mini|Silbermedaillon, Vorderseite: Dreiviertelporträt Kaiser Konstantins, der ein Pferd am Zügel hält; Helm mit kleinem Christusmonogramm. Münzstätte Pavia, um 315 n. Chr.Silbermedaillon von Constantin I. dem Großen in bavarikon. (Staatliche Münzsammlung München) Die Christianisierung des Römischen Reiches war ein mehrere Jahrhunderte dauernder Prozess, in dem das Christentum von einer Gruppierung innerhalb des Judentums mit Schwerpunkt im östlichen Mittelmeerraum zur dominanten Religion des Imperium Romanum heranwuchs.

Mit Paulus von Tarsus besaß das frühe Christentum zwar einen weitgereisten Missionar, aber die Ausbreitung und das zahlenmäßige Wachstum verdankte es vor allem Alltagskontakten, wie sie sich in Familie und Beruf ergaben. Attraktiv waren die Christen, weil sie in dem Rufe standen, dass man in ihren Gottesdiensten außerordentliche religiöse Erfahrungen machen könnte, wie beispielsweise Heilungen. Jeder konnte relativ leicht Mitglied einer Ortsgemeinde werden; der Zusammenhalt war groß und prägte, etwa durch regelmäßige gemeinsame Mahlzeiten, auch den Alltag.

Christenverfolgungen waren anfangs zeitlich und örtlich begrenzt, seit Mitte des 3. Jahrhunderts auch reichsweit und wechselten mit Phasen einer fragilen Duldung ab. Diokletian ging ab 303 gegen das Christentum vor, mutmaßlich um die religiösen Grundlagen der Tetrarchie vor seinem für 305 geplanten Rückzug von der Staatsführung zu stärken. Die staatlichen Maßnahmen richteten sich gezielt gegen die kirchliche Infrastruktur und den Klerus, erreichten aber ihr Ziel nicht.

Die Konstantinische Wende ab 313 brachte die Christenheit in die Rolle einer staatlich begünstigten Religion. Davon profitierte aber nur die katholische Kirche, während sogenannte Häretiker verfolgt wurden, etwa durch das Edikt Cunctos populos von 380. Anhänger der traditionellen Kulte (insbesondere der römischen Religion) wurden von der Kirche und der staatlichen Verwaltung als pagani („Heiden“) bezeichnet. Ihr Opferkult und Tempelbetrieb wurden immer weiter eingeschränkt und schließlich ganz unterdrückt.

Unter dem Stichwort Christianisierung behandelt die Forschung zur Spätantike beispielsweise gesellschaftliche Transformationsprozesse, die Etablierung reichsweiter kirchlicher Organisationsformen (römische Reichskirche), die friedliche oder gewaltsame Aneignung vorhandener Bauten oder Kunstwerke unter christlichen Vorzeichen, die zunehmende Dominanz christlicher Diskurse und Praktiken. Als Christentum ist dabei alles verstanden, was sich auf die zentrale Gestalt Jesus Christus bezieht, unabhängig davon, wie berechtigt diese Bezugnahme von einem kirchlich-normativen Standpunkt erscheint (daher eigentlich: „Christentümer“). Das nichtchristliche Gegenüber ist ebenfalls kein monolithisches „Heidentum“, so dass es sinnlos wäre, von einem Sieg des Christentums über das Heidentum zu sprechen und diesen zeitlich zu fixieren. Vielmehr gelangte die Christianisierung an kein Ziel und verlief regional unterschiedlich.Hartmut Leppin: Christianisierungen im Römischen Reich, 2012, S. 247–253.

Erstes bis drittes Jahrhundert Frühe Christen innerhalb des Judentums hochkant|mini|Pontius-Pilatus-Inschrift von Caesarea (Israel-Museum)

