mini|Der Boulevard Haussmann mini|Napoleon III. überreicht Baron Haussmann das Dekret über die Eingemeindung der Vororte Auteuil, Passy, Batignolles, Montmartre, La Chapelle, La Villette, Belleville, Charonne, Bercy, Vaugirard, et Grenelle. Gemälde von Adolphe Yvon (1860) Die Umgestaltung von Paris während des Zweiten Kaiserreichs oder travaux haussmanniens sind großflächige Bau- und Modernisierungsarbeiten im Paris des Zweiten Kaiserreichs von 1853 bis 1870. Sie geschahen auf Wunsch Napoleon III. und unter der Ägide des Präfekten des Seine-Departements, Georges-Eugène Haussmann.

Das Projekt erstreckte sich auf alle Gebiete des Städtebaus und der Stadtentwicklung, im Herzen von Paris ebenso wie in den äußeren Vierteln: Straßen, Boulevards und Avenues, Regulierung der Hausfassaden, Grünflächen, Stadtmöbel, Kanalisation und Wasserversorgungsnetz, öffentliche Denkmäler, Stadtgrenzen einschließlich der Eingemeindung der Vororte mit dem Effekt der Vergrößerung von Paris von 12 auf 20 Arrondissements. Die Arbeiten führten zu einer erheblichen Veränderung der Stadt Paris.

Heftig kritisiert von einigen Zeitgenossen wegen der immensen Kosten und der Veränderungen im sozialen Gefüge (aus der Sicht der einen zu stark, aus der der anderen zu gering), im 20. Jahrhundert zum Teil in Vergessenheit geraten, durch die städtebaulichen Maßnahmen der Nachkriegszeit aber wieder in ein positiveres Licht gerückt, prägt das Werk das Leben der Einwohner nachhaltig. Es legte den Grundstein für das Bild der französischen Hauptstadt in der Welt, indem es das mittelalterliche Paris mit seinen pittoresken Gassen überformte und in ein modernes Paris mit breiten Boulevards und offenen Plätzen transformierte.

1853: Der Kaiser als Modernisierer mini|Die Ile de la Cité im mittelalterlichen Stadtgeflecht vor den Arbeiten Haussmanns (Plan von Vaugondy von 1771) mini|Die von den Arbeiten Haussmanns umgeformte Ile de la Cité: neue Transversalen (rot), öffentliche Plätze (hellblau) und Gebäude (dunkelblau) Mitte des 19. Jahrhunderts war Paris entgegen verbreiteter Vorstellungen bereits keine mittelalterliche Stadt mehr. Es hatte sich stetig verändert, allerdings führte das Bevölkerungswachstum des 18. und frühen 19. Jahrhunderts zu einer bedeutenden Verdichtung der Viertel im Zentrum, also innerhalb der – zuletzt unter Ludwig XIII. veränderten – Stadtmauer Karls V. In den Häusern lebte eine immer zahlreichere arme Bevölkerung in schlechten hygienischen Verhältnissen. Nach den Vorstellungen der Epoche verhinderten die Enge der Straßen und die Höhe der Häuser eine ausreichende Luftzirkulation und führten zur Ausbreitung von Miasmen. Die wohlhabenderen Bevölkerungsschichten versuchten zunehmend diese Viertel zu verlassen und sich in den Vororten im Norden und Westen anzusiedeln. Diesen politisch gefährlichen Prozess der Verarmung sollten die großen Arbeiten des 19. Jahrhunderts aufhalten.

Frühere Modernisierungsbestrebungen Bereits 1608 hatte Heinrich IV. vom Pont Neuf zum Tor von Buci in der Stadtmauer von Philippe-Auguste eine Trasse schaffen lassen sowie im Vorort Saint-Germain die Rue Dauphine. Wenngleich nicht in allen Teilen öffentlich, war die Rue Dauphine die erste gerade und moderne Straße in Paris.

Im 17. Jahrhundert ließ der König in der Peripherie der Stadt Avenuen anlegen, von denen allerdings nur die 1689 eröffnete Rue du Roule, die den Pont Neuf mit den Markthallen verbindet, einen wirklichen städtebaulichen Durchbruch darstellt. Bereits zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurden solche städtebaulichen Durchbrüche im Zentrum von Paris als Notwendigkeit angesehen, ebenso die Befestigung der Seine-Ufer, der Abriss der Häuser auf den Brücken zur Verbesserung des Verkehrsflusses, der Hygiene und der Kontrolle des öffentlichen Raumes. Während der Französischen Revolution erstellte die „Commission des artistes“ eine Karte, die weitere städtebauliche Durchbrüche vorschlug. Eine Straße sollte in gerader Linie die Place de la Nation mit dem Louvre verbinden. Sie nahm die spätere Ost-West-Achse vorweg und zeigt ein Bestreben, die öffentlichen Bauwerke stärker hervorzuheben.

