niederlanden.Sabine Lichtenstein: Hans Lichtenstein, in: Claudia Maurer Zenck, Peter Petersen, Sophie Fetthauer, Friedrich Geiger (Hrsg.): Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit, Universität Hamburg, Hamburg 2022 (Online)
Leben vor 1933 Perez Leshems „Familie gehörte dem liberalen Judentum an“. Er besuchte das Reformrealgymnasiums in Chemnitz und absolvierte dort auch eine Lehre in einer Textilfabrik,Biografischer Vorspann zu Leshems Aufsatz in der Wochenzeitung Das Parlament (siehe Werke) nach Ina Teitel in der seines Vaters.Ilona Treitel: From Germany to the Land of Israel in Late 1938 Er war früh in der zionistischen Jugendbewegung aktiv, nahm für ein Jahr am Ersten Weltkrieg teil und soll zu den Gründern der Organisation Jüdischer WanderbundBeim Jüdischen Wanderbund handelt es sich laut Joseph Walk um den 1920 gegründeten Jung-Jüdischen Wanderbund. gehört haben.
Leshem soll seit 1923 in der Landwirtschaft tätig gewesen sein. Er heiratete in erster Ehe Betty Frölich und übersiedelte mit ihr 1926 nach Palästina in den Kibbuz Jagur. Die Recherchen von Ina Treitel haben über diese Ehe wenig in Erfahrung gebracht. Fest steht nur, dass aus ihr zwei Söhne hervorgegangen sind, und Leshem bei einer Palästinareise Ende 1938/Anfang 1939 beabsichtigt habe, sowohl die Scheidung von Betty Fröhlich zu vollziehen, als auch die Heirat mit Käthe Hirsch (siehe unten).
Während der Zeit im Kibbuz Jagur erfolgte Leshems Beitritt zur Mapai, und von hier aus kam er ab 1931 „als Schaliach des Hechaluz immer wieder nach Deutschland“ und war „1931/33 leitender Beamter des ‚Hechaluz‘, Deutscher Landesverband, in Berlin“. Leshem selber benutzte statt des Begriffs Schaliach meistens dessen Plural Schlichim (Boten, GesandteHachschara als Erinnerungsort: Glossar) und betonte deren Bedeutung für die chaluzische Bewegung, die sie, gestützt auf ihre eigenen Erfahrungen in Palästina und in den Kibbuzim, im Auftrag der Histadrut unterstützten.
Hechaluz-Aktivist zwischen 1933 und 1943 Eine der Aufgaben der Schlichim war der Aufbau der Auslands-Hachschara, und der widmete sich Leshem sehr intensiv. „Der Aufbau der Auslandshachscharah begann im April 1933, als ich als Sekretär des deutschen ‚Hechaluz‘ zunächst in Strassburg und dann in Paris die Möglichkeiten der Unterbringung von Chaluzim in Frankreich prüfte.“Straße zur Rettung 1933–1939 (Manuskript) Im lothringisch-luxemburgischen Grenzgebiet waren er und David Shaltiel im Frühjahr 1933 an den Vorbereitungen für die Gründung des Kibbuz HaOlim beteiligt, des „erste[n] Kibbuz des ‚Hechaluz‘ in Frankreich“.
Nach Paris, „das sehr bald das verwaltungstechnische Zentrum der deutschen Auslandshachscharah überhaupt und Frankreichs insbesondere wurde“, wechselte er noch 1933.Die Angaben hierzu sind nicht eindeutig. In der AJR Information (siehe Weblinks) der Association of Jewish Refugees in Great Britain wird aus Anlass des Artikels zu Leshems 75. Geburtstag das Jahr 1933 genannt, während im biografischen Vorspann zu Leshems Artikel in Aus Politik und Zeitgeschichte (siehe Werke) von 1934 die Rede ist. Ende Dezember 1933 fand im Kibbuz HaOlim die erste beratende Versammlung des Hechaluz in Frankreich statt, an der neben Enzo Sereni als Vertreter des Berliner Hechaluz-Zentrums auch Leshem in seiner Funktion „als Sekretär des ‚Hechaluz‘ und damaliger Leiter der Auslandshachscharah in Paris“ teilnahm. Nach Treitel kehrte Leshem 1934 nach Jagur zurück, bevor er von dort im darauf folgenden Jahr erneut ins Ausland geschickt wurde und von Paris aus zu Reisen zu europäischen Auslands-Hachscharastätten aufbrach. Diese von Leshem so genannte „Erkundungsfahrt“ führte ihn nach Holland, Dänemark, Schweden, Polen, Prag und Zürich, bevor er wieder nach Paris zurückkehrte.
