Die so genannte Deutsch-französische Erbfeindschaft war ein im Deutschland des 19. Jahrhunderts geprägter nationalistischer Topos, der rein machtpolitische, staatliche Rivalitäten als naturgegebene Gegnerschaft zwischen dem deutschen und dem französischen Volk deutete.

Der Begriff bezog sich auf die Zeit von den Reunionskriegen Ludwigs XIV. über die Revolutionskriege, die Befreiungskriege und den Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 bis zum Ersten und Zweiten Weltkrieg. Er unterstellte, dass all diese Konflikte zwischen Deutschland und Frankreich mit friedlichen Mitteln nicht zu lösen gewesen seien. Die Gründung der Europäischen Gemeinschaften in den 1950er Jahren beendete diese Epoche der Feindschaft. Symbolisch und tatsächlich unterstrichen wurde dies durch den Élysée-Vertrag vom 22. Januar 1963, der auch die Grundlagen für eine intensive zwischenstaatliche Zusammenarbeit in der Außen-, Jugend- und Kulturpolitik legte. Heute sind die deutsch-französischen Beziehungen durch ein enges Freundschaftsverhältnis innerhalb der Europäischen Union gekennzeichnet,Erbfeinde – Erbfreunde. In: Website des Deutsch-Französischen Institutes (PDF, Seite 81). wenngleich Ressentiments durch die kaum ernst gemeinten Bezeichnungen Franzmann oder Boche in beiden Ländern fortbestehen: Von einer Frankophobie kann keine Rede mehr sein.

Begriff Etymologie Mit dem Begriff Erbfeind wird allgemein ein über mehrere Generationen hinweg verhasster Gegner bezeichnet, also ein von den Vorfahren „vererbter“ Feind. Im Mittelhochdeutschen war mit erbevīnt zumeist der Teufel gemeint. In diesem Sinne verwendet Martin Luther den Begriff. Ab dem 15. Jahrhundert wurde der Begriff auf die Türken angewendet, die in den jahrhundertelangen Türkenkriegen und den Eroberungszügen bis vor die Residenzstadt Wien (Belagerungen 1529 und 1683) als beständige Bedrohung angesehen wurden. Im 19. Jahrhundert wurde er von Ernst Moritz Arndt (1769–1860) auf die deutsch-französischen Beziehungen übertragen und so in den Diskurs des deutschen Nationalismus eingeführt.Erich Bayer (Hrsg.): Wörterbuch zur Geschichte. Begriffe und Fachausdrücke (= Kröners Taschenausgabe. Band 289). 4., überarbeitete Auflage. Kröner, Stuttgart 1980, ISBN 3-520-28904-0, S. 126.

Entstehung des Schlagworts im 19. Jahrhundert Anders als die zentralistische französische Monarchie war das Heilige Römische Reich durch Partikularismus und Souveränität der Einzelstaaten geprägt. Daher bestand bis zur deutschen Reichsgründung im Jahr 1871 keine einheitliche deutsche Außenpolitik und mithin auch keine einheitlichen deutsch-französischen Beziehungen freundlicher oder unfreundlicher Art. Allerdings gab es vom ausgehenden 15. bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts eine ausgeprägte machtpolitische Gegnerschaft zwischen Frankreich und den Habsburgern. Da letztere die römisch-deutschen Kaiser stellten, sahen Nationalisten in dieser rein dynastischen Rivalität einen Ursprung der „Erbfeindschaft“. Vor allem unter dem Eindruck der Befreiungskriege gegen Napoleon in den Jahren 1813/1814 projizierten deutsche Nationalisten einen solchen Fortbestand der Feindschaft zwischen beiden Völkern in die Vergangenheit hinein. Ernst Moritz Arndt machte in seinem 1813 entstandenen Lied Was ist des Deutschen Vaterland? Frankophobie und Hass auf den Nachbarn nachgerade zum feststehenden Merkmal deutscher Identität: Das ist des Deutschen Vaterland, wo Zorn vertilgt den welschen Tand, wo jeder Franzmann heißet Feind, wo jeder Deutsche heißet Freund. Das soll es sein! das soll es sein! Das ganze Deutschland soll es sein!Zitiert nach Erbfeind. In: Etienne François, Hagen Schulze (Hrsg.): Deutsche Erinnerungsorte (= Beck’sche Reihe. Bd. 1813). Band 1. C. H. Beck, München 2009, ISBN 978-3-406-59141-9, S. 389.

