Das Witwenhaus der Oberhofmeisterin Freifrau Maria Barbara von Neuhaus befindet sich im Entengraben 30 in Oettingen in Bayern, einer Stadt im schwäbischen Landkreis Donau-Ries von Bayern. Das Bauwerk ist beim Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege in der Liste der Baudenkmäler in Oettingen in Bayern als Baudenkmal unter der Nr. D-7-79-197-13 eingetragen.

Allgemeines über Witwenhäuser Witwenhäuser oder Witwenstifte waren spezielle Wohnhäuser oder Einrichtungen für hinterbliebene Ehefrauen von Geistlichen, Adeligen oder Mitgliedern städtischer Zünfte. Finanziert wurden sie häufig von Kirchen oder wohlhabenden Stiftern, die der pietistischen Lehre zugeneigt waren.Markus Schäfer / Dr. Thomas Freller: Das Oettinger Witwenhaus der Maria Barbara von Neuhaus - Eine Darstellung im Kontext des konfessionellen und sozialen Milieus einer Residenzstadt, S. 65 Entstanden sind sie vor allem für Frauen ohne eigene Versorgung, deren Anspruch auf Amts- oder Dienstwohnungen mit dem Tod des Ehemannes erlosch. Die Häuser dienten der sozialen Absicherung, da nicht alle Witwen aus ehemals gehobenen Verhältnissen über eigene Einkünfte verfügten. Die ständische Heiratspraxis jener Zeit führte zudem oft dazu, dass Frauen an den Wohnort des Ehemannes zogen und damit ihr familiäres Umfeld und ihr soziales Netz verließen. Starb der Mann, befanden sich viele in einer isolierten und prekären Lage, besonders wenn Morgengabe oder Widerlage nicht ausreichten. Verstärkt wurde diese Situation durch die im Adel geltende Primogenitur, die bis ins frühe 19. Jahrhundert den ältesten Sohn in der Erbfolge vor der Witwe berücksichtigte.Markus Schäfer / Dr. Thomas Freller: Das Oettinger Witwenhaus der Maria Barbara von Neuhaus - Eine Darstellung im Kontext des konfessionellen und sozialen Milieus einer Residenzstadt, S. 59

Witwenhäuser dienten als Schutznetz und boten diesen Frauen eine Möglichkeit, ihren Lebensabend in Würde zu verbringen. Diese Situation war gewissermaßen ein Problem der oberen sozialen Schichten. Umzüge in andere Regionen (Freizügigkeit) waren den unteren sozialen Schichten schon bedingt durch die Leibeigenschaft nur in Ausnahmefällen möglich und daher nicht verbreitet. Die Frauen verblieben daher meist ein Leben lang im Herrschaftsbereich ihres Leibherren und somit auch in ihrem familiären und dorfgemeinschaftlichen Umfeld. Für Witwen aus niedrigeren Ständen gab es im 17. und 18. Jahrhundert in der Regel keine institutionalisierten Einrichtungen wie Witwenhäuser oder Stifte, wie sie in städtischen oder adeligen Kreisen verbreitet waren. Stattdessen spielte dort die Familie und die Dorfgemeinschaft eine zentrale Rolle bei der Versorgung und Unterstützung von Witwen.

Obwohl der Pietismus in seiner Lehre eine gewisse Gleichheit aller Menschen betonte, hielt er in der Praxis häufig an der ständischen Ordnung fest. Soziale Hierarchien wurden selten infrage gestellt, und Einrichtungen wie Witwenhäuser blieben speziell in der Frühzeit ihrer Entstehung ständisch organisiert. Der Pietismus führte also nicht zu einer Aufhebung der Ständeordnung, sondern zu einer religiös-moralischen Durchdringung der bestehenden sozialen Strukturen. Das Prinzip „alle Menschen sind gleich vor Gott“ wurde im Pietismus oft durch den Zusatz „aber manche sind gleicher“ relativiert. Die soziale Unterscheidung nach Ständen begann sich erst ab der Mitte des 18. Jahrhunderts mit der Aufklärung allmählich aufzuweichen, wurde durch die Französische Revolution und die Industrialisierung weiter aufgelöst und verschwand rechtlich endgültig erst im frühen 20. Jahrhundert. Die Gründerin der Witwenhäuser in Oettingen und Ansbach, Maria Barbara von Neuhaus, erlebte diese Veränderungen nicht mehr. Sie verstarb 1733. Ihr Grab befindet sich in der Kirche von St. Gumpertus in Ansbach. Freller, S. 265

