AlʿAzi (, ) ist ein Dorf in Israel. Im Jahre 2023 betrug die Zahl der Einwohner 193 Personen.Israels Zentralbüro für Statistik veröffentlicht die Bevölkerungszahlen für Ortschaften mit weniger als 2.000 Einwohnern in seinen Jahrbüchern als Listen im PDF-Format (“2023-2003 ,”), zuletzt mit Stand für Ende 2023. Politisch ist das Dorf ein Teil des Regionalrats Joʾav, ein Zusammenschluss mehrerer Kommunen zur Wahrnehmung gemeinsamer Aufgaben und Interessen, der zum Südbezirk (Israel) gehört.

Lage Das Dorf alʿAzi befindet sich etwa auf halbem Wege zwischen Tel Aviv (50 Kilometer nördlich) und Beʾer Scheva (60 Kilometer südlich). Nächstgelegene Großstadt ist Aschdod, 24 Kilometer westlich vom Dorf, bis zur Hauptstadt Jerusalem sind es dagegen 77 Kilometer gen Osten.

Landschaftlich ist alʿAzi eingebettet in die Hügel der westlich des Judäischen Berglands vorgelagerten Schfelah und liegt auf 93 Meter über dem Meeresspiegel. Südlich des Dorfes passiert der Bach Nachal haʾEla (, ), der aus dem nordöstlich gelegenen Elah-Tal (Terebinthental) im Judäischen Bergland herabfließt.

Weitere Namen Neben dem hebräischen alʿAzzi besteht die korrekt transliterierte Namensvariante . Das Dorf umfasst zwei Ortslagen, die neuere am westlichen Ortsrand gelegene (auch ) und die ältere, östlicher gelegene (auch Ḫirbat Isṭis). Das dort im 19. Jahrhundert angelegte Vorwerk wurde auf (Bauernhof alʿĀzī) genannt. Der häufige arabische Namensbestandteil Chirbat … () bedeutet Ruine von … und verweist auf die Reste meist antiker, byzantinischer oder kreuzfahrerzeitlicher Baulichkeiten.

Geschichte Die Einwohner alʿAzis sind, bis auf eine jüdische Familie, muslimische arabische Israelis, die dem großen Familienverband alʿAzza () angehören. Ihre Vorfahren kamen zu Beginn des 19. Jahrhunderts vom Westhang des Hochlandes von Hebron, südlicher Teil des Judäischen Berglands. Die Region gehörte zum osmanischen Mutesarriflik Jerusalem. Zunächst waren die Familienmitglieder mittellos und arbeiteten als Landarbeiter und Hirten. Im 19. Jahrhundert erhob sich Familie alʿAzza zu einem Bauernaufstand gegen die Herrschaft des Osmanischen Reiches (1516–1918).

Im Laufe der Jahre etablierten sie sich und begannen, Grundstücke zu kaufen, wobei ihnen die niedrigen Grundstückspreise damals zu passe kamen. Die Familie baute an mehreren Standorten im Dreieck zwischen Bayt Ǧibrin, ʿAgur und Tall alSafi in der südlichen Hügellandschaft Schfelah auf ihren Ländereien Bauernhöfe, wo die Familie daher sehr einflussreich wurde.Jaʿaqov Schimʿoni, ערבי ארץ ישראל, (=), Tel Aviv: ʿAm Oved, 5707(Das Jahr dauerte vom 26. Sept. 1946 bis 14. Sept. 1947), S. 206seq. und 209. So gründete die Familie auch das landwirtschaftliche Vorwerk in etwa 4,5 Kilometer westnordwestlich von Tall alSafi. Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts unterhielt die Familie alʿAzza gute Beziehungen zum osmanischen Sultan und Kalifen aller Muslime Abdülhamid II., der ihnen ihre Besitztümer durch Kuschan (; ein osmanischer Grundstückstitel) als Eigentum bestätigte.

Der Kriegseintritt im Ersten Weltkrieg auf Seiten der Mittelmächte endete schließlich mit der Niederlage und Auflösung des Osmanischen Reiches. Der 1915 durch die osmanische Armee eröffnete Sinaifeldzug scheiterte mangels Nachschub. Darauf trat das deutsche Asien-Korps mit zeitweise bis zu 16.000 Mann den Osmanen zur Seite. Mit deutscher Hilfe entstand von Januar bis Oktober 1915 die Militärbahn Masʿūdiyya–Sinai, deren Trasse in Sichtweite an Chirbat Istas vorbeiführt.

