Die Gräberpiste (auch Gräberfeldpiste) ist eine Fahrpiste ohne festen Belag im südöstlichen Algerien. Die Route von Illizi nach Amguid wurde erstmals 1981 unter diesem Namen erwähnt. Entlang dieser Piste befinden sich mehrere Gräberfelder muslimischer, aber auch einiger christlichen Verstorbener, die während Kämpfen zwischen französischen Kolonialtruppen einerseits und Tuareg und Truppen der Sanusiya anderseits in den Jahren 1916 bis 1920 ums Leben kamen. Allerdings gibt es auch noch Gräberfelder älteren Datums.
Route und Zustand
Die Piste ist 482 Kilometer lang und führt von der Stadt Illizi im Südosten Algeriens in westlicher Richtung zum Dorf Amguid. Die Strecke ist von großer landschaftlicher Vielfalt geprägt: liebliche, sanft geschwungene Dünenfelder (z. B. zwischen Ehane und dem Oued Samene) hohe Dünengebirge (Ostflanke Erg Tiffernine) Schwemmtonebenen (Ebenen mit angeschwemmtem, tonigem Boden, z. B. bei Ehane und westlich des Erg Tiffernine) Tafelberge mit steilen Abbrüchen (z. B. westlich von Illizi) Berglandschaft, mit Dünen durchsetzt (im Tassili n'Ajjer östlich von Amguid) Schluchten (z. B. Durchquerung des Djebel Essaoui Mellene) Täler mit viel Vegetation (z. B. Mündung des Oued Tadjeradjeri, westlich von Illizi) Hammada (z. B. auf der Hochebene östlich von Amguid) Serir (z. B. westlich von Illizi)
In mehreren Abschnitten ist die Strecke schwierig zu befahren und nur für Geländefahrzeuge geeignet. Ein erstes Teilstück der Strecke ab Illizi, etwa 100 Kilometer, ist allerdings bereits asphaltiert. Als erste kleinere Schwierigkeit ist anschließend die Durchquerung der Dünenzunge östlich des Oued Samene zu sehen – mit ihren, je nach gewählter Passage drei bis fünf kurzen, aber recht steilen Auffahrten.
Nur Schritttempo erlaubt der über bachbettähnliches Gelände führende Pistenteil durch den Bergzug Essaoui Mellene. Nach ihm folgt die Querung des über weite Abschnitte von extrem weichem und tiefen Fech-Fech-Staub bedeckten Oued Essaoui Mellene. Sich hier festzufahren, sorgt für Erstickungsanfälle und extrem verschmutzte Luftfilter.
Nach der Querung des Tales sind an der Ostabdachung des Erg Tiffernine Dünengrate heikel, die nach sanften Steigungen plötzlich auftauchen und teilweise kaum erkennbar sind. Hinter ihnen liegen mehrere Meter tiefe Steilabfahrten mit Unfallgefahr bei zu hoher Geschwindigkeit.Gerhard Göttler, Erika Därr: Algerische Sahara. 1. Auflage. Reise Know-How Verlag Peter Rump GmbH, Bielefeld 2002, ISBN 3-8317-1011-2, S. 418–426.
Ursprung des Begriffs Gräberpiste In ihrem Reiseführer Algerische Sahara von 1981 schrieben die Autoren Ursula und Wolfgang Eckert, dass sie die Route Illizi – Amguid „Gräberpiste“ getauft hätten. Das Makabre dieser Route seien nicht so sehr Einzelgräber (von Nomaden und Karawanenreisenden), sondern die großen Gräberfelder, ja regelrechte Friedhöfe. Diese seien oft durch eine aus Steinen auf dem Boden ausgelegte „Nomadenmoschee“ mit der nach Mekka gerichteten Gebetsecke ergänzt. In ihrer Streckenbeschreibung berichteten sie, dass sie vor allem im Oued Irarraren zwischen Illizi und Ain el-Hadjadj, einem Brunnen etwa 140 Kilometer westlich davon, und dann nochmals im Gebirge vor Amguid solche Zeugen aus der Kolonialgeschichte gesichtet hätten. Einige Kilometer westlich von Ain el-Hadjadj seien sie auf alte Verteidigungsstellungen gestoßen und hätten Patronenhülsen und französische Uniformknöpfe gefundenUrsula und Wolfgang Eckert: Algerische Sahara. 5. Auflage. DuMont Buchverlag, Köln 1990, ISBN 978-3-7701-1317-0. S. 255–262.. – Aus historischer Sicht gehört die Abzweigung Ain el Hadjadj – Hassi Tabelbalet – Bordj Omar Driss auch zur Gräberpiste, denn auch hier fanden während dieser Zeit Kampfhandlungen zwischen den gleichen Gegnern statt, und es sind hier auch Gräberfelder errichtet worden. Zum Beispiel wird von einem christlichen Friedhof mit 1,5 m hohem Eisenkreuz bei Hassi Tabelbalet berichtetThomas Trossmann: Déjà vue an der Gräberpiste PDF, 4 MB, S. 8.
