Tasa, in Indien tasha (, auch taasha, tash, in Karnataka tase, thase, thaase, oder , Plural ṭāsāt, tās), in Indonesien tasa, in der Karibik tassa, in Suriname tazza, ist eine seit vorislamischer Zeit bis heute in Iran bekannte und in der zeremoniellen Musik im Jemen verwendete kleine Kesseltrommel mit einem Korpus aus Ton oder Metall. Ihr wahrscheinlich ursprünglich persischer Name gelangte mit den muslimischen Eroberungen in den indischen Sprachraum. Seit der Mogulzeit (ab Anfang des 16. Jahrhunderts) wird die tasha in Nordindien und Pakistan zusammen mit der großen Fasstrommel dhol bei Prozessionen vor allem während des islamischen Kalendermonats Muharram gespielt. Anfang des 18. Jahrhunderts wurden Sepoy (indische Soldaten in britischen Diensten) schiitischen Glaubens an die Westküste Sumatras gesandt, wo sie die Tradition der Trauerzeremonien zu Muharram einführten. Der Ausgangspunkt für die Verbreitung der dhol-tasha-Gruppen in Nordindien war Mitte des 19. Jahrhunderts die Stadt Lucknow. Indische Kontraktarbeiter brachten die tasha zwischen den 1830er Jahren und dem Anfang des 20. Jahrhunderts in weitere Länder des damaligen Britischen Weltreichs, darunter auf einige Karibikinseln, dort vor allem auf die Insel Trinidad und nach Jamaika. Auf Trinidad steht das tassa-Spiel der Nachfahren ehemaliger indischer Kontraktarbeiten in unmittelbarer Beziehung zur indischen dhol-tasha-Tradition.Christopher L. Ballengee, 2019, S. 7. mini|Indische tasha mit einem Metallkorpus, einer an einen Metallreifen geklebten Kunststoffmembran und Spannschrauben. Ausgestellt in einer Musikschule in Tamil Nadu, Südindien mini|Indonesisches Zeremonialensemble gandang tasa mit einer Kesseltrommel tasa und einer Reihe mit Zylindertrommeln gandang (tambua) in Westsumatra

Herkunft mini|Die kleine Kesseltrommel mit Tonkorpus, die von Adivasis in Chattisgarh, Zentralindien, gespielt wurde, verweist auf eine alte Tradition in Indien mini|Indische Kesseltrommel des nagara-Typs mit einem Korpus aus Eisenblech, als Trommelpaar in Rajasthan dukar-tikar genannt Seit ältesten Zeiten haben Trommeln eine magische Bedeutung, sie werden für kultische Zwecke eingesetzt und genießen selbst vielfach eine religiöse Verehrung.Curt Sachs: Geist und Werden der Musikinstrumente. Reimer, Berlin 1928 (Nachdruck: Frits A. M. Knuf, Hilversum 1965), S. 53–57. In altindischen Ritualtexten aus dem 1. Jahrtausend v. Chr. wird von der bei einem Tieropferritual verwendeten Erdtrommel (Sanskrit bhumidundubhi) berichtet.Alastair Dick: Dundubhi. In: Grove Music Online. 20. Januar 2016. Ein evolutionärer Fortschritt gegenüber der stationären Erdtrommel, deren Membran am Boden über ein als Resonanzraum dienendes Erdloch gespannt ist, stellt die bewegliche Kesseltrommel dar, bei der ein beliebiger hohler Gegenstand, etwa ein Tontopf, als Resonanzkörper fungiert.Sibyl Marcuse: A Survey of Musical Instruments. Harper & Row, New York 1975, S. 120f. Eine Kesseltrommel aus Ton setzt die bereits in der Jungsteinzeit erfolgte Erfindung gebrannter Töpferwaren voraus. Funde oder Abbildungen aus dieser frühen Zeit sind jedoch nicht überliefert.

Die älteste bekannte Kesseltrommel in Mesopotamien, deren sumerischer Name lilissu sich einer Ritualtrommel mit Standfuß und mit einem kesselförmigen oder becherförmigen Korpus zuordnen lässt, wurde im altbabylonischen Reich ab Anfang des 2. Jahrtausends v. Chr. verwendet. Eine Strichzeichnung mit dem Wort lilissu ist auf einer Keilschrifttafel aus der Seleukidenzeit (312–63 v. Chr.) überliefert, die eine Kopie eines älteren Textes darstellt. Ihre Form ist auf einem altbabylonischen Terrakottarelief aus Larsa, das einen Boxkampf zeigt, zu erkennen.Subhi Anwar Rashid: Musikgeschichte in Bildern. Band 2: Musik des Altertums. Lieferung 2: Mesopotamien. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1984, S. 13, 78, 140.

