Der Kibbuz HaOlim (der Kibbuz der „nach Zion Aufsteigenden“)Perez Leshem: Straße zur Rettung (Manuskript) war im Frühjahr 1933 der erste Kibbuz, den der Hechaluz in Frankreich gründete, und in dem junge Zionisten durch Agrar- und Hebräischkurse auf die Einwanderung nach Palästina vorbereitet werden sollten. Aufgrund seiner Lage direkt an der französisch-luxemburgischen Grenze und seiner engen Verbindung zum benachbarten Altwies, einem Ortsteil des luxemburgischen Mondorf, wurde diese Hachschara-Stätte oft dem Großherzogtum Luxemburg zugerechnet.
Die französisch-luxemburgische Grenze an der Gander Seit 1769 bildet das Flüsschen Gander einen Teil der Grenze zwischen Frankreich und Luxemburg. Das führte dazu, dass aus dem südlich der Gander gelegenen Teil des luxemburgischen Ortes Mondorf, der später zu Bad Mondorf (Mondorf-les-Bains) wurde, das lothringische Mondorff entstand. Dessen Gemarkung erstreckt sich auch über die südlich der Gander gelegenen Teile des Mondorfer Ortsteils Altwies. Die Gemeinde Monndorff bezeichnet diesen Teil von ihr als hameau de Altwies (Weiler Altwies).Commune de Mondorff: Histoire de Mondorff, abgerufen am 1. Dezember 2024Susanne Jaspers: Was Victor Hugo im Kibbuz trieb mini|Altwies: die Brücke über die Gander (Pont Victor Hugo) mini|Ehemaliges Hôtel de Paris in Altwies (Mondorff)Eine schöne alte Postkartenansicht des Hôtel de Paris ist bei Dieter Basien zu finden. Zwei weitere schöne Bilder sind auf der Webseite Bilderband einiger Hotels in Luxemburg zu finden. Bekannt wurde dieser Weiler durch Victor Hugo, der hier im August/September 1871 in dem 1865 erbauten Hôtel de Paris für drei Wochen wohnteDieter Basien: Vom Jangeli über den Kibbuz zum Castel und im luxemburgischen Mondorf die Kureinrichtungen nutzte. Die Brücke über die Gander, die den französischen Weiler mit dem luxemburgischen Altwies verbindet, trägt heute den Namen Pont Victor Hugo. Eigentlich befand sich Victor Hugo zu der Zeit noch im Exil, doch dass er trotzdem im französischen Teil von Altwies Quartier bezog, zeigt auch, dass es mit der Macht seines Widersachers, Napoleon III., vorbei war. Während dieser bereits in Kassel im Schloss Wilhelmshöhe gefangen gehalten wurde, kehrt Victor Hugo von Altwies aus nach Paris zurück und beendete sein Exil.
Das Hôtel de Paris () stellte 1890 seinen Betrieb ein. Über die Nachnutzung in den Folgejahren ist nichts bekannt, und nach Jaspers wurde das Anwesen erst im September 1933 wieder einer neuen Nutzung zugeführt.
Die Gründung von HaOlim Die von Jaspers erwähnte neue Nutzung des ehemaligen Hotels wurde von Perez LeshemPerez Leshem wurde 1903 in Chemnitz als Fritz Lichtenstein geboren. (Perez Leshem. auf chemnitzgeschichte.de) Für weitere biografische Angaben siehe den Vorspann zu seinem Artikel in Aus Politik und Zeitgeschichte (siehe Literatur). Bei Knut Bergbauer heißt es über ihn: „1926 auf Alija in den Kibbuz Jagur. Ab 1931 kam er als Schaliach [Abgesandter, Bote] des Hechaluz immer wieder nach Deutschland und war hier unter anderem für die Organisation von Auslands-Hachschara-Stellen verantwortlich. Sein kenntnisreiches wie quellenbasiertes Buch von 1973 ist eine der besten und informativsten Arbeiten zur deutschen Hachschara.“ (Knut Bergbauer: Unterwegs. Jüdische Jugendbewegung aus Deutschland in Europa, in: Knut Bergbauer, Nora M. Kissling, Beate Lehmann, Ulrike Pilarczyk und Ofer Ashkenazi (Hrsg.) Jüdische Jugend im Übergang – Jewish Youth in Transit. Selbstverständnis und Ideen in Zeiten des Wandels, S. 59–90 (zum Download auf researchgate.net)) in seinem Buch Strasse zur Rettung 1933–1939 als Vor- und Gründungsgeschichte des „Gartenbaukibbuz "HaOlim"“ beschrieben. HaOlim war nach ihm der „erste Kibbuz des "Hechaluz“ in Frankreich", und an dessen Vorbereitung im Frühjahr 1933 waren er und David Shaltiel beteiligt.
