Der Manipur-Leierhirsch oder Sangai (Aussprache der Meitei: /sə.ŋai/) (Panolia eldii eldii, Synonyme: Rucervus eldii eldii, Cervus eldii eldii) ist eine stark gefährdete Unterart des Leierhirsches, die im indischen Bundesstaat Manipur endemisch ist. Er ist auch das Staatstier von Manipur. Sein ursprünglicher natürlicher Lebensraum ist das überschwemmte, sumpfige Grasland des Keibul-Lamjao-Nationalparks, der sich im südlichen Teil des Loktak-Sees, dem größten Süßwassersee im Nordosten Indiens, befindet.

Merkmale mini|Manipur-Leierhirsch (Männchen) mini|Manipur-Leierhirsch (Weibchen) mini|Junger Manipur-Leierhirsch im Zoo von Delhi mini|Männlicher Manipur-Leierhirsch mit einem Jungtier Der Manipur-Leierhirsch ist ein mittelgroßer Hirsch mit einem unverwechselbaren Geweih von 100–110 cm Länge und extrem langen Augsprossen, die die Geweihstangen bilden. Die beiden Augsprossen bilden eine durchgehende Kurve im rechten Winkel zu den eng stehenden Stielen. Daher kommt auch der Name Leierhirsch, denn die nach vorne ragenden Geweihstangen scheinen aus den Augenbrauen zu kommen. Die Geweihstangen der gegenüberliegenden Seiten sind unsymmetrisch zueinander. Die Weidsprossen sind zunächst unverzweigt, während die Krümmung mit zunehmender Länge zunimmt und sie sich auch gabeln. Die Geschlechter sind in Bezug auf Körpergröße und Gewicht mäßig dimorph. Die Schulterhöhe eines ausgewachsenen Hirsches beträgt etwa 115–125 cm und das Gewicht 95–110 kg. Die weiblichen Tiere sind kleiner und leichter als die männlichen. Die Länge des Körpers vom Ansatz bis zum Ohr bis zum Schwanz beträgt bei beiden Geschlechtern etwa 145 bis 155 cm. Der Schwanz ist kurz und der Steißfleck ist nicht ausgeprägt.

