Unter einer umschriebenen Entwicklungsstörung (auch Teilleistungsstörung) versteht man eine im Vergleich zu Gleichaltrigen deutlich verzögerte oder fehlende Ausbildung bestimmter physischer oder kognitiver Merkmale. Die Beeinträchtigungen beziehen sich auf die Bereiche der Motorik, der Sprache sowie der schulischen Fertigkeiten (Lesen, Rechtschreiben, Rechnen). Das Adjektiv „umschrieben“ bedeutet in diesem Zusammenhang „deutlich abgegrenzt, lokal, umgrenzt, bestimmt“.Duden: umschrieben Umschriebene Entwicklungsstörungen werden abgegrenzt von sogenannten Entwicklungsverzögerungen, welche meist nur vorübergehend auftreten.

Definition nach ICD-10

Umschriebene Entwicklungsstörungen werden in der ICD-10 unter den Kategorien F80-F83 angeführt. Alle dieser Störungen haben drei gemeinsame Kriterien: Die Störung muss bereits im Kleinkind- oder Kindesalter beginnen. Die Entwicklungseinschränkungen basieren auf der biologischen Reifung des Zentralnervensystems. Der Verlauf der Störung ist kontinuierlich, also ohne Remissionen.

Der Begriff der umschriebenen Entwicklungsstörungen umfasst nicht: Intelligenzminderungen oder globale Entwicklungsstörungen Neurologische Erkrankungen Strukturelle Schädigungen des Zentralnervensystems Entwicklungsstörungen durch Vernachlässigung, Misshandlung oder inadäquate Erziehung Seh- oder Hörbehinderungen

Definition nach ICD-11 Die umschriebenen Entwicklungsstörungen der ICD-10 werden in der ICD-11 als neuromentale Entwicklungsstörungen bezeichnet. Diese werden definiert als Verhaltens- und kognitive Störungen, die während der neuromentalen Entwicklung entstehen. Sie verursachen erhebliche Schwierigkeiten im Erwerb und der Ausführung bestimmter intellektueller, motorischer, sprachlicher und sozialer Funktionen. Neuromentale Entwicklungsstörungen werden in der ICD-11 unter den Kategorien 6A00-6A06 angeführt.

Folgende Entwicklungsstörungen werden unterschieden:

Störungen der Intelligenzentwicklung Störungen der Sprech- oder Sprachentwicklung (ICD-10: Umschriebene Sprachentwicklungsstörungen) Autismus-Spektrum-Störung Lernentwicklungsstörung (ICD-10: Umschriebene Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten) Entwicklungsstörung der motorischen Koordination (ICD-10: Umschriebene Entwicklungsstörungen der motorischen Funktionen) Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung Stereotype Bewegungsstörung

Formen und Bereiche umschriebener Entwicklungsstörungen Umschriebene Entwicklungsstörungen können in drei unterschiedlichen Teilbereichen auftreten. Die Probleme betreffen entweder die Sprache, die Motorik oder schulische Fertigkeiten (Lesen, Rechtschreiben, Rechnen). Es können auch kombinierte Entwicklungsstörungen in mehreren Teilbereichen auftreten.

Umschriebene Sprachentwicklungsstörungen Sprachentwicklungsstörungen liegen vor, wenn der Spracherwerb signifikant vom normativen Entwicklungsverlauf abweicht. Die Sprachprobleme haben keine neurologischen oder sensorischen Ursachen und sind mit keiner Intelligenzminderung verbunden. Die Auffälligkeiten äußern sich meist in den ersten zwei bis drei Lebensjahren und können bis ins Jugend- und Erwachsenenalter persistieren. Bemerkt werden die Probleme zumeist im Vor- und Grundschulalter. Bei Kindern bis zum dritten Lebensjahr spricht man von einer Sprachentwicklungsverzögerung, da die Sprachdefizite bis zu diesem Alter noch aufgeholt werden können. Demnach wird vor dem dritten Lebensjahr keine Diagnose für eine Sprachentwicklungsstörung gestellt. Ungefähr 6–8 % aller Kinder leiden unter einer Sprachentwicklungsstörung, wobei die Prävalenz bei Jungen ca. doppelt so hoch ist, wie bei Mädchen. Betroffene Sprachbereiche der Störung umfassen die Prosodie (Sprechmelodie und Sprachdynamik), die Phonologie (Lauterkennen, -unterscheiden, -zusammenfügen), die Grammatik, das Lexikon (Wortschatz und Wortbedeutung) sowie die Syntax (Satzbau und Struktur). Grundsätzlich kann man diese Sprachprobleme in drei unterschiedliche Teilstörungen untergliedern:

Artikulationsstörung (auch Dyslalie): Dabei haben die Kinder Probleme, Wörter und Sätze richtig auszusprechen. Die Sprachfähigkeiten liegen allerdings im Normalbereich.

