Beim thurgauischen Rheinklingen – damals Reichlingen oder Richlingen geschrieben – gelang einem französischen Armeekorps unter Lecourbe am 1. Mai 1800 ein Vorstoss über den Rhein, der als «taktisches Musterbeispiel für Operationen dieser Art» bezeichnet worden ist.Reinhold Günther: Geschichte des Feldzuges von 1800 in Ober-Deutschland, der Schweiz und Ober-Italien. J. Huber, Frauenfeld 1893, S. 105 (). In der Folge gewann die Armée du Rhin unter Moreau innert Wochenfrist drei Schlachten gegen die österreichische Rheinarmee unter Kray und stiess bis Ende Jahr fast bis nach Wien vor.
Feldzugsplan
mini|hochkant|Général en chef Moreau (1799) mini|hochkant|Lieutenant général Lecourbe (1802)
Frankreichs Donauarmee, welche unter Massena die Österreicher und Russen aus der Helvetischen Republik vertrieben hatte,Zweite Schlacht bei Zürich (25./26. September 1799), Schlacht bei Näfels (1. Oktober 1799). Die Kantone Schaffhausen (bis auf den Distrikt Diessenhofen), Rätien, Bellinzona und Lugano sowie das Rafzerfeld waren noch von den Österreichern besetzt. war nach der Machtergreifung BonapartesStaatsstreich des 18. Brumaire VIII (9. November 1799). in der Armée du Rhin aufgegangen. Diese setzte unter dem 37-jährigen Moreau und seinem 32-jährigen Generalstabschef DessolesGénéral de division, später Ministerpräsident. im April 1800 den Kampf gegen Österreich mit vier Armeekorps fort:
rechter Flügel unter Lecourbe (37'000–39'000 Kombattanten) in der Nordostschweiz, Reserve unter Moreau (ca. 30'000 Mann) bei Basel, Zentrum unter Saint-CyrGénéral de division, später Maréchal d’Empire und Kriegsminister. (15'000–20'000 Mann) bei Neubreisach, linker Flügel unter Sainte-SuzanneGilles Joseph Martin Bruneteau de Sainte-Suzanne, Général de division. (15'000 Mann) bei Strassburg.Dedon (1801), S. 140 f. ().
Die österreichische Rheinarmee unterstand seit dem März nicht mehr dem friedenswilligen 28-jährigen Erzherzog Karl, sondern dem 65-jährigen Kray, der während Bonapartes Ägyptenfeldzug in Italien Erfolge gefeiert hatte. An Mannschaftsstärke war sie der französischen nahezu ebenbürtig, an Kavallerie und vor allem an Artillerie sogar überlegen, dazu aufgrund ihrer zentralen Stellung (Hauptquartier Donaueschingen) und der Zerstörung aller Brücken über den Hochrhein schwer angreifbar.
Der Rheinübergang östlich von Schaffhausen geschah auf Anweisung Bonapartes, der seinerseits zur Rückeroberung Italiens aufbrach. Moreau blieb aber bis zum Brückenschlag nicht im Süden des Flusses, wie der Erste Konsul gedacht hatte, sondern stiess am entgegengesetzten Ufer vor, um den Feind in den Schwarzwald zu locken und weiter von seinem linken Flügel in Vorarlberg zu entfernen. Nachdem das Gros der französischen Armee die Wutach erreicht hatte, sollte Lecourbe (wie im Vorjahr im HochgebirgeJürg Stüssi-Lauterburg et al.: Weltgeschichte im Hochgebirge. Merker im Effingerhof, Lenzburg 2005, ISBN 978-3-85648-092-9.) die entscheidende Phase des Kampfes einleiten.Henri de Carrion-Nizas: Campagne des Français en Allemagne. Année 1800. In: Memorial du Dépôt général de la guerre. Band 5, Cr. Picquet, Paris 1829, S. 161 f. (); Reinhold Günther: Geschichte des Feldzuges von 1800 in Ober-Deutschland, der Schweiz und Ober-Italien. J. Huber, Frauenfeld 1893, S. 98 f. ().
Vorher hatten Saint-Cyr und Sainte-Suzanne in den mittleren bzw. nördlichen Schwarzwald vorzustossen, während eine Division Lecourbes unter Vandamme den Feind zwischen Rheineck und Chur beunruhigte.Picard (1907), S. 330 f. (). Das Hauptquartier der Armee wurde zum Schein von Basel nach Colmar und dann nach Strassburg verlegt, jenes des rechten Flügels von Zürich nach St. Gallen.Dedon (1801), S. 138–146 ().