Auch französische Nationalisten beschworen nach Bedarf die ferne Vergangenheit, um Krieg mit deutschen Mächten zu rechtfertigen. So begründete Antoine Alfred Agénor de Gramont, der Außenminister Napoleons III. die Notwendigkeit eines Krieges gegen Preußen in einer Parlamentsrede vom 6. Juli 1870 mit dem Hinweis auf eine drohende Umklammerung Frankreichs wie in den Zeiten Kaiser Karls V.Octave Aubry: Das Zweite Kaiserreich. Eugen Rentsch Verlag, Zürich & Leipzig o. J., S. 665.

In Deutschland waren Vorstellungen von einer historisch ererbten, nahezu zwangsläufigen Feindschaft aber weitaus stärker verwurzelt. Viele Vertreter der Romantik träumten beispielsweise von einem mittelalterlichen Kaisertum und dessen Erneuerung in der Gegenwart. Sie verbanden damit das Lob scheinbar „urdeutscher“ Tugenden wie Gefolgschaftstreue, Fleiß, Tiefgründigkeit und Kampfbereitschaft, während man den Franzosen (wie allgemein den Romanen, die man abwertend als „Welsche“ bezeichnete) negative Charakterzüge wie Genusssucht, Oberflächlichkeit, übertriebenen Intellektualismus u. ä. unterstellte. Auch ein Gegensatz der politischen Ideale ergab sich daraus insofern, als diesen deutschen Nationalisten und Konservativen die Ideale der Französischen Revolution, insbesondere die Demokratie, als „undeutsch“ und „artfremd“ erschienen und stattdessen Gehorsam und Untertanengeist als angebliche Tugenden dagegengesetzt wurden. So ergab sich ein Weltbild, in dem man ein „welsches“ und ein „deutsches“ „Wesen“ sah, die sich diametral gegenüberstanden und deren Gegensatz sich vorgeblich auch in der Geschichte belegen ließ. Eine prominente Gegenstimme bildete Johann Wolfgang von Goethe, der sagte:

Geschichtsbild der Erbfeindthese Das tatsächliche Verhältnis zwischen Franzosen und Deutschen war in der Geschichte sehr vielschichtig, so dass sich Spannungen und Kriege, die ja von deutscher Seite nie von einer Nation, stets nur von – häufig genug untereinander verfeindeten – Einzelstaaten geführt wurden, mit kultureller Befruchtung und politischen Allianzen abwechselten und vermischten.

Frühzeit und Mittelalter Um dem Gegensatz einen möglichst universellen Charakter zu geben, wurde sein Beginn auf eine möglichst archaische Frühzeit zurückverlegt, sodass man bereits in Kämpfen zwischen germanischen Völkern und den Römern das Prinzip der vermeintlichen Erbfeindschaft zu erkennen glaubte. Das Schwert des 1875 eingeweihten Hermannsdenkmals weist nach Westen gegen Frankreich. Dabei blieb unberücksichtigt, dass auch damals viele germanische Stämme untereinander verfeindet gewesen waren und sie wenig miteinander verbunden hatte, am allerwenigsten eine „deutsche Identität“. Gleichfalls wird bei diesem Konzept ausgeblendet, dass es auch vielfach eine germanisch-romanische Synthese gegeben hat.

Bei der Ausbildung des Frankenreiches im Frühmittelalter lässt sich dies ebenfalls zeigen. Hier werden auch die Unstimmigkeiten in der Argumentation um Germanen/Deutsche und Romanen/Franzosen besonders deutlich, sahen die Vertreter eines Ur-Gegensatzes doch zum einen in der Reichsbildung der Merowinger eine Kulturleistung von Germanen, ohne doch wirklich leugnen zu können, dass ebendieses Reich auch der Vorgänger des späteren „Erzgegners“ Frankreich war. Auch Karl der Große wurde in dieser Geschichtsauffassung von deutscher Seite vereinnahmt, ungeachtet der Tatsache, dass er als „Charlemagne“ auch den Franzosen ahistorisch als Ahnherr gilt. Die karolingischen Teilungen, die damals zunächst ein rein privatrechtlicher Vorgang um das Erbrecht in der Königsfamilie waren, wurden von den Deutschnationalen des 19. Jahrhunderts denn auch als Erscheinung des genannten Gegensatzes gesehen, obwohl west- und ostfränkisches Reich eher mit auswärtigen Gegnern zu kämpfen hatten und untereinander das Zusammengehörigkeitsgefühl als „Franken“ noch vorherrschte.

