mini|Wilhelm von Kaulbach: Illustration (1857) zu Goethes Reineke Fuchs mini|Der Leichenzug des Fuchses nach einer Fabel von Äsop auf einem Kirchenfußboden aus dem 13. Jahrhundert in Ravenna
Die Fabel (lateinisch fabula, „Geschichte, Erzählung, Sage“) bezeichnet eine in Versen oder Prosa verfasste, kürzere Erzählung mit belehrender Absicht, in der vor allem Tiere, aber auch Pflanzen und Dingliches oder fabelhafte Mischwesen menschliche Eigenschaften besitzen (Personifikation) und auch menschlich handeln (Bildebene). Die Dramatik der Fabelhandlung zielt auf eine Schlusspointe hin, an die sich meist eine allgemeingültige Moral (Sachebene) anschließt. Durch die (leichte) Erkennbarkeit der Lehre unterscheidet sich die Fabel von anderen Formen didaktischer Dichtung wie dem Gleichnis oder der Parabel. Die Moral bietet oft einen Interpretationsspielraum.
Gattungsgeschichte Außereuropäisches Altertum In Sumer wurden Mitte des 3. Jahrtausends v. Chr. Erzählungen wie die Fabel vom klugen Wolf und den neun dummen Wölfen als Lehrtexte in den Schulen verwendet. 1927 übersetzte der Altorientalist Erich Ebeling antike vorderasiatische Fabeln ins Deutsche.Erich Ebeling: Die Babylonische Fabel und ihre Bedeutung für die Literaturgeschichte. 1927.
Fabeln sind in unterschiedlichen Sprachen aus Mesopotamien, Anatolien und der Levante überliefert. Die zweisprachigen hethitisch-hurritischen Fabeln (hethitische Fassung ca. 1400 v. Chr., hurritische Überlieferung ca. 16.–17. Jahrhundert v. Chr.) gehören zu den wichtigsten Fabelsammlungen des Altertums. Aus dem alten Ägypten sind keine Fabeltexte, aber Bilder von Tierfabeln (oder Tiermärchen) bekannt. Die Ninurta-Uballitsu-Fabelsammlung (Assyrien, 716 v. Chr.) ist die älteste, datierte Sammlung, deren Herausgeber bekannt ist.Kazya Akimoto: Ante-Aesopica: Fable Traditions of Ancient Near East. Nashville 2010 (UMI/ProQuest AAT 3441951).
Bekannt sind die altindische Fabelsammlung Panchatantra, sowie deren Übersetzung und Bearbeitung ins Arabische (vermittelt über das Persische) Kalīla wa Dimna und schließlich die Fabeln des Arabers Luqman.
Europäische Antike Als Begründer der europäischen Fabeldichtung gilt Äsop, der um 600 v. Chr. als Sklave in Griechenland lebte. Äsops Fabeln fanden über Phaedrus, Babrios und Avianus Eingang in das mittelalterliche Europa.
Die älteste überlieferte Fabel findet sich in Hesiods Lehrgedicht Werke und Tage. In der Antike wurde die Fabel nicht als literarische Gattung angesehen. Sie wurde häufig als rhetorisches Element verwendet. So schreibt Aristoteles in seiner Rhetorik über Beispiele in Reden und nennt die Fabel von Äsop (als fingiertes Beispiel) und das historische Ereignis. Beispiele für die Verwendung in der lateinischen Literatur finden sich bei Horaz (Die Fabel von der Stadtmaus und der Landmaus. Sermo II,6 Zeile 79–105) und bei Livius (Die Fabel vom Magen und von den Gliedern.).
Erst Phaedrus schrieb Fabelbücher, die vor allem durch eine Prosabearbeitung, das Romulus-Corpus, verbreitet wurden.
mini|Seite aus: Der Edelstein, gedruckt von Albrecht Pfister, Bamberg 1461
Europäisches Mittelalter Als eine mit der Fabel verwandte epische Großform mit anthropomorphisierten Tieren als handelnden Figuren entstehen ab dem 11. Jahrhundert in Deutschland Tierepen wie die Ecbasis captivi der Reineke Fuchs oder der Ysengrimus. Als ältester Fabeldichter in deutscher Sprache kann der mittelhochdeutsche Dichter Der Stricker gelten, dessen Werke ab Mitte des 13. Jahrhunderts datiert werden. Die älteste deutschsprachige Fabelsammlung ist wohl Ulrich Boners Edelstein (etwa 1324). Unter dem Titel Dialogus creaturarum (Gespräch der Geschöpfe) wurde eine um 1400 entstandene und bis ins 16. Jahrhundert anonyme Sammlung von 122 Fabeln in lateinischer Sprache bekannt, die ins Niederländische und Französische übersetzt und ab 1480 in Gouda, Antwerpen, Köln und Stockholm mit Holzschnittillustrationen auch im Druck.