Expressive Sprachstörung: Kinder mit einer expressiven Sprachstörung haben Schwierigkeiten im Sprachausdruck. Im Gegensatz zu Gleichaltrigen beginnt das Kind deutlich später zu sprechen und verfügt über einen geringeren Wortschatz. Es hat Probleme dabei, grammatikalisch korrekte Sätze zu bilden oder inhaltlich das auszusagen, was es möchte. Manche Kinder haben auch Schwierigkeiten dabei, einzelne Laute zu bilden. Das Sprachverständnis der Betroffenen ist unauffällig. Eine expressive Sprachstörung kann mit Problemen in der Artikulation verbunden sein. Rezeptive Sprachstörung: Kinder mit einer rezeptiven Sprachstörung haben Probleme beim Sprachverständnis. Betroffenen fällt es demnach schwer, andere verbal zu verstehen. Oft zeigt sich dies darin, dass die Kinder einfachen Aufforderungen nicht folgen oder unangemessene Reaktionen in der Kommunikation zeigen. In fast allen Fällen zeigen die Kinder auch Defizite in der expressiven Sprachentwicklung. Auch zusätzliche Schwierigkeiten in der Wort-Laut-Produktion sind verbreitet. Umschriebene Entwicklungsstörungen schulischer Fertigkeiten Entwicklungsstörungen der schulischen Fertigkeiten beziehen sich auf Schwierigkeiten beim Lesen (Dyslexie), Rechtschreiben (Legasthenie) oder Rechnen (Dyskalkulie). Die Störung ist keine Folge eines Lernmangels oder einer Intelligenzminderung. Manche Kinder haben nur in einem der drei Teilbereiche Probleme, wobei andere Kinder in mehreren oder sogar allen Bereichen Einschränkungen aufweisen. Vor allem Schwierigkeiten beim Lesen und Rechtschreiben treten häufig in Kombination mit Sprachentwicklungsstörungen auf.

Lese- und/oder Rechtschreibstörung Mit diesem Begriff werden zwei Entwicklungsstörungen zusammengefasst. Man unterscheidet eine kombinierte Lese- und Rechtschreibstörung sowie eine isolierte Rechtschreibstörung. Kinder mit einer Lese- und/oder Rechtschreibstörung haben Probleme, Laute zu unterscheiden und sie zusammenzufügen. Dies resultiert in vielen Lesefehlern. Im Laufe der Entwicklung ist vor allem die Lesegeschwindigkeit eingeschränkt. Im Bezug auf das Rechtschreiben zeigen die Kinder trotz intensiver Bemühungen eine hohe Anzahl an Rechtschreibfehler. Sie können Groß- und Kleinschreibung nicht unterscheiden und haben Probleme bei der Wortstammschreibung (z. B. Muter statt Mutter), bei der Auslautschreibung (z. B. Berk statt Berg) oder bei der Schreibung von Konsonantenhäufungen (z. B. Schtrand statt Strand). Die Defizite können nicht durch Sehstörungen oder unzureichende Beschulung erklärt werden. Die Prävalenz dieser Störungen liegt bei jeweils 3–4 %.

Rechenstörung Kinder mit einer Rechenstörung haben erhebliche Schwierigkeiten im Bereich Mathematik. Im Vordergrund stehen Defizite im Mengenverständnis (z. B. 6 Äpfel sind mehr als 3 Äpfel), in der visuell-räumlichen Zahlenvorstellung (z. B. auf einem Metermaß ist der Abstand zwischen 2 und 5 cm kleiner als zwischen 2 und 50 cm) und in der Umsetzung von Ziffern in die Sprache (z. B. Ziffer 5 und das Wort fünf). Den Kindern fällt es außerdem schwer, die Grundrechenarten zu erlernen oder mathematische Textaufgaben zu lösen. Die Prävalenz liegt bei 2–8 %. Umschriebene Entwicklungsstörungen der motorischen Funktionen Kinder mit motorischen Entwicklungsstörungen (auch Dyspraxie genannt) zeigen ein nicht altersgemäßes Bewegungsverhalten der motorischen Koordination und haben Probleme dabei, grob- und feinmotorische Fähigkeiten zu erwerben. Im grobmotorischen Bereich haben die Kinder oftmals Probleme beim Gehen oder Laufen und bewegen sich allgemein deutlich unsicherer als andere gleichaltrige Kinder. Weiters fällt es ihnen schwer, das Gleichgewicht zu halten. Sie stolpern häufig oder lassen Gegenstände fallen. Auch beim Spielen können sich grobmotorische Probleme bemerkbar machen, indem die Kinder beispielsweise sehr ungeschickt beim Werfen oder Fangen eines Balles sind. Feinmotorische Einschränkungen machen sich beim Schreiben, Malen oder Basteln bemerkbar. Die Kinder sind ungeschickt beim Hantieren mit der Schere oder anderen Werkzeugen und haben oftmals Probleme dabei, Papier zu falten. Häufig ist auch ihre Handschrift nur schwer zu entziffern. Entwicklungsstörungen in der Motorik fallen meist ab einem Alter von drei bis fünf Jahren auf. Eine sichere Diagnose kann erst ab dem fünften Lebensjahr gestellt werden. In schweren Fällen wird die Störung bereits zwischen drei und vier Jahren gestellt. Die Prävalenz liegt zwischen 5 und 6 %. Häufig treten die motorischen Auffälligkeiten in Verbindung mit anderen Störungen auf, wie z. B. Störungen der Aktivität und Aufmerksamkeit, der Sprache oder Teilleistungsstörungen (Lese- und Rechtschreibstörungen).

