Hind Rajab (; geboren am 3. Mai 2018 in Gaza-Stadt;Palestine Datasets: Hind Rami Iyad Rajab, abgerufen am 10. Dezember 2024. gestorben am 29. Januar 2024 ebenda) war ein palästinensisches Mädchen, das im Alter von fünf Jahren von der israelischen Armee im Gazastreifen getötet wurde, zusammen mit sechs Familienmitgliedern, darunter vier Kindern, sowie zwei Sanitätern, die sie retten wollten. Audioaufnahmen von ihrem mehrstündigen Anruf bei der Rettungszentrale sorgten für internationales Aufsehen. Eine unabhängige UN-Expertenkommission kam im Juni 2026 zu dem Schluss, dass ein israelischer Panzer die Kinder im Auto gezielt angriff und dass israelische Sicherheitskräfte, wie im Fall von Hind Rajab, seit dem 7. Oktober 2023 gezielt Kinder töten und verletzen, mit der genozidalen Absicht, die Palästinenser als Gruppe zu zerstören. Hind ist eines von mindestens 20.179 palästinensischen Kindern, die laut dem Bericht der UN-Untersuchungskommission seitdem gewaltsam ums Leben gekommen sind.UN-Bericht Juni 2026: “The essence of childhood has been destroyed”: Israel’s deliberate targeting of Palestinian children in the Occupied Palestinian Territory since 7 October 2023, Independent International Commission of Inquiry on the Occupied Palestinian Territory, including East Jerusalem, and Israel, 18. Juni 2026
Flucht und Tod Während der Kriegshandlungen in Israel und Gaza forderten die israelischen Streitkräfte (IDF) am 29. Januar 2024 die Menschen in Gaza-Stadt auf, die westlichen Gebiete zu verlassen und entlang der Küstenstraße nach Süden zu ziehen. Die Mutter von Hind Rajab, Wissam, berichtete später, dass ihre Familie ab dem frühen Morgen vor heftigem Beschuss aus dem Viertel Tel al-Hawa in Gaza-Stadt von Ort zu Ort geflohen sei, da der Weg nach Süden durch Trümmer blockiert gewesen sei. Schließlich beschloss die Familie, zum al-Ahli-al-Arabi-Krankenhaus im Osten der Stadt zu fliehen, in der Hoffnung, dort Zuflucht zu finden.
Während sich die Mutter Wissam mit einem älteren Kind zu Fuß aufmachte, erhielt ihre Tochter Hind einen Platz im Kleinwagen von Verwandten. Gemeinsam mit sechs weiteren Insassen saß sie in diesem Wagen, als darauf geschossen wurde. Dabei wurden Hind Rajabs Tante, Onkel und drei ihrer Kinder getötet. Hind und ihre 15-jährige Cousine Layan Hamadeh überlebten diesen Angriff zunächst. Gegen 14:30 Uhr telefonierte Layan mit der Palästinensischen Rothalbmondgesellschaft (PRCS) im über 100 Kilometer entfernten Ramallah; der Kontakt wurde über einen Verwandten hergestellt, der in Deutschland lebt. Sie berichtete von einem Panzer neben dem Auto, von dem aus auf den Wagen geschossen werde, und bat eindringlich um Hilfe. Während des Telefonats wurde sie getötet, und PRCS-Mitarbeiter führten das Gespräch nun mit Hind fort, die erklärte, dass alle anderen im Auto tot seien. Sie wurde angewiesen, sich weiterhin im Fahrzeug zu verstecken, bis sie von einem Krankenwagen gerettet werde.
Hind Rajab blieb danach dreieinhalb Stunden lang telefonisch in Verbindung mit den PRCS-Disponenten, die versuchten, das verängstigte Kind zu beruhigen. Das gesamte Telefongespräch wurde später von der PRCS veröffentlicht. Nach dem Vorfall erklärte die PRCS gegenüber der BBC, dass es mehrere Stunden gedauert habe, den Zugang zum Fahrzeug mit der israelischen Armee zu koordinieren, um Sanitäter zu Hind zu schicken. Diese seien jedoch bei ihrer Ankunft vor Ort von der israelischen Armee beschossen worden. Hinds Familie und die beiden Sanitäter Yusuf Zeino und Ahmed Al-Madhoun galten zunächst als verschollen.
