Als Kriegsnagelungen werden hunderte von Aktionen in Österreich-Ungarn und im Deutschen Kaiserreich bezeichnet, bei denen während des Ersten Weltkriegs gegen eine Spende ein Nagel in ein dafür aufgestelltes hölzernes Objekt eingeschlagen wurde.
Geschichte Das ab 1915 massenhaft einsetzende Phänomen ging von der Nagelung der Skulptur eines Wehrmanns in Eisen in Wien aus. Weitere Objekte waren unterschiedlich ausgeprägt und wurden als Nagelfigur, Nagelmann, Nagelbild, Nagelbrett, Nagelkreuz, Nagelsäule, aber auch als Eiserner Michel, Wehrschild oder Kriegswahrzeichen bezeichnet.
An den Nagelungen beteiligten sich im Rahmen öffentlicher Veranstaltungen mit feierlichem Charakter breite Bevölkerungskreise. Parallel dazu erfolgten in Schulen unter Beteiligung von Schülern Schulnagelungen. Die dadurch eingenommenen Gelder dienten der Unterstützung von Kriegsopfern, wie Hinterbliebenen und Verwundeten. Die Einnahmen im geschätzten einstelligen Millionenbereich an Mark waren eher nicht entscheidend für den Erfolg der Nagelungen. Weit bedeutender war ihre propagandistische Wirkung, da sie den Patriotismus und das Gemeinschaftsgefühl der Menschen ansprachen und so zur Stärkung der Heimatfront beitrugen. In einem nach dem Krieg erschienenen Buch beschrieb der italienische Ethnologe Giuseppe Bellucci die Parallelen zwischen den Kriegsnagelungen bei den „zivilisierten“ Nationen Europas mit den Nagelfetischen „primitiver“ Gesellschaften, wie in Afrika.
Ähnliche Nagelungen in kleinerem Umfang gab es weltweit in Staaten und Regionen, in denen deutschstämmige Minderheiten oder deutsche Auswanderer lebten.
In der Gegenwart wird eine vergleichbare Freizeitveranstaltung als Wettnageln bezeichnet.
Idee und Motivation mini|Genageltes Eisernes Kreuz in der Marienkirche Plau am See Die Idee der Kriegsnagelungen ging in Anlehnung an den Stock im Eisen in Wien aus. Dieser älteste erhaltene Nagelbaum, 1533 urkundlich, geht auf einen seit dem Mittelalter bekannten glückbringenden Brauch in der Donaumonarchie und in Südosteuropa zurück, der anfangs vielleicht gegen Krankheiten als Votivgabe am Dorfrand, ab dem 18. Jahrhundert hauptsächlich unter Reisenden und Fahrenden gepflegt wurde. Ursprünglich wurden wohl lebende Bäume benagelt, und allfällig nach dem Absterben stehengelassen. Nach dem Muster dieses im Bewusstsein der Wiener Bevölkerung sehr präsenten Denkmals wurde der erste Wehrmann im Eisen gestaltet, die Idee dazu stammte von Korvettenkapitän Theodor Graf Hartig. Von dort verbreiteten sich diese Spendenbeschaffungen nicht nur in Österreich-Ungarn, sondern auch rasant im Deutschen Kaiserreich und anderen Ländern.
Durch die geschickte Vermarktung mit den Andenken an diese Spende und dem aus der anfänglichen Kriegseuphorie entstandenen Drang von Menschen, die nicht mit der Waffe an die Front konnten oder durften, etwas zum Sieg beizutragen, wurden zum Teil große Summen zugunsten der Kriegerwitwen und Waisen gesammelt. Im Verlauf des Krieges sollten solche Aktionen den Durchhaltewillen der Bürger stärken. Wer sich an dieser Spendenaktion nicht beteiligte, riskierte, von seinen Mitbürgern als unpatriotisch oder gar Vaterlandsverräter eingestuft zu werden.
Kriegsnagelungen wirkten als: gemeinschaftsstiftende Aktion, um Risse im sozialen Gefüge zu verdecken und die Volksgemeinschaft nach außen sichtbar zu machen. Eine ähnliche Funktion hatten auch andere Veranstaltungen, wie in Deutschland Festlichkeiten zum Kaisergeburtstag oder Feiern zum Sedantag. patriotischer Akt, bei dem die Teilnehmenden ihre Siegeszuversicht, das Vertrauen in die politische und militärische Führung sowie ihre Opferbereitschaft zeigen konnten. Die Beteiligten zeigten durch den Akt des Nagelns ihre vaterländische Gesinnung. Akt der Kraftübertragung in die hölzerne Unterlage durch Hammerschläge. Mit den zum Teil heftig und mit Inbrunst ausgeführten Schlägen konnte sinnbildlich der Eindruck entstehen, dass die Schläge dem Feind galten, um ihn zu zertrümmern. Derartige Aussagen enthalten zu Nagelungen verfasste Gedichte, wie Kriegswahrzeichen, aus dem ein Fetisch mit magischer Bedeutung wurde. Den Nagelungsobjekten wurden zum Teil übernatürlichen Eigenschaften zugesprochen, so dass Menschen eine persönliche Beziehung zu den genagelten Objekten entwickelten. Akt der Selbstbeschwörung, da das Vaterland den Krieg nicht verlieren könne, wenn so viele Menschen durch das Nageln ihre Opferbereitschaft zeigten, um den Sieg zu erringen. Gelübde der Menschen, die nicht an der Front kämpften und sich einsetzen wollten, um den Sieg zu erringen. Ehrung der im Krieg Gefallenen in der Vorwegnahme von Kriegerdenkmalen, die beim Aufkommen der Nagelungen 1915 noch nicht aufgestellt waren.