Ursachen Grundsätzlich ist eine Entwicklungsstörung Folge von einer defizitären Funktionalität in bestimmten Gehirnarealen. Die Ursachen für eine solche Störung können vielfältig sein. Die wichtigsten Einflussfaktoren sind:

Genetische Einflüsse: Vor allem bei der Entwicklung des Nervensystems ist die genetische Komponente zentral. Aktuelle Studien definieren bestimmte Chromosomen, die offensichtlich an der Entstehung von Entwicklungsstörungen beteiligt sind. Auch Stammbaumanalysen und Zwillingsstudien stützen die genetische Disposition für umschriebene Entwicklungsstörungen. Hirnschädigungen: Eine Hirnschädigung kann unterschiedliche Ursachen haben. Sie kann u. a. durch Entzündungen, Traumen, Intoxikation, Tumoren oder Hirndruck entstehen. Diese Schädigungen können mit Störungen gewisser menschlicher Fähigkeiten und Funktionen einhergehen. Vor allem bei Sprachentwicklungsstörungen zeigt sich ein Zusammenhang zwischen Hirnschädigungen in bestimmten Gehirnarealen und den Störungen in der Sprache. Hirnreifung: Vor allem bei Sprachentwicklungsstörungen wird ein Zusammenhang mit einer Verzögerung der Entwicklung relevanter Gehirnareale diskutiert. Im Vordergrund stehen dabei Störungen der auditiven Wahrnehmung und Merkfähigkeit sowie der motorischen Koordination. Pränatale Einflüsse: Auch Schädigungen des Fötus während der Schwangerschaft können zu späteren Beeinträchtigungen in der Entwicklung führen. Diese Schäden können durch Infektionen, Medikamente, Alkohol, Nikotin oder andere psychotrope Substanzen entstehen. Auch Komplikationen während der Geburt (z. B. Frühgeburt oder Sauerstoffmangel bei der Geburt) können problematisch sein. Psychosoziale Einflüsse: Dieser Bereich umfasst vor allem Umweltfaktoren und Erfahrungen, welche Auswirkungen auf die Entwicklung von Kindern haben können. Diese psychosozialen Einflüsse wirken auf die Lernentwicklung der Kinder und modifizieren die Symptome der Entwicklungsstörung. Es wird jedoch ausgeschlossen, dass diese Faktoren per se ursächlich für die Entstehung einer Entwicklungsstörung sind. Sie nehmen lediglich eine modulierende Rolle ein.

Folgen für Betroffene Wie sich eine Entwicklungsstörung auf das Individuum auswirkt, ist abhängig davon, welche Störung vorliegt und wie stark die Einschränkungen durch diese sind.

Entwicklungsstörungen können vor allem das Selbstwertgefühl sowie das Selbstbewusstsein der Betroffenen negativ beeinflussen. Die Kinder merken, dass sie einige Dinge nicht so gut können wie ihre Peers. Dadurch fühlen sie sich oftmals überfordert und bekommen das Gefühl vermittelt, mit ihnen stimme etwas nicht. Kinder mit Entwicklungsstörungen zeigen häufig eine erhöhte Reizbarkeit, Unruhe und Impulsivität. Die Konzentration und Aufmerksamkeit ist oft vermindert. Viele Betroffene werden gehänselt und haben Schwierigkeiten, Freundschaften zu schließen. Die Kinder zeigen vermeidendes Verhalten, indem sie schwierigen Situationen und Tätigkeiten aus dem Weg gehen. Ein Großteil der Betroffenen hat Probleme, die Schule abzuschließen oder sich im späteren Berufsleben zurechtzufinden.

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