Auf verstaatlichtem Kirchengrund ließ Napoleon entlang der Tuilerien den Bau einer Prachtstraße beginnen, 1807 wurden die ersten Arkaden der Rue de Rivoli errichtet, deren Verlängerung bis zum Hôtel-de-Ville in der Zeit der Zweiten Republik voranschritt und am Beginn des Zweiten Kaiserreichs vollendet wurde. Diese Achse, der zahlreiche Häuser geopfert wurden, war für den Verkehr eine effizientere Verbesserung, als es die des Plans der Commission des Artistes hätte sein können. Für ihre Schaffung griff man auf ein altes rechtliches Instrument zurück, die servitude d’alignement, die Eigentümer von verfallenen Häusern dazu verpflichtete, Neubauten auf die behördlich festgelegte Fluchtlinie zurückzusetzen, was jedoch ein sehr langsam wirkendes Instrument zur Verbreiterung des öffentlichen Straßenraums war.

Ebenfalls 1807 ordnete Napoleon den Durchbruch der Rue d’Ulm an, die von der Kirche Sainte-Geneviève (heute das Pantheon) zur Rue des Feuillantines hinter dem Krankenhaus Val-de-Grâce führt. Es ist das erste Straßenprojekt, für das Enteignungen durchgeführt wurden.

Im Lauf des Jahres 1830 konstatierte der Präfekt Rambuteau hinsichtlich der Schwierigkeiten bei Verkehr und Hygiene in den überbevölkerten alten Stadtvierteln, man müsse den Parisern Wasser, Luft und Schatten geben. 1836 wurde die später nach ihm benannte Straße im Zentrum von Paris zwischen der Rue des Francs-Bourgeois und der Kirche Saint-Eustache durchgebrochen. Die Revolten der Pariser Bevölkerung beunruhigten die selbst aus der Julirevolution hervorgegangene Regierung, sodass Rambuteau ein städtebauliches Projekt umsetzte, das zahlreiche Abrisse mit sich brachte: die Vergrößerung des freien Bereichs rund um das Hôtel-de-Ville. Die Möglichkeiten der Verwaltung blieben durch die Enteignungsregeln jedoch beschränkt. Das Gesetz vom 3. Mai 1841 modifizierte sie etwas, verteidigte aber weiter die Rechte der Eigentümer, die weiterhin großzügig entschädigt wurden.

Zu Beginn des Zweiten Kaiserreichs wurden neue Regeln eingeführt, die zusammen mit dem Enteignungsgesetz von 1841 die Basis für die städtebaulichen Projekte des neuen Seine-Präfekten bildeten. 1834 hatte der Sozialreformer Victor Considérant geschrieben, Paris sei eine immense Verwesungswerkstatt, wo Armut, Pest und Krankheiten zusammenwirkten und wo kaum Luft und Sonne hereinkäme. Paris sei ein schlechter Ort, wo die Pflanzen stürben und von sieben Kindern sechs im Lauf ihres ersten Lebensjahres. Die Bevölkerungsdichte war extrem. 1840 beschrieb ein Arzt ein Wohnhaus auf der Ile de la Cité, wo in einem Zimmer von 5 Quadratmetern 23 Personen, Erwachsene und Kinder, hausten. Unter diesen Bedingungen breiteten sich Krankheiten schnell aus. Zwei Choleraepidemien suchten die Stadt 1832 und 1848 heim.

Louis-Napoléon Bonaparte Nachdem er bereits seit 1848 Präsident der Republik war, wurde Napoleons Neffe Louis-Napoleon Bonaparte am 2. Dezember 1852 infolge des Staatsstreichs des Vorjahrs als Napoleon III. Kaiser. Die Modernisierung von Paris war ihm ein zentrales Anliegen.

Von 1846 bis 1848 hatte er in London gelebt, dort eine Hauptstadt mit großen Parks erlebt und ein von der Industriellen Revolution geprägtes Land. Er griff die Ideen Rambuteaus auf. Der sozialen Frage stand er aufgeschlossen gegenüber und wollte die Wohnbedingungen der armen Bevölkerungsschichten verbessern. Vor den Eingemeindungen hatte Paris 1860 eine mittlere Bevölkerungsdichte von 36.400 Einwohnern pro Quadratkilometer erreicht, während die Bevölkerungsdichte des Viertels Les Halles bereits zehn Jahre zuvor an die 100.000 Einwohner pro Quadratkilometer heranreichte. Louis-Napoléon initiierte 1851 den Bau der ersten 86 Sozialwohnungen von Paris im Viertel Rochechouart. mini|Le Marais (Hôtel de Sens), eines der wenigen von den Umbauarbeiten Haussmanns beinahe vollständig unberührten Viertel Für seine städtebaulichen Ziele stand dem neuen Kaiser eine größere Durchsetzungsmacht zur Verfügung als seinen Vorgängern. Den Architekten für seine Pläne fand er in Georges Eugène Haussmann, den er im Juni 1853 zum Seine-Präfekten ernannte, um die Stadt zu belüften, zu vereinheitlichen und zu verschönern.

