mini|Claudia Reiche, 2021 Claudia Reiche ist eine deutsche Künstlerin, Medienwissenschaftlerin, Kuratorin und Autorin, die sich mit den Schnittstellen von Kunst, Wissenschaft und digitalen Kulturen auseinandersetzt. Sie beschäftigt sich insbesondere mit Fragen der Medialität, Psychoanalyse, Film- und Bildkulturen sowie den epistemologischen, ästhetischen und politischen Auswirkungen digitaler Technologien. Claudia Reiche ist in feministischen und queeren Projekten aktiv und bekannt für ihre Arbeiten im Rahmen von Kollaborationen wie dem thealit Frauen.Kultur.Labor in Bremen und war Teil der core group, der Kerngruppe des Old Boys Network (OBN), einer cyberfeministischen Initiative, die unter anderem bei der documenta X (1997) präsent war.
Werdegang Sie realisiert mit interdisziplinären Methoden Projekte, die oft Kunst und Wissenschaft verbinden. Claudia Reiche reflektiert durch ihre wissenschaftliche und künstlerische Arbeit über digitale Technologien und gesellschaftliche Normen. Ihre Arbeit entwickelt (cyber)feministische Zugänge zur Frage, wie Mensch/Maschine Verhältnisse mit Worten und Bildern gestaltet werden.
Claudia Reiche war als Künstlerin und Autorin eine der Schlüsselfiguren in der Cyberfeminismus-Bewegung der 1990er Jahre. Als Mitglied des Old Boys Network trug sie mit einer Serie von Konferenzen und Publikationen maßgeblich zur internationalen Diskussion um Geschlechterrollen und Technologien bei. Zusammen mit Andrea Sick leitete sie das EU-Projekt Cyberfeminism.Lab. Es wurde im Rahmen des EU-Kulturprogramms „Culture 2000“ realisiert und brachte Künstlerinnen, Theoretikerinnen und Aktivistinnen aus ganz Europa zusammen. Im Mittelpunkt stand die Erforschung und Entwicklung neuer „Techniken“ des Cyberfeminismus – sowohl im technischen als auch im künstlerisch-praktischen Sinn. Das Lab thematisierte, wie digitale Technologien genutzt werden können, um feministische Perspektiven zu stärken und tradierte Geschlechterrollen zu hinterfragen. Die Projektergebnisse wurden in der Publikation technics of cyber<>feminism <mode=message> (herausgegeben von Reiche und Sick) dokumentiert. Es zeigte, wie Kunst digitale Technologien nutzen kann, um Machtstrukturen zu reflektieren und alternative Narrative zu schaffen.
Neben ihrer kuratorischen und akademischen Arbeit ist Claudia Reiche als Moderatorin, Performerin und Referentin bei internationalen Veranstaltungen präsent. Sie schreibt Texte für andere Künstlerinnen wie Krista Beinstein, performt mit ihnen und moderiert. 2023 leitete sie beispielsweise eine Diskussion mit Ashley Hans Scheirl im Palais de Tokyo in Paris über queere und feministische Themen in der Filmkunst. Zu ihren multimedialen Werken gehört die Ausstellung Hijra Fantastik, die 2018 in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut Bangalore entstand und im Schwulen Museum Berlin gezeigt wurde. Eine Forschung zu nicht biologisch definiertem Geschlecht, die sich auf künstlerische Weise mit der Hijra-Identität auseinandersetzt.
Claudia Reiche ist Mitarbeiterin im Frauen.Kultur.Labor thealit, Bremen. Thealit wurde 1990/1991 gegründet und hat mit fortlaufenden Projekten und Konferenzen ein internationales Netzwerk von Künstlerinnen und Wissenschaftlerinnen aufgebaut.
Seit 1999 kuratiert sie mit Helene von Oldenburg das Kunstprojekt The Mars Patent, the first exhibition site on Mars.
Ausbildung Sie schloss ihr Filmstudium an der Hochschule für Bildende Künste Hamburg ab, erwarb ihren Master in Literatur an der Universität Hamburg und promovierte in Kunst- und Medientheorie an der Kunsthochschule für Medien Köln.
Lehre Claudia Reiche lehrt im medientheoretischen und künstlerischen Bereich, an Kunsthochschulen und Universitäten in Hamburg, Braunschweig, Paderborn, Bratislava, Oldenburg, Basel, Berlin und Bremen. Claudia Reiche war Gastprofessorin für Theorie und Geschichte zeitgenössischer Medien an der Carl von Ossietzky Universität in Oldenburg. Sie führte das Forschungsprojekt Körperbilder. Mediale Verwandlungen des Menschen in der Medizin an der Universität Hamburg durch.