Europäische Frühe Neuzeit Die Fabelliteratur verbreitete sich seit Beginn der Frühen Neuzeit in ganz Europa als eine standesübergreifende populäre Literaturgattung. Philipp Melanchthon (1497–1560) empfahl 1528 die Lektüre der Fabeln Äsops gleich nach dem Erwerb der Lesefähigkeit für die zweite Klasse einer für alle Kinder im Kurfürstentum Sachsen als verpflichtend vorzusehenden Lateinschule. Martin Luther (1483–1546) erklärte in der Vorrede zu seiner deutschen Übersetzung der Fabeln des Äsop, dass die „Fürsten und Herrn“ die Wahrheit, die sie sonst von keinem Weisen hören und ertragen möchten, „unter einer lustigen Lügenfarbe und lieblichen Fabeln kleiden“ und „durch Thierer und Bestien mund“ zu hören bekommen könnten, warnt dann aber doch, dass dennoch selbst Äsop „umb der Warheit willen ertödtet sey/ und jn nicht geholfen hat/ das er in Fabeln weise/ als ein Narr […] / solche Warheit die Thiere hat reden lassen/ Denn die Warheit ist das unleidlichste ding auff Erden.“ mini|Eduard De Dene (Text), Marcus Gheeraerts (Radierung): Die Kuh und der Ochse, 97 × 113 mm. Eduard De Dene [Text], Marcus Gheeraerts [Radierungen]: De warachtighe fabulen der dieren. Pieter de Clerck , Brügge 1567, S. 12.S. 12 Eduard De Dene (Text), Marcus Gheeraerts (Radierung): De warachtighe fabulen der dieren. Pieter de Clerck , Brügge 1567, S. 12–13: Die Kuh und der Ochse: S. 12 Deutsche Übersetzung: Mit der Ausgabe von Les Fables du tresancien Esope Phrigien, bei der eine französische Paraphrase jeder Fabel des Aesop durch ein Emblem aus einem kurzen französischen Lemma, einem Holzschnitt als Ikon und einem vierzeiligen französischen Epigramm eingeleitet wird, erfand Gilles Corrozet (1510–1568) 1542 ein neues Format, das als „emblematische Fabel“ bezeichnet wird. In zahlreichen Auflagen etwa mit den sorgfältiger gestalteten Holzschnitten von Bernard Salomon (1506–1561) oder in eigenständigen lateinischen Nachdichtungen wie der des Gabriello Faerno (1510–1561) von 1567 fand die emblematische Fabel reiche Nachfolge und beförderte die weite Verbreitung der Fabel im 16. und 17. Jahrhundert als ethikdidaktische und politisch-kritische Bild- und Literaturgattung in ganz Europa. Bald schon folgten niederländische Nachdichtungen wie die des Eduard De Dene (1505–1576) mit den erzählerisch reichen Radierungen des Marcus Gheeraerts des Älteren (etwa 1520/1521 bis nach 1586 und vor 1604) von 1567, die von Philipp Galle (1537–1612) opulent bebilderte anonyme französischsprachige Fabelsammlung von 1578 und die niederländische Fabeledition Joost van den Vondels (1587–1679) von 1617 mit den noch einmal szenisch gesteigerten Radierungen. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts waren besonders die französischsprachige Nachdichtung Pierre Millots von 1646 nach Äsop und Jean de La Fontaines (1621–1695) Anthologie großenteils selbst verfasster Fabeln von 1668 in ganz Europa bekannt.
Im deutschsprachigen Raum erreichte die Fabeldichtung während des 18. Jahrhunderts ihren Höhepunkt. Die schlichte lehrhafte Fabel wurde nun als Opposition zum abgelehnten ‚Schwulst‘ des höfischen Pathos stilisiert.Vgl. Kristin Eichhorn: Die Kunst des moralischen Dichtens. Positionen der aufklärerischen Fabelpoetik im 18. Jahrhundert. Würzburg 2013, S. 45 ff. Angestoßen wurde die deutsche Fabeldichtung vor allem durch Antoine Houdar de la Mottes (1672–1731) Discours sur la Fable (1719). La Mottes Fabelbuch wurde von Dichtern wie Daniel Wilhelm Triller (1695–1782) zum Ausgangspunkt genommen, um Anschluss an die deutsche Fabeltradition des Humanismus zu finden. Erst in den 1740er-Jahren setzte mit Christian Fürchtegott Gellert (1715–1769) auch eine stilistische Rezeption der französischen Fabeldichtung, insbesondere derer von Jean de La Fontaine, ein. Charakteristisch für die Fabeln von La Fontaine ist u. a. der Verzicht auf ein belehrendes Epimythion zugunsten von Ironie. Dies wurde von den deutschen Fabeldichtern übernommen. Ziel war es nun, den Leser indirekt zum richtigen Urteilen zu erziehen, statt ihm explizite Lebensratschläge zu geben. Die Fabeln des mittleren 18. Jahrhunderts sind stark selbstreferenziell und weichen vom klassischen Fabelpersonal ab: Es gab jetzt mehr Menschenfabeln, und auch die Zahl der Singvögel in den Fabeln wuchs an.Vgl. Eichhorn 2013, S. 103 ff. Dies ist auch bei Gotthold Ephraim Lessing (1729–1781) zu beobachten. Lessing plädierte für eine Rückkehr zum antiken Fabelmodell und schrieb seine Fabeln (1759) durchgängig in Prosa. Er ist der bedeutendste Referenzautor für die heutigen Fabeldefinitionen.
