mini|Der Mahmal von Abbas Hilmi II. im Nationalmuseum der ägyptischen Zivilisation Der Mahmal () war eine prachtvoll geschmückte Sänfte, die vom 13. bis zum frühen 20. Jahrhundert jährlich von muslimischen Herrschern zum Haddsch nach Mekka geschickt wurde, um ihre Selbständigkeit und ihren Anspruch auf einen Ehrenplatz beim Fest zu manifestieren. Der wichtigste Mahmal war derjenige von Ägypten, der seit den Tagen des Mamlukensultans Baibars als Hoheitszeichen galt, das die Herrschaft der Mamluken über die Heiligen Stätten des Islams symbolisierte.Boberg: Ägypten, Naǧd und der Ḥiǧāz: eine Untersuchung zum religiös-politischen Verhältnis zwischen Ägypten und den Wahhabiten. 1991, S. 39. Bei seiner Verabschiedung in Kairo fanden umfangreiche Zeremonien und Feierlichkeiten statt. Die Pilgerkarawanen der Rasuliden des Jemen und der Ilchane des Iran und Irak brachten im 14. Jahrhundert aber eigene zeremonielle Sänften mit und beanspruchten für sie ebenfalls einen Ehrenplatz in Mekka. Später wurden auch von Syrien aus solche Sänften nach Mekka geschickt.
Der Mahmal bestand aus einem würfelförmigen hölzernen Gestell mit pyramidenförmigem Aufsatz, der mit grünem oder rotem goldbesticktem Seidenbrokat bedeckt und an der Spitze und den vier Ecken mit vergoldeten Kugeln geschmückt war. Das den Mahmal tragende Kamel war im Pilgerzug reiterlos an der Hand zu führen und durfte danach für den Rest seines Lebens für keine andere Arbeiten mehr verwendet werden. Innen war der Mahmal üblicherweise leer. Der ägyptische Gelehrte Muhammad Labīb al-Batānūnī (gest. 1938) erklärt das damit, dass der Mahmal der Platz der Könige sei, an dem niemand anders als sie Platz nehmen könnten.al-Batanūnī: ar-Riḥla al-ḥiǧāzīya. 1911, S. 140.
Ursprung der Mahmal-Tradition mini|links|Illustration der 31. Makame von al-Harīrī mit einer Mahmal-Kamelsänfte, die dem Transport von Personen dient, 13. Jahrhundert Der arabische Begriff maḥmil bzw. maḥmal bezeichnete schon im 12. Jahrhundert Kamelsänften, in denen Menschen nach Mekka getragen wurden. So vermerkt der arabische Gelehrte as-Samʿānī (gest. 1166) in seinem Kitāb al-Ansāb genannten Namenslexikon, dass hiervon der arabische Nisba-Name al-Maḥāmilī abgeleitet ist, den zu seiner Zeit eine große Familie von Hadith- und Fiqh-Gelehrten in Bagdad trug.Abū Saʿd as-Samʿānī: al-Ansāb. Ed. ʿAbd al-Fattāḥ Muḥammad Ḥilw. Makatabat Ibn Taimīya, Kairo 1981. Bd. XI, S. 152. Digitalisat Und in der 31. Makame von al-Harīrī (gest. 1122) wird die Vorstellung diskutiert, dass der Haddsch allein aus „der Auswahl von Reittieren, dem Durchqueren von Reiseetappen und der Verwendung von Mahmal-Sänften“ (iḫtiyār al-rawāḥil wa-qaṭʿ al-marāḥil wa-ttiḫāḏ al-maḥāmil) bestehe.al-Ḥarīrī: al-Maqāmāt. S. 249. Zeile 3–4. Dār Bairūt, Beirut 1978. Digitalisat – Englische Übersetzung F. Steingass S. 33, Zeile 8–10. Digitalisat
Eine der ersten Erwähnungen des Mahmal als Hoheitssymbol findet sich bei dem mekkanischen Biographen al-Fāsī (gest. 1429). Er zitiert einen Ernennungsbrief aus dem Jahr 1260, der vom abbasidischen Kalifen al-Mustansir (reg. 1261–1262) in seinem ersten Jahr als Kalif von Kairo ausgestellt wurde. Darin beauftragte er seine beiden Vertreter im Haram von Mekka mit der Durchführung von Handlungen, die den Kalifen legitimierten, wie der Anrufung seines Namens in der Freitagspredigt, der Münzprägung und den Empfang des Mahmal. Der Brauch der Mahmal-Entsendung wurde wahrscheinlich von dem Mamluken-Sultan az-Zāhir Baibars (reg. 1260–1277) eingeführt.Jomier: Le maḥmal et la caravane égyptienne des pèlerins de la Mecque. 1953, S. 27. Der ägyptische Historiograph al-Maqrīzī (gest. 1442) erwähnt in seiner Chronik Kitāb as-sulūk li-maʿrifat duwal al-mulūk, dass dieser Sultan im Monat Safar des Jahres 664 der Hidschra (= November/Dezember 1266 n. Chr.) den Mahmal herrichten ließ und dem Emir Dschamāl ad-Dīn, der ihn in den Hedschas bringen sollte, ein Ehrengewand verlieh.al-Maqrīzī: Kitāb as-sulūk li-maʿrifat duwal al-mulūk. 1941, Bd. I, S. 544. In den Einträgen zu den folgenden Jahren erwähnt al-Maqrīzī den Mahmal nicht mehr, aber eine Notiz zum Jahre 680 (= 1282 n. Chr.) in demselben Werk zeigt, dass die Entsendung des Mahmal zu dieser Zeit bereits zum Brauch geworden war. Dort heißt es: „Und im Schauwāl reiste der Mahmal wie gewöhnlich in den Hedschas.“al-Maqrīzī: Kitāb as-sulūk li-maʿrifat duwal al-mulūk. 1941, Bd. I, S. 703.