Die beiden Männer bildeten ein effizientes Tandem. Der Kaiser unterstützte Haussmann gegen seine Gegner bis 1870. Haussmann hingegen legte eine unbedingte Loyalität an den Tag, trieb dabei aber auch seine eigenen Ideen wie den Boulevard Saint-Germain voran.

Am städtebaulichen Umbau von Paris war neben Haussmann eine ganze Reihe von Akteuren beteiligt. Innenminister Victor de Persigny hatte Napoleon III. auf Haussmann aufmerksam gemacht und bewerkstelligte gemeinsam mit den Gebrüdern Pereire die Finanzierung des Projekts. Der Ingenieur Adolphe Alphand war mit dem Gartenkünstler Jean-Pierre Barillet-Deschamps der planende Kopf für die Parks und Pflanzungen. Eine zentrale Rolle bei der Planung spielte außerdem die Kartierung der Stadt, die von dem Architekten Deschamps geleitet wurde. Für die Einhaltung des Bebauungsplans spiele die Geometrie eine wichtigere Rolle als die Architektur im engeren Sinne, notierte Haussmann. Weitere beteiligte Architekten waren Victor Baltard bei den Markthallen, Théodore Ballu bei der Kirche Sainte-Trinité, Gabriel Davioud bei den Theatern am Platz von Châtelet, Jakob Ignaz Hittorff beim Nordbahnhof (Gare du Nord) und bei der Place de l’Étoile. mini|Place Saint-Georges Napoleon III. setzte bei seinem Modernisierungsprojekt auf freiwillige private Investitionen, die die Gesellschaft verändern und die Armut mit abbauen sollten. Von der autoritär regierenden Staatsmacht wurden die Wohlhabenden zur kreditgestützten Finanzierung von Projekten animiert, von denen am Ende alle profitieren sollten. Dreh- und Angelpunkt war dabei das Bankenwesen, das sich in der Konsequenz stark entwickelte.

Das Haussmann’sche System Zunächst enteignete der Staat die Eigentümer der für die geplanten städtebaulichen Maßnahmen benötigten Grundstücke, riss hinderliche Gebäude ab und stellte neue Straßenachsen mit der kompletten Infrastruktur (Wasser, Gas, Kanalisation) her. Anders als Rambuteau nutzte Haussmann dabei massiv Kredite; er setzte 50 bis 80 Millionen Francs pro Jahr ein. Ab 1858 war die Caisse des travaux de Paris die wichtigste Finanzierungsinstitution des Projekts. Seine Kreditaufnahme refinanzierte der Staat so weit wie möglich durch den Verkauf von Parzellen an Investoren, die zum Bau neuer Wohnhäuser nach den Vorschriften des Bebauungsplans verpflichtet wurden. Durch die so ermöglichten Kreditaufnahmen stand für das Transformationsprojekt ein jährliches Budget zur Verfügung, das doppelt so groß war wie der städtische Haushalt von Paris.

Allerdings überstieg die Kreditaufnahme zunehmend die Refinanzierung. Die Caisse des travaux de Paris häufte bis 1870 Schulden in Höhe von 1,5 Milliarden Francs an und trug dazu bei, die Transformation zu diskreditieren. Jules Ferry wetterte 1867 gegen den Schuldenanstieg in einem Pamphlet: Les comptes fantastiques d'Haussmann. mini|Der Boulevard de Sébastopol (eröffnet 1858) Bei seinen Arbeiten konnte sich Haussmann auf einen Regulierungsrahmen stützen, der die Gleichförmigkeit der neuen städtebaulichen Achsen sichern sollte.

Mit dem Dekret über die Straßen von Paris vom 26. März 1852, das bereits ein Jahr vor der Ernennung Haussmanns erlassen worden war, waren die wesentlichen juristischen Instrumente hierfür geschaffen worden.

Verlauf der Arbeiten mini|Die im Zweiten Kaiserreich und zu Beginn der Dritten Republik geschaffenen oder transformierten Hauptachsen mini|Die alten Arrondissements und die neue Stadtgrenze von Paris 1860.