Praxis Von Gemeinden und karitativen Organisationen wurden aus Holz, einige deutsche Quellen erwähnen Eichenholz, gefertigte Figuren (Ritter, Soldaten, Generalfeldmarschall von Hindenburg und andere) beziehungsweise regionale und nationale Symbole wie beispielsweise Stadtwappen, Eiserne Kreuze, Säulen aufgestellt. Diese Figuren wurden oft von namhaften Künstlern entworfen und geschaffen. Gegen Entrichtung einer Mindestspende durften die Bürger einen Nagel in dieses Objekt schlagen. Die Nägel wurden in Eisen und Silber, manchmal auch Gold zu unterschiedlichen Preisen angeboten. Die Nägel waren teilweise auch vergoldet oder versilbert, ihr Materialgegenwert war jedoch stets wesentlich geringer als die dafür zu leistende Spende. Zum Beweis für ihre erhielten die Spender je nach Ort und Höhe der Spende Anstecknadeln, Urkunden oder sonstige Spendenbescheinigungen, die oft mit einer laufenden Nummer versehen waren.
Eine von dem Berliner Bildhauer Gotthold Riegelmann verfasste Broschüre Der Stock im Eisen, Praktische Ratschläge zur Errichtung einfacher Nagelholzmale mit Ideen-Skizzen und Kostenberechnungen (vgl. Literatur) mit zwei Seiten Text und einigen Skizzen enthält Ratschläge: zur Auswahl der Holzart – abhängig davon, ob das Nageldenkmal gänzlich oder nur teilweise von Nägeln umschlossen ist zur Entscheidung über die Abmessungen – Riegelmann empfiehlt hohe und schlanke Formen und gibt die Anzahl von etwa 30.000 bis 40.000 Nägeln pro Quadratmeter zu bedenken zur Auswahl der Motive – Riegelmann hält das Eiserne Kreuz, das deutsche Schwert, die deutsche Eiche oder auch das 42-Zentimeter-Geschoss neben heraldischen Formen und Wappentieren für besonders geeignet. Da es Spendern widerstreben könnte, einen Nagel in die Figur eines noch lebenden Menschen zu treiben, rät er von solchen ab.
Mit Kriegsende wurden die Statuen von ihren meist prominenten Standorten entfernt. Manche von ihnen wurden später wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
Liste von Kriegsnagelungen Österreich Orte, die seit dem Vertrag von Saint-Germain nicht mehr in Österreich liegen, siehe Abschnitte weiter unten.
Wien: Innere Stadt: Der Wehrmann in Eisen, Holzfigur von 1914, war 8. März 1915 bis September 1916 als erste Kriegsnagelung am Schwarzenbergplatz in Verwendung. Er wurde 1934 am Amtshaus Felderstraße wieder aufgestellt. Auf Drängen eines Schülers wurde in der väterlichen Möbeltischlerei eine verkleinerte Version des Wehrmanns in Eisen hergestellt und im Akademischen Gymnasium benagelt. Im Handelsministerium wurde am 20. Mai 1917 das Posthorn in Eisen zur Benagelung aufgestellt. Alsergrund: Im Jägerheim, dem Gasthaus von Matthias Hafenrichter in der Sechsschimmelgasse 24, wurde der Waidmann in Eisen zur Benagelung aufgestellt. Die Figur zeigte einen Jäger mit Flinte und Rucksack auf der Pirsch. Die Spenden kamen gefallenen Berufsjägern zugute. Favoriten: Die Favoritener Sektion des Österreichischen Flottenvereins stellte im Gasthaus von Hippolyt Mannas ein Hölzernes U-Boot zum Benageln auf. Der Ertrag sollte der Anschaffung eines weiteren Unterseeboots durch die Kriegsmarine zugutekommen. Floridsdorf: Auf einem Perron des Nordbahnhofs von Floridsdorf wurde ein Wehrschild zum Benageln aufgestellt. Der Gartenfreundeverein Neu-Brasilien veranstaltete in einem Gasthaus am 14. November 1915 die Benagelung der Hötzendorf-Eiche. Grinzing: Im Weinbauort in Wien wurde ein vom Professor an der Wiener Kunstgewerbeschule F. Barwig und seinen Schülern geschaffener Eiserner Weinstock ab dem 22. Juli 1915 benagelt. Hetzendorf: Bei der Rosenkranzkirche von Hetzendorf wurde ein Kreuz in