Simitthu (auch Simithu oder Simitthus), das heutige Chimtou (oder Chemtou) im nordwestlichen Tunesien, war in der Antike eine Stadt in der Provinz Africa. Die Besiedlungsgeschichte reicht mindestens vom 4./5. Jahrhundert v. Chr. bis in das 9./10. Jahrhundert n. Chr. Vor allem bekannt war der Ort jedoch für seine Steinbrüche, in denen der gelbe marmor numidicum oder giallo antico abgebaut wurde, einer der am meisten geschätzten Marmore des Römischen Reiches.

Lokalisation und Geologie mini|Djebel Chemtou/Tempelberg mini|hochkant|Marmor numidicum Chimtou befindet sich im äußersten Nordwesten Tunesiens, etwa 23 Kilometer westlich der Provinzhauptstadt Jendouba. Es liegt am Mittellauf des Oued Medjerda (röm. Bagradas), des größten immer wasserführenden Flusses des Landes. Die obere Medjerda-Ebene ist bis heute das landwirtschaftlich ertragreichste Gebiet Tunesiens. Das regelmäßig geschnittene Flusstal wird im Westen und Norden von hohen bewaldeten Bergen, im Süden von flacheren Höhenrücken begrenzt.Rakob, Kraus 1979, S. 39.

Der Djebel Chemtou (arab. Djebel/Jebel: Berg, Gebirge), ein über zwei Kilometer langer Felsrücken, setzt sich weniger als 15 Kilometer von Westrand des Tales entfernt vom nördlichen Randgebirge ab. Es handelt sich dabei um ein vielfältig zerklüftetes Kalksteinmassiv, das an der Oberfläche von Eisenoxiden rot verfärbt ist. Seine südwestliche Spitze schiebt sich unmittelbar an die hohen Steilwände des Oued Medjerda. Der flach auslaufende Sporn des Felsrückens bildet unmittelbar an der Furt ein vor Hochwasser geschütztes Plateau. Er ist 400 Meter breit, überragt an seinem höchsten Punkt die Flussebene um 85 Meter und beherrscht als vorgerückte Landmarke das obere Medjerda-Tal.Rakob, Kraus 1979, S. 40.

Der Djebel Chemtou besteht auf einer Länge von über einem Kilometer aus dem Kalkstein, der in der Antike als gelber numidischer Marmor bekannt werden sollte. Er wurde schon in vorrömischer Zeit entdeckt und abgebaut. Viele Bruchzonen sind in steilen Korridoren in den Felsrücken getrieben und bilden in ihrer Gesamtheit die größten antiken Marmorbrüche Nordafrikas. Der Marmor kommt in allen Varianten von Gelb, Rosa und Rot vor und ist durch seine Adern, geschichtete Sinterbänder und bewegte Brecciengliederung gekennzeichnet. In der Farbskala antiker Prunkgesteine ist er ohne Vergleich und daher auch unter dem Namen marmor numidicum bekannt. Im diokletianischen Preisedikt aus dem ausgehenden 3. Jahrhundert n. Chr. rangiert der giallo antico unter den 18 aufgeführten Sorten mit 200 Denaren pro Kubikfuß (ein Würfel von 29,42 Zentimeter Seitenlänge) an dritter Stelle.Rakob, Kraus 1979, S. 43.

Das Marmormassiv ist dreifach gestaffelt: Die östliche Kuppe wird als Tempelberg, die mittlere als Gelber Berg und die westliche als Stadtberg bezeichnet. Am Tempelberg wurde im 2. Jahrhundert v. Chr. zum ersten Mal Marmor als Baumaterial entdeckt, am Gelben Berg vollzog sich später die größte Bruchtätigkeit.Rakob, Kraus 1979, S. 48. Die numidisch-punische Siedlung befand sich auf dem Stadtberg. Die Ausmaße der Siedlung sind bis heute unbekannt. Die spätere römische Colonia Iulia Augusta Numidica Simitthensium breitete sich spangenförmig um den Westsporn des Berges aus.Rakob, Kraus 1979, S. 59.

Besiedlungsgeschichte mini|Numidische Grabbauten unter römischem Forum mini|hochkant|Simitthus im antiken Tunesien Chimtou ist zwar vor allem für den Marmorabbau in römischer Zeit bekannt, die Region war jedoch bereits ab prähistorischer Zeit kontinuierlich besiedelt und zog ihren Reichtum aus der großen landwirtschaftlichen Fruchtbarkeit des Medjerda-Tals. Bereits in vorrömischer Zeit herrschte ein reger Rohstoffabbau. So wurden in Ain el Ksair schwarzer Marmor und Kalkstein, bei der nahegelegenen byzantinischen Siedlung Bordj Hallel grüner Kalkstein und in Thuburnica gelber Sandstein abgebaut.

