mini|hochkant|Jean Guillou (2014) Jean Victor Arthur Guillou (* 18. April 1930 in Angers; † 26. Januar 2019 in Paris) war ein französischer Komponist, Organist, Pianist und Musikpädagoge.
Leben Nach autodidaktischen Studien in Klavier und Orgel wurde Jean Guillou 1942 mit 12 Jahren Titularorganist der ehemaligen Abteikirche Saint-Serge in seiner Heimatstadt Angers, eine Stelle, die er bis 1953 innehatte. Zusätzlich erhielt er ab 1942 Unterricht beim Organisten und Komponisten Raphaël Fumet. 1944 spielte er sein erstes öffentliches Orgelkonzert in Saint-Serge in Angers. Auf Empfehlung von Bernard Gavoty wurde Jean Guillou Marcel Dupré vorgestellt, dem er 1946 in Meudon privat vorspielte. Von 1946 bis 1948 bereitete ihn Rolande Falcinelli auf die Aufnahme in Duprés Orgelklasse am Pariser Konservatorium vor, an dem er ab 1949 offiziell studierte. Zu seinen Lehrern zählten, neben Dupré, Maurice Duruflé, Olivier Messiaen und Simone Plé-Caussade.Anders als in Adolph (2019, S. 1) war Guillou zu keinem Zeitpunkt Lehrassistent von Marcel Dupré in dessen Orgelklasse am Konservatorium. Diese Aufgabe nahm Rolande Falcinelli wahr, die 1955 auch Duprés Nachfolgerin als Professorin und Leiterin der Orgelklasse wurde. Guillou vertrat aber Dupré zu mehreren Gelegenheiten als Organist in Saint-Sulpice. 1953 verließ Guillou seine Organistenstelle an Saint-Serge in Angers und wurde Titularorganist an der Synagoge der Rue Copernic in Paris. Er schloss sein Studium am Pariser Konservatorium mit ersten Preisen in Orgel (1954, Klasse von Marcel Dupré) Harmonielehre (1954, Klasse von Maurice Duruflé) und Fuge (1955, Klasse von Simone Plé-Caussade). 1956 gab Guillou seine Organistenstelle an der Synagoge der Rue Copernic in Paris auf und wurde im gleichen Jahr zum Professor für Orgel am Instituto de Alta Cultura in Lissabon (Portugal) ernannt, wo er bis 1958 unterrichtete.
1958 unterzog sich Jean Guillou aufgrund einer Asthma- und Tuberkulose-Erkrankung einer längerfristigen Behandlung in der Lungenklinik Heckeshorn in Berlin, gab seine Professur in Lissabon auf und ließ sich bis 1963 in der Lindenallee in Berlin-Westend nieder.Die Lindenallee befindet sich im Berliner Ortsteil Westend und nicht, wie in Abbing 2006, S. 31, beschrieben, in Charlottenburg.Es war nicht Karl Richter, der Guillou nach Berlin holte, wie in Adolph (2019, S. 1) beschrieben, sondern es waren vielmehr gesundheitliche Gründe für diesen Ortswechsel ausschlaggebend. In diesen Jahren entstanden weitere Kompositionen und die ersten Schallplatten-Einspielungen in der Lutherkirche und in St. Matthias in Berlin-Schöneberg. 1961 lernte er den Komponisten Max Baumann kennen, der 1962 für Guillou seine ersten Orgelwerke schrieb,Invocation, op. 67, Nr. 5; Trois pièces brèves, op. 67, Nr. 6; Psalmi, op. 67, Nr. 2. und die am 20. Januar 1963 in St. Matthias von Guillou uraufgeführt wurden. 1963 wurde Guillou als Nachfolger von André Marchal zum Titularorganisten an der Pariser Kirche Saint-Eustache ernannt. Am 22. April 1966 debütierte Guillou in der neuerbauten Berliner Philharmonie, wo er in einem Gedenkkonzert zum 50. Todestag von Max Reger dessen Phantasie und Fuge über BACH op. 46 spielte.In diesem Konzert wurden auch Regers Requiem op. 144b und Der Einsiedler op. 144a vom Chor der St.