mini|Verlauf der Offensive Die Rebellenoffensive in Syrien begann Ende November 2024 und endete nach wenigen Tagen mit dem Sturz des Regimes des langjährigen Diktators Baschar al-Assad.
Am 27. November 2024 startete eine Koalition bewaffneter syrischer Oppositionsgruppen unter der Führung von Haiʾat Tahrir asch-Scham (HTS) in den syrischen Gouvernements Idlib, Aleppo und Hama die Angriffe. Am 29. November 2024 drangen die Rebellen in Aleppo ein und eroberten die Stadt. In den folgenden Tagen rückten sie rasant vor, während die assadtreuen syrischen Streitkräfte sich aufzulösen begannen und nur punktuell Widerstand leisteten. Großstädte wie Hama, Homs, Deir ez-Zor, Darʿā und As-Suwaida fielen innerhalb von weniger als zwei Wochen in die Hände der Opposition. Am 8. Dezember 2024 eroberten Rebellen fast kampflos die Hauptstadt Damaskus, stürzten die Regierung und beendeten die mehr als 50 Jahre andauernde Herrschaft der Familie Assad,Christoph Leonhardt: Religion und Gewalt in Syrien. Legitimierung und Mobilisierung unter der Assad-Dynastie (1970–2020). In: Konfrontation und Kooperation im Vorderen Orient. Band 19, Münster 2024, ISBN 978-3-643-25119-0, S. 75 die sich ins Ausland absetzte.
Vorgeschichte Der Bürgerkrieg in Syrien begann mit Protesten gegen das herrschende Assad-Regime während des Arabischen Frühlings 2011, deren brutale Unterdrückung mit militärischer Gewalt zu einer Bewaffnung oppositioneller Gruppen führte und sich zu einem Krieg ausweitete.Christoph Leonhardt: Religion und Gewalt in Syrien. Legitimierung und Mobilisierung unter der Assad-Dynastie (1970–2020), in: Konfrontation und Kooperation im Vorderen Orient 19, Münster 2024, S. 63–69, ISBN 978-3-643-25119-0 Kurzzeitig hatten verschiedene Rebellengruppen große Teile des Staatsgebiets eingenommen, bevor iranische und vor allem russische Hilfe Assad stützte. Die Rebellen wurden in den Norden zurückgedrängt, wo Rojava und Idlib als Hochburgen des Widerstands verblieben. Nach einem Waffenstillstandsabkommen in Idlib im März 2020 fanden im Nordwesten Syriens für eine Zeit lang keine groß angelegten Operationen zwischen Oppositions- und regierungsnahen Kräften mehr statt. Die im Nordwesten Syriens ansässigen Oppositionsgruppen bereiteten sich jedoch auf eine Wiederaufnahme der Kampfhandlungen vor, wobei insbesondere die HTS ihre militärischen Fähigkeiten stärkte, indem sie professionelle Strukturen aufbaute, ihre Ausbildung verbesserte und Spezialkräfte ausbildete. In der Zwischenzeit litt die syrische Regierung unter zunehmender Korruption und westlichen Wirtschaftssanktionen. Syrien wurde als der „größte Drogenstaat der Welt“ bezeichnet, dessen „korrupte Wirtschaftselite und ein mächtiges Netzwerk von Militärkommandeuren, Milizenführern und Kriegsherren durch die Einnahmen aus dem Drogenhandel“, insbesondere aus dem Handel mit Captagon, zusammengehalten werde.
Ab 2022 wurde die russische Militärhilfe für Assad verringert, da sich Russland auf seinen Krieg gegen die Ukraine konzentrierte, und in der Folge begann der Bürgerkrieg in Idlib wieder aufzuflammen. Im Oktober 2024 wurde schließlich eine große Mobilisierung von HTS und Regierungstruppen im Umland von Aleppo eingeleitet, da die syrischen Rebellen eine Großoffensive gegen die Regierungstruppen in Aleppo vorbereiteten.Syrian Rebels Reach Outskirts of Major City in Escalating Offensive New York Times
Offensive
Beginn der Offensive und Einnahme von Aleppo mini|Lagebild zur Gebietskontrolle am 29. November, kurz nach Beginn der Großoffensive
Am 27. November 2024 gab die HTS bekannt, dass sie eine Offensive mit dem Namen „Abschreckung der Aggression“ gegen die Regierungskräfte der Syrischen Arabische Armee (SAA) im westlichen Gouvernement Aleppo gestartet habe. An ihr beteiligten sich neben der HTS auch die von der Türkei geförderte Syrischen Nationalen Armee (SNA); auch zahlreiche weitere Gruppen, darunter die Demokratischen Kräfte Syriens (SDF) der Kurden, die allerdings mit der SNA im Konflikt stehen, griffen nun die Assad-Truppen an. In den ersten Stunden der Offensive konnten die Rebellen rasch vorstoßen und 13 Städte und Dörfer sowie eine Militärbasis der Regierung einnehmen. Die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte meldete, dass 37 syrische Regierungssoldaten und verbündete Milizen sowie 60 Kämpfer der Oppositionskräfte bei den Zusammenstößen getötet wurden. Am 28. November startete die HTS eine Offensive in der östlichen Landschaft des Gouvernements Idlib. Bis Ende des Tages waren 60 Orte unter die Kontrolle der Rebellen gefallen.