Treibende Kraft hinter dem Projekt war ein Dr. Franz Meyer-LiebenÜber Franz Meyer-Lieben ist bislang nichts bekannt, außer einem Hinweis in der Deutschen Digitalen Bibliothek. Demnach fragte er im Februar 1930 im Auftrag der Jewish Agency for Palestine bei Carl Heinrich Becker an, ob dieser einen Vortrag in Luxemburg halten würde., dem das unbewohnte Hotel „mit 28 Zimmern und 30 Ar vernachlässigtem Gartengelände“ von einem Freund „für die gärtnerische Ausbildung von Chaluzim aus Deutschland kostenlos zur Verfügung gestellt“ worden war.Ähnlich beschrieb es Daniel Thilmann vom Luxembourg Centre for Contemporary and Digital History (C²DH) der Universität Luxemburg. Nach ihm gehörten zu dem ehemaligen Hotel landwirtschaftliche Flächen und Stallungen. Das Anwesen habe einem Luxemburger gehört, dessen Ehefrau aus einer alteingesessenen jüdischen Familie aus Bettemburg stammte. Sie hatten selber keine Verwendung für das Anwesen und stellten es für den Aufbau einer Hachschara-Stätte zur Verfügung. (schriftliche Mitteilung von Daniel Thilmann vom 30. September 2024)
Meyer-Lieben gründete ein Comité de Patronage zur Finanzierung des Projekts, in dem zionistische Ortsgruppen aus Metz, Thionville und Forbach zusammenarbeiteten.Die Jüdische Gemeinde in Luxemburg, auf deren Unterstützung die Initiatoren des Kibbuz offenbar auch gerechnet hatten, habe sich der Einrichtung gegenüber zunächst eher zurückhaltend verhalten. (Perez Leshem: Straße zur Rettung (Manuskript), S. 51) „Die ersten Mitglieder des Kibbuz waren acht Chawerim und drei Chawerot, die aus einer Gutsgruppe in Longeville-lès-Metz (Lothringen) kamen.“Im Kontext der Hachschara werden immer wieder die gleichen Begriffe für deren Teilnehmerinnen und Teilnehmer benutzt: a) „Chaluz/Chaluza: pl. Chaluzim/Chaluzot (hebr., Pionier/Pionierin), Bezeichnung für die Aktivisten und Aktivistinnen für den Aufbau Palästinas.“; b) „Chawer/Chawera: pl. Chawerim/Chawerot (hebr., Kamerad/Kameradin), Bezeichnung für Kameraden und Kameradinnen in der Jugendbewegung, Genossen und Genossinnen in der Gewerkschaft oder in Parteien, auch für die Mitglieder eines Kibbuz.“ Die beiden Definitionen stammen aus dem Glossa der Webseite Hachschara als Erinnerungsort. Nach Leshem befanden sich das Gebäude und seine unmittelbare Umgebung in einem schlechten Zustand und musste erst wieder hergerichtet werden. Doch innerhalb von sechs Monaten sei der Kibbuz bereits auf 45 Mitglieder angewachsen. Die Neuzugänge kamen aus dem Deutschen Reich, einige wenige auch aus der Schweiz. Leshem beschreibt ausführlich den Aufbauprozess, während dem das Land für den Gartenbau erschlossen, Fundamente für Gewächshäuser errichtet und ein Hühnerstall für 120 Hennen eingerichtet wurde. Daneben entstanden auch handwerkliche Werkstätten und Arbeitsplätze, und die Wohn- und Lebensbedingungen für die Bewohnerinnen und Bewohner konnten verbessert werden.
Schwierigkeiten, die Leshem hier nur andeutete, finden sich etwas deutlicher in den Erinnerungen eines der frühesten Kibbuz-Mitglieder. Der junge Kommunist Kurt Goldstein, der sich – ohne offenbar von dem Kibbuz zu wissen – nach seiner Flucht aus dem Deutschen Reich bereits privat in Bad Mondorf aufgehalten hatte, reiste als 19-jähriger im Frühjahr 1933 von Mondorf nach Saarbrücken, wo ihm seine Genossen auftrugen, sich beim Zentralkomitee der Hechaluz in Paris zu melden. Er wurde nach Altwies zurückbeordert und erinnerte sich an die von ihm im Kibbuz vorgefundene Situation so:
Der junge Kommunist, der einen strukturierten Tagesablauf als Akt der Selbstbehauptung empfand, litt unter dem von ihm so empfundenen Laissez-faire im Kibbuzalltag. Als er zusammen mit Genossen aus dem Kommunistischen Jugendverband und den Roten Studenten in die Kibbuz-Leitung und gar zum Vorsitzenden gewählt wurde, führten sie „mit Erfolg eine zuverlässige Ordnung ein“, die sowohl die Tagesabläufe als auch die Ausbildungspläne strukturierte.Rosemarie Schuder et al. (Hrsg.): Nr. 58866: „Judenkönig“ Allerdings regte sich Widerspruch gegen das Regime des „preußischen Westfalen“. Es gab Beschwerden bei der Hechaluz-Zentrale in Paris, und Goldstein wurde als Kibbuz-Leiter abgesetzt. Damit einher ging auch seine Verbannung aus dem Kibbuz: Er wurde zur Einzelausbildung zu einem Bauern in Südfrankreich geschickt.