Hans Hickmann (1961) zufolge gab es im Alten Ägypten schalenförmige Trommeln aus Ton seit der Frühdynastischen Periode (Anfang 3. Jahrtausend v. Chr.).Hans Hickmann: Musikgeschichte in Bildern. Band 2: Musik des Altertums. Lieferung 1: Ägypten. Verlag für Musik, Leipzig 1961, S. 20. Die Objekte auf den bildlichen Darstellungen, auf die sich Hickmann bezieht (eine Bootsszene aus der 4. Dynastie und eine Statuette aus der 5. Dynastie), sind jedoch nicht eindeutig identifizierbar, es könnte sich auch um eine runde Rahmentrommel oder um eine Bechertrommel ähnlich der heutigen orientalischen darbuka handeln. In jedem Fall waren Kesseltrommeln im Alten Ägypten gegenüber den ab dem Mittleren Reich archäologisch nachgewiesenen Röhrentrommeln seltenHeidi Köpp-Junk: Rasseln für die Ewigkeit: Die ältesten Perkussionsinstrumente im pharaonischen Ägypten. In: Pallas. Band 115, 2021, S. 171–190. (frühester Trommelfund aus der 12. Dynastie).Robert Anderson: Egypt, Arab Republic of. I. Ancient music. 3. Surviving instruments. In: Grove Music Online. 2001.

In Indien ist die vielleicht älteste Kesseltrommel die in der vedischen Literatur ab Ende des 2. Jahrtausends v. Chr. erwähnte dundubhi, die als laute Kriegstrommel und bei Opferritualen verwendet wurde. Möglicherweise bezieht sich der Name dundubhi auch auf die Funktion der Trommel und ist unabhängig von ihrer Form. Ein anderer altindischer Trommelname, mridangam, ist von Sanskrit mrd, „Tonerde“, und anga, „Körper“, abgeleitet und bezeichnete ursprünglich aus Ton hergestellte Trommeln.Walter Kaufmann: Altindien. Musikgeschichte in Bildern. Band 2: Musik des Altertums. Lieferung 8. Hrsg. Werner Bachmann. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1981, S. 32.

Die in Vorderasien bekannten kleinen und mittelgroßen Kesseltrommeln haben sich Curt Sachs (1915) zufolge mit den frühen Reiternomaden des persisch-zentralasiatischen Kulturraums verbreitet. Kesseltrommeln aus Ton, Holz oder Metall wurden demnach in einer lange zurückreichenden Tradition paarweise an die Seiten von Pferden oder Kamelen gehängt und von den Militärkapellen der berittenen Truppen mit Stöcken geschlagen. Um Tier und Reiter nicht zu behindern, eignete sich ein am Boden gerundeter, nicht allzu großer Trommelkorpus am besten und die beidseitige Anordnung sorgte für den notwendigen Gewichtsausgleich.Curt Sachs: Die Musikinstrumente Indiens und Indonesiens. Vereinigung Wiss. Verlag de Gruyter, Berlin und Leipzig 1915, S. 58f.

Das am Hals von Kamelen hängende KesseltrommelpaarPercival R. Kirby: The Kettle-Drums: An Historical Survey. In: Music & Letters. Band 9, Nr. 1, Januar 1928, S. 34–43, hier S. 37. gelangte irgendwann in den Jahrhunderten nach 712, dem Zeitpunkt der ersten arabischen Eroberung des Sindh und des Industals, nach Nordindien, zusammen mit den von den Militärkapellen gespielten Langtrompeten – namentlich karna und nafīr – und Kegeloboen vom Typ der surnā. Der arabische Name naqqāra für dieses Kesseltrommelpaar ging nach der Etablierung des Sultanats von Delhi ab 1192 als nagārā, nagra oder ähnlich in nordindische Sprachen ein.Alastair Dick: Nagāṙā. In: Grove Music Online. 2001. Entwicklungsgeschichtlich aufgefasst wurde das von den Reittieren abgestiegene Kesseltrommelpaar in Indien später ein Teil des zeremoniellen Palastorchesters naubatCurt Sachs: Die Musikinstrumente Indiens und Indonesiens. Vereinigung Wiss. Verlag de Gruyter, Berlin und Leipzig 1915, S. 59. und entwickelte sich zu der aus zwei unterschiedlich hoch gestimmten Kesseltrommeln bestehenden tabla (von arabisch tabl) vor dem am Boden sitzenden Musiker.

