Das Gemälde mit der Darstellung der Vision des Heiligen Bernhard stammt vermutlich von Johann Koerbecke, einem westfälischen Maler des späten Mittelalters, oder von einem Künstler aus seiner Werkstatt. Der Rest eines Altarflügels entstand es zwischen 1450 und 1475 und zeigt die Vision eines unbekannten Mönchs, nach der sich Jesus Christus von einem Kruzifix herab beugte, um den Zisterzienser-Abt Bernhard von Clairvaux zu umarmen (sog. Amplexus). Das Gemälde befand sich viele Jahrzehnte in der Staatsgalerie Bamberg in der Neuen Residenz; im Oktober 2025 wurde es von den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen an die Rechtsnachfolger der nach den Washingtoner Prinzipien Erstgeschädigten restituiert.
Beschreibung Das Bild wurde mit Ölfarben auf ein Brett aus Eichenholz gemalt und hat die Maße 94 × 78,7 cm. Es besitzt ein Seitenverhältnis von 1,24:1 im Hochformat. Die Komposition ist zentral ausgerichtet: Im Mittelpunkt stehen ein Kreuz und zwei Männer, die sich in einem Raum befinden.
Links vor dem hohen Kreuz steht der heilige Bernhard – erkennbar an seinem Nimbus, dem langen Gewand und dem Krummstab. Bernhard ist im Profil zu sehen und streckt seine Arme Jesus Christus entgegen, der sich vom Kreuz herabbeugt. Auf Bernhards Kopf befindet sich ein langes Spruchband mit einer lateinischen Inschrift: „Gloria te Deum… mea“, was übersetzt „Ehre sei Dir, Gott … mein“ bedeutet. Ein weiteres Spruchband schwebt über Jesu Mund mit der Aufschrift: „In charitate perpetua dilexi te. hiere. 31“Ausst.-Kat: Westfälische Maler der Spätgotik 1440–1490. Münster, 20. Juni–30. September 1952, Bld. 69Saint Bernard et l'Art des Cisterciens. Musee de Dijon. Dijon, 1953, S. 56, was „Mit ewiger Liebe habe ich dich geliebt“ bedeutet.
Bernhard trägt ein dunkelbraunes Gewand, sein Gesichtsausdruck wirkt ruhig. Christus trägt einen Lendenschurz und die Dornenkrone. Seine Haut ist blass, sein Körper wirkt ausgezehrt und erschöpft. Sein Gesicht drückt tiefes Leiden aus. Blutspuren von der Dornenkrone zeichnen sich auf seiner Stirn ab, während lange Blutstreifen seine Hüften und Knie hinunterfließen.
Jesu Haltung ist ungewöhnlich: Er ist nur an den Füßen befestigt, sodass sein Rücken nicht gerade gegen das Kreuz gelehnt ist. Seine Hände ruhen auf Bernhards Schultern und weisen die Wundmale der Kreuzigung auf. Beide Figuren blicken sich in die Augen.
Der Raum ist klein und wirkt beengt. Die linke Wand ist weiß und mit der Decke durch ein Gesims verbunden. Hinter den Figuren hängt ein grün gemusterter, drapierter Stoff. Der Boden besteht aus kleinen, polychromen Fliesen. Auf der rechten Seite öffnet sich eine große Biforienöffnung mit hoher Schwelle. Dahinter sind zwei Biforienfenster zu sehen, die eine andere Perspektive als der Boden aufweisen.
Ikonografie Der heilige Bernhard wurde in verschiedenen Bilderzyklen dargestellt, aber auch als Einzelszene in der „Umarmung Christi“, die als Amplexus Bernardi bekannt ist. Dieses Motiv verbreitete sich ab dem 15. Jahrhundert nördlich der Alpen. Die Darstellung basiert auf einer Überlieferung aus dem Exordium Magnum Cisterciense des Kirchenschriftstellers Konrad von Eberbach. Das Ereignis wird in Buch 2 beschrieben, das zwischen 1186 und 1193 verfasst wurde:
Diese Begebenheit wurde nicht von Bernhard von Clairvaux selbst überliefert, sondern in zweiter Hand weitergegeben. Die Vision hatte ursprünglich ein Mönch aus dem Kloster Mores, der sie seinem Abt erzählte. Dieser wiederum berichtete die Geschichte Konrad von Eberbach. Aufgrund der doppelten Überlieferung betont der Autor, dass dem Abt von Mores Glauben zu schenken sei. Dennoch erwähnt Jacobus de Voragine diese Geschichte nicht in seiner "Legenda aurea".
