Die britische Armee durchlief während der Regierungszeit Queen Victorias eine Zeit großer technologischer und gesellschaftlicher Umbrüche. Victoria bestieg 1837 den Thron und verstarb 1901. Zu Beginn dieser Epoche wies die britische Armee nur geringfügige Unterschiede im Vergleich zur Armee der Napoleonischen Kriege auf, die in Waterloo gesiegt hatte.
Es lassen sich drei Hauptphasen in der Entwicklung der Armee unterscheiden. In der Epoche, die sich vom Ende der Napoleonischen Kriege bis zur Mitte der 1850er Jahre erstreckt, verfolgten der Herzog von Wellington und seine Nachfolger das Ziel, die Organisation und Taktik der Armee im Zustand von 1815 zu bewahren und nahmen nur geringfügige Änderungen vor. Der Krimkrieg sowie der Sepoy-Aufstand von 1857 machten die Defizite der Armee deutlich. Festgefahrene Einstellungen und entgegengesetzte Interessen verhinderten jedoch größere Reformen. Erst mit dem Amtsantritt von Edward Cardwell kam es ab 1868 zu tiefgreifenden Veränderungen die der Armee eine allgemeine Struktur verliehen, die sie bis 1914 beibehielt. Die industrielle Revolution hatte ihre Waffen, Transportmittel und Ausrüstung verändert, und gesellschaftliche Veränderungen wie eine bessere Bildung hatten zu Änderungen der Einsatzbedingungen und der Einstellung vieler Soldaten geführt.
Führung, Kontrolle und Organisation Der Commander-in-Chief of the Forces war der Oberbefehlshaber der Streitkräfte mit Sitz im Gebäude Horse Guards in Whitehall, London. Der Oberbefehlshaber war in erster Linie für die militärische Disziplin, die Ausbildung, Personalangelegenheiten, Beförderungen (die bis 1871 oft noch durch den Kauf von Offizierspatenten erlangt wurden) und die Versetzung von Einheiten zuständig. Er war der zentrale Ansprechpartner der Krone in militärischen Angelegenheiten. Bis 1904 verfügte die Britische Armee über keinen eigenen Generalstab. Dies führte zu einer tiefgreifenden strukturellen Lähmung da eine übergeordnete Instanz existierte, die militärische Notwendigkeiten mit strategischen und finanziellen Realitäten in Einklang brachte.
Bis zu den Reformen von 1855 wurde die Armee von einer Vielzahl separater Ämter und Ausschüsse verwaltet, von denen jedes mit einem hohen Maß an Autonomie arbeitete und oft direkt der Krone oder verschiedenen Kabinettsministern unterstand. Diese Fragmentierung führte dazu, dass Truppenbewegungen häufig ohne Abstimmung mit den einzelnen Abteilungen stattfanden. Besonders deutlich traten diese Defizite im Bereich der Logistik hervor, da das für Verpflegung und Transport zuständige Commissariat lange Zeit dem Schatzamt unterstellt war und somit außerhalb der direkten Weisungsbefugnis des militärischen Kommandos agierte. Die katastrophalen logistischen und administrativen Mängel, die während des Krimkrieges zutage traten, führten zu der Erkenntnis, dass das System veraltet und nicht in der Lage war, eine moderne Armee zu unterstützen. Als Reaktion darauf leitete die Regierung eine umfassende Verwaltungsreform ein. 1855 wurde das Amt des Kriegsministers geschaffen, wodurch viele der Aufgaben gebündelt wurden, die zuvor auf verschiedene Ministerien verteilt waren. Der Kriegsminister war nun gegenüber dem Parlament für die Effizienz und Verwaltung der Armee verantwortlich. Die vorher unabhängigen Behörden darunter das Commissariat, das Army Medical Department, das Paymaster General’s Office, sowie das Board of Ordnance wurden aufgelöst und dem Kriegsministerium unterstellt.
Dies führte jedoch in der Praxis zu einer schwerfälligen und aufwendigen Bürokratie, die sich besonders am Board of Ordnance deutlich machte. Anstatt die Abläufe durch die Zusammenlegung zu vereinfachen, wurden die gewachsenen Verwaltungsstrukturen nahezu unverändert in das neue Ministerium übertragen. Dies führte dazu, dass die einzelnen Fachbereiche weiterhin als isolierte Einheiten agierten, was eine effiziente Abstimmung verhinderte. Zudem blieb die räumliche Trennung bestehen, da das Kriegsministerium Standorte in der Pall Mall bezog, während die militärische Führung in Whitehall verblieb. Diese Distanz zementierte langwierige schriftliche Meldewege und unterband eine direkte Abstimmung zwischen ziviler Verwaltung und militärischer Planung. Darüber hinaus behielt der Oberbefehlshaber beträchtliche Befugnisse in Bezug auf Befehlsgewalt, Disziplin, Ernennungen und Beförderungen, arbeitete parallel zum Kriegsministerium und unterstand dem Kriegsminister nur nominell.