Pontoniermaterial
Lecourbe verfügte über fünf von 16 Kompanien des in zwei Bataillone eingeteilten französischen Pontonierkorps.Jonathan Zabern (I/4), Chapelle (II/1), Henri (II/5), Galland (II/7), Lefranc (II/8). Eugène Caziot: Historique du corps des pontonniers. Henri Charles-Lavauzelle, Paris/Limoges 1894, S. 55, 227, 257 (). Dessen Gründer und Kommandant, chef de brigade Dedon,A. Liévyns, Jean-Maurice Verdot, Pierre Bégat: Fastes de la Légion-d’honneur. Biographie de tous les décorés […]. 3. Band, Bureau de l’administration, Paris 1844, S. 161 f. (); Eugène Caziot: Historique du corps des pontonniers. Henri Charles-Lavauzelle, Paris/Limoges 1894, S. 9 ff., 294 f. (). bereitete den Rheinübergang von langer Hand vor. Er hatte beim Limmatübergang bei Dietikon am 25. September 1799 eine entscheidende Neuerung eingeführt,Heinrich Philipp Reinhard von Porbeck (Hrsg.): Neue Bellona oder Beyträge zur Kriegskunst und Kriegsgeschichte. Leipzig, 6. Band, 1. Heft, Jahrgang 1804, S. 331 f. (). indem er die Boote zum Übersetzen der Avantgarde von Soldaten ans Flussufer tragen liess, um den beim Transport mit Wagen entstehenden verräterischen Lärm zu vermeiden. Das bei Dietikon verwendete Material liess er nach Döttingen bringen, wo französische und helvetische Truppen am 17. August 1799 den Österreichern und Russen unter Erzherzog Karl die Überquerung der Aare verwehrt hatten (Gefecht bei Döttingen). Dort wurde es instand gesetzt und durch Lieferungen aus den Artilleriewerkstätten von Strassburg und den Rückbau von Schiffbrücken über die Reuss bei Windisch und über die Limmat bei Wettingen vermehrt.
mini|hochkant|Chef de brigade Dedon
So kamen etwa 66 Boote zusammen, von denen aber ein Teil zur Wiederherstellung einer Brückenverbindung bei Laufenburg bestimmt war. Für Lecourbes Rheinübergang blieben 16 hölzerne Boote von 11,5 m Länge und 1,4 m BreiteIldephonse Favé: Études sur le passé et l’avenir de l’artillerie. Ouvrage continué sur le plan de l’Empereur [Napoleon III.]. 4. Band, J. Dumaine, Paris 1863, S. 164 (). zum Bau einer Schiffsbrücke und zwei Nachen übrig, beides aus Strassburg, sowie 20 Boote und 12 kleine Pontons, die in der Schweiz requiriert worden waren. Sie wurden im März 1800 nach Kloten gebracht. 200 Artilleriepferde, deren Betreuer Beschuss gewohnt waren, zogen die Boote zum Übersetzen der Avantgarde. Die 600 Pferde hingegen, welche das Pontoniermaterial transportierten, gehörten Privatleuten in verschiedenen Kantonen.
Schon im Vorjahr hatte Dedon zudem Material für die Reparatur der unbrauchbar gemachten Brücke von Stein am Rhein bereitstellen lassen.Dedon (1801), S. 150–153, 156 (). Die Behörden der Kantone Zürich, Säntis und Thurgau waren angewiesen worden, «den fränkischen Truppen den Uebergang über den Rhein zu erleichtern und dadurch das Kriegstheater aus dem Gebiet der helvetischen Republik zu bringen».Johannes Strickler (Hrsg.): Amtliche Sammlung der Acten aus der Zeit der Helvetischen Republik (1798–1803) […]. 5. Band, Stämpfli & Cie., Bern 1895, S. 93–96 ().
Übergangsstelle
mini|Übergangsstelle (vorne) und Rheinklingen (halbe Bildhöhe)
Laut Clausewitz wählt ein Angreifer mit Vorteil «die von der Natur am wenigsten begünstigten Orte, wenn er sicher ist, uns dort am wenigsten zu begegnen».Carl von Clausewitz: Vom Kriege. 2. Theil (Hinterlassene Werke [hrsg. v. Marie von Clausewitz], 2. Band). Ferdinand Dümmler, Berlin 1833, S. 295 ().
Ein Reisender, der die Gegend von Rheinklingen 1804 besichtigte, schrieb, «daß bei einem einigermaßen ernsthaften Widerstande der Uebergang dem Anscheine nach hätte unmöglich seyn sollen».Aurora, eine Zeitschrift aus dem südlichen Deutschland. München, Jänner 1804, S. 334 ().