Die frühesten Darstellungen der Umarmung Christi durch den heiligen Bernhard finden sich in der Buchmalerei. Die Komposition folgt einem typischen Schema: Bernhard kniet links vor dem Kreuz. Das Bild gehört zu einem Typus, in dem der Gekreuzigte nur an den Füßen genagelt istLexikon der christlichen Ikonographie / Fünfter Band. Ikonographie der Heiligen: Aaron bis Crescentianus von Rom : Mit 239 Abbildungen. Hrsg.: Wolfgang Braunfels, Freiburg im Bresigau, 1995. Zur Zeit von Johann Koerbecke wurde diese Szene meist in einer Kapelle oder in der Natur angesiedelt, obwohl aus der Quelle hervorgeht, dass Bernhard in einer Kirche betete. Wie in den meisten Darstellungen dieses Sujets fehlt der Mönch, der die Vision erlebte.
Bernhard trägt ein Habit und einen Abtsstab. Sein Gewand weist einen auffälligen, großflächigen Faltenwurf auf, der an Werke des sogenannten Meisters von Schöppingen erinnert – vermutlich der Lehrer von Johann KoerbeckeTheodor Rensing: Der Meister von Schöppingen, München, 1959, S. 37. Auf dem Schriftband Bernhards steht: Gloria te Deum… mea, was übersetzt „Ehre sei Dir, Gott … mein“ bedeutet. Obwohl im Bericht die gekreuzigte Person nicht explizit benannt wird, wird in den Darstellungen stets Jesus Christus gezeigt. Über ihm schwebt ein weiteres Schriftband mit der Inschrift: In charitate perpetua dilexi te. Hiere. 31 – ein Zitat aus dem Buch Jeremia (Jer 31,3): „Mit ewiger Liebe habe ich dich geliebt“. Dieser Bibelvers steht jedoch nicht in direktem Zusammenhang mit der Amplexus-GeschichteFranz Posset: "Amplexus Bernardi. The dissemination of a cistercian motif in the later middle age" in Citeaux, 2003, t. 54, fasc, 3–4.
Im Gegensatz zu anderen Darstellungen der Umarmung Christi zeigt Koerbecke den Innenraum eines Klosters mit besonderer Klarheit. Das Ereignis soll sich im Kloster Mores zugetragen haben, doch es ist ungewiss, ob Koerbecke dieses Kloster je besuchte. Wahrscheinlicher ist, dass er ein Zimmer in einem westfälischen Kloster als Vorlage nahm. Es ist wenig wahrscheinlich, dass die Architektur reine Fantasie ist, da Koerbecke als realistischer Maler gilt.
Zeitgenössisch ist die mit grünem Stoff drapierte Wand – ein Motiv, das sich im 15. Jahrhundert häufiger findet, beispielsweise im Bild Erzengel Michael überwindet den Drachen von Josse Lieferinxe (zwischen 1493 und 1505). Der Boden der Kammer, in der sich Christus und Bernhard befinden, besteht aus weißen und bunten Fliesen mit komplexem geometrischem Muster. Ein solches Bodenmuster ist charakteristisch für die Werke des Meisters von Schöppingen und findet sich ebenso in den Arbeiten Koerbeckes und seines Kreises, zu dem auch der Meister der Iserlohner Marientafeln zählt.
Funktion Das Gemälde wurde vermutlich auf den linken Flügel eines Flügelaltars gemalt, der sich wahrscheinlich in einem Zisterzienserkloster befand – möglicherweise im Marienfelder Klöster. Die Vorderseite der Tafel zeigte ursprünglich die "Verkündigung der Geburt Christi". Im Jahr 1936 wurden die beiden Gemälde vom Kunsthändler Max Stern voneinander getrennt. Zum selben Altar gehörte auch die Darstellung der Anbetung des Kindes durch Maria und Joseph (Geburt Christi).
Zuschreibung Johannes Sommer ordnete das Gemälde in seiner Monografie über Johannes Koerbecke dessen Oeuvre zuJohannes Sommer: Johann Koerbecke — der Meister des Marienfelder Altares von 1457. Münster, 1937, S. 54. Alfred Stange bezeichnete es 1954 ebenfalls als ein Werk Koerbeckes,Alfred Stange: Deutsche Malerei der Gotik, Band VI. Nordwestdeutschland in der Zeit von 1450—1515. München - Berlin, 1954, S. 19, 21 änderte jedoch seine Einschätzung 1967 und schrieb es der Werkstatt oder einem Nachfolger zu.Alfred Stange: Kritisches Verzeichnis der deutschen Tafelbilder vor Dürer 1. Köln, Niederrhein, Westfalen, Hamburg, Lübeck und Niedersachsen. München, 1967, S. 154–155 Paul Pieper klassifizierte das Gemälde bereits 1966 als Produkt der Werkstatt. Kindlers Malerei-Lexikon : 1000 Malersignaturen, 1200 farbige Reproduktionen, 3000 schwarzweisse Reproduktionen ; in sechs Bänden 3. H - K. Hrsg. German Bazin. Zürich, 1966, S. 713 Im Katalog der Pinakotheken wird es weiterhin als ein Werk Koerbeckes geführt.Staatsgalerie Bamberg. Hrsg.: Gisela Goldberg, Rüdiger an der Heiden, München, 1986
Maltechnik Deutsche Maler im deutschsprachigen Raum orientierten sich stark an der Altniederländischen Malerei.Der Kunst-Brockhaus Teil: Bd. 1., A - K Verlag Wiesbaden : Brockhaus, 1983, S. 626 Die Maltechnik entsprach jener Zeit: Die Tafeln wurden auf Holzbretter mit Ölfarben gemalt. Koerbecke vermied den Einsatz leuchtender Farben, stattdessen dominieren dunkle Töne. Häufig verwendete Farben sind Grau, Braun, Gelb und Weiß. Nimbus und Krummstab wurden mit goldener Farbe hervorgehoben.