Am 29. November starteten die Oppositionskräfte eine groß angelegte Offensive mit dem Ziel, die Stadt Aleppo und die umliegenden Gebiete einzunehmen. An diesem Tag drangen die Rebellen der HTS mit den SDF in die Stadtteile Hamdaniya und Neu-Aleppo von Aleppo ein, nachdem sie einen doppelten Selbstmordanschlag mit zwei Autobomben verübt hatten. In den frühen Morgenstunden des 30. November eroberten die Rebellen die Zitadelle von Aleppo. Kurdische Kräfte der SDF brachten derweil das Industriegebiet von Aleppo und den Flughafen der Stadt bis zum Abend unter Kontrolle. Die syrische Regierung sprach von einer „Verlegung“ ihrer Truppen aus der Stadt. Durch den hastigen Rückzug der syrischen Streitkräfte fielen große Waffenarsenale in die Hände der Rebellen. Das russische Militär reagierte mit Luftschlägen auf das Vorrücken der Rebellen. Bei einem Luftangriff, der Berichten zufolge von russischer Seite ausging, wurden in Aleppo 16 Zivilisten getötet und 20 weitere verletzt.
Vormarsch auf Hama Am Abend des 30. November begannen die Rebellen unter Führung von HTS weiter nach Süden in Richtung Hama vorzustoßen und trafen dabei nur auf wenig ernsthaften Widerstand. Beim Vormarsch in Richtung Hama gelangten u. a. Sfireh und der Militärflugplatz Kuweyres unter Kontrolle der Rebellen. Am 3. Dezember hatten die Rebellen die Vorstädte von Hama erreicht und drohten die Stadt einzukreisen, bevor Regierungstruppen am Tag darauf eine Gegenoffensive starteten. Am 5. Dezember drangen Oppositionskräfte in den nordöstlichen Teil der Stadt Hama ein, während auf der Ostseite Luftangriffe der Regierung erfolgten. Bis Nachmittag hatten sie die Stadt vollständig unter ihre Kontrolle gebracht, während sich die Regierungstruppen zurückziehen mussten.
Vormarsch auf Homs Am 5. Dezember 2024 zogen sich die Kräfte der Regierung aus den Städten Salamiyya und Talbiseh in Richtung Homs zurück. Am Abend hatten die Oppositionskräfte die Außenbezirke von Rastan erreicht und einen regierungsnahen Militärstützpunkt nördlich davon eingenommen. Gleichzeitig mit dem Vormarsch der Opposition bombardierten russische Flugzeuge die Hauptbrücke zwischen Homs und Hama, um den Vormarsch der Rebellen zu verlangsamen. Homs ist eine strategisch bedeutsame Stadt, da ihre Einnahme Damaskus von der syrischen Küste und der russischen Marinebasis Tartus abschneidet. Die Schlacht um Homs wurde deshalb als Entscheidungsschlacht bezeichnet. Der Kollaps der syrischen Streitkräfte setzte sich unvermindert fort. Am 6. Dezember 2024 eroberten die Oppositionskräfte fünf Städte und näherten sich den Außenbezirken von Homs, während sich die regierungstreuen Kräfte aus weiteren Gebieten zurückzogen. Am Abend tauchten Berichte über einen Rückzug der Regierungstruppen aus Homs auf, die vom syrischen Verteidigungsministerium jedoch geleugnet wurden. Am 7. Dezember verkündete HTS-Kommandeur Abu Muhammad al-Dschaulani die „Befreiung von Homs“ und in der Stadt kam es zu Feierlichkeiten. Mit der Einnahme von Homs war nun der Weg nach Damaskus frei.
