mini|320x320px|Schätzungen des Pro-Kopf-BIP für ausgewählte europäische und asiatische Länder zwischen 1500 und 1950 von Angus Maddison, die das explosive Wachstum von Westeuropa und Japan im 19. Jahrhundert zeigen Die Große Divergenz () oder das europäische Wunder ist die Entwicklung, in deren Verlauf die westliche Welt (d. h. Westeuropa und die Teile der von Europäern besiedelten Neuen Welt) vormoderne Wachstumsbeschränkungen überwand und im 19. Jahrhundert als die mächtigsten und reichsten Weltregionen hervorgingen und zuvor dominierenden Kulturen aus dem Nahen Osten und Asien in den Schatten stellten, wie z. B. Qing-China, Mogul-Indien, das Osmanische Reich, das Persien der Safawiden und Tokugawa-Japan.
Wissenschaftler haben eine Vielzahl von Theorien aufgestellt, um zu erklären, warum es zur Großen Divergenz kam, darunter geografische, kulturelle, intelligenzbezogene, institutionelle, kolonialistische, ressourcenbezogene und auf reinem Zufall beruhende Theorien. Es herrscht Uneinigkeit über den Zeitpunkt der „großen“ Divergenz. Traditionell wurde davon ausgegangen, dass der Beginn der Divergenz im 16. oder sogar im 15. Jahrhundert liegt, mit der kommerziellen Revolution und den Ursprüngen des Merkantilismus und Kapitalismus während der Renaissance und des Zeitalters der Entdeckungen, dem Aufstieg der europäischen Kolonialreiche, der Proto-Globalisierung, der wissenschaftlichen Revolution und dem Zeitalter der Aufklärung. Der größte Sprung in der Divergenz ereignete sich jedoch im späten 18. und 19. Jahrhundert mit der ersten industriellen Revolution und der zweiten industriellen Revolution. Aus diesem Grund betrachten einige Wirtschaftswissenschaftler nur dies als die „große“ Divergenz.Pomeranz 2000, S. 36, 219–225
Technologische Fortschritte in Bereichen wie Verkehr, Bergbau und Landwirtschaft wurden während der Großen Divergenz im Westen Eurasiens in höherem Maße genutzt als im Osten. Die Technologie führte zu einer zunehmenden Industrialisierung und wirtschaftlichen Komplexität in den Bereichen Landwirtschaft, Handel und Energie, wodurch Ost und West voneinander divergierten. Die Nutzung von Kohle als Energieersatz für Holz in der Mitte des 19. Jahrhunderts verschaffte Westeuropa einen großen Vorsprung in der modernen Energieerzeugung. Im 20. Jahrhundert erreichte die Große Divergenz vor dem Ersten Weltkrieg ihren Höhepunkt und hielt bis Anfang der 1970er Jahre an; nach zwei Jahrzehnten unbestimmter Schwankungen wurde sie dann Ende der 1980er Jahre von der Großen Konvergenz abgelöst, als die meisten Entwicklungsländer deutlich höhere Wirtschaftswachstumsraten als die meisten Industrieländer erreichten.
Terminologie und Begriffsbestimmung Der Begriff „Große Divergenz“ wurde 1996 von Samuel P. Huntington geprägt und von Kenneth Pomeranz in seinem Buch The Great Divergence: China, Europe, and the Making of the Modern World Economy (2000) verwendet. Dasselbe Phänomen wurde auch von Eric Jones (1936–2024) erörtert, dessen 1981 erschienenes Buch The European Miracle: Environments, Economies and Geopolitics in the History of Europe and Asia den alternativen Begriff „Europäisches Wunder“ populär machte. Im Großen und Ganzen bezeichnen beide Begriffe einen sozioökonomischen Wandel, bei dem die europäischen Länder während der Neuzeit einen Vorsprung gegenüber anderen Regionen erreichten.