Systematik Der Manipur-Leierhirsch ist die Nominatform des Leierhirsches, die 1842 vom britischen Mediziner und Zoologen John McClelland als Cervus eldii erstbeschrieben wurde.John McClelland: Note. In: Calcutta journal of natural history, and miscellany of the arts and sciences in India. Band 2, 1842, S. 415–417 (). McClelland nutzte hierfür eine kurze Notiz in unmittelbarem Anschluss an einem Aufsatz von Percy Eld, in dem dieser eine neue Hirschart aus der Region um Manipur vorstellte.Percy Eld: Further notice of a nondescript species of deer. In: Calcutta journal of natural history, and miscellany of the arts and sciences in India. Band 2, 1842, S. 415–417 (). Nur ein Jahr nach der offiziellen Benennung führte John Edward Gray die Gattung Panolia ein, in welche er spätestens 1852 in einem Katalogwerk des British Museum auch den Manipur-Leierhirsch listete.John Edward Gray: List of the specimens of Mammalia in the collection of the British museum. London 1843, S. 1–215 (S. 180) ().John Edward Gray: Catalogue of the specimens of Mammalia in the collection of the British Museum. London 1852, S. 1–286 (S. 202) (). Die Bezeichnung Panolia wurde in der Folgezeit relativ häufig genutzt, galt aber teilweise auch als Untergattung von Cervus oder Rucervus. Im Jahr 1918 wurde der Manipur-Leierhirsch von Oldfield Thomas in die Gattung RucervusOldfield Thomas: The nomenclature and the geographical forms of the panolia deer (Rucervus eldii) and its relatives. The journal of the Bombay Natural History Society 25, 1918, S. 363–367 (). und damit in die verwandtschaftliche Nähe der Barasinghas gestellt. Allerdings sah dies Reginald Innes Pocock im Jahr 1943 anders, da er den Manipur-Leierhirsch wieder der Gattung Panolia zuwies. () Dies hatte folgend nur wenig Bestand, der überwiegende Teil der Wissenschaftler gliederte die Leierhirsche im Verlauf des 20. Jahrhunderts erneut in die Gattung Rucervus ein.Don E. Wilson und DeeAnn M. Reeder (Hrsg.): Mammal Species of the World. Johns Hopkins University Press, 2005, S. 94–99, ISBN 978-0-8018-8221-0 () Anfang der 2000er Jahre erbrachten dann Analysen mitochondrialer DNA eine nähere Verwandtschaft der Leierhirsche zum Davidshirsch (Elaphurus) anstatt zu den Barasinghas. Christian Pitra und seine Mitarbeiter wiesen in ihrer Studie aus dem Jahr 2004 darauf hin, dass die Trennung dieser Linien vor etwa 3,5 Millionen Jahren erfolgte. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass diese Abspaltung wesentlich früher stattgefunden hat. Weitere genetische Analysen bestätigten die Nahverwandtschaft zwischen den Leierhirschen und dem Davidshirsch.Alexandre Hassanin, Frédéric Delsuc, Anne Ropiquet, Catrin Hammer, Bettine Jansen van Vuuren, Conrad Matthee, Manuel Ruiz-Garcia, François Catzeflis, Veronika Areskoug, Trung Thanh Nguyen und Arnaud Couloux: Pattern and timing of diversification of Cetartiodactyla (Mammalia, Laurasiatheria), as revealed by a comprehensive analysis of mitochondrial genomes. In: Comptes Rendus Palevol. Band 335, 2012, S. 32–50.Juan P. Zurano, Felipe M. Magalhães, Ana E. Asato, Gabriel Silva, Claudio J. Bidau, Daniel O. Mesquita und Gabriel C. Costa: Cetartiodactyla: Updating a time-calibrated molecular phylogeny. In: Molecular Phylogenetics and Evolution. Band 133, 2019, S. 256–262. Basierend auf den genetischen Untersuchungen verankerten Colin Groves und Peter Grubb die Leierhirsche im Jahr 2011 im Rahmen ihres Werkes Ungulate Taxonomy erneut in der Gattung Panolia. Zusätzlich stellten sie den Leierhirsch-Komplex mit insgesamt drei Arten heraus.Colin Peter Groves und Peter Grubb: Ungulate taxonomy.The Johns Hopkins University Press, Baltimore 2011, S. 1–317 (S. 93–94). Einen anderen Weg schlugen Alexandre Hassanin und Kollegen ein Jahr später im Rahmen ihrer genetischen Studien vor. Um die Diskrepanz in den bestehenden Verwandtschaftsverhältnissen aufzulösen, regten sie eine Eingliederung der Leierhirsche, des Davidshirschs, des Prinz-Alfred-Hirschs und des Sambars (beide vormals Rusa) in die Gattung Cervus an, was einzelne Fachleute tätigten.Pengfei Hu, Yuanchen Shao, Jiaping Xu, Tianjiao Wang, Yiqing Li, Huamiao Liu, Min Rong, Weilin Su, Binxi Chen, Songhuan Cui, Xuezhe Cui, Fuhe Yang, Hidetoshi Tamate3 und Xiumei Xing: Genome-wide study on genetic diversity and phylogeny of five species in the genus Cervus. In: Genomics. Band 20, 2019, S. 384, doi:10.1186/s12864-019-5785-z Ungeachtet der genetisch aufgezeigten Verwandtschaftsverhältnisse wurden die Leierhirsche im Jahr 2011 im zweiten Band des Standardwerkes Handbook of the Mammals of the World erneut als Rucervus eldii aufgeführt. Dies setzte sich auch in den Nachfolgebänden Illustrated Checklist of the Mammals of the World (2020) und All the Mammals of the World (2023) fort. Ebenso listen die IUCN Red List und die ASM Mammal Diversity DatabaseASM Mammal Diversity Database: Rucervus eldii (McClelland in Eld, 1842) momentan die Leierhirsche als Rucervus eldii.

Der Leierhirsch weist in seiner Schädelanatomie signifikante Unterschiede zu anderen Mitgliedern der Tribus Cervini auf. Insbesondere zeigen die hinteren Enden der Nasenbeine eine abgeflachte, keilförmige Struktur, die in die Stirnbeine übergeht. Im Gegensatz dazu sind die vorderen Abschnitte der Nasenbeine spitz zulaufend, wobei die Spitzen voneinander weg divergieren und eine V-förmige Lücke in der Mittellinie entsteht, die charakteristisch für die Gattung Cervus ist. Das Geweih des Leierhirsches ist sehr markant, die Geweihstangen und die Augsprossen bilden einen durchgehenden, fast ununterbrochenen Bogen. Traditionell ist nur die Art Panolia (früher Cervus oder Rucervus) eldii allgemein anerkannt worden. In einer Studie von 2003 zeigten Christopher Balakrishnan und seine Kollegen jedoch, dass bei der mtDNA eine tiefe Spaltung zwischen einer westlichen Klade (aus Burma und Manipur) und einer östlichen Klade (aus der indochinesischen Region und Hainan) vorliegt. Auch morphologisch gibt es erhebliche Unterschiede zwischen den beiden Taxa, ebenso wie zwischen dem im Trockengebiet lebenden Myanmar-Leierhirsch in Myanmar und dem stark gefährdeten Manipur-Leierhirsch, der an die schwimmenden Schilfgebiete (Phumdi) des Logtak-Sees in Manipur gebunden ist. 2006 schlug Colin Groves vor, die Leierhirsche erneut zu untersuchen, um festzustellen, ob sie in zwei oder sogar drei verschiedene Arten neu klassifiziert werden sollten. Die Schädel der Leierhirsche sind zwar generell variabel in ihren Merkmalen, jener von Panolia eldii thamin ist aber tendenziell etwas schmaler als die der anderen beiden Taxa. Panolia eldii siamensis ist im Durchschnitt deutlich kleiner als die beiden anderen Vertreter der Leierhirsche.