Rebellion im Süden und Rückzug der Regierung aus dem Osten Der Vorstoß der Rebellen im Norden inspirierte einen Aufstand im Süden des Landes. Lokale Gruppen vertrieben Regierungssoldaten und die Provinzhauptstädte Darʿā und As-Suwaida fielen am 6. Dezember ohne große Gegenwehr unter ihre Kontrolle. Die südlichen Rebellengruppen schlossen sich unter einem Operationssaal mit dem Namen „Kampf zum Zerbrechen der Ketten“ zusammen und begannen vom Süden her auf Damaskus vorzurücken. Am 7. Dezember 2024 zogen sich die regierungsfreundlichen Kräfte auch aus dem Gouvernement Quneitra zurück, das an die von Israel besetzten Golanhöhen grenzt. Am 6. Dezember begann die Regierung ihre Truppen aus Deir ez-Zor in Ostsyrien abzuziehen und in Richtung Damaskus zu verlegen, was den SDF die Einnahme der Stadt ermöglichte.
Einnahme von Damaskus und Sturz von Assad
Am 7. Dezember 2024 drangen Oppositionskräfte von Süden her in das Gouvernement Rif Dimaschq ein und näherten sich bis auf 20 Kilometer der Hauptstadt Damaskus an. Als die Opposition die Vorstädte der Hauptstadt erreichte, begannen Demonstranten dort die Statuen der Assads niederzureißen. Es folgten keine großen Kämpfe mehr, da sich die syrische Regierung bereits im Auflösungsprozess befand und ihre Soldaten ihre Uniformen ablegten oder flohen. Am 8. Dezember teilte die Führung der syrischen Armee ihren Offizieren mit, dass die Regierungszeit von Assad beendet sei. Dieser hatte sich unterdessen bereits nach Russland abgesetzt. Die letzten beiden regionalen Hauptstädte unter Regierungskontrolle, Tartus und Latakia, wurden noch am selben Tag kampflos von den Rebellen eingenommen.
Rolle des Auslands USA Am 19. Dezember 2024 räumte das US-Verteidigungsministerium ein, tatsächlich etwa 2.000 US-Soldaten in Syrien zu haben. Zuvor hatte das Ministerium immer von 900 Soldaten gesprochen, die in Syrien stationiert seien. Zu dieser Zeit schickte die Biden-Regierung Beamte nach Damaskus. Eine diplomatische Delegation, darunter die stellvertretende Außenministerin Barbara Leaf, Botschafter Roger Carstens und der leitende Berater für Nahost-Angelegenheiten, Botschafter Daniel Rubinstein, trafen am 20. Dezember in Damaskus ein. Dies war der erste Besuch von US-Diplomaten in der syrischen Hauptstadt seit 2012. Die Delegation traf sich mit Vertretern der Islamistengruppe HTS, um die Übergangsprinzipien zu besprechen, die die USA und ihre regionalen Partner während der Aqaba-Konferenz in Jordanien gebilligt hatten.Pentagon: 2000 US troops in Syria, Enab Baladi, 20. Dezember 2024U.S. Diplomats Visit Damascus for the First Time Since 2012, Discuss Key Issues with Syrian Stakeholders, North Press Agency, 20. Dezember 2024US concedes it has double the number of troops in Syria as Biden sends officials to Damascus, CNN, 19. Dezember 2024 Im Anschluss hoben die USA das langjährige Kopfgeld in Höhe von zehn Millionen US-Dollar auf den Anführer der HTS auf.US removes long-standing bounty on Syrian rebel leader, CNN, 19. Dezember 2024
Türkei Der türkischen Regierung wurde eine große Rolle bei der Bewaffnung der Oppositionsgruppen zugeschrieben, besonders die SNA gilt als Proxy der Türken. Neben dem Ausbau der eigenen Machtposition in der Region geht es der Türkei dabei besonders um die Rückführung syrischer Flüchtlinge und die Eindämmung einer kurdischen Autonomie in Nordostsyrien. Nach 2020 hatte der türkische Präsident Erdoğan versucht, die Beziehungen zu Assad zu normalisieren, dieser hatte allerdings die türkische Besetzung von Teilen des syrischen Staatsgebiets angeprangert. Nach dem Beginn der Offensive sagte Erdogan „Wir hatten einen Appell an Assad gemacht. Wir hatten ihm gesagt, dass wir die Zukunft von Syrien gemeinsam gestalten können“, Assad soll dieses Angebot allerdings abgelehnt haben. Erdogan verkündete am 7. Dezember offen seine Unterstützung für die Rebellenoffensive und rief zum Sturm auf Damaskus auf.