Eisen zum Benageln aufgestellt. Hietzing: Im Restaurant Zum weißen Engel von Ferdinand Miloch am Hauptplatz von Hietzing wurde am 12. August 1915 ein Wehrmann enthüllt. Kaiserebersdorf: Im Barackenlager der Ersatzbatterie der 46. Landwehr-Feldhaubitz- und Kanonendivision wurde am 10. August 1915 der Doppeladler in Eisen in Anwesenheit von Erzherzog Leopold Salvator und dem Minister für Landesverteidigung Freiherr von Georgi erstmals benagelt. Die Anregung dazu kam vom Kommandanten Hauptmann Viktor Bauer von Schildhaue. Landstraße: Am 15. August 1915 wurde im Festsaal des Magistratischen Bezirksamts für den 3. Wiener Gemeindebezirk der Deutschmeister in Eisen benagelt. Am 3. Oktober 1915 wurde in der gedeckten Reitschule der Rennweger Kaserne eine von Angehörigen der k.k. Landwehr-Feldhaubitzendivision Nummer 13 gefertigte Feldhaubitze in Eisen enthüllt. Entworfen wurde sie vom kriegsfreiwilligen Bildhauer Alfred Hofmann. Der Ertrag ging an den Witwen- und Waisenhilfsfonds der Division. Leopoldstadt: Der von Korporal Moritz Schindler gefertigte Wehrschild des Artilleristenbunds und mit den Emblemen der Artilleriewaffe versehen, wurde nächst der Rotunde aufgestellt. Der Ertrag wurde zwischen dem Roten Kreuz, dem Kriegsfürsorgeamt und dem Kriegshilfsbureaus zu gleichen Teilen geteilt. Vom Kommando des in der Erzherzog-Albrecht-Kaserne in Wien-Leopoldstadt stationierten Reservespitals Nummer 2 wurde der Sanitätsmann in Eisen in der Kaserne aufgestellt. Die Enthüllung nahm Admiral Erzherzog Karl Stephan vor. Meidling: Im Karl Ludwig-Gymnasium in der Rosasgasse wurde am 20. November 1915 ein von Schülern entworfener und angefertigter Wehrschild benagelt. Penzing: Im Casino Baumgarten wurde anlässlich eines Wohltätigkeits-Gartenfests des humanitären Vereins Kolschitzky ein eiserner Wehrmann zum ersten Mal benagelt. Spätere Nagelungen waren im Vereinslokal in der Schrankgasse 9 in Wien-Neubau während der Kanzleistunden möglich. Rodaun: Im April 1916 wurde auf dem Kirchenplatz von Rodaun ein Wehrschild zur Benagelung aufgestellt. Roßau: In einem Restaurant in der Grünentorgasse 18 bestand ab 12. Oktober 1915 die Möglichkeit zur Nagelung einer Tischplatte. Stammersdorf: Hier wurde der Wehrschild vom Männergesangsverein betreut. Wieden: Im Dezember 1915 wurde in der Gemeinde-Bezirkskanzlei des 4. Bezirks, Schäffergasse 3, ein von der Bezirksvertretung Wieden gestifteter Wehrschild zur Benagelung aufgestellt, auf dem das Wappen der ehemaligen Gemeinde Wieden – und zwar eine Weide vor landschaftlichem Hintergrund – abgebildet war. Der Ertrag floss zur Hälfte dem Witwen- und Waisenhilfsfonds der gesamten bewaffneten Macht zu, zur anderen Hälfte kam er den Kriegswaisen, deren Väter ehemals im 4. Bezirk sesshaft waren, zugute. Entsprechende Unterlagen und Abbildungen befinden sich heute in der Dauerausstellung des Bezirksmuseums Wieden. Der Salzburger Volks- und Gebirgstrachten-Erhaltungs und Schuhplattlerverein D’Griabinga in Wien stellte in seinem Vereinslokal im Hotel Jägerhorn in der Wiedner Hauptstraße 108 einen Wehrschild zur Benagelung auf. Im Gastgarten des Gasthauses Zum goldenen Hechten in der Waaggasse wurde Ende August 1915 ein Wehrschild mit dem Wappen der Stadt Wien benagelt. Ob hier genannte Wehrschild-Standorte identisch sind, ist unklar. genauer Ort unbekannt: Aus Anlass einer Kriegsausstellung wurde ein von Gustav Krupp von Bohlen und Halbach, dem Besitzer der Krupp-Werke in Essen gespendetes U-Boot benagelt. Den ersten Nagel schlug Erzherzog Franz Salvator im Auftrag von Kaiser Franz Joseph I. ein.
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