Die Gegenoffensive der Egyptian Expeditionary Force der Triple Entente vertrieb die Streitkräfte der Mittelmächte vom ägyptischen Sinai und überschritt 1917 die osmanische Grenze ins Mutesarriflik Jerusalem.Alex Carmel (), Geschichte Haifas in der türkischen Zeit 1516-1918 [תּוֹלְדֹוֹֹת חֵיפָה בִּיְמֵי הַתּוּרְכִּים, Haifa: , 1969; dt.], Clara Zellermeyer (Übs.), Wiesbaden: Harrassowitz, 1975, (=Abhandlungen des Deutschen Palästinavereins; Bd. 3), S. 149. ISBN 3-447-01636-1. Unter Gefechten, die meist die Entente siegreich für sich entschied, nahmen die zurückweichenden Deutschen im November 1917 zeitweise ihr Hauptquartier in Tall alSafi.Dani Zidqoni (), “”, in: Davar, 15. Mai 1975, S. 16. Bis 16. November 1917 nahmen Einheiten der Australian Mounted Division Chirbat Istas ein.

Zeit des Palästina-Mandats Nachdem Briten und Franzosen schon während des Ersten Weltkriegs vereinbarten, die arabisch besiedelten Gebiete des Osmanischen Reichs unter sich aufzuteilen, besetzten sie 1917/1918 die Gebiete wie abgesprochen. Chirbat Istas kam unter britische Besatzung, die der Völkerbund 1922 als Völkerbundsmandat für Palästina unter britischer Zivilverwaltung in eine geregelte Form überführte. Die Mandatsbestimmungen sahen vor, das Land in Bildung, Gesellschaft, Recht, Verwaltung und Wirtschaft zu modernen Standards zu führen, um es auf eine spätere, zeitlich unbestimmte Unabhängigkeit vorzubereiten. Dabei sollte die britische Mandatsverwaltung allen Einwohner des Landes gleiche Rechte sichern und die seit den 1880er Jahren entstandene jüdische Heimstatt fördern und wahren. Die Mandatsverwaltung Government of Palestine erließ 1924 die Palestinian Citizenship Order (Verordnung die Palästinensische Staatsbürgerschaft betreffend), womit die Bewohner des Landes mit Wirkung ab 1. Januar 1925 erstmals Palästinenser mit eigener Staatsbürgerschaft wurden.

Ein Konflikt zwischen nichtjüdischen, meist arabischen und jüdischen, zu geringem Anteil arabischen Palästinensern war durch die gesamte Mandatszeit mehr oder minder virulent. Die einflussreiche muslimische arabische Familie alHussayni nahm unter anderem mit Muhammed Amin alHussayni, Mufti von Jerusalem, die Führung der arabischen Palästinenser für sich in Anspruch.

ʿAbd alRahman alʿAzza, Mitglied des Familienverbands in Bayt Ǧibrin, ging zu Beginn der 1930er Jahre in Opposition zu Familie alHussayni. Während des Großen Arabischen Aufstands (1936–1939), seinerzeit größte Erhebung gegen eine britische Kolonialverwaltung mit vielen tödlichen Gewaltakten seitens arabischer Angreifer gegen tatsächliche und vermeintliche Vertreter der Mandatsmacht und gegen die Minderheit jüdischer Palästinenser, stand ʿAbd alRahman alʿAzza () an der Spitze einer Rebellengruppe. Aber 1938 trennte er sich von den Aufständischen und wechselte zu den paramilitärischen der Nationalen Verteidigungspartei um Fachri alNaschaschibi (Er war ein Neffe Raghib alNaschaschibis, 1920–1934 Jerusalems Bürgermeister.), die arabische Angriffe zu verhüten suchten.Jehoschuʿa Porat (), צמיחת התנועה הלאומית הערבית הפלסטינית: II Bde., Tel Aviv: ʿAm Oved, 21978, Bd. II ‘’, S. 73, 302 und 307.

Auf Ländereien des Dorfes Idhnibbah nördlich Tall al-Safis, die ihre Eigentümer an den Jüdischen Nationalfonds verkauft hatten, gründeten am 28. Juli 1937 jüdische Einwanderer aus den USA den Kibbuz Kfar Menachem als Turm-und-Palisaden-Siedlung,NN, “”, in: Davar, 12. Mai 1943, S. 5. später stießen deutsche Flüchtlinge hinzu. Ein weiteres Mitglied des Familienverbands, Hāddsch Ismaʿil alʿAzza (; 1894─1966), der allein 6000 metrische Dunam Agrarland in der Gegend besaß und in Chirbat Istas wohnte, mühte sich um gut-nachbarschaftliche Beziehungen zu den Menschen im etwa drei Kilometer nordöstlich gelegenen Kfar Menachem. Er willigte ein, über sein Land ab der Kreuzung Zomet alMasmijjah (Die Kreuzung, heute bekannter als Zomet Reʾem, erlangte 2024 als Tatort eines Terroranschlags traurige Bekanntheit.) eine asphaltierte Straßenverbindung zum Kibbuz anzulegen, weil sie schließlich allen Bewohnern der Gegend zugute komme.NN, “”, in: Davar, 12. Mai 1943, S. 4.