Verbreitung und Lebensraum Der Manipur-Leierhirsch kommt in seinem natürlichen Lebensraum nur im Keibul-Lamjao-Nationalpark in einem Überschwemmungsgebiet vor, das lokal Phumdi genannt wird. Es liegt im südöstlichen Teil des Loktak-Sees zwischen 24°27' N und 24°31' N geografischer Breite und 93°53' O und 93°55' O geografischer Länge. Der Nationalpark erstreckt sich über eine Fläche von 40 km², und das Verbreitungsgebiet der Hirsche im Park beschränkt sich auf 15 bis 20 km².

Der Phumdi ist der bedeutendste und einzigartigste Teil des Lebensraums. Es handelt sich um eine schwimmende Vegetationsmasse, die durch die Anhäufung von organischen Abfällen und Biomasse mit Erde entsteht. Seine Dichte schwankt zwischen wenigen Zentimetern und zwei Metern. Der Humus des Phumdi ist von schwarzer Farbe und sehr schwammig mit einer großen Anzahl von Poren. Er schwimmt zu 4/5 unter Wasser.

Lebensweise Der Manipur-Leierhirsch ernährt sich von einer Vielzahl von Wasserpflanzen, Gräsern, krautigen Pflanzen und Sprossen. Zu den bevorzugten Nahrungspflanzen des Manipur-Leierhirsches gehören Zizania latifolia, Tripidium bengalense, Erianthus procerus und Erianthus ravennae. Sein Äsungsverhalten kann an neuen Trieben auf frisch gemähten Brandschneisen verfolgt werden. Der Manipur-Leierhirsch ist zu verschiedenen Tageszeiten aktiv. Die Äsung beginnt in der Regel frühmorgens um 4:30 Uhr und dauert bis etwa 8:00 Uhr; dieser Zeitraum kann jedoch bei bewölkten Bedingungen bis 10:00 Uhr ausgeweitet werden. Am Nachmittag setzt die Aktivität um 15:00 Uhr ein und hält bis 18:00 Uhr an. Nach der Nahrungsaufnahme ruhen die Tiere, wobei sie tagsüber Schutz unter dichtem Schilf und hohen Gräsern suchen. In der Nacht ziehen es einige vor, auf Hügeln zu rasten.

Der Manipur-Leierhirsch hat in freier Wildbahn eine maximale Lebenserwartung von etwa 10 Jahren.

Die Brunft findet in den Frühjahrsmonaten von Februar bis Mai statt. Männliche Individuen treten in Konkurrenz zueinander, um die Herrschaft über einen Harem von Weibchen zu erlangen, um mit diesen Fortpflanzungspartnerschaften einzugehen. Nach einer Tragzeit von 220 bis 240 Tagen wird in der Regel ein einzelnes Kalb geboren. Bei der Geburt weisen die Jungtiere ein geflecktes Muster auf, das mit zunehmendem Alter verblasst. Die Entwöhnung der Nachkommen erfolgt etwa im Alter von 7 Monaten, während die Geschlechtsreife in der Regel nach 18 Monaten erreicht wird.

Manipur-Leierhirsch in der Meitei-Folklore mini|Eine populäre kulturelle Illustration der Meitei, die einen Manipur-Leierhirsch zeigt, der an die Menschheit appelliert, ihm nicht nach dem Leben zu trachten. Der Manipur-Leierhirsch ist tief in den kulturellen Überlieferungen und Legenden der Manipuris verwurzelt. In einer weit verbreiteten Volkslegende wird der Sangai als die verbindende Seele zwischen Mensch und Natur interpretiert. Die Tötung des Sangais wird als schwerwiegender Verstoß gegen diese Beziehung angesehen, während die Achtung und Wertschätzung des Tieres als Ausdruck des Respekts gegenüber der Natur gilt. Somit dient der Sangai als Medium, durch das Menschen ihre Verbundenheit zur natürlichen Umwelt manifestieren können. In der Gesellschaft ist der Sangai eine große Quelle des Stolzes für die Menschen in Manipur.