Während der osmanischen Zeit entstand in Ägypten eine Legende, die den Ursprung der Mahmal-Tradition Schadscharat ad-Durr (gest. 1257), der Witwe des aiyubidischen Sultans as-Sālih Aiyūb (reg. 1240–1249), die 1250 für einige Monate die Sultanin von Ägypten war, zuschrieb.Behrens-Abouseif: “The maḥmal legend and the pilgrimage of the ladies of the Mamluk court” 1997, S. 87. Sie soll einmal ihre Pilgerreise nach Mekka in einer prunkvollen Kamelsänfte gemacht und in den Folgejahren dieselbe Sänfte regelmäßig als Symbol der Staatsmacht nach Mekka geschickt haben. Nach ihrem Tod soll dann dieser Brauch fortgeführt worden sein. Diese Legende wurde von Edward William Lane (gest. 1876) und Ali Pascha Mubarak (gest. 1893) wiederholtBehrens-Abouseif: “The maḥmal legend and the pilgrimage of the ladies of the Mamluk court” 1997, S. 90. und fand auch Eingang in Thomas Hughes’ Islam-Lexikon.Thomas Hughes: A Dictionary of Islam. Allen & Co., London 1885. S. 306. (Digitalisat).
Der ägyptische Mahmal Form mini|Ein Mahmal aus Ägypten, 1867–1876 mit der Tughra von Sultan Mahmud II. Im Kanzleihandbuch des ägyptischen Gelehrten al-Qalqaschandī (gest. 1418) wird der Mahmal als ein Zelt beschrieben, das mit gelber Atlas-Seide bedeckt war und an dessen Spitze sich eine Kuppel aus vergoldetem Silber befand.al-Qalqašandī: Ṣubḥ al-aʿšā fī ṣināʿat al-inšāʾ. 1913-20, Bd. IV, S. 57f. Der Stoff des syrischen Mahmals des Jahres 1404 bestand aus golddurchzogener Seide und kostete 35.000 Silber-Dirham.al-Ǧazīrī: Durar al-fawāʾid al-munaẓẓama fī aḫbār al-ḥāǧǧ wa-ṭarīq Makka al-muʿaẓẓama. 2002, Bd. I, S. 429.
Der älteste erhaltene Mahmal ist derjenige des ägyptischen Mamlukensultans Qansuh al-Ghuri (reg. 1501–1516). Er befindet sich im Topkapı-Palast in Istanbul und hat die Form eines Quaders mit einer Grundfläche von 1,60 Meter × 1,10 Meter und einer Höhe von 1,50 Meter, über dem sich eine 1,75 Meter hohe Pyramide mit einer Art Federbusch aus vergoldetem Holz erhebt.Eine gute Schwarzweiß-Fotografie von diesem befindet sich in der Zeitschrift La Turquie kemaliste 44 (August 1941) Seite 9. Eine kleine Farbabbildung in Frontalsicht bietet Maria Sardi in “Weaving for Hajj under the Mamluks” in Venetia Porter and Liana Saif (Hrsg.): The hajj. Collected essays. London 2013. S. 169–174. Hier S. 172. Der Stoff ist ein gelber Satin, der innen mit weißem Leinen gefüttert ist. Drei der Seitenwände des Quaders sind von quadratischen Fenstern durchbrochen; Der Vorhang, der jeden von ihnen schließt, trägt den Namen des Sultans.Jomier: Le maḥmal et la caravane égyptienne des pèlerins de la Mecque. 1953, S. 11. Die osmanischen Mahmal-Bedeckungen variierten in verschiedenen Farben (rot, grün oder schwarz), zeigten die Tughra des Sultans und waren überwiegend mit Koranversen verziert.