Nachdem die Briten ihren Mandatsauftrag zur Verwaltung Palästinas an die UNO, als Nachfolger des Völkerbundes, zurückgaben, fasste diese Beschlüsse für die Zukunft des Landes. Gemäß den Völkerbundsbestimmungen von 1922 für das Palästina-Mandat war die jüdische Heimstatt zu fördern und zu wahren, wie die Rechte der arabischen Nichtjuden im Lande.

Darauf fasste am 29. November 1947 die Mehrheit der Mitglieder der UNO den Beschluss, das Mandatsgebiet im Mai 1948 zu teilen, in einen Staat für Juden und einen für nichtjüdische Araber. Die südliche Schfelah mit alʿAzi und Kfar Menachem sollte Teil des nichtjüdisch-arabischen Staates sein.Vgl. “181. Future government of Palestine”, übernommen als II. Resolution aus dem Report of the Ad Hoc Committee on the Palestinian Question, auf: Refworld: Global Law & Policy Database des UNHCR; abgerufen am 2. Oktober 2024.

Die benachbarten Staaten – sämtlich Mitglieder der Arabischen Liga – kündigten die Invasionen ihrer Streitkräfte an. Im Vorlauf dieser angekündigten Invasionen mühten sich die nationalen Bewegungen im Lande – antizionistische überwiegend nichtjüdische einerseits und andererseits zionistische überwiegend jüdische Palästinenser – darum, auch mit Gewalt Positionen und Posten einzunehmen bzw. zu halten, die im bevorstehenden Krieg strategisch wichtig erschienen, was sich zum Bürgerkrieg zwischen arabischen und jüdischen Palästinensern (Dezember 1947─Mai 1948) auswuchs.

Ab März 1948 blockierten arabische Milizen, die keinem zentralen Kommando unterstanden, für jüdische Reisende und ihre Transporte die Wege von und zu vielen inmitten vorwiegend arabischer Siedlungsräume vereinzelt gelegenen jüdischen Orten in der Schfelah. Die Hagannah eskortierte Konvois mit gepanzerten Fahrzeugen, was als Ringen um die Wege () in die Militärgeschichte einging.

mini|300px|Vier arabische Dörfer, später durch die Hagannah erobert, die deren Bewohner in die Flucht trieb, Kfar Menachem (Mitte) und Chirbat alTaratir und Chirbat Istas im südwestlichen Eck einer Landkarte von 1948 Mit der Operation Baraq (; 4.–15. Mai 1948) entsandte die Hagannah ihre Givʿati-Brigade zum Entsatz der abgeschnittenen jüdischen Orte, wobei sie 16 arabische Orte eroberte, von denen jeweils Blockaden ausgingen, wobei deren Einwohner einenteils flohen und anderenteils vertrieben wurden.Efrat Naqasch (), “” Linkliste mit Link der Tour ‹› (28. April 2015), auf: אפרת נקש טיול בארץ; abgerufen am 12. Februar 2024. Chirbat Istas, das Kfar Menachem nicht blockierte, blieb als einziger arabischer Ort in der Schfelah bestehen und bildet heute die ältere der beiden Ortslagen AlʿAzis.

Die Givʿati-Brigade kam ins Dorf und riet Ismaʿil alʿAzza sich bis Ende des Krieges in das Haus seines Vaters Chalil alʿAzzas (; 1942 gestorben) in Abu Kabir zurückzuziehen. Sein landwirtschaftliches Gerät, darunter auch moderne Maschinen (Traktor), übergab Ismaʿil alʿAzza in Gewahrsam den Freunden in Kfar Menachem. Dann begab er sich in den Bait al-ʿAzza in Abu Kabir und blieb auch, als am 10. Mai die Briten abzogen und jüdische Einheiten den Ort übernahmen. Sechs seiner fünfzehn Kinder zogen sich aus dem umkämpften Bereich zu Verwandten ins Hochland von Hebron zurück, während die anderen in Chirbat Istas blieben, um sich weiter um die Landwirtschaft, vor allem das Vieh zu kümmern. Zu den Angehörigen, die 1948 Chirbat Istas verließen, gehörte ʿAbbas alʿAzza ().

Seit Gründung Israels Seit den frühen Maitagen 1948 war Chirbat Istas Teil des jüdisch gehaltenen Gebiets in Palästina, womit es mit Staatsgründung Israels am 14. Mai 1948, an welchem das britische Mandat um Mitternacht auslief, Teil des neuen Staats wurde. Am 15. Mai 1948 überschritten Streitkräfte Ägyptens, Arabische Legion, irakische Streitkräfte, Streitkräfte des Libanon und syrisches Heer die Grenzen und eröffneten den Krieg um Israels Unabhängigkeit.

mini|Villa in Bayt Ǧibrin / Beit Guvrin, 2018