Der Zeitpunkt der Großen Divergenz ist unter Historikern umstritten. Traditionell wird sie auf das 16. (oder sogar 15. Jahrhundert) datiert, wobei argumentiert wurde, dass sich Europa seit diesem Zeitpunkt auf einem Pfad höheren Wachstums befand.Maddison 2001, S. 51–52. Pomeranz und andere Vertreter der kalifornischen Schule argumentieren, dass der Zeitraum der größten Divergenz im 19. Jahrhundert lag.Hobson 2004, S. 77 Unter Berufung auf Ernährungsdaten und chronische europäische Handelsdefizite argumentieren diese Wissenschaftler, dass vor diesem Zeitpunkt die am weitesten entwickelten Teile Asiens in Bezug auf den durchschnittlichen Reallohn eine mit Europa vergleichbare wirtschaftliche Entwicklung aufwiesen, insbesondere das Jangtse-Delta im Qing-China und Bengalen in Südasien.Hobson 2004, S. 77Parthasarathi 2011, S. 38–45. Der Wirtschaftshistoriker Prasannan Parthasarathi vertrat die Ansicht, dass die Löhne in Teilen Südindiens, insbesondere in Mysore, mit denen Großbritanniens vergleichbar gewesen sein könnten.
Einige sind der Meinung, dass die kulturellen Faktoren, die hinter der Divergenz stehen, auf frühere Entwicklungen wie die Renaissance zurückgeführt werden können. So wurde gemessen, dass selbst die reichsten Gebiete Asiens schon im 16. Jahrhundert beim Lohn in Silber gemessen hinter Westeuropa zurücklagen. Laut Forschungen, in denen England mit dem Jangtse-Delta (dem mit Abstand am weitesten entwickelten Teil Chinas) verglichen wurde, sollen um 1600 die Durchschnittslöhne in England, gemessen in Silber, dreimal so hoch gewesen sein wie die im Jangtse-Delta und gemessen in Weizenäquivalent, um 15 % höher gewesen sein (wobei Weizen als Basis für die Kaufkraft von Grundversorgungsgütern und Silber als Basis für die Kaufkraft von Handwerksgütern, insbesondere von gehandelten Gütern, verwendet wird), und dass auch die Urbanisierung bereits höher war. Die Silberlöhne Englands waren im späten 16. Jahrhundert fünfmal so hoch wie die Indiens, wobei die relativ hohen Getreidelöhne in Indien einen relativen Überfluss an Getreide und die niedrigen Silberlöhne einen niedrigen allgemeinen Entwicklungsstand widerspiegelten. Die Getreidelöhne begannen ab dem frühen 18. Jahrhundert stärker zu divergieren, wobei die englischen Löhne im Weizenäquivalent zweieinhalbmal höher wurden als die indischen oder chinesischen. Dies gilt jedoch nur für Nordwesteuropa, da die Silberlöhne in Süd-, Mittel- und Osteuropa bis 1800 immer noch gleichauf mit den fortgeschrittenen Teilen Asiens waren.
Die Frage, ob Getreide- oder Silberlöhne den allgemeinen Lebensstandard besser widerspiegeln, wird von Ökonomen und Historikern seit langem diskutiert. Dies beeinflusst auch, wann die Divergenz genau beginnt.
Bedingungen in verschiedenen Regionen „Warum beginnen die christlichen Nationen, die in der Vergangenheit im Vergleich zu den muslimischen Nationen so schwach waren, in der Neuzeit so viele Länder zu beherrschen und sogar die einst siegreichen osmanischen Armeen zu besiegen?… weil sie Gesetze und Regeln haben, die der Vernunft folgen.“ İbrahim Müteferrika (1731) Obwohl Kernregionen in Eurasien bis zum 18. Jahrhundert einen relativ hohen Lebensstandard erreicht hatten, begrenzten Landknappheit, Bodendegradation, Abholzung, das Fehlen verlässlicher Energiequellen und andere ökologische Zwänge das Wachstum des Pro-Kopf-Einkommens.Pomeranz 2000, S. 219. Rasche Abschreibungsraten auf Kapital bedeuteten, dass ein großer Teil der Ersparnisse in vormodernen Volkswirtschaften für den Ersatz von verbrauchtem Kapital ausgegeben wurde, was die Kapitalakkumulation behinderte.Pomeranz 2000, S. 187. Größere Mengen an Brennstoffen, Land, Nahrungsmitteln und anderen Ressourcen waren für anhaltendes Wachstum notwendig, was zum Kolonialismus führte.Pomeranz 2000, S. 241. Die Industrielle Revolution überwand diese Beschränkungen und ermöglichte zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit ein schnelles, anhaltendes Wachstum des Pro-Kopf-Einkommens.
