mini|Die Familie Bertoni, Arnaldo steht hinter dem sitzenden Vater mini|Eintrag seines Todes Friedhof La Recoleta Arnaldo de Winkelried Bertoni (geboren als Arnaldo da Winkelried Bertoni oder Arnoldo de Winkelried Bertoni; * 28. Dezember 1878 in Lottigna; † 1. Juli 1977 in Asunción) war ein schweizerisch-paraguayischer Naturforscher und Zoologe, der die meiste Zeit seines Lebens in Paraguay verbrachte.
Leben und Wirken Arnaldo de Winkelried Bertoni war der zweite Sohn des Schweizer Naturforschers Mosè Bertoni (1857–1929) und seiner Frau Eugenia Rossetti (1856–1929), die beide aus alteingesessenen Lottigna Familien stammten. Seine Geschwister waren Reto Divicone Bertoni (1877–1968), Vera Zassoulich Jiménez (1880–1966) geb. Bertoni, Sofia Perovskaja Mereles (1881–1974) geb. Bertoni, Ines Bertoni (1883–1886), Misiones Schrottky (1884–1969), geb. Bertoni, Moisés Santiago Bertoni (1887–1967), Guillermo Tell Bertoni (1889–1963), Aurora Eugenia Flores (1891–1983), geb. Bertoni, Walter Fürst Bertoni (1893–1971), Werner Stauffacher Bertoni (1895–1988), Carlos Linneo Bertoni (1898–1915) und Aristóteles Eugenio Bertoni (1900–1990). Sein Vater galt als sehr eigenwilliges und dominierendes Familienoberhaupt. Sein Erziehungsstil hatte wohl einen starken Einfluss auf die psychische Entwicklung alle Familienmitglieder, aber insbesondere auf den sensiblen Arnaldo de Winkelried.Julio Rafael Contreras Roqué (2019), S. 11.
Bereits als Kind zog Arnaldo mit seinen Eltern nach Südamerika. Zunächst ließ sich die Familie am Río Yabebyry in der argentinischen Provinz Misiones in der Nähe der alten Jesuitenmission Santa Ana nieder. Es war der Ort, an dem Aimé Bonpland ein halbes Jahrhundert zuvor sein Kolonisierungsprojekt begann. Die Familie Bertoni erreichten diesen Ort im Jahr 1884. Schließlich musste die Familie den örtlichen Gefahren entfliehen und flüchtete nach Paraguay. Über die Kindheit von Arnaldo ist wenig bekannt, doch war sie mit den gegebenen Rahmenbedingungen, mit dem strengen Vater, den ärmlichen Verhältnisse und fast ohne Freunde sicher nicht einfach für ein Kind. Schon früh zeichnete sich ab, dass sein Vater in Arnaldo sein intellektuelles Erbe aus dem Kreise der Familie betrachtete.Julio Rafael Contreras Roqué (2019), S. 12. So genoss er während seiner Kindheit zwar die bevorzugte Aufmerksamkeit seines Vaters, war aber starken Druck durch familiären Verpflichtungen und Sanktionen einer ausgeprägten calvinistischen Erziehung ausgesetzt. So wuchs Arnaldo überwiegend im familiären Umfeld auf und entwickelte hier früh eine Neigung für zoologischen Studien. Bald übertraf er seinen Vater in wissenschaftlicher Methodik und Didaktik. Zwar fehlte ihm das enzyklopädische Wissen und die produktive Intensität des Vaters, doch distanzierte er sich von den romantischen Fantasien des patriarchischen Familienoberhauptes. Die Zeit um den Beginn des Ersten Weltkriegs bis zum Tod seines Vaters im Jahr 1929 waren seine produktivsten wissenschaftlichen Forschungsarbeiten. Danach scheint die Zeit der wissenschaftlichen Publikationen ein abruptes Ende gefunden zu haben.Julio Rafael Contreras Roqué (2019), S. 13.