Am Anfang der Christentumsgeschichte steht der galiläische Jude Jesus von Nazareth, der als Heiler, Exorzist und Weisheitslehrer Zulauf hatte. Er verkündete das nahe oder sogar bereits anbrechende Reich Gottes: Diese seine eschatologische Weltsicht teilte auch die erste Generation von Christen. Jesus hatte außerdem ein ausgeprägtes Selbstverständnis als Prophet des Gottes Israels. Auf ihn richteten sich auch politische Erwartungen, er sei der Messias. Wahrscheinlich ist, dass Jesus eine Gruppe von zwölf Jüngern auswählte, die das erneuerte Volk Israel repräsentieren und zeichenhaft vorwegnehmen sollten.Dietrich-Alex Koch: Geschichte des Urchristentums, Göttingen 2014, S. 147–151. Als Jesus mit einer größeren Zahl von Anhängern zum Jerusalemer Tempel zog, hatte das politische Implikationen: „Hier kam ein Prophet, der in vollmächtiger Weise im Zentrum des Judentums die Festpilger mit der Botschaft von der nahen Gottesherrschaft konfrontieren wollte.“Dietrich-Alex Koch: Geschichte des Urchristentums, Göttingen 2014, S. 151. Jesus wurde verhaftet, vom römischen Präfekten Pontius Pilatus zum Tode verurteilt und erlitt die von römischen Soldaten vollzogene Strafe der Kreuzigung. Bald nach seinem Tod sammelte sich in Jerusalem eine Gruppe von Jesusanhängern, die überzeugt waren, dass der Gekreuzigte von Gott auferweckt worden sei, dass er lebe und ihnen erschienen sei. Jerusalem, das religiöse Zentrum Israels, wurde zum Ausgangspunkt des Christentums.Dietrich-Alex Koch: Geschichte des Urchristentums, Göttingen 2014, S. 152.

Die Jerusalemer Urgemeinde vergrößerte sich in einem ersten Schritt durch Zuzug von Galiläern, darunter Jakobus, der Bruder Jesu, der zur Führungspersönlichkeit des Jerusalemer Kreises aufstieg. Das (vom Zwölferkreis zu unterscheidende) Apostelamt geht auf diesen Jerusalemer Kreis zurück und verdeutlicht dessen Absicht, durch Abgesandte (= Apostel) über Jerusalem hinaus neue Mitglieder zu gewinnen.Dietrich-Alex Koch: Geschichte des Urchristentums, Göttingen 2014, S. 164–168.

mini|Stifterinschrift der griechischsprachigen Theodotos–Synagoge in Jerusalem (Israel-Museum)

Neben der Aramäisch sprechenden und meist aus Galiläa stammenden Gruppe von Jesusanhängern etablierte sich in Jerusalem binnen kurzem eine weitere urchristliche Gruppe, die aus Griechisch sprechenden, aus der jüdischen Diaspora zugezogenen Personen bestand. Stephanus, einer aus diesem Kreis, erregte durch sein Verständnis von Tempel und Tora den Zorn anderer nach Jerusalem zugezogener Diasporajuden. Er fiel einem Lynchmord zum Opfer (Steinigung) und wurde zum ersten christlichen Märtyrer.Dietrich-Alex Koch: Geschichte des Urchristentums, Göttingen 2014, S. 170–178. Während die Aramäisch sprechende Gruppe um Jakobus und Petrus unbehelligt blieb, verließ die griechischsprachige Gruppe aufgrund des Verfolgungsdrucks Jerusalem und kehrte in die Regionen zurück, aus denen ihre Mitglieder stammten – insbesondere nach Antiochia am Orontes, einer Stadt, die sich nun zu einem sehr lebendigen frühchristlichen Zentrum entwickelte. Die antiochenische Gruppe nahm interessierte Nichtjuden durch Taufe auf, ohne die Männer durch Beschneidung dem jüdischen Volk einzugliedern (sogenannte Heidenchristen). Von Antiochia aus wurden mehrere Tochtergemeinden in Syrien und darüber hinaus gegründet; dabei blieben die Beziehungen zur Jerusalemer Gemeinde weiterhin eng.Dietrich-Alex Koch: Geschichte des Urchristentums, Göttingen 2014, S. 195–202.

Zur frühchristlichen Gemeinde in Antiochia stieß auch Paulus von Tarsus, ein aus der Diaspora stammender Jude, der über hellenistische Bildung und literarische Fähigkeiten verfügte und sich zeitweise in Jerusalem aufhielt, um als Pharisäer seine religiösen Kenntnisse zu vertiefen.Dietrich-Alex Koch: Geschichte des Urchristentums, Göttingen 2014, S. 205 f. Zunächst ein Gegner der Jesusbewegung, wandelte er sich durch ein spirituelles Erlebnis zum aktivsten frühchristlichen Missionar. Er vertrat ein Christentum ohne Übernahme des jüdischen Lebensstils, und es gelang ihm, wenn auch mit Schwierigkeiten, von der Jerusalemer Zentrale um Jakobus und Petrus damit akzeptiert zu werden.Hartmut Leppin: Die frühen Christen, München 2018, S. 54–57.