Das Gemälde enthält mehrere Fluchtpunkte im Hauptraum. Eine völlig andere Perspektive zeigt sich im angrenzenden Raum; möglicherweise ein Hinweis darauf, dass der Maler bewusst mit Perspektiven spielt.
Schatten sind kaum entwickelt: Die Figuren werfen keine Schatten. Lediglich die grüne Wand im Hintergrund zeigt leichte Schattenverläufe. Die Innenflächen der Türöffnungen und Wände verdeutlichen den Lichteinfall: Der Raum mit dem Kruzifix wird durch einen angrenzenden Bereich (vermutlich den Kreuzgang) im nordöstlichen Teil des Bildes beleuchtet.
Erhaltungszustand Die Malfläche ist 91 × 75,8 cm und besteht aus einer senkrechten Brettfolge. Die Tafel wurde nach der Trennung von Vordermann- und Rückseite auf Millimeterstärke abgehobelt und auf eine Sperrholzplatte aufgezogen, deren Rückseite mit Eichenfurnier versehen ist. Oben, rechts und unten an den Rändern der originalen Malfläche ist ein bis zu 0,8 cm breiter Kittstreifen angefügt. Links sind Reste des alten Grundiergrates erhalten, ein Falzrand ist nicht vorhanden. Die originale Malschicht ist nicht überall gut erhalten, insbesondere im Bereich der Figurengruppe gibt es Schäden. Erneuert wurde außer einigen in der Anlage noch erkennbaren Details das Gesicht des hl. Bernhard. Auf den Spruchbändern liegen zwei Schichten, wobei die obere zu einem nicht unwesentlich späteren Zeitpunkt entstanden sein könnte.Altdeutsche Gemälde: Köln und Nordwestdeutschland ; vollständiger Katalog. Bearb.: Gisela Goldberg, Gisela Schleifer. München, 1972, S. 181 Das Muschelgold des Nimbus ist nur teilweise erhalten.
Provenienz Entstehung zwischen 1450 und 1475 von 1450–1475 bis mindestens 1784 — Verbleib unbekannt von ? bis 1862 — Alexander Haindorf (1784–1862), Haus Caldenhof, Hamm vermutlich von 1862 bis ? — Sophie Loeb, geb. Haindorf, Hamm, erworben im Erbgang von 1893 bis 1919–1934, Sammlung Loeb Caldenhof, Fideikommiss, Hamm von frühestens 1919 bis spätestens 1934 – 19.10.1936, Helene Sophie Victoria Hermine (genannt Ellen) Funke, geb. Heintzmann (1869–1947), Hamm, erworben im Erbgang ab dem 09.11.1936 — Galerie Stern, Düsseldorf, erworben von Ellen Funke, dann Galerie Hans Bammann, Düsseldorf von spätestens 1937 bis 10.11.1938 — Kunsthandel P. de Boer, Amsterdam seit 10.11.1938 — Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München, erworben im Tausch von de Boer (Ministerielle Entschließung Nr. VII 64131); das Bild war zuerst in der Alten Pinakothek in München ausgestellt, wurde dann aber an die Staatsgalerie in der Neuen Rezidenz in Bamberg abgegeben im Oktober 2025 an die Rechteinhaber restituiert
Anmerkungen und Einzelnachweise
Literatur
P. Tiburtius Hümpfner: Ikonografie des heiligen Bernhard von Clairvaux, Augsburg, 1927 Johannes Sommer: Johann Koerbecke — der Meister des Marienfelder Altares von 1457. Münster in Westfalen, Druck der Westfälischen Vereinsdruckerei A. G., 1937 Ausst.-Kat: Westfälische Maler der Spätgotik 1440–1490. Münster, 20. Juni–30. September 1952 Wagner, Georg: Volksfromme Kreuzverehrung in Westfalen : von den Anfängen bis zum Bruch der mittelalterlichen Glaubenseinheit. Münster, 1960 Altdeutsche Gemälde : Köln und Nordwestdeutschland ; vollständiger Katalog. Bearb.: Gisela Goldberg, Gisela Schleifer. München, 1972 Staatsgalerie Bamberg. Hrsg.: Gisela Goldberg, Rüdiger an der Heiden, München, 1986 Exordium magnum Cisterciense oder Bericht vom Anfang des Zisterzienserordens 1. Hrsg.: Abt Konrad Eberbach, Heinz Piesik, Bücher I - III, Langwaden, 2000