Rekrutierung und Ausbildung Mannschaftsdienstgrade Vor den Cardwell-Reformen Anfang der 1870er Jahre unterlag die Rekrutierung für die britische Armee nur wenigen Vorschriften, was oft zu Problemen führte. Die Meldung zum Militärdienst erfolgte in der Regel freiwillig, wurde jedoch durch Anwerbungsprämien gefördert, bei denen es sich um Barzahlungen an die Rekruten handelte. Dieses System führte zu weitverbreiteten Missbräuchen: Rekruten kassierten die Prämie, desertierten und wiederholten diesen Vorgang an anderer Stelle. Die Rekrutierung erfolgte auf verschiedene Weise, vor allem durch Werbekommandos die in Städten und Dörfern, insbesondere in ärmeren Gegenden, aktiv nach körperlich tauglichen Männern suchten. Weitere Rekrutierungsmöglichkeiten war das Anwerben von ehemaligen Soldaten oder Mitgliedern aus Milizen. Viele Rekruten wurden durch Armut, Arbeitslosigkeit oder die Aussicht auf Abenteuer zur Meldung getrieben, sodass Fähigkeiten und Einsatzbereitschaft stark variierte.
Die Rekrutierungsbehörden erhielten für jeden Mann, den sie anwarben, eine Vergütung. Dies veranlasste die Anwerber dazu, verschiedene Strategien zu entwickeln, um neue Rekruten zu gewinnen. Darüber hinaus wurden auch Diebe, Landstreicher und andere unerwünschte Personen rekrutiert. Ein bedeutender Anteil der Rekrutierung erfolgte in Gaststätten, wo betrügerische Anwerber Männer unter Alkoholeinfluss dazu überredeten, sich zu verpflichten ("taking the Queen's shilling").
Eine Dienstzeit von meist 21 Jahren, schlechte Lebensbedingungen sowie strenge Disziplin wirkte abschreckend für viele potenzielle Freiwillige. Der Militärdienst galt zudem als gesellschaftlich gering geschätzter Beruf, mit einer hohen Desertionsrate. Die 1870 eingeleiteten Cardwell-Reformen veränderten die Rekrutierung der britischen Armee grundlegend. Soldaten verpflichteten sich nun in der Regel für zwölf Jahre, mit einer aktiven Dienstzeit von 6 Jahren und weitere 6 Jahre als Reservisten. 1881 wurde die aktive Dienstzeit auf sieben Jahre erhöht und die Zeit in der Reserve auf fünf Jahre reduziert. Nach 1870 wurden die Einsatzbedingungen in den Anzeigen zur Rekrutierung deutlicher dargelegt, außerdem wurden Werbekommandos angewiesen, sich angemessen zu verhalten und sich von Gasthäusern und Kneipen fernzuhalten. Im Falle einer nachgewiesenen Täuschung während der Anwerbung wurde die betreffende Person sofort aus dem Militärdienst entlassen. Die mit dem Verfahren verbundenen Kosten wurden dem Anwerber auferlegt. Die Anwerbungsprämien, die zur Desertion und zu falschen Einberufungen führten, wurden abgeschafft. Zudem führte Cardwell lokale Rekrutierungsdepots ein, die Regimenter mit bestimmten Gebieten verbanden. Dies sollte die regionale Verbundenheit stärken und die Rekrutierung systematischer und effizienter gestalten. Insgesamt wurde die Zuständigkeit für die sechsundsechzig Brigadebezirke (im weiteren Verlauf in Regimentsbezirke umbenannt) auf die gesamte Fläche Englands, Schottlands und Wales verteilt. Trotz dieser strukturellen Neuerung scheiterten die Reformen in der Praxis an der unvorhergesehenen Intensität kolonialer Konflikte. Das System der Zwillingsbataillone, bei dem ein Teil in der Heimat ausgebildet und der andere im Ausland eingesetzt werden sollte, geriet durch den ständigen Bedarf an Truppen in Übersee aus dem Gleichgewicht. Da die Heimatdepots oft selbst mobilisiert werden mussten, brach die Ausbildungskette zusammen, was zu einem chronischen Mangel an erfahrenen Reservisten führte.