The Mars Patent 1999: Mondo Immaginario, Shedhalle Zürich 2001: Space, From Earth Gravity to the Surface of Mars, Time Based Arts, Ferens Art Gallery, Kingston upon Hull 2002: Ein unguter Ort – doch besser als die Welt, Copyright Projektbüro, Projektraum Kampl, Berlin 2004: Space: Science, Technology and the Arts, Workshop Project Muse, European Space Research and Technology Centre, Noordwijk, 2005-2006: Rückkehr ins All, kuratiert von Christoph Heinrich, Galerie der Gegenwart, Kunsthalle Hamburg / Siemens Arts Program 2007: Mars Patent – female first names only, Kunsthalle Wien, Project Space, in Kooperation mit Die Angewandte 2007: Wir sind woanders #2, Web-Lounge Hamburg, The Mars Patenthttps://scoopthinktank.de/wp-content/uploads/2010/10/WSW2_Programmheft.pdf 2008: Crossroads. Nomadic Knowledge & Art Strategies, Bishkek Art Center, Bishkek, Kirgistan 2008: Weltraum als Fluchtlinie, Kunstverein Wolfsburg 2009 Shared Space, Einstellungsraum e.V., Hamburg 2009–2010: Mars Patent, Space for free, Diorama Installation, Frauen.Kultur.Labor. thealit, Bremen 2024: Re Capitulating THE MARS PATENT, 4 Videoinstallationen (mit Helene von Oldenburg) bei NOPE, Stadtwerkstatt Linz / ars elektronica
Ausstellungen (Auswahl) 1999: net_condition, old boys network, 'obn@zkm', ZKM Karlsruhe 2003: white cube No 1– EXPAND, Die avatarische Hand / The Avatarian Hand, Volkartstiftung, Winterthur und Neues Museum Weserburg 2004: Anthology of Art, Hg. Jochen Gerz, GENERATION #12/26, 142. Claudia Reiche, ohne Titel, Martin-Gropius-Bau, Berlin; Akademie der Künste, Berlin; ZKM, Karlsruhe; Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn 2006: Cyberfem. Feminisms on the electronic landscape, EACC Espai d’Art Contemporani de Castelló, old boys network 2009: 6th Novosibirsk International Biennal of Contemporary Graphic Arthttps://www.vsvu.sk/workspace/media/documents/2009_vyrocna_sprava_vsvu.pdf 2010: Unlimited Liability, kuratiert von Michel Chevalier, TUNDRA::::ORGANISM, Video, Loop, Hamburg 2010–2011: Ars Bioarctica Program, Artist in Residence, Bioart Society, Kilpisjärvi, Finland 2011: Eurozentrika, Visuelle Migrationen – Bilder in Bewegung, Berlin, LEAP (Lab for Electronic Arts and Performance) 2014: Civil Wilderness, mit Helene von Oldenburg, Grey Cube Galleriat Helsinki, Korkeasaari Zoo, Helsinki 2015: Das Intervall als Schutzraum. Zu Dziga Vertovs Montage „zwischen den Bewegungen“, Vortragsperformance, Schutzraum Politik / Ästhetik / Medien, Frauen.Kultur.Labor. thealit Bremenhttps://www.thealit.de/lab/schutzraum/assets/Uploads/Programmflyer-SCHUTZRAUM-WEB.pdf? 2017: Gruppenausstellungen: ZUKUNFT 1: 2057 und ZUKUNFT 2: 2417 , FRISE Künstlerhaus + Abbildungszentrum, Hamburg 2017: Civil Wilderness (mit Helene von Oldenburg), (Bio)Diversitätskorridor im Landkreis Oldenburg, Artecology Network 2017: Nachverdichtung – Ortsbeschreibungen vor dem Hintergrund schwindender urbaner Räume, FRISE Künstlerhaus + Abbildungszentrum, Hamburg 2017: RE/WRITING REALITY, kuratiert von Belinda Grace Gardner, Flat 1, Wien – Wiener Festwochen 2018: Salon Sauvage, Vortragsperformance zu Civil Wilderness im Rahmen von ‚13. Salon digital’, HFK Bremen, (mit Helene von Oldenburg)https://vimeo.com/278641013 2018: ZOH500, Schloss Eutin 2019: STWST48X5, STAY UNFINISHED, Stadtwerkstatt Linz 2023: UNFINISHED, kuratiert von Tanja Brandmayr, Shu Lea Cheang, Franz Xaver, Ars electronica 2020: Bakterielles Online-Gespräch via Zoom, anstelle der ‚Mondmaschine‘, Mass & Fieber, Ost, mit Antonia Labs, Leonardo Raab, Brigitte Helbling, im Rahmen des Hauptsache Frei Festivals, Hamburg Kampnagel 2020: Neues Sehen, mit Markus Heltschl, Eva Krivanec, Thomas Tode, geleitet von Teresa Retzer, ZKM Karlsruhe 2021–2022: Wo es war – Ortsbestimmungen zu fünf Objekten im Landesmuseum Birkenfeld (mit Helene von Oldenburg), Landesmuseum Birkenfeld 2021–2022: Wo es war – Ortsbestimmung zu einer „Stube aus Kirchwerder, Vierlande 1812“ des Altonaer Museums (zusammen mit Helene von Oldenburg), Altonaer Museum mit FRISE Künstlerhaus + Abbildungszentrum 2022: ‚feminism is a browser‘, online Talk with Charlotte Eifler bei: [Digital] Present Feminist Futures, curators: Silvia Sadzinski, Katharina Koch, Berlin, alpha nova galerie futura 2022: Lecture und Gesprächsmoderation mit Anna Pein und Oliver Sturm zum Hörspiel Mädchenzimmer mit Soldaten (2006), Berlin, Akademie der Künste 2023 heim… , Multimediainstallation Foto, Video, Sound, hinüber, Übungen zum Tod, MOM Art Space, Fabrique im Gängeviertel Hamburg; thealit Arbeitszimmer Bremen, im Rahmen von „The Art of Emergency“ 2023: STWST 9 x 48, 2023 COLD HEAVEN, over. Exercises in Death / vorbei. Übungen zum Tod. Stadtwerkstatt, Linz 2023: Conférence avec Ashley Hans Scheirl et Claudia Reiche, bei: Doppelganger!, Ausstellung Jakob Lena Knebel, Ashley Hans Scheirl, kuratiert von Daria de Beauvais, Palais de Tokyo, Paris 2025: home (Exercises in Death, Part I), bei: Vanitas! Vanitatum Vanitas! – Die Vergänglichkeit des Lebens, kuratiert von Julia Melzner, Elke Suhr, Schauraum Hamburg 2025: Cine*Ami*es, 60 Jahre Film an der HfbK Hamburg, Open Threads of Cyberfeminism, kuratiert von Elisa Linseisen
Videos, Multimediale Projekte, 1988: C.I.R.C. U.S.F.I.L.M., 42 min, Regie, Kamera, Ton, Schnitt: Anna Pein, Claudia Reiche 2011: demo_lition, De 2011, 12:26 min, Regie: Dorothea Carl, Claudia Reiche 2016: Bodenerhebungen, De 2016, 19:48 min, Regie Dorothea Carl, Claudia Reiche 2018: WHICHSEXTHESUNTHEMOONANDYOU, 4:55 min 2019: HIJRA FANTASTIK (multimediales Projekt, Film, Foto, Video), Schwules Museum Berlin 2024: C.I.R.C.U.S.P.H.O.T.O.S., 5:41 min, Regie: Anna Pein, Claudia Reiche, Kamera, Schnitt: Claudia Reiche 2024: Fotos Marianne Schuller 1989–91, 3:21 min, Regie, Kamera, Schnitt: Claudia Reiche, unter Verwendung der Komposition „Spielzeug“, Clio Montrey
Konferenzen/Tagungen/Festivals
1997: first cyberfeminist international, documenta x, hybrid workspace, Kassel, old boys network 2008: Prototypisieren, Eine Messe für Theorie und Kunst, Frauen.Kultur.Labor. thealit, Bremen 2009: Streik Academy, Anhalten/Aushalten, Frauen.Kultur.Labor. thealit, Bremen 2021: Verkehrtes Queer in politisch-karnevalesken Räumen – 2 Schnittführungen, Lecture Performance (mit Andrea Sick), bei: Online-Tagung „QUE(E)RULIERT! Praktiken des Störens in Kunst / Medien / Wissenschaft“ (02.07.-03.07.2021), Institut für Kunst und visuelle Kultur, Carl von Ossietzky Universität OldenburgProgrammheft_FINAL.pdf
Publikationen (Auswahl) 100 Anti-Theses of Cyberfeminism, 1997. BildKörper. Verwandlungen des Menschen zwischen Medium und Medizin, Marianne Schuller, Claudia Reiche und Gunnar Schmidt, LIT VERLAG, Münster, 1998, ISBN 3-8258-3874-9. First Cyberfeminist International: Old Boys Network Reader 1, Hrsg. Cornelia Sollfrank und Old Boys Network, obn, 1998. Old Boys Network: Next Cyberfeminist International. Rotterdam, March 8-11, 1999. (=Old Boys Network Reader 2). OBN 1999, ISBN 978-3-93355-714-8 (Online). mit Helene von Oldenburg (Hrsg.): Very Cyberfeminist International: OBN Conference Hamburg, December 13–16, 2001 (=Old Boys Network Reader 3). b_books, Berlin 2002, ISBN 978-3-93355-734-6 (online). mit Andrea Sick (Hrsg.): Technics of Cyber ‹ › Feminism. ‹mode=message›. Thealit Frauen.Kultur.Labor., Bremen 2002, ISBN 978-3-93092-403-5. Eingreifen. Viren, Modelle, Tricks. Andrea Sick, Ulrike Bergermann, Elke Bippus, Marion Herz, Helene von Oldenburg, Claudia Reiche, Jutta Weber (Hrsg.), thealit Frauen.Kultur.Labor., Bremen 2003, ISBN 3-930924-04-8. mit Verena Kuni, Old Boys Network (Hrsg.): Cyberfeminism, Next Protocols. Autonomedia, New York 2004, ISBN 978-1-57027-149-6. Digitaler Feminismus. labor:theorie Band 1. Bremen: thealit Frauen.Kultur.Labor. 2006, ISBN 3-930924-06-4.