Edward William Lane beschreibt im frühen 19. Jahrhundert den Mahmal, wie folgt:
Anfang des 20. Jahrhunderts hatte der ägyptische Mahmal ein Gewicht von insgesamt 14 Qintār, was ungefähr 630 Kilogramm entspricht.al-Batanūnī: ar-Riḥla al-ḥiǧāzīya. 1911, S. 141. Es gab für den Mahmal zwei Bespannungen, die Alltagsbespannung (kiswa yaumīya) aus grünem Stoff und die Zierbespannung (kiswa muzarkaša), die nur bei den offiziellen Umzügen verwendet wurde.al-Batanūnī: ar-Riḥla al-ḥiǧāzīya. 1911, S. 142. Die Zierbespannung wurde in einem Depot im Finanzministerium aufbewahrt und alle 20 Jahre erneuert, mit der grünen Alltagsbespannung dagegen wurde jährlich nach der Rückkehr des Mahmal die Grabstätte von Sidi Yūnus as-Saʿdī am Friedhof von Bab an-Nasr verhüllt.al-Batanūnī: ar-Riḥla al-ḥiǧāzīya. 1911, S. 143.
Mit dem Mahmal verbundene Zeremonien und Feierlichkeiten In Kairo In Kairo gab die Entsendung des Mahmal regelmäßig Anlass zu Umzügen und lauten Festlichkeiten. Den frühesten Beleg für Umzüge liefert Ibn Kathīr (gest. 1373) in seiner Weltchronik al-Bidāya wa-nihāya. Er vermerkt darin, dass am 11. Schauwāl des Jahres 675 (= 18. März 1277) der Mahmal und die Kiswa der Kaaba in Kairo herumgeführt wurden, und dass es ein öffentlich festlich begangener Tag gewesen sei.Ibn Kaṯīr: al-Bidāya wa-nihāya. Maṭbaʿat as-Saʿāda, Kairo [ca. 1932]. Bd. XIII, S. 271. Knapp zehn Jahre später, im Jahre 686, erfolgte dieses Herumführen des Mahmal und der Kiswa am 14. Schauwāl, vier Tage vor der Abreise der Pilgerkarawane nach Mekka.Ibn ʿAbd aẓ-Ẓāhir: Tašrīf al-aiyām wa-l-ʿuṣūr fī sīrat al-malik al-Manṣūr. Ed. Murād Kāmil. Wizārat aṯ-Ṯaqāfa wa-l-Iršād al-Qaumī, al-Idāra al-ʿĀmma li-ṯ-Ṯaqāfa, Kairo 1961. S. 145. Digitalisat
Im frühen 14. Jahrhundert fand das Fest der Mahmal-Prozession (yaum dawarān al-maḥmil) im Monat Radschab statt. Ibn Battūta berichtet, dass dafür die vier Ober-Qādīs, der Verwalter der Schatzkammer und der Muhtasib zu Pferd stiegen, und mit ihnen die bedeutendsten Rechtsgelehrten, die Anführer der Korporationen und die großen Staatsbeamten, und sie alle gemeinsam zum Tor der Zitadelle ritten, wo al-Malik an-Nāsir residierte. Der Mahmal wurde daraufhin auf einem Kamel herausgebracht, wobei der Emir, der in diesem Jahr die Reise in den Hedschas antreten sollte, ihm vorausging. Der Emir wurde von seinen Truppen und den Wasserträgern begleitet, die auf ihren Kamelen ritten. Die verschiedenen Klassen der Bevölkerung, sowohl Männer als auch Frauen, versammelten sich zu diesem Zweck und zogen dann mit dem Mahmal und all den bereits erwähnten Personen um die beiden Städte Kairo und Fustāt. Die Karawanenführer gingen ihnen voraus und trieben ihre Kamele mit der Stimme an. Mit dieser Prozession sollten die Menschen ermuntert werden, in dem betreffenden Jahr am Haddsch teilzunehmen und die dafür notwendigen Vorbereitungen zu treffen.Ibn Baṭṭūṭa: Riḥla. Ediert und ins Französische übersetzt von C. Defrémery, et B. Sanguinetti. Imprimerie Nationale, Paris 1926. Bd. I, S. 93f. Digitalisat Die Feiern waren von so vielen Ausschweifungen begleitet, dass Ibn al-Hāddsch (gest. 1336), ein marokkanischer Gelehrte, der sich zu dieser Zeit in Kairo aufhielt, den Frauen verbieten wollte, daran teilzunehmen oder in den Tagen davor auf die Straße zu gehen.Ibn al-Ḥāǧǧ: al-Madḫal. Dār at-Turāṯ, Kairo 1929. Bd. I, S. 272. Digitalisat
mini|330px|Die Mahmal-Prozession auf einer Abbildung des Reiseberichts von Paul Lucas, 1719. Der Mahmal befindet sich am Ende der Prozession oben rechts.