Bertonis Forschung kann sicher nicht als revolutionär betrachtet werden, denn man findet in seinen Werken keine Hinweise auf Evolution und Darwinismus. So geht er neben rein taxonomischen Fragen höchstens noch auf Gewohnheiten und Verhaltensunterschiede einzelner Arten im Sinne eines transormistischen Lamarckismus ein. In seinen wenigen Werken mit paläontologischem Bezug wirkt der Text reduziert informativ, ohne evolutionäre oder theoretische Spekulationen zu spinnen. In der Bibliothek der Familie, die Andrés Barbero (1877–1951) aufkaufte und sich heute im Museo Etnografico Andres Barbero befindet, findet man noch oft handschriftliche Notizen von Mosè und Arnaldo de Winkelried Bertoni.Julio Rafael Contreras Roqué (2019), S. 15. Arnaldo de Winkelried verfolgte nie das Ziel eine neue wissenschaftliche Theorie zu entwickeln. Seine Texte wirken nüchtern und telegraphisch. Doch insbesondere seine entomologischen Publikationen zeugen von einer klaren Vorstellung über die Hierarchie von Klassifikationsmerkmalen. Seine Revisionen der Gattungen und Arten verfolgte ein klares Konzept basierend auf morphologischen Merkmalen. Zwar wurde Arnaldo stark vom tolstojanischen pantheistischen Weltbild seines Vaters geprägt, doch entwickelte er in seiner Zeit in Asuncion einen agnostische Skeptizismus in seiner Sicht auf die Welt und das Leben.Julio Rafael Contreras Roqué (2019), S. 16.
Als er 1919 in Begleitung des Arztes Luis Enrique Migone Mieres (1876–1954) und später mit Andrés José Camilo Barbero Crosa (1877–1951) den Norden Paraguays bereiste, widmete er sich vor allem der Sammlung von Hautflüglern. Hier widmete er sich dem Studium ihrer Biologie und ihrer Lebensgewohnheiten und versuchte Gründe für ihre Verbreitung und ihr lokales Vorkommen sowie ihre Seltenheit in den verschiedenen besuchten Gebieten Paraguays zu erkunden.Julio Rafael Contreras Roqué (2019), S. 17.
Auch wenn der Vater stets versuchte seinen Kindern das Erlernen der Guaraní-Sprache als Alltagssprache zu verwehren, erlernte er selbst bedingt durch das Umfeld mit paraguayischen Arbeitern und der indigenen Bevölkerung deren Sprache. Allerdings beherrschte er die Sprache eher schlecht. Trotz allem versuchte Moises die Etymologie der Worte zu interpretieren und deren kulturellen Aspekte zu erfassen.
Das Gefühl für die Guarani-Sprache sprang zumindest auf seine Söhne Arnaldo und Guillermo Tell über. Arnaldos „linguistische Zuneigung“ für die indigene Sprache Paraguays und seine Freude an den Erläuterungen im Guarani-Lexikon mit Bezeichnung von Pflanzen und Tieren sind in seinen gesamten Werken zu erkennen. Gemeinsam mit Tomás Osuna (1882–1941), Ramón Indalecio Cardozo (1876–1943), Leopoldo A. Benítez (1880–1971), seinem Bruder Guillermo Tell Bertoni, Venancio B. Galeano (1884–1942), Cipriano Eduardo Codas Del Castillo (1892–1976) und Juan Francisco Recalde (1885–1947) nahm Arnaldo 1922 an der Gründung der Gesellschaft für Guaraní-Kultur teil. Dieses war der Vorläufer der späteren Academia de la Lengua y la Cultura Guaraní.Julio Rafael Contreras Roqué (2019), S. 22. In der Academia de la Lengua y Cultura Guaraní wurde er in den Vorstand gewählt, obwohl er nicht als Gründungsmitglied aufgeführt wurde. Er erhielt den sechsten Rang als ordentlichen Akademikern, zusammen mit vielen der prominentesten Persönlichkeiten der paraguayischen Kultur, die mit ursprünglich bis 1976 mit 76 Sitze besetzt war. Obwohl er gebürtiger Schweizer war, verhielt er sich nie wie ein Fremder. Bertoni fühlte sich als Paraguayer. Ihre Liebe zur Guarani-Sprache zeigt in jeglicher Haltung, die die Brüder Bertoni gegenüber der nationalen Kultur einnahmen.