Geschichte mini|Der breite und der schmale Weg Verbildlichung des Pietismus nach Charlotte Reihlen Am 8. Juni 1712 wurde in OettingenGeorg Jakob Schäblen: Oettingischer Geschichts-Almanach, Verlag einer kleinen Armencasse, Jan 1783, S. 121 im Entengraben 30 ein Witwenhaus fertiggestellt, das als eines der ersten seiner Art in Deutschland gilt. Die Gründerin, Maria Barbara von Neuhaus, war stark von den pietistischen Ideen Philipp Jakob Speners inspiriert, einem Schüler des im nahe gelegenen Cronheim geborenen Pfarrsohn und Gelehrten Johann Heinrich Boeckler. Diese Ideen setzte sie bereits zu ihrer Zeit am Hof von Nassau-Idstein (1696/97 bis 1701/02) in einer Stipendien-, einer Armen- und bereits auch dort in einer Witwenstiftung um. Spener und das Haus Nassau-Idstein standen während seines Aufenthalts in Frankfurt am Main nachweislich in Kontakt.Philipp Jakob Spener: Briefe aus der Frankfurter Zeit 1666-1686: 1675-1676, 1996, ISBN 3-16-146594-6, Briefe Nr. 23, 124, 125 & 126 Ihre enge Beziehung zu August Hermann Francke, einem Schüler Speners, dessen Witwenhaus in Halle 1706/07Die Stiftungen August Hermann Franckes in Halle, Festschrift zur zweiten Säcularfeier seines Geburtstages, Halle 1863, S. 288 Digitalisat gegründet wurde, verstärkte ihre Überzeugungen und könnte ebenfalls als Inspiration gedient haben um in Oettingen ein Witwenhaus zu errichten.

Das Anwesen umfasste sieben Kleinstwohnungen, von denen jede über eine eigene Stube, eine Kammer und einen Gartenanteil verfügte. Aufgrund von Feuchtigkeitsproblemen konnten die Wohnungen jedoch erst 1713 bezogen werden. Das Vorhaben wurde vollständig von Maria Barbara von Neuhaus finanziert.

mini|Gedenktafel an die Stifterin des Oettinger Witwenhaus Maria Barbara von Neuhaus

Dazu stattete sie die Stiftung mit einem Grundkapital von 2000 Rheinischen Gulden aus.StAN, Ansbacher Archivalien 15071Register ueber diejenige milde Stiftungen, welche die Frey-Reichs-Hochwohlgeb. Frau, Maria Barbara, verwittibte Frau von Neuhauß, geb. von Hund, an dreyen Hochfürstl. Höfen gewesene Obrist-Hofmeisterin, an unterschiedlichen Orten gemacht, Ansbach 1729, S. 8 f, 14 f. Auch für die Versorgung der darin beherbergten Witwen sorgte sich die Stifterin durch Lehenseinkünfte, die sie zur Verfügung stellte. Den Grund auf dem das Witwenhaus errichtet wurde übergab der damalige Fürst Albrecht Ernst II. (Oettingen-Oettingen) am 10. Juni 1712 zur „Facilitirung [Erleichterung] dieses christlöblichen Vorhabens den jederzeit frey gewesenen Platz von unserm Hanfgarten vor dem mittlern Thor ohnfern der Aurach [Gemarkung im Südosten von Oettingen] für ganz frey ledig und eigen“. Diesen Befreiungsbrief erneuerte er am 21. Juni 1724 und verfügte darüber hinaus, „dass nehmlich im Fall, so doch Gott in Gnaden verhüten wolle, dieses Witwenhaus durch Brand oder Kriegsgefahr zu Grund gerichtet werden sollte, Sr. Hochfürstl. Durchl. durch allgemeine Collect und Aufsetzung der Schüßlen vor denen Kirchensthüren in dem Land auch sonsten zu dessen Wiedererbauung, hülfliche Hand leisten wollen.“ Nova acta historico-ecclesiastica, Bd. 4, Teil 28, S. 486

Die Bewohnerinnen hatten einer Hausordnung zu folgen die ein tägliches gemeinsames Gebet sowie Gesang vorsah. Auch war aus ausgesuchten Schriften, die teilweise von der Stifterin selbst verfasst wurden, zu lesen. Um in das Witwenhaus aufgenommen zu werden, mussten die Bewohnerinnen beim Eintritt 5 und nach weiteren fünf bis sechs Jahren 5 weitere Rheinische Gulden hinterlegen. Die Witwen waren von größeren Arbeiten und Aufgaben befreit, mussten jedoch kleinere Reparaturen in ihrer Wohnung selbst übernehmen. Auch das Kehren der Gasse gehörte zu ihren Aufgaben. Für die Reparaturen und Verbesserungen des Hauses wurden jährlich zehn Gulden aus dem Zinsertrag des Kapitals aufgewandt. Ein Oettinger Ratsmitglied sollte das Haus alle vier Wochen besuchen, um den Zustand zu prüfen und eventuelle Mängel zu beheben. Erster Vorsteher des Hauses war Generalsuperintendent, Oberhofprediger und Pfarrer von St. Jakob, Friedrich Heinrich Camerer (* 1663, † 1715) der auch dem Oettinger Waisenhaus vorstand. Camerer, ein Nachfahre des berühmten Gelehrten Joachim Camerarius der ÄltereGeorg Adam Michel: Beyträge zur Oettingischen Geschichte, Erster Theyls, I. Sammlung, Oettingen, Johann Heinrich Lohse, 1772, S. 314, gehörte zu den wesentlichen Unterstützern Maria Barbaras bei der Realisierung des Witwenhauses.Georg Jakob Schäblen: Oettingischer Geschichts-Almanach, Verlag einer kleinen Armencasse, Jan 1783, S. 121 Nach Camerer übernahm der Hochfürstliche Oettingische Generalsuperintendent Tobias Wasser die Leitung des Instituts, der wie die Gründerin des Witwenhauses, ein Verfechter der pietetischen Lehre war. In der Hausordnung wurde auch die Zusammensetzung der Witwen bestimmt, so „sollen sieben Witwen, darunter allezeit 2 geistliche und 2 fremde Witwen, auch eine ledige Person, sich befinden, in dem Hause wohnen auch darinnen bis an ihr Ende bleiben (es sey dann, daß eine sich ärgerlich und unchristlich aufführte, als in welchen Fall sie das Haus raumen muß) ein jegliche der sieben Witwen eine Stube und Kammer für sich eigen haben, und alleine bewohnen, im Fall aber der Krankheit ein Kind oder sonst jemand zur Pflege und Wart bey sich halten.“