Der Palästinensische Rote Halbmond nutzte seine Social-Media-Accounts, um mehrere Tage lang Fotos von den beiden Sanitätern und von Hind zu posten und gleichzeitig um Informationen über ihren Aufenthaltsort zu bitten. Zwei Wochen später, nach dem Rückzug der israelischen Armee, wurden die sterblichen Überreste der Sanitäter geborgen, zusammen mit den Leichen von Hind und ihrer Familie in dem 50 Meter entfernt stehenden Kleinwagen. Beide Fahrzeuge waren stark beschädigt. Ein Sprecher der PRCS berichtete, dass alle Leichen Anzeichen von Beschuss und Granateneinschlägen aufgewiesen hätten. Er vertrat die Ansicht, der Krankenwagen sei vorsätzlich beschossen worden, nachdem das israelische Militär eigentlich eine Freigabe zur Durchfahrt erteilt hätte.
Mehrere Nachrichtenagenturen baten das israelische Militär um eine Stellungnahme. Am 2. Februar teilte die Armee Reportern von CNN mit, sie sei „mit dem Vorfall nicht vertraut“. Als es drei Tage später erneut kontaktiert wurde, teilte das Militär mit, dass es „den Vorfall noch nicht untersucht“ habe.
Hind Rajab ist nach den Angaben von UNICEF eines von bis zu 14.000 Kindern, die in den ersten zwölf Monaten des Konflikts in Gaza ums Leben gekommen sind. Als Kinder gelten nach der Definition der Vereinten Nationen (UNO) Personen unter 18 Jahren.
Recherchen Die IDF lehnten die Verantwortung für den Beschuss auf die Familie von Hind Rajab und auf den Krankenwagen ab und erklärten, ihre Truppen hätten sich nicht einmal in der Nähe der beiden Fahrzeuge befunden. Im April 2024 veröffentlichte Recherchen der Washington Post, basierend auf Aufzeichnungen von Disponenten, Fotos und Videos vom Vorfallsort, Satellitenbildern, Interviews und Gesprächen mit Militär-, Satelliten-, Munitions- und Audioexperten, widersprachen dieser Darstellung; es seien in Wirklichkeit über ein Dutzend gepanzerte israelische Fahrzeuge im Umkreis von einer Viertelmeile um das Auto der Familie anwesend gewesen, und die Schussgeräusche aus dem Telefonat sowie die Fotos der Einschusslöcher im Auto stimmten mit von der israelischen Armee eingesetzten Panzern und Waffen überein. Die USA forderten daraufhin weitere Antworten von Israel.
Fast fünf Monate nach dem tödlichen Vorfall veröffentlichte Forensic Architecture, eine multidisziplinäre Forschungsgruppe, im Auftrag von Al Jazeera eine detaillierte Untersuchung. Man habe 335 Einschusslöcher in der rechten Außenseite des Kleinwagens der Familie festgestellt. Die Analyse des Telefonanrufs von Layan ergab 64 Schüsse in nur sechs Sekunden, die nur mit israelischen Waffen hätten abgefeuert werden können, wobei der Panzer sich schätzungsweise zwischen 13 und 23 Meter vom Auto entfernt befunden hätte. Bei einer solchen Entfernung erscheine es als nicht plausibel, dass der Schütze nicht habe sehen können, dass das Auto mit Zivilisten, einschließlich Kindern, besetzt war. Bei dem Panzer habe es sich mutmaßlich um einen israelischen Merkava gehandelt.
Der Euro-Mediterranean Human Rights Monitor vertrat die Ansicht, die Tötung von Hind Rajab und den Sanitätern sei nach ersten Recherchen vorsätzlich erfolgt. Nach Meinung vom Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen engagierter Experten könnte der Vorfall ein Kriegsverbrechen sein.
Im Oktober 2024 berichtete Sky News unter Berufung auf einen Experten von Jane’s Information Group, dass der Schaden am Krankenwagen auf einen Treffer mit einer „großkalibrigen Waffe“ zurückzuführen sei. Der Bericht wies darauf hin, dass die IDF zwar behaupteten, zum Zeitpunkt des Vorfalls nicht in dem Gebiet gewesen zu sein, zwölf Tage nach dem Vorfall aber in einer Pressemitteilung – möglicherweise versehentlich – hatten verlauten lassen, dass die IDF „in den letzten zwei Wochen“ in dem betreffenden Stadtteil „Razzien gegen Terrorziele“ durchgeführt hätten. Weitere Nachforschungen von Sky News ergaben, dass auf Satellitenbildern vom 29. Januar, dem Tag des Angriffs, mindestens 15 Militärfahrzeuge im Viertel Tel al-Hawa zu sehen waren, wobei sich gegen 16.30 Uhr – etwa eine Stunde vor der Genehmigung des Krankenwageneinsatzes durch die Armee – das nächstgelegene Fahrzeug 300 Meter vom Ort des späteren Angriffs auf den Krankenwagen entfernt befunden habe.