Leshems weitere Ausführungen über die Situation der Auslands-Hachschara in Frankreich und anderen europäischen Ländern sind ausführlich und informativ, aber sie enthalten kaum Anhaltspunkte, die über ihn persönlich und seine direkten Aktivitäten Auskunft geben. Laut Treitel muss er in der Folgezeit wieder nach Jagur zurückgekehrt sein, um von da aus im September 1938 zu einer zweiten Reise zu europäischen Hachscharastätten aufzubrechen, von der er erst Anfang Januar 1939 wieder nach Palästina zurückkehrte. Ziel der Reise war es, junge jüdische Pioniere aus Nazi-Deutschland, die sich in anderen europäischen Ländern aufhielten, auf die Einwanderung nach Palästina und auf das Leben im Kibbuz vorzubereiten. Nicht vorhersehbar fiel sie aber in eine Zeit, in der sich Ereignisse abspielten, die das Leben der Juden in Deutschland und Europa einschneidend veränderten: Münchner Abkommen und Novemberpogrome 1938. Leshem war unfreiwillig „Beobachter als auch als Teilnehmer des historischen Dramas [geworden], das für das europäische Judentum am Vorabend des Zweiten Weltkriegs so schicksalhaft war“.„Lichtenstein's account, from his viewpoint both as an observer of and as a participant in the historical drama so fateful for European Jewry on the eve of World War II, adds to our perspective on a short but crucial period in Jewish history.“ (Ilona Treitel: From Germany to the Land of Israel in Late 1938, S. 1) Seine Erlebnisse fanden ihren Niederschlag vor allem in seinen Briefen an seine zweite Frau, Käthe Hirsch.
Ilona Treitel war sich nicht sicher, ob Käthe Hirsch und Perez Leshem überhaupt verheiratet waren, da sie keine Unterlagen über Leshems Scheidung von Betty Fröhlich und die Eheschließung mit Käthe Hirsch ausfindig machen konnte. Dies wird ausgerechnet durch den einzigen Eintrag bestätigt, der über Fritz Lichtenstein außer seinen Geburtsdaten in der Datenbank von Ancestry zu finden ist: dem Eintrag des Todes, des „death of wife Käthe Hirsch“. Sie starb am 31. Juli 1941 in Henley-on-Thames, nach Treitel an Krebs. Käthe Hirsch, die 1903 vermutlich in Königs Wusterhausen zur Welt kam, lebte in den 1930er Jahren in Berlin, arbeitete im dortigen Sozialamt der Jüdischen Gemeinde und auch ehrenamtlich für zionistische Organisationen. Irgendwann nach dem Machtantritt der Nazis emigrierte sie nach Paris, lernte dort Perez Leshem kennen, arbeitete mit ihm zusammen und übersiedelte schließlich nach Palästina, um sich in Jagur niederzulassen. Im Herbst 1938 wurde sie vom Kibbuz Jagur als Mitglied aufgenommen und arbeitete dort als Kinderkrankenschwester. „Es bleiben Fragen offen: Kam sie zusammen mit Fritz an? Galten sie als Paar? Wann und wo wurde ihr Sohn geboren?“„Questions remain: Did she arrive together with Fritz? Were they considered a couple? When and where was their son born?“ (Ilona Treitel: From Germany to the Land of Israel in Late 1938, S. 8)
Nach Treitel reisten Perez Leshem und Käthe Hirsch und ihr gemeinsamer Sohn im März 1939 nach London, Perez „im Auftrag der Kibbutz-Bewegung und der Histadrut“. Seine Aufgaben dort „standen im Zusammenhang mit der Jugend-Aliyah, insbesondere mit der Organisation und Unterbringung von Flüchtlingskindern aus Deutschland in Großbritannien im Rahmen der sogenannten Kindertransporte“.„Fritz's tasks in London were connected with the youth aliyah, particularly with the organization and placement in Britain of refugee children from Germany in what was called the Kindertransport.“ (Ilona Treitel: From Germany to the Land of Israel in Late 1938, S. 6) Mit den vielen Hilfsaktionen dort beschäftigte sich Leshem ausführlich im letzten Länderabschnitt seines Buches, ließ dabei aber seine eigene Rolle zunächst offen und beschrieb lediglich die durch die deutschen Luftangriffe auf London notwendig gewordenen Änderungen der Organisationsstruktur des Hechaluz.