In den Augen der Österreicher war der ganze Abschnitt zwischen Konstanz und Schaffhausen für einen Angriff der Franzosen wenig geeignet, so dass sie ihn nur mit 7 Bataillonen Infanterie und 14 Schwadronen Kavallerie (8000 Mann) unter Feldmarschallleutnant Lothringen und den Generalmajoren Hadik und GavasiniAlois von Gavasini. besetzten. Am Rhein zwischen Stein und Schaffhausen bildeten 1 Bataillon und 2 Schwadronen eine Postenkette. 2 Kompanien und 1 Schwadron standen in Ramsen, 1 Bataillon zwischen Dörflingen und Schaffhausen, 1 Bataillon in Randegg, 5 Schwadronen zwischen Randegg und Thayngen, 1 Bataillon und 1 Schwadron bei Rielasingen und der schwache Rest des Korps bei Singen.Der Feldzug 1800 in Deutschland. Nach östreichischen Originalquellen. (1. Teil.) In: Oestreichische militärische Zeitschrift (Wien). 1836, 1. Band, S. 243–274, hier: S. 262, 267 (); Gustav Ritter Amon von Treuenfest: Geschichte des kaiserl. und königl. Kärnthnerischen Infanterie-Regimentes Feldmarschall Graf von Khevenhüller Nr. 7. Verlag des Regimentes, Wien 1891, S. 436 (). Verschanzungen gab es bei Gailingen, Dörflingen und Büsingen.Henri de Carrion-Nizas: Campagne des Français en Allemagne. Année 1800. In: Memorial du Dépôt général de la guerre. Band 5, Cr. Picquet, Paris 1829, S. 141 (). Auf einer Karte, die Dedon dem Buch über seine Flussübergänge beigab, sind am Nordufer des Rheins neben sechs Zelten der Postenkette auch zwei auf Rheinklingen gerichtete Geschütze in einer Schanze bei Bibermühle (Gemeinde Ramsen) eingezeichnet.Dedon (1801), Karte 2 ().
Dass der Übergang bei «Reichlingen» stattfinden werde, erwähnte Dessoles schon in einem Bericht an Kriegsminister Carnot vom 24. April.Henri de Carrion-Nizas: Campagne des Français en Allemagne. Année 1800. In: Memorial du Dépôt général de la guerre. Band 5, Cr. Picquet, Paris 1829, S. 177 (). Laut Dedon lag die Stelle gleich weit von Hemishofen und Bibermühle entfernt.Dedon (1801), S. 146 (). Molitor, der die am Untersee stationierte Brigade der Division Vandamme befehligte, hatte sie mit folgenden Argumenten vorgeschlagen:
Auf beiden Seiten des Flusses verlaufen Strassen von Stein nach Schaffhausen. Der Fluss lässt sich problemlos überqueren. (An der Übergangsstelle beträgt seine Breite 107 m, die durchschnittliche Tiefe im Frühling 3,5–4 m, die Strömung 1.7–1.9 m/s. Reinhold Günther: Geschichte des Feldzuges von 1800 in Ober-Deutschland, der Schweiz und Ober-Italien. J. Huber, Frauenfeld 1893, S. 104 ().) Das Südufer bietet der eigenen Artillerie eine ausgezeichnete Schussposition. Das steile Nordufer verunmöglicht dem Feind den Einsatz von Artillerie und Kavallerie und gewährt seiner Infanterie keine Deckung.Picard (1907), S. 331 f. ().
300 m unterhalb von Hemishofen steht heute ein Gedenkstein mit der Inschrift: «Zur Erinnerung an den Übergang des rechten Flügels der französischen Rheinarmee unter General Lecourbe am 1. Mai 1800.»Heimatvereinigung Buch–Hemishofen–Ramsen: Historisch bedeutende Gebäude in Hemishofen 21. (). Im Fluss befindet sich an der Übergangsstelle ein vermutlich aus Tuff bestehender Felskopf.Faarchopf (Fährkopf). In: Schweizerisches Idiotikon ().
Anmarsch
mini|hochkant|Boot für Schiffbrücke (System Gribeauval)
Der Feldzug begann am 25. April und verlief dank der Qualität der französischen Truppen und der mangelnden Inspiration des österreichischen Feldherrn nach Moreaus Plan, der durchaus riskant war.Adolphe Thiers: Histoire du Consulat et de l’Empire […]. 1. Band, Paulin, Paris 1845, S. 297 f. (). Kray musste eigene Offensivpläne aufgeben. Dass Saint-Cyr und Sainte-Suzanne nur Ablenkungsmanöver vollführten, erkannte er zwar, glaubte aber, sie würden dann Bonaparte nach Italien folgen.Der Feldzug 1800 in Deutschland. Nach östreichischen Originalquellen. (1. Teil.) In: Oestreichische militärische Zeitschrift (Wien). 1836, 1. Band, S. 243–274, hier: S. 253–255, 261, 263, 266 ().
Am 28. zog Lecourbe den rechten Flügel wie folgt zusammen:
Division Vandamme: Stammheim Division LorgeGénéral de division Jean Thomas Guillaume Lorge.: Gisenhard Division MontrichardGénéral de division Joseph Hélie Désiré Perruquet de Montrichard.: Schlattingen, Truttikon Reservedivision NansoutyOberst.: Waltalingen, Ossingen Brückentrain: zwischen Andelfingen und Ossingen Hauptquartier: Ossingen (Schloss Wyden?)
Mit Verpflegung für vier Tage versehen, verschoben die Truppen sich unter grösster Geheimhaltung an diese Standorte. Ihre Lagerfeuer durften vom rechten Rheinufer aus nicht gesehen werden.Picard (1907), S. 333, 335 f. ().