Zwar kamen die Trommelnamen tabla und tasa mit den muslimischen Eroberern, vielleicht in der Mogulzeit, nach Nordindien. Die so bezeichneten Tontopftrommeln waren dort jedoch schon wesentlich länger bekannt, wie zwei Reliefs aus der Region Gandhara zeigen, die in das Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. datiert werden. Auf beiden Reliefs hält eine der stehenden Figuren in der Reihe eine dickbauchige, wohl aus einem Tontopf bestehende Kesseltrommel zwischen den Knien und schlägt mit den Händen auf die über den weiten Hals gespannte Membran.Walter Kaufmann: Musikgeschichte in Bildern. Band 2: Musik des Altertums. Lieferung 8: Altindien. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1981, S. 138. Die Form dieser Trommel entspricht der heute in Goa verwendeten Tontopftrommel ghumat. Regional in der indischen Volksmusik gespielte Kesseltrommelpaare sind unter anderem die duggi im Norden und in Tamil Nadu im Süden dhanki und tamukku. Mutmaßlich ging der Name tasha auf entsprechend geformte indische Kesseltrommeln über.Christopher L Ballengee, 2022 (a), S. 122.

Arabische Quellen berichten über unterschiedliche Kesseltrommeln ab dem 10. Jahrhundert. Einzelne namentlich genannte Kesseltrommeln waren die große al-kūs (in der türkischen Militärmusik kös) und die sehr große mongolische kūrgā (kūrka), die als königliche Zeremonialtrommel der Mogulherrscher diente. Die tabl schāmī war eine flache Kesseltrommel, die bei Kriegstänzen in Südarabien an einer umgehängten Schnur getragen wurde.Hans Hickmann: Die Musik des Arabisch-Islamischen Bereichs. In: Bertold Spuler (Hrsg.): Handbuch der Orientalistik. 1. Abt. Der Nahe und der Mittlere Osten. Ergänzungsband IV. Orientalische Musik. E.J. Brill, Leiden/Köln 1970, S. 62.

Die frühesten großen Kesseltrommeln, die Curt Sachs (1940) in persischen Miniaturen aus dem 12. Jahrhundert erkannte, hatten einen flachen Boden und könnten deshalb von kleineren, wesentlich älteren Tontopftrommeln abgeleitet worden sein. Der runde Boden an den großen Kesseltrommeln wäre demnach eine spätere Entwicklung.Curt Sachs: The History of Musical Instruments. W. W. Norton & Co., New York 1940, S. 250.

Die älteste Abbildung einer kleinen Kesseltrommel mit einem flach gerundeten Boden findet sich auf einem der berühmten sassanidischen Felsreliefs von Taq-e Bostan nahe der iranischen Stadt Kermanschah. Das um 600 n. Chr. unter König Chosrau II. entstandene Relief zeigt den reitenden König bei einer Hirschjagd, an der eine Militärmusikkapelle beteiligt ist. Die Musiker haben sich in drei Reihen aufgestellt und spielen unter anderem eine Kegeloboe (surnā), zwei gerade Langtrompeten (der karnā entsprechend), wahrscheinlich eine aus China eingeführte Mundorgel (damals muschtaq sīnī, also keine Sackpfeife wie die namensverwandte indische mashak), eine Sanduhrtrommel (vermutlich mittelpersisch tabīr oder tabīra), eine große Kesseltrommel (wahrscheinlich kūs) und eine oder zwei kleine Kesseltrommeln (wahrscheinlich mittelpersisch tās).Henry George Farmer: The Instruments of Music on the Ṭāq-i Bustān Bas-Reliefs. In: Journal of the Royal Asiatic Society of Great Britain and Ireland. Nr. 3, Juli 1938, S. 397–412, hier S. 404f, ders.: Musikgeschichte in Bildern. Band 3: Musik des Mittelalters und der Renaissance. Lieferung 2: Islam. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1989, S. 14. Zu den Trommeln der Sassanidenzeit gehörte außer den drei Trommeltypen noch eine Rahmentrommel.Bo Lawergren: Iran. I. Pre-Islamic. 5. Sassanian period, 224–651 ce. In: Grove Music Online. 2001.

Etymologie mini|Felsrelief der Hirschjagd. In der Mitte oben König Chosrau II. unter einem Sonnenschirm, rechts hinter ihm das Palastorchester. Oberste Reihe von links: große Kesseltrommel kūs, Kegeloboe surna und rechts am Rand kleine Kesseltrommel tās. Taq-e Bostan, Iran, um 600 n. Chr. Die auf dem Felsrelief von Taq-e Bostan um 600 n. Chr. abgebildete kleine Kesseltrommel war vermutlich unter dem mittelpersischen Namen tās (Plural tāsāt) bekannt. Das persische Wort für diese Trommel ist tās(ā), entsprechend arabisch tāsa. Unklar ist ein Zusammenhang mit dem Trommelnamen tūza im Sudan.Hans Hickmann: Die Musik des Arabisch-Islamischen Bereichs. In: Bertold Spuler (Hrsg.): Handbuch der Orientalistik. 1. Abt. Der Nahe und der Mittlere Osten. Ergänzungsband IV. Orientalische Musik. E.J. Brill, Leiden/Köln 1970, S. 61.