Vom 16. bis 22. Februar 1718 besuchte August Hermann Francke Oettingen. Er besuchte dabei auch das von Maria Barbara eingerichteten Witwenhaus.Max SPINDLER (Herausgeber), Handbuch der bayerischen Geschichte, Bd. III,2 (= Geschichte Schwabens bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts), S. 509 Am 23. Februar 1718 zog er weiter nach Ansbach, wo er mit Maria Barbara weitere Unterredungen führte.Martin Schmidt: Der Pietismus in Gestalten und Wirkungen, Luther-Verlag, 1975, S. 291Michael Sachs: Die Flucht der evangelischen Frau Anna Magdalena von Reibnitz (1664–~1745) mit ihren von der Zwangskatholisierung bedrohten fünf Kindern aus Schlesien im Jahre 1703 – ein Stimmungsbild aus dem Zeitalter der Gegenreformation und des Pietismus In: Medizinhistorische Mitteilungen. Zeitschrift für Wissenschaftsgeschichte und Fachprosaforschung. Band 34, 2015 (2016), S. 221–263, hier: S. 232 und 258

Die Errichtung und Stiftung des Witwenhauses in Oettingen dienten gewissermaßen als Blaupause für das Witwenhaus in Ansbach, welches Maria Barbara von Neuhaus einige Jahre später im Jahr 1727 gemeinsam mit Freifrau Sophie Magdalena von Crailsheim ebenfalls realisierte.Deutsches Literatur-Lexikon, Nachtragsband 3: N – Z. De Gruyter, Berlin 2022, ISBN 978-3-11-072691-6 Nach einer Bilanz waren von der Eröffnung im Frühjahr 1713 bis 1760 bereits 29 Witwen aufgenommen worden, die bis auf eine Ausnahme von 5 Witwen im Witwenhaus, in der Gemeinschaft das zeitliche segneten.Nova acta historico-ecclesiastica, Bd. 4, Teil 28, S. 492

Beim Luftangriff der 8th Air Force am 23. Februar 1945 der unter dem Decknamen „Operation Clarion“ auf die Zerstörung von Bahnhöfen, Brücken und Versorgungslinien abzielte, entging das Witwenhaus nur knapp seiner Zerstörung. In unmittelbarer Nachbarschaft wurde das Gebäude, welches südlich an das Grundstück grenzte (heute Ökonomiegebäude des Hauses Entengraben 28), vollkommen zerstört.Luftbildrecherchestation; Landesamt für Digitalisierung, Breitband und Vermessung; Bildname: 451650_0_3130; Bildflugdatum: 9.4.1945 Externer Link

2025 wurde das Witwenhaus verkauft und befindet sich seither in privatem Besitz. Mit den umfangreichen Sanierungsarbeiten wurde 2026 begonnen.

Architektur Das 1712 im Frühklassizistischen Barockstil erbaute Gebäude ist ein zweigeschossiger Walmdachbau in Massivbauweise und einem Aufzugsgiebel in Fachwerkbauweise. Das Gebäude ist in fünf zu zwei Fensterachsen unterteilt. Durch seine bewusst schlicht gehaltene Bauweise sollte es eine gewisse architektonische Demut widerspiegeln.Markus Schäfer, Dr. Thomas Freller: Das Oettinger Witwenhaus - Eine Darstellung im Kontext des konfessionellen und sozialen Milieus einer Residenzstadt, 2025 Auf aufwendigen Fassaden- oder Portalschmuck wurde bewusst verzichtet. Es zählt somit zu einem der ersten Gebäuden Deutschlands, welches im klassizistischen Baustil errichtet wurde.