Die von Goldstein und Genossen angestoßenen „Strukturreformen“ scheinen aber nachgewirkt zu haben, denn auch Leshem kam nicht umhin, auf die sich allmählich festigenden inneren Strukturen des Kibbuz hinzuweisen.
Ein weiteres Problem, das den Weg des Kibbuz „von Nachlässigkeit zu Ordnung, von Romantik zu Sachlichkeit“ beeinträchtigte, waren offenbar die vielen eine Hachschara-Stelle suchenden Jugendlichen, zu deren erster Anlaufstelle HaOlim wurde. Jemand, der dies gar noch forcierte, war Hans Sonneborn, später bekannt als Hanan Aynor. Ihm gelang es Anfang 1934, im Umkreis des Kibbuz – auf lothringischem und auf luxemburgischem Gebiet – Einzel-Hachschara-Stellen auf kleinen Bauernhöfen zu finden, die von Hechaluz-Mitgliedern vorrangig aus dem Kölner Raum und dem Ruhrgebiet besetzt werden konnten. Ihr gesellschaftlicher und kultureller Mittelpunkt sollte der Kibbuz in Altwies sein. Eben dies führt aber zum Konflikt mit der Kibbuz-Leitung, die die Arbeit des Kibbuz durch die Neuankömmlinge und die durch sie verursachten Kosten beeinträchtigt sah.
Dieser Konflikt wurde wesentlich dadurch entschärft, dass sich vor allem auf Luxemburger Seite Zentren zur Betreuung der dort in Einzel-Hachschara-Stellen arbeitenden Chaluzim bildeten und der Kibbuz HaOlim sich nicht völlig aus der Verantwortung zurückzog. Er war an Pfingsten 1934 noch einmal Treffpunkt fast aller etwa 60 Hachscharah-Teilnehmer in Luxemburg, und ebenfalls im Frühjahr 1934An anderer Stelle (S. 50) schreibt Leshem, das Büro sei im September 1934 eingerichtet worden. entstand im Jüdischen Volkshaus in Luxemburg (Stadt) ein Büro zur Koordination und Betreuung der Hachscharah-Bewegung in Luxemburg, das von dem HaOlim-Mitglied Hermann GinsburgNach Leshem wurde Hermann Ginsburg 1906 in Frankfurt am Main geboren und wanderte im April 1935 nach Palästina aus. Hier sei er 1939 im Kibbuz Gvat (siehe: Emek Jizre’el) gestorben. geleitet wurde. Vor allem für die verstreut im Süden Luxemburgs verteilte Chawerim blieb der Kibbuz zumindest 1935 noch ein Ort des gesellschaftlichen Rückhalts und der Teilhabe an der kulturellen Arbeit und dem Hebräisch-Unterricht.
Konsolidierung und Ende der Auslands-Hachschara in Frankreich Nach Leshem war HaOlim auch eine Anlaufstelle für Besucher aus der Umgebung, die hier erstmals mit einem Kibbuz in Berührung kamen, und auch zionistische Prominenz stellte sich ein. Er erwähnt Berl Katznelson, Eliahu Golomb, Bracha Chabas (1900–1968)Nach Leshem (S. 35) war sie eine mit der Zeitung der Histadrut verbundene Journalistin aus Litauen, die seit 1907 in Palästina lebte. und Arthur Ruppin. Auch der Hechaluz als Organisation nutzte HaOlim als Treffpunkt und gründete hier im Dezember 1933 die Landesorganisation „Hechalouts en France“. Als Kibbuz stand HaOlim am Anfang der „erste[n] Entwicklungsstufe der Auslandshachscharah in Frankreich“, die im Februar 1934 nach zehnmonatiger Arbeit abgeschlossen war. HaOlim verfügte zu dem Zeitpunkt über 44 Mitglieder und befand sich nun in Begleitung dreier weiterer Kibbuzim: Migdal (Turm) mit 57 Mitgliedern in Joué-lès-Tours, Machar (Morgen) mit 56 Mitgliedern in Jugeals-Nazareth und Chulia (Kettenglied) mit 11 Mitgliedern zuerst bei Cahors, dann bei Toulouse.