In den 60er Jahren gerieten die Jerusalemer Jesusanhänger immer weiter unter Druck. Der Hohepriester Ananus II. setzte nach dem Tod des Statthalters Festus und vor dem Amtsantritt von dessen Nachfolger Lucceius Albinus in Überschreitung seiner Befugnisse mehrere Todesurteile durch; auch Jakobus wurde hingerichtet. Kurz vor dem Beginn des Jüdischen Krieges (66 n. Chr.) scheinen die Christen Jerusalem verlassen zu haben, wahrscheinlich Richtung Dekapolis oder Südsyrien (Bostra und Umgebung).Dietrich-Alex Koch: Geschichte des Urchristentums, Göttingen 2014, S. 380–384. Bei der römischen Eroberung von Jerusalem (70 n. Chr.) wurde der Tempel geplündert und niedergebrannt. Die Einwohner Judäas und die unterschiedlich geprägten jüdischen Diasporagemeinden in- und außerhalb des Römischen Reiches verloren damit ihr gemeinsames religiöses Zentrum. In den Ruinen Jerusalems gründete Kaiser Hadrian die römische Kolonie Aelia Capitolina, die zu betreten für Juden (und deshalb auch für Judenchristen) nach dem Bar-Kochba-Aufstand (132–136) verboten war.Dietrich-Alex Koch: Geschichte des Urchristentums, Göttingen 2014, S. 387–389.

Ausbreitung: Gründung und Wachstum der Gemeinden Bis etwa zum Jahr 150 hatte sich das Christentum im griechischsprachigen Osten des Römischen Reichs und unter dem griechischsprachigen Bevölkerungsteil der Hauptstadt Rom verbreitet. Christliche Gemeinden sind bezeugt in Palästina, Syrien, Pisidien und Lykaonien, der Provinz Asia, Galatien, Bithynien und Pontus, Kappadokien, Makedonien, Achaia und Italien. Der Religionssoziologe Rodney Stark nimmt für das Jahr 40 eine Gesamtzahl von etwa 1000 Christen an und postuliert ein gleichmäßiges Wachstum von 40 Prozent innerhalb von zehn Jahren; mit diesem Rechenmodell kommt er auf eine Gesamtzahl von etwa 40.000 Christen im Jahr 150, laut Dietrich-Alex Koch „eine durchaus vertretbare Annahme.“ Das bedeutet, dass die Gemeinden, die in den ersten Jahrzehnten die Größe von Vereinen (70 bis 80 Mitglieder) hatten, Mitte des 2. Jahrhunderts durchschnittlich 800 Personen umfassten.Dietrich-Alex Koch: Geschichte des Urchristentums, Göttingen 2014, S. 429–432 und 459 f.; vgl. Rodney Stark: The Rise of Christianity, Princeton 1996, S. 6: “Given our starting number, if Christianity grew at the rate of 40 percent per decade, there would have been 7,530 Christians in the year 100, followed by 217,795 Christians in the year 200 and by 6,299,832 Christians in the year 300. … Hence 40 percent per decade (or 3.42 percent per year) seems the most plausible estimate of the rate at which Christianity actually grew during the first several centuries.” Aus Ägypten sind christliche Papyri erhalten, die ins 2. Jahrhundert datiert werden; eine christliche Gemeinde in der Großstadt Alexandria ist aber erst im späten 2. Jahrhundert bezeugt. Christen im Süden Galliens begegnen erstmals in den Märtyrerakten von Lyon und Vienne (177). Für das Lateinisch sprechende Nordafrika sind die Akten der Märtyrer von Scili (180) das früheste Zeugnis. Ebenfalls außerhalb des koine-griechischen Sprachraums und etwa zeitgleich entwickelte sich ein syrisches Christentum um das Zentrum Edessa.Peter Gemeinhardt: Geschichte des Christentums in der Spätantike, Tübingen 2022, S. 16.

mini|Agapemahl, Fresko in der Katakombe der Heiligen Marcellinus und Petrus, 4.–6. Jahrhundert

Die Mitgliederentwicklung spricht dafür, dass das Christentum für viele Menschen attraktiv gewesen sein muss. Dafür werden mehrere Gründe genannt: Vielfältige religiöse Erfahrungen: Bekehrungen, Heilungen, Exorzismen, ekstatische Phänomene, Prophetie und andere Manifestationen einer übernatürlichen Kraft. Einige Christen waren gefragte Heiler und Exorzisten; ihr Erfolg galt als Beweis der Überlegenheit des christlichen Gottes – da sie gratis zur Verfügung standen, boten sie für Arme womöglich die einzig erreichbare Therapie. Im Erfolgsfall wurde allerdings die Bekehrung erwartet.Ramsay MacMullen: Christianizing the Roman Empire (A.D. 100–400), New Haven 1984, S. 28 und 41; Wolfgang Reinbold: Propaganda und Mission im ältesten Christentum, Göttingen 2000, S. 320–322, besonders S. 322: „Konversion war faktisch der Lohn, den der christliche Heiler/Wundertäter vom Patienten verlangte.“