Geschichte
Frankreich als Kolonialmacht erhob schon Anfang des 20. Jahrhunderts Anspruch auf einen Großteil der zentralen und westlichen Sahara.Universität Wien: Die französischen Kolonien vom 15. Jahrhundert bis heute Archiv:, abgerufen am 4. Dezember 2024. Zur militärischen Sicherung seiner Herrschaft wurde eine Reihe von Forts (manchmal auch Bordj genannt) errichtet, die sich in späterer Zeit meist zu einer Siedlung oder einer Stadt entwickelten, wie zum Beispiel das Fort Polignac, das heutige Illizi. Doch die Herrschaft Frankreichs war noch nicht gefestigt. 1916/1917 gab es im Niger, südlich von Algerien, einen Aufstand der Tuareg, welcher von der Sanusiya unterstützt wurde.Finn Fuglestad: Les rébellions touarègues du Niger (1916-17), Portail Persée, 1973 (französisch), abgerufen am 3. Dezember 2024 Im Gebiet der algerischen Sahara waren es die Tuareg der Kel Ajjer-Volksgruppe, die sich der Kolonisierung widersetzten. Ihr Siedlungsgebiet ist die Tassili n'Ajjer-Gebirgskette und die weitere Umgebung bis hinüber nach Libyen. Die Sanusiya, die zu dieser Zeit im benachbarten Libyen gegen die italienischen Kolonialtruppen kämpfte, hatte die Tuareg zu ihrem Widerstand ermuntert und auch materiell unterstützt.Walter Schicho: Handbuch Afrika. Band 3. Nord- und Ostafrika. Frankfurt am Main 2004, ISBN 3-86099-122-1, S. 127ff. – Die Auseinandersetzung um die Herrschaft über das Gebiet der Kel Ajjer wurde, neben dem Befehlshaber der französischen Saharatruppen, dem General Henry Laperrine, vom Befehlshaber der Truppen der Sanusiya im westlichen Libyen und von zwei Persönlichkeiten der Kel Ajjer-Tuareg geprägt:
Scheich Abdesselam Abdesselam stammte aus Tripolitanien. Er hatte als Truppenkommandant der Sanusiya erfolgreich gegen die italienische Kolonialarmee in Libyen gekämpft.Eugene Raynaud-Lacroze: Méharistes au combat, FeniXX réédition numérique (France-Empire), 1983, ISBN 2-307-55022-4 S. 28 Anfang 1916 übertrug ihm die Sanusiya das Kommando über ihre Truppen, die in Ghat stationiert waren. Am 16. März gleichen Jahres eroberten diese Djanet und vertrieben die Franzosen.M. Gast: Imenân, Encyclopédie berbère, 2001, Abschnitt 30 (französisch), abgerufen am 3. Dezember 2024 Drei Monate später wurde es von den Franzosen wieder besetzt, aber bald darauf wieder aufgegeben.Jacques Frémeaux, Le Sahara et la France, Paris, SOTECA 2010, ISBN 978-2-916385-44-0, LCCN 2011371898, Seiten 135–136, 145 (französisch) In der folgenden Zeit wurden weitere militärische Aktionen unternommen, um die Franzosen aus dem Gebiet des Tassili n'Ajjer zu vertreiben:
Gefecht beim Oued Ehane Ende August 1916 war vom Fort Flatters, 240 Kilometer nordwestlich von Illizi, ein wichtiger französischer Konvoi aufgebrochen, um Nachschub zum Fort Polignac, dem heutigen Illizi, zu bringen. Darunter war auch eine Funktelegrafenanlage, die dort dringend gebraucht wurde. Am 6. September war der ganze Konvoi bei Oued Ehane, 80 Kilometer westlich von Illizi, angekommen. Die Kamele wurden mit Bewachung auf eine Weide gebracht, als ein Wachtposten glaubte, in den Büschen eines nahen Hügels Bewegungen zu beobachten. Gleich darauf brach eine Salve los. Im Lager der Franzosen wurde die Verteidigung organisiert, wobei die GoumiersAus der einheimischen Bevölkerung rekrutierte militärische Hilfstruppen. in Panik ausbrachen. Die feindlichen Truppen samt ihrer senussischen Fahne waren nun zu erkennen. Während sich der Hauptteil der französischen Streitkräfte den Senussi näherte und sie beschoss, umging einer ihrer Züge ihre Stellung und griff sie von der Seite an. Darauf flohen die Senussi und ließen zehn Tote zurück. Wegen des Einbruchs der Nacht wurden sie nicht verfolgt.