Europa Nachdem die Invasionen der Wikinger, Muslime und Magyaren im 10. Jahrhundert abgeklungen waren, begann für das christliche Westeuropa eine Zeit des Wohlstands, des Bevölkerungswachstums und der territorialen Expansion, die als Hochmittelalter bezeichnet wird. Handel und Gewerbe lebten wieder auf, und es kam zu einer zunehmenden Spezialisierung zwischen verschiedenen Gebieten sowie zwischen dem Land und den Handwerkern in den Städten. Im 13. Jahrhundert war das beste Land bereits intensiv bewirtschaftet und die landwirtschaftlichen Erträge begannen zu sinken, obwohl Handel und Gewerbe weiter expandierten, insbesondere in Venedig und anderen norditalienischen Städten. Das 14. Jahrhundert brachte dann eine Reihe von Katastrophen mit sich: Hungersnöte, Kriege, den Schwarzen Tod und weitere Epidemien.
Dem Schwarzen Tod und der damit verbundenen Bevölkerungsreduktion wurde von einigen Historikern jedoch auch positive Einflüsse auf die langfristige Wirtschaftsentwicklung zugeschrieben. So regte der Arbeitskräftemangel zu technologischer Innovation an und erhöhte den Reallohn der Bauern und Arbeiter, bei gleichzeitiger Schwächung des Feudalismus.
Einer Studie aus dem Jahr 2014 zufolge gab es zwischen 1300 und 1800 eine ‚kleine Divergenz‘ innerhalb Europas: Die Reallöhne in der Nordseeregion stabilisierten sich mehr oder weniger auf dem nach dem Schwarzen Tod erreichten Niveau und blieben während der gesamten frühen Neuzeit (und bis ins 19. Jahrhundert hinein) relativ hoch (oberhalb des Existenzminimums), während die Reallöhne weiter südlich (in Deutschland, Italien und Spanien) nach dem 15. Jahrhundert zu sinken begannen und im Zeitraum von 1500 bis 1800 zu einer Art Existenzminimum zurückkehrten. Diese „kleine Divergenz“ bei den Reallöhnen spiegelt eine ähnliche Divergenz beim Pro-Kopf-BIP wider: In der „Peripherie“ Europas gab es zwischen 1500 und 1800 fast kein Pro-Kopf-Wachstum (oder sogar einen Rückgang), während in den Niederlanden und England das Realeinkommen weiter anstieg und sich in diesem Zeitraum fast verdoppelte.
Im Zeitalter der Entdeckungen erschlossen Seefahrer neue Routen nach Amerika und Asien. Der Handel weitete sich aus, zusammen mit Innovationen wie Aktiengesellschaften und verschiedenen Finanzinstituten. Dies führte zu einer Machtkonzentration in Staaten, deren Finanzen vom Handel abhingen. Die Niederländische Republik wurde von Kaufleuten kontrolliert, während das Parlament nach einem langen Kampf, der in der Glorreichen Revolution gipfelte, die Kontrolle über das Königreich England erlangte. Dies erwies sich als günstig für die wirtschaftliche Entwicklung.North & Thomas 1973, S. 16–18. Ende des 16. Jahrhunderts begannen London und Antwerpen, sich von anderen europäischen Städten abzusetzen, wie die folgende Grafik der Reallöhne in mehreren europäischen Städten zeigt: zentriert|600x600px Laut einer Untersuchung durch den amerikanischen Politikwissenschaftler Jack Goldstone im Jahr 2021 trat die Große Divergenz erst nach 1750 (oder sogar 1800) in Nordwesteuropa auf. Davor waren die Wirtschaftswachstumsraten in Nordwesteuropa laut ihm weder anhaltend noch bemerkenswert, und das Pro-Kopf-Einkommen war vergleichbar mit „Spitzenwerten, die Hunderte von Jahren zuvor in den am weitesten entwickelten Regionen Italiens und Chinas erreicht wurden“.
Der Westen hatte im Vergleich zu Asien eine Reihe einzigartiger Vorteile, wie z. B. die Nähe zu Kohleminen, die Entdeckung der Neuen Welt, die die ökologische Beschränkungen des Wirtschaftswachstums (Landmangel usw.) milderte sowie die Gewinne aus der Kolonialisierung und dem Überseehandel.Pomeranz 2000, S. 31–69, 187
China mini|Vergleich der Bevölkerungszahlen (Millionen, logarithmische Skala) von China und Kontinentaleuropa zwischen 1000 und 1975