Arnaldo de Winkelried setze sich früh mit dem Studium der paraguayischen Fauna auseinander. Es waren insbesondere die Vögel, aber auch der Säugetiere und der Insekten mit dem Schwerpunkt Hymenoptera (Bienen und Wespen), die sein Interesse in der Forschung fanden. Auch die paläontologischen Erkundung spielten eine wichtige Rolle in der bis dahin spärlichen paraguayischen Bibliographie zu diesem Thema. Einige bezeichnen Bertoni als Ornithologen, andere als Entomologen. In der Realität begann er in der Vogelkunde. Sein umfangreichstes Werk über die Vögel Paraguays Aves nuevas del Paraguay. Continuación á Azara aus dem Jahr 1901 enthielt aber nur wenige neue Gattungen und Arten, dafür aber jede Menge Synonyme. Dies mag der Grund gewesen sein, warum er nach dem Erscheinen des Werkes nur noch wenige Notizen zu diesem Thema veröffentlichte. Vermutlich war es sein autoritärer Vater, der ihn zu seinen ornithologischen Studien antrieb. Bereits im Jahr 1905 beschäftigte er sich mit entomologischen Studien, die er während seines gesamten aktiven Lebens, d. h. bis in die 1930er Jahre, fortsetzte. Hier entwickelte er sich zum ersten ernst zu nehmenden Entomologen Paraguays. Zusammen mit Curt Schrottky (1874–1937), der 1905 in Paraguay auftauchte und der später seine Schwester Inès (so nannte sich Misiones Bertoni nach dem frühen Tod ihrer Schwester) heiratete, publizierte er 1909 einen ersten Artikel über die Nestanlage der Blauen Holzbiene (Xylocopa violacea (, 1789)).Julio Rafael Contreras Roqué (2019), S. 18.
Schrottky und Arnaldo schienen sich gut zu verstehen und arbeiten gemeinsam an verschiedenen Publikationen. Auch die gegenseitigen Widmungen in Arten und Danksagungen für die Leihgabe von Studienexemplaren weisen auf ein gutes Verhältnis der beiden hin. In dieser Zeit schmiedete Bertoni viele neue Freundschaften mit anderen Wissenschaftlern. So hatte er einen freundschaftlichen Austausch mit Eugenio Giacomelli (1876–1941) aus La Rioja, dem Lehrer Joseph Hubrich (ca. 1879–1939) in Rosario, mit Jean Brèthes (1871–1928) und Adolpho Ducke (1876–1959) vom Museu Paraense Emílio Goeldi sowie mit Franz Karl Bruch (1869–1943) in Buenos Aires. Hier durch erhielt er erstmals Beiträge und Bücher aus Europa, den Vereinigten Staaten, Brasilien, Argentinien und Chile. In jenen Jahren korrespondierte er aktiv mit seinen Kollegen und produzierte in einem für einen Wissenschaftler wie ihn ungewöhnlichen Tempo, ohne dass ein institutioneller Unterstützungsapparat dahinter stand.Julio Rafael Contreras Roqué (2019), S. 19.
1905 unternahm der junge Arnaldo de Winkelried eine Reise nach Argentinien und besuchte die Museen von Buenos Aires und La Plata. Im La-Plata-Museum entdeckte er Exponate die aus den Sammlungen der Bertonis stammten und die vermutlich durch Francisco Pascasio Moreno (1852–1919) falsch gelabelt wurden. Im Mai 1920, kurz nach der Rückkehr von einer Expedition in den Norden Paraguays, reiste Arnaldo de Winkelried nach Buenos Aires, wo er die ornithologischen Sammlungen des Museo Argentino de Ciencias Naturales Bernardino Rivadavia begutachtete. Dort lernte er Roberto Dabbene (1864–1938) kennen, der 1920Roberto Dabbene (1920), S. 56. Bertonis Beobachtung bestätigte, dass es sich bei Félix de Azaras beschrieben Art Canindé in Wahrheit um einen Gelbbrustara handelte.Julio Rafael Contreras Roqué (2019), S. 20.
Er stand bis in der ersten Hälfte der 1940er Jahre in brieflicher Korrespondenz mit Max Birabén (1893–1977), dem er immer wieder versicherte, dass er gedenke einen endgültigen Katalog der Fauna Paraguays zu veröffentlichen. Es war ein Traum, den er nie verwirklichen konnte. Der Catálogos sistemáticos de los vertebrados del Paraguay aus dem Jahr 1939 wurde nur eine wenig aktualisierte Version der Fauna paraguaya. Catálogos sistemáticos de los vertebrados del Paraguay : peces, batracios, reptiles, aves, y mamíferos conocidos hasta 1913 in Descripcion fisica y economica del Paraguay aus dem Jahre 1913.Julio Rafael Contreras Roqué (2019), S. 21.
Mit seiner Publikation Sobre útiles de la Edad de Piedra y de los Guayakí actuales aus dem Jahr 1929 zeigte er anhand von Steinäxten die mögliche Existenz einer Guayaquí-Kultur, die in die bis ins Jungpaläolithikum hineinreichen dürfte. Im Museo Etnológico y Arqueológico in Asuncion finden sich noch heute Sammelobjekte von Bertoni. Im Laufe seines Lebens spielte Bertoni eine wichtige Rolle in der Sociedad Científica del Paraguay. So war er in einigen Kommissionen beteiligt und publizierte in deren Organ Anales de la Sociedad Científica del Paraguay.