Anderntags konnte der Konvoi seinen Marsch nach Fort Polignac fortsetzen. Ein paar Tage nach der Ankunft im Fort Polignac versuchten Aufständische in einem Handstreich, auf dem Weidegebiet in der Nähe Kamele zu rauben. Aber die 120 Mann Bewachung schlugen sie in die Flucht.Eugene Raynaud-Lacroze: Méharistes au combat, FeniXX réédition numérique (France-Empire), 1983, ISBN 2-307-55022-4, S. 90–92.
Brahim ag Abakada Brahim wurde etwa 1885 in Ghat geboren. Schon in jungen Jahren zog es ihn in das Tassili n'Ajjer zu seinen Kel Ajjer-Volksgruppen zwischen dem Oued Imirou und Aharhar. Das Oued Imirhou befindet sich etwa 50 Kilometer südöstlich von Illizi. Aharhar ist ein Tal, etwa 130 Kilometer südsüdwestlich von Illizi, mit den damaligen Siedlungen Arma und Ifata. – Dank seines klugen Geistes und seines Mutes erlangte er dort sehr schnell großen Einfluss. 1916 bot er der französischen Kolonialarmee an, gegen die Sanusiya im westlichen Libyen zu kämpfen. Seine Bedingung war, dass er im Gebiet der Kel Ajjer Kommandant des GoumsTruppen, die von Frankreich im Maghreb und in der Sahara während der Kolonialzeit rekrutiert wurden. würde. Im Weiteren wollte er freien Zugang zu Waffen und Munition. Sein Begehren wurde abgelehnt. So wurde Brahim einer der aktivsten Gegner Frankreichs.M. Vacher: Brahim ag Abakada, Amghar des Ajjers Encyclopédie Berbère, 1992 (openedition.org; französisch, abgerufen am 1. Dezember 2024). Zwischen Juli 1916 und Oktober 1917 wird von mindestens sieben Angriffen und Raubüberfällen berichtet, die ihm und seinen Tuareg zugeschrieben wurden.
Angriff auf eine Patrouille In der zweiten Hälfte Juli 1916 wurde eine französische Patrouille von fünf MeharistenKamelreitertruppen der französischen Kolonialarmee, vorwiegend aus Nomaden der Tuareg und Chaambas rekrutiert. und fünf Goumiers zwischen Fort Polignac und dem Oued Ehane an der Gräberpiste angegriffen. Die Meharisten wurden im Kampf getötet, die Goumiers ergaben sich, wurden entwaffnet und zurückgeschickt. Sie wurden vor ein Militärgericht gestellt, aber nur milde bestraft, da die Goumiers nur Hilfstruppen waren. Dieser Angriff könnte von Brahim geleitet worden sein, denn er pflegte, die mutlosen feindlichen Goumiers zu entwaffnen und wegzuschicken.Eugene Raynaud-Lacroze: Méharistes au combat, FeniXX réédition numérique (France-Empire), 1983, ISBN 2-307-55022-4, S. 81f.
Entführung eines Konvois Ein weiterer Angriff erfolgte im Dezember 1916 in der Nähe des Brunnens Hassi Tabelbalet nordwestlich von Ain el Hadjadj. Ein wichtiger französischer Versorgungskonvoi für das Fort Polignac war vom Fort Flatters, nordwestlich von Ain el Hadjadj, aufgebrochen. Er war in vier Gruppen aufgeteilt, die sich im Abstand von ein bis zwei Tagen folgten. Brahim war über den Transport informiert und hielt sich mit einer ziemlich großen Abteilung von Tuareg in der Nähe bereit. Sie ließen einen Großteil der Truppen und des Konvois passieren. Dann überfielen sie den letzten Konvoi und entführten ihn. Mehrere Meharisten wurden dabei getötet. Einige erschöpfte und entwaffnete Goumiers trafen später in Ain el Hadjad ein und alarmierten den Kommandanten des Konvois. Dieser schickte ein Hilfsdetachement los, welches die Angreifer verfolgte. Beim anschließenden Gefecht fielen auf französischer Seite 18 Mann. Dieser wichtige Konvoi war aber verloren. Er enthielt auch Kisten mit Zitronen und Säcke mit Zwiebeln für die vielen Kranken im Fort Polignac, die an Skorbut litten.Eugene Raynaud-Lacroze: Méharistes au combat, FeniXX réédition numérique (France-Empire), 1983, ISBN 2-307-55022-4, S. 100f.
Gefecht von Ain el Hadjadj