Offiziere Zwischen 1815 und 1914 waren die Ausbildung und Auswahl von Offizieren in der britischen Armee maßgeblich von der sozialen Herkunft bestimmt, wobei die Mehrheit der Offiziere aus dem Adel und der Gentry stammte. Die Autorität der Offiziere beruhte eher auf ihrem Charakter und ihrem sozialen Status als auf ihrer fachlichen Kompetenz oder einer militärischen Ausbildung. Ihr sozialer Hintergrund ermöglichte es ihnen, Truppen zu führen, die meist aus bescheideneren, ländlichen Verhältnissen stammten, sodass viele Offiziere den Militärdienst als natürliche Fortsetzung ihrer Autorität gegenüber der einfachen Bevölkerung betrachteten. Bis zum Krimkrieg gab es nur minimale Anforderungen an die Ausbildung oder Bildung von Offizieren, da der persönliche Charakter höher geschätzt wurde als militärische Fähigkeiten. Das Kaufsystem, das es Offizieren ermöglichte, ihre Offizierspatente und Beförderungen zu erwerben, trug zur weiterem Bedeutungsverlust beruflicher Qualifikationen bei.
Vor 1849 gab es keine Anforderungen hinsichtlich der Bildung oder der fachlichen Kompetenz; die meisten Offiziere hatten nur eine begrenzte, oft private Schulbildung genossen. Während Offiziersanwärter der Artillerie und Pioniere ihre Grundausbildung an der Royal Military Academy in Woolwich erhielten, war der Besuch des Royal Military College in Sandhurst für angehende Infanterie- und Kavallerieoffiziere optional. In den 1850er Jahren führten die Royal Engineers als erste Truppengattung in Chatham eine systematische Fachausbildung für neu ernannte Offiziere ein, der Unterricht u. a. in Landvermessung, Aufklärung und Feldbefestigung umfasste und etwa zwei Jahre dauerte. Die Royal Artillery folgte bald darauf mit einem eigenen Lehrgang, einen 6- bis 8-wöchigen Besuch der Artillerieschule in Shoeburyness vorsah, mit der Möglichkeit zu weiterführenden Kursen nach bestandener Prüfung. Im Gegensatz dazu mussten neue Offiziere der Infanterie und Kavallerie lediglich innerhalb von zwei Jahren nach ihrer Ernennung eine Exerzierprüfung bestehen und erhielten keine weitere Fachausbildung. Die Abschaffung des Kaufsystems im Jahr 1871 führte zur Einführung einheitlicher Auswahlprüfungen für Anwärter auf eine Offizierslaufbahn. Die Wege zum Offizier wurden vielfältiger: Neben Sandhurst entwickelte sich der Dienst in der Miliz zu einem bedeutenden alternativen Weg zum Offizierspatent, 1874 begann die systematische Rekrutierung an Universitäten, und nach 1894 konnten Hochschulabsolventen direkt zu Offizieren ernannt werden.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts erfuhr Sandhurst erhebliche Veränderungen in Struktur und Lehrplan der Ausbildung. Nachdem die Kadettenausbildung Anfang der 1870er Jahre eingestellt worden war, wurde sie 1877 wieder aufgenommen, wobei die Zahl der Kadetten variierte. Ab 1889 umfasste die Ausbildung in Sandhurst 360 Kadetten in sechs Kompanien, die einen einjährigen Grundkurs absolvierten. Bis 1892 wurde die Ausbildung zu einem auf drei Semester angelegten System erweitert, mit einer jährlichen Aufnahme von 120 Kadetten. Der Lehrplan, der bis 1897 um die Fächer Französisch und Deutsch erweitert wurde, umfasste verschiedene Themengebiete wie Militärtechnik, Taktik, Recht und Sport und entsprach dem Bedarf an professionellem militärischem Fachwissen im Offizierskorps. Um dem Bedarf nach einer besseren Ausbildung der Stabsoffiziere gerecht zu werden, erfolgte 1857 die Gründung der Generalstabschule in Camberley, die aus dem Senior Department hervorging. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte sich das Ausbildungssystem für Offiziere von einem weitgehend unkoordinierten, auf soziale Hierarchie orientierten Prozess zu einem stärker strukturierten und professionalisierten System entwickelt, das größeren Wert auf Ausbildung, Auswahlverfahren und Weiterbildung legte.
Ausbildung Infanterie mini|Beispielansicht aus einem britischen Feldhandbuch für den Umgang mit dem Snider-Enfield-Gewehr