Mit Bezug auf diesen Bericht wurde der Pressesprecher des US-Außenministeriums, Matthew Miller, bei einer Pressekonferenz im Oktober 2024 befragt: 254 Tage nach dem Tod von Hind Rajab und ihrer Familie sagten die IDF weiterhin, so der fragende Journalist, dass sie nicht in diesem Gebiet gewesen seien, was Sky News durch eigene Recherchen widerlegt habe. Die IDF hätten dem widersprochen und zudem angegeben, dass es keine Untersuchung dieses Vorfalls gebe, obwohl dies den USA zugesagt worden sei. Miller antwortete, dass er sich nicht zu einzelnen Vorfällen äußern könne, man aber mit verschiedenen Gruppen im Gespräch sei. Bei einer folgenden Pressekonferenz am 3. Dezember 2024 antwortete Miller auf Nachfrage, dass es kein „Update“ gebe.
Am 3. Mai 2025, dem Tag, an dem Hind ihren siebten Geburtstag gefeiert hätte, gab die im Brüsseler Stadtteil Molenbeek ansässige Hind-Rajab-Foundation bekannt, dass sie den Kommandeur des Bataillons, das für Hinds Tod verantwortlich sei, als Oberstleutnant Beni Aharon von der 401. Panzerbrigade identifiziert habe, und reichte eine Strafanzeige wegen Kriegsverbrechen gegen ihn beim Internationalen Strafgerichtshof ein.Vergleiche
Ein am 16. September 2025 veröffentlichter Bericht der vom UN-Menschenrechtsrat eingesetzten unabhängigen internationalen Untersuchungskommission zu den besetzten palästinensischen Gebieten nannte Hind Rajab und ihre Familie als Beispiel dafür, dass israelische Sicherheitskräfte Zivilisten töteten, obwohl sie „klare Kenntnis von der Anwesenheit palästinensischer Zivilisten entlang der Evakuierungsrouten und innerhalb der Sicherheitszonen“ hatten. Dabei seien Kinder von Scharfschützen durch Kopfschüsse getötet worden. Der Bericht wertete die weitverbreiteten und systematischen Angriffe gegen palästinensische Kinder als Beweis dafür, dass die israelischen Militäroperationen nicht allein darauf abzielten, die Hamas zu besiegen, sondern darauf, die Palästinenser als Gruppe zu vernichten: Die Angriffe seien Teil einer Strategie zur Zerstörung der biologischen Kontinuität und zukünftigen Existenz der palästinensischen Bevölkerung im Gazastreifen. Die Kommission kam auf der Grundlage dieses und anderer Sachverhalte zu dem Ergebnis, Israels Vorgehen im Gazastreifen erfülle die juristischen Kriterien eines Völkermords.
Die Untersuchungskommission des UNHRC legte im Juni 2026 einen weiteren Bericht über das Vorgehen der israelischen Sicherheitskräfte im Gaza-Streifen, im Westjordanland und in Ost-Jerusalem vor. Dem Bericht zufolge ergab eine akustisch-ballistische Analyse der Schüsse, die in dem Telefongespräch mit Layan zu hören waren, dass das Auto der Familie von einem Maschinengewehr (MAG) vom Typ Fabrique Nationale (FN) im Kaliber 7,62 × 51 mm beschossen wurde, das auf einem israelischen Merkava-Panzer montiert war, vermutlich aus einer Entfernung von 13 bis 23 Metern. Nach Ansicht der Kommission hätten die israelischen Soldaten im Panzer aus dieser Entfernung eine klare Sicht auf die Kinder im Auto gehabt. Die Kommission erklärte im Juni 2026, der Völkermord, einschließlich bewusster Tötungen palästinensischer Kinder, dauere auch nach dem Inkrafttreten der Waffenruhe im Oktober 2025 weiterhin an. Israel wies die Vorwürfe zurück und sprach von einem „diffamierenden Propaganda-Bericht“.
Im August 2026 gaben die IDF bekannt, dass strafrechtliche Ermittlungen wegen der Tötung von Hind Rajab und den Sanitätern eingeleitet würden. Auch in einem weiteren Fall aus dem März 2025, bei dem 15 Palästinenser getötet worden waren, darunter auch mehrere Sanitäter, wurden den Angaben zufolge strafrechtliche Ermittlungen aufgenommen.
Erinnerung und Rezeption