François-Joseph Terrasse Desbillons SJ (1711–1789) verfasste in der Tradition der europäischen Antike wieder lateinische Fabeln.
Eine reiche Fabeltradition hat sich auch in Polen entwickelt. Zu nennen ist hier besonders Ignacy Krasicki (1735–1801).
Moderne und Gegenwart In Deutschland haben Matthias Claudius (1740–1815), Franz Grillparzer (1791–1872) , Heinrich Heine (1797–1856), Wilhelm Busch (1832–1908), Franz Kafka (1883–1924), Wolfdietrich Schnurre (1920–1989) und Reiner Kunze (* 1933) vereinzelt Fabeln veröffentlicht.
In Russland ist Iwan Andrejewitsch Krylow (1769–1844) der bedeutendste Fabeldichter.
1945 veröffentlichte George Orwell mit Farm der Tiere eine Parabel auf die Geschichte der jungen Sowjetunion. Die Tiere repräsentieren hier gesellschaftliche Gruppen, einige können sogar mit historischen Persönlichkeiten identifiziert werden.
In den 1950er-Jahren reaktivierte vor allem James Thurber (1894–1961) (Fables of Our Time und New Fables of Our Time) die seit dem Biedermeier marginalisierte Gattung.
Zu nennen sind auch die Fabeln des Südamerikaners Augusto Monterroso (1921–2003).
Der deutsche Schriftsteller und Illustrator Walter Moers veröffentlichte 2024 das Buch Das Einhörnchen, das rückwärts leben wollte. In diesem Werk schrieb er zwanzig „Flabeln“ auf, eine Literaturgattung aus Moers Fantasyuniversum „Zamonien“. Der Begriff „Flabel“ sei hierbei eine Abkürzung des Begriffs „Lachfabel“. Moers modernisiert seiner eigenen Aussage nach die Fabel und holt diese in das 21. Jahrhundert durch Kritik an der Gattung, Ironie und Witz.
Charakteristische Merkmale einer Fabel mini|Reineke Fuchs In Fabeln werden meistens kein genauer Ort und keine Zeit genannt. Im Mittelpunkt der Handlung stehen oft Tiere, seltene Pflanzen oder Dinge, denen menschliche Eigenschaften zugeordnet sind. Die Tiere handeln, denken und sprechen wie Menschen und stellen meist charakteristische Stereotype dar. Die Fabel will belehren und unterhalten (fabula docet et delectat). Nach Lessing soll die Fabel einen allgemeinen moralischen Satz auf einen besonderen Fall zurückführen und diesen dann in Form einer Geschichte darstellen. Die Personifikation der Tiere dient dem Autor häufig als Schutz vor Bestrafung o. Ä., denn er übt keine direkte Kritik, etwa an Zeitgenossen. Häufiges Fabelthema, vor allem im Zeitalter der Aufklärung, ist die Ständeordnung und die Kritik an ihr. In der Fabel herrscht eine Einheit von Ort, Zeit und Handlung. Die Situation findet nur an einem einzigen Ort und in einer kurzen Zeitspanne statt. Es gibt nur eine Haupthandlung und keine Nebenhandlungen.R. Dithmar: Die Fabel. Paderborn 1971 (=UTB 73), S. 103–107. Eine Fabel bedient sich meist einer einfachen Sprache, um allgemein verständlich zu sein. Die Auswahl der Tiere beschränkt sich auf bekannte Tiere, die der Gemeinschaft geläufig sind (beispielsweise Fuchs, Rabe, Lamm).G.E. Lessing: Definition einer Fabel, Gebrauch von Tieren in einer Fabel (Z. 5–15), Leipzig 1774.
Möglicher Aufbau einer Fabel Anamythion oder Promythion: Ein vorangestellter Lehrsatz (eher selten) Ausgangssituation Konfliktsituation Aktion oder Rede Reaktion oder Gegenrede Lösung / Ergebnis Epimythion: Ein nachgestellter Lehrsatz (vgl. „Die Moral von der Geschicht’“).
In der Regel enthält eine Fabel entweder ein Anamythion oder ein Epimythion.