Was das römisch-deutsche Reich angeht, so sahen deutsche Nationalisten des 19. und 20. Jahrhunderts in dessen Kaisern eine Art Ahnenreihe, die sich bis in ihre Zeit fortsetzen ließ; dabei wurden die bekanntesten ottonischen Könige, Heinrich I. und Otto I., als weitere Gründerväter des „Ersten Kaiserreiches“ betrachtet. Hierbei außer Acht gelassen wird, dass es von Beginn an teils heftige Reaktionen des Hochadels gegen eine Königsherrschaft gegeben hatte, ein Bild, das nicht in die angebliche Harmonie zwischen König/Kaiser und „deutschem Volk“ und der Gefolgschaftstreue passte. Stattdessen sah die politische Wirklichkeit des Hochmittelalters die allmähliche Umwandlung der alten Stammesherzogtümer zu weltlichen und geistlichen Territorialstaaten, die dem König bzw. Kaiser einen lediglich formalen Vorrang zubilligten; die Kurfürsten als die mächtigsten der Fürsten im Reich ließen keinen Zweifel daran, dass der König von ihnen eingesetzt wurde und folglich auch jederzeit wieder abgesetzt werden konnte. Anders die Entwicklung in Frankreich, wo es dem König gelang, sich gegen seine Vasallen durchzusetzen und eine zentral gelenkte Monarchie zu errichten, also eine Staatsform, wie sie sich die deutschen Konservativen des 19. Jahrhunderts für das deutsche Mittelalter ausmalten, wo sie aber so gerade nicht bestand. Im Übrigen war das Verhältnis zwischen Deutschen und Franzosen im Mittelalter von guter Nachbarschaft geprägt: Man führte gemeinsam Kreuzzüge, Kriege gegeneinander gab es nur selten – 1124 zog Kaiser Heinrich V. gegen Frankreich, 1214 wurden die deutschen Welfen von den Kapetingern in der Schlacht bei Bouvines geschlagen. Dies waren in der Hauptsache dynastische Kämpfe, an denen die jeweiligen Völker wenig Anteil hatten. Die gotische Dombaukunst war ein ursprünglich französisches Produkt, was die deutschen Patrioten des 19. Jahrhunderts nicht daran hinderte, in der Fertigstellung des Kölner Doms nach 700 Jahren ein Symbol des Deutschtums zu sehen.

Frühe Neuzeit mini|Heidelberg wurde zerstört. Französische Triumphmedaille (1693) In der Renaissance schlugen zwar Humanisten und Reformatoren deutsche Töne an, die sich im Wesentlichen gegen die Vorherrschaft der römischen, also „welschen“ Kirche richteten. Zugleich gab es aber auch wieder entscheidende kulturelle Befruchtungen durch die Romanen, etwa in der Malerei und in der Musik. Gerade die ersten Sprachgesellschaften in Deutschland, die sich nach 1600 ausbildeten, lehnten sich eng an vergleichbare italienische und französische Vorbilder an, obwohl es ihr erklärtes Ziel war, die deutsche Sprache vor einer „Überfremdung“ durch meist französische Fremdwörter zu bewahren (Sprachpurismus). Preziosentum und Fremdwörtersucht wurde zwar oft kritisiert, zugleich aber diente der aufkommende Absolutismus der Bourbonen auch deutschen Fürsten als nacheifernswertes Vorbild.

Seit dem 16. Jahrhundert bildete in der europäischen Politik der habsburgisch-französische Gegensatz eine wesentliche Komponente. Hierbei waren die Versuche Frankreichs, seine Grenze nach Osten zu verschieben (beginnend bereits im Spätmittelalter), weniger eine nationale Angelegenheit als eine des dynastischen Gegensatzes. Zwar standen auf Seiten Habsburgs auch zahlreiche deutsche Fürsten, doch zeigen die Fronde, der Verlauf des Dreißigjährigen Krieges, der erste Rheinbund und die Allianz Kurkölns und Bayerns mit Frankreich im 17. und 18. Jahrhundert, dass sich die Frage nicht auf einen nationalen Gegensatz zwischen Deutschland gegen Frankreich reduzieren lässt. Auch die Hohenzollern in Brandenburg waren häufig, als aufstrebende Konkurrenten der Habsburger, Alliierte Frankreichs und waren kulturellen Einflüssen gegenüber, die von dort kamen, durchaus offen. So war etwa auch Friedrich II., der von den Verfechtern einer nationalistischen Ideologie gerne in Anspruch genommen wurde, stark von der französischen Kultur geprägt, sprach besser französisch als deutsch und pflegte lieber Umgang mit einem Voltaire und Maupertuis als mit den Dichtern der deutschen Aufklärung.