Punisch-numidische Siedlung Die numidische Siedlung mit Straßen, Kanälen und Wohnbereichen wurde in den 1980er Jahren im Bereich des römischen Forums entdeckt. Sie lag an der Kreuzung zweier wichtiger Straßen von Karthago nach Hippo Regius und von Thabarca nach Sicca Veneria und einem Flussübergang und bestand vom frühen 2. Jahrhundert v. Chr. bis in das 1. Jahrhundert n. Chr. Sie war punisch beeinflusst, was sich unter anderem an der Bauweise und dem verwendeten Maßsystem ablesen lässt. Zu ihr gehört eine unter dem römischen Forum erhaltene vorrömische Nekropole aus dem 4. bis 1. Jahrhundert v. Chr. mit monumentalen Grabbauten, die zum Teil rekonstruiert wurden. Bereits seit ihrer Entstehungszeit bestanden weitreichende Handelskontakte in den Mittelmeerraum und es wurde von hier aus systematisch der giallo antico gewonnen.

Römische Stadt Die Stadt wurde zu Beginn der Kaiserzeit Municipium und um 27. v. Chr. Colonia mit dem Namen „Colonia Iulia Augusta Numidica Simithu“. Im 1. Jahrhundert v. Chr. begann unter Augustus, dem neuen Besitzer der Steinbrüche, der Gesteinsabbau in großem Stil. Marmor numidicum war in der römischen Oberschicht als Luxusartikel gefragt (und hatte auch als giallo antico später bei den Italienern einen hervorragenden Ruf). Er war für kaiserliche Prunkbauten begehrt und wurde nach Rom verfrachtet.

Die Wohnstadt entwickelte sich parallel mit dem Aufblühen der Steinbrüche. Simitthus prosperierte in der Hohen Kaiserzeit und erreichte seine Blütezeit unter den Severern. In dieser Zeit erfolgt eine Umgestaltung und Monumentalisierung, wie sie auch in anderen nordafrikanischen Städten zu beobachten ist. Es folgte eine spätantike Phase, die über die vandalische und byzantinische Zeit ins frühe Mittelalter überleitet. Die Aufgabe der öffentlichen Funktion des Areals erfolgt spätestens im 7. Jahrhundert n. Chr. Das Erlöschen städtischen Lebens im 7. Jahrhundert n. Chr. ist auch in anderen Siedlungen der Provinz zu beobachten. Die jüngsten großflächigen Siedlungsstrukturen sind früharabisch und stammen aus aghlabischer und fatimidischer Zeit, also dem 9. und 10. Jahrhundert n. Chr.

Monumente Die Zeugnisse der langen Siedlungsgeschichte Chimtous sind auf den Felsrücken bzw. an ihren Süd-, West- und Nordhängen teilweise erhalten geblieben. In Simitthus gab es all jene Gebäude, die regelhaft in römischen Städten zu finden sind: Ein Amphitheater, ein Bühnentheater, ein Forum mit Forumsbasilika und Fontäne, eine dreischiffige Markthalle, ein Nymphäum, zumindest drei Thermenkomplexe (Stadtbäder), mehrere Ehrenbögen, mindestens fünf frühchristlich-byzantinische Kirchenbauten und ein als Kaiserkultbau interpretiertes Gebäude im Nordwesten der Stadt, bei dem es sich höchstwahrscheinlich um einen sogenannten italischen Podiumtempel oder temple italique handelt. Außerdem befanden sich am Djebel Bou Rfifa zwei weitere römische Heiligtümer, die Tempelbezirke der Dii Mauri am Osthang und der Caelestis am Westhang.

Darüber hinaus verfügte Simitthus aber auch über einige Bauwerke, die aufgrund ihrer Einzigartigkeit im nordafrikanischen Raum besonders hervorstechen:

Numidisches Höhenmonument mini|Rekonstruktion der Fassade des numidischen Höhenheiligtums auf dem Tempelberg/Djebel Chimtou Auf dem Gipfel des Tempelbergs/Djebel Chimtou befindet sich ein numidisches Höhenheiligtum, das dem Numidierkönig Micipsa zugeschrieben wird. Dessen Vater Massinissa, der seit dem Zweiten Punischen Krieg ein Alliierter Roms war, hatte um 152 v. Chr. die Macht über das obere Medjerda-Tal ergriffen. Nach seinem Tod stiftete ihm sein Sohn und Nachfolger Micipsa im späten 2. Jahrhundert v. Chr. einen zehn Meter hohen Monumentaltar auf der höchsten Stelle des Berges. Der anstehende Marmor diente als Baumaterial, was gleichzeitig die Entdeckung des marmor numidicum bedeutete. Der Grundriss des Höhenheiligtums ist ein Rechteck von etwa zwölf auf fünfeinhalb Meter Länge und Breite. Es war auf dem planierten Felsgrund errichtet, dessen Spalten und Unebenheiten mit Quadersetzungen geschlossen waren. Der Baukörper bestand aus massiven, mit Dübeln verbundenen Marmorquadern, und hatte keinen Innenraum. Nur wenige Blöcke der Fundamentsetzung sind in situ erhalten geblieben.Rakob, Kraus 1979, S. 62.

Das Monument bestand aus einem hohen Unterbau, der genau nach Osten zur aufgehenden Sonne orientiert war. An dessen östlicher Langseite war eine Scheintür angebracht, zu der ein dreistufiger Sockel führte. Auf dem Unterbau befand sich ein zweites Geschoss, das als dorischer Säulenpavillon gestaltet war. Der Bau war mit reichen Dekorationen versehen, unter anderem umzog ihn ein Trophäenrelief. Die Fragmente der Baudekoration gehören zu den wertvollsten Beispielen der nur äußerst selten erhaltenen numidischen Königsarchitektur und können heute im Museum von Chimtou an der Rekonstruktion des Höhenheiligtums besichtigt werden.

In römischer Zeit wurde das Höhenheiligtum als dem Gott Saturn geweihter Tempel weiterbenutzt. Es erfuhr im späten 2. Jahrhundert n. Chr. eine Erweiterung durch diverse Anbauten und wurde im 4. Jahrhundert n. Chr. schließlich durch eine kleine, dreischiffige Kirche ersetzt, wobei die Quader und Architekturteile des zerstörten Heiligtums verwendet wurden.Rakob, Kraus 1979, S. 63.

Felsreliefs mini|Saturnreliefs am Tempelberg/Djebel Chimtou Ende der 1960er Jahre wurde am Tempelberg die größte bekannte Serie römischer Felsreliefs in Nordafrika entdeckt. Insgesamt sind es etwa 200 Stück. Sie sind im Südwesten, Westen und Norden des Tempelberges aus dem Felsen herausgemeißelt, stark verwittert und nur bei schräg einfallendem Licht sichtbar. Die Reliefs bilden meist dasselbe ab: Den Weihenden, einen Altar, ein Opfertier, das – wenn erkennbar – stets ein Widder ist. Der Weihende wird oft auf dem Opfertier reitend und mit den Attributen Rhombus und Kranz dargestellt. Obwohl keine Inschriften gefunden wurden, weist die Typologie auf den Gott Saturn. Ihm geweihte Reliefs bilden in Nordafrika eine der größten Denkmälerklassen. Die Reliefs sind in Gruppen angeordnet und befinden sich nach Möglichkeit auf natürlichen Felsbänken. Oft gab es direkt davor eine Nische, wo Weihegaben abgelegt werden konnten. In einem Fall wurden Scherben von mehreren Gefäßen und eine tönerne Öllampe entdeckt.Rakob, Kraus 1979, S. 52.

Medjerda-Brücke mini|Römische Brücke über die Medjerda Die römische Brücke über die Medjerda gilt als eines der größten Brückenbauwerke Nordafrikas und hat aus architekturgeschichtlicher und ingenieurbautechnischer Sicht eine herausragende Bedeutung.Ulrike Hess, Klaus Müller, Mustapha Khanoussi: Die Brücke über die Majrada in Chimtou (= Simitthus. Band 5). Reichert, Wiesbaden 2017, ISBN 978-3-95490-246-0, besonders S. 1 und 99–101. Sie führte die römische Straßenverbindung zwischen Thuburnica und Sicca Veneria über die Medjerda bei Simitthus. Im Schwemmland des stark mäandrierenden Flusses machten die schwierigen Gründungsverhältnisse und die alljährlich wiederkehrenden Hochwasser den Bau zu einer riskanten Unternehmung.

Im 1. Jahrhundert n. Chr. wurde zum ersten Mal der Versuch eines Brückenbaus unternommen, allerdings bestand diese erste Brücke nicht über das Jahrhundert hinaus. 112 n. Chr. wurde durch Trajan ein Neubau gestiftet, wie einer Weihinschrift zu entnehmen ist (sie befindet sich heute im Museum Chimtou). Zum Bau der Brücke wurde wahrscheinlich der Fluss temporär umgeleitet. Eine 30 Meter breite und 1,5 Meter dicke Gründungsplatte aus Holzkästen, die mit einem Kalk-Mörtel-Stein-Gemisch (Opus caementicium) gefüllt waren, wurde auf das Flussbett gesetzt. Ihre Oberseite war mit einem Belag von Steinquadern gesichert. Diese Konstruktion wurde aber durch den stark wechselnden Wasserstrom sehr stark beansprucht und wurde deshalb später verstärkt. Die Festigungsmaßnahmen konnten die Unterspülung des Plateaus jedoch nicht aufhalten, was schließlich zum Einsturz der Brücke im 4. Jahrhundert führte.Rakob, Kraus 1979, S. 66. Seither bilden die Reste des Bauwerks ein beeindruckendes Trümmerfeld.