-Hedwigs-Kathedrale und dem damaligen Radio-Sinfonie-Orchester unter Leitung von Domkapellmeister Anton Lippe aufgeführt. Siehe Oliver Hilmes, Berlin „Ecke Nollendorfplatz“, in: Jörg Abbing (Hg.), Die Rhetorik des Feuers. Festschrift Jean Guillou, S. 100–111. Bonn: Dr. J. Butz Musikverlag, 2010. Am 6. Oktober 1966 spielte Guillou, ebenfalls in der Berliner Philharmonie, die Uraufführung seines Orgelwerkes Pour le tombeau de Colbert.1967 bei Leduc (Paris) veröffentlicht und 2005 in einer revidierten Fassung unter dem Titel Ballade Ossianique n° 1 „Temora“ bei Schott (Mainz) neu herausgegeben. Auf Empfehlung seines Freundes Karl Richter wurde Guillou 1970 Dozent für Orgel und Improvisation bei den Internationalen Meisterkursen in Zürich, wo er bis 2005 unterrichtete. Am 24. September 1972 wurde seine Tochter Béryl geboren. Am 11. Mai 1979 heiratete Jean Guillou in Paris die Hispanistin Suzanne Varga.
Als Konzertorganist und Improvisator trat Jean Guillou international in Erscheinung. Darüber hinaus konzertierte er als Pianist, der unter anderem die britische und französische Erstaufführung der Klaviersonate von Julius Reubke spielte. Sein Engagement im Orgelbau führte zur Konzeption zahlreicher Instrumente, darunter La Grange de la Besnardière in Villedômer (Kleuker, 1974) Notre-Dame des Neiges in L’Alpe d’Huez (Kleuker, 1978), Notre-Dame des Grâces, Chant d'Oiseau in Brüssel (Kleuker, 1981), Tonhalle Zürich (Kleuker/Steinmeyer, 1988), Saint-Eustache in Paris (Van den Heuvel, 1989), Konservatorium Neapel (Tamburini/Zanin, 2006), Auditorio de Tenerife (Blancafort, 2004), Sant’Antonio dei Portoghesi in Rom (Mascioni, 2008) und León (Kathedrale, Klais, 2013). Eines seiner bislang nicht umgesetzten Konzepte ist eine „Orgel mit variabler Struktur“ (Orgue à structure variable), mit neun frei platzierbaren Einzelmodulen und einem viermanualigen Spieltisch.
Neben seinem umfangreichen kompositorischen Schaffen hat Jean Guillou zahlreiche Orgel-Transkriptionen von Orchester- und Klavierwerken erstellt, unter anderem von Händel, Liszt, Mozart, Mussorgski, Prokofjew, Rachmaninow, Strawinski, Tschaikowski und Vivaldi, sowie Orgelfassungen der Goldberg-Variationen und des Musikalischen Opfers von Johann Sebastian Bach.
In seiner Kompositionen verwendete Jean Guillou mehrfach eigene Texte und Gedichte. Er veröffentlichte mehrere Bücher, die in verschiedene Sprachen übersetzt wurden: L'Orgue, souvenir et avenir (Paris 1978), La Musique et le Geste (Paris 2012), Le Visiteur, poèmes (Rouen 2014) und Esprit de suite (Paris 2019).
2010 lehnte Jean Guillou den französischen Verdienstorden der Ritter der Ehrenlegion ab. Nach 51 Jahren als Titularorganist an Saint-Eustache in Paris erhielt Guillou am 22. September 2014 den Titel „Organiste titulaire émérite“ und versah seinen Dienst bis zur Karwoche 2015. Im Juli 2015 wurde er zum Honorarprofessor an der Hochschule für Musik Saar in Saarbrücken ernannt. Im März 2018 wurde Guillou vom Royal College of Organists in der Southwark Cathedral in London mit der RCO Medal für seine herausragenden Leistungen als Interpret und Komponist ausgezeichnet („in recognition of distinguished achievement in organ playing and composition“). Im Mai 2018 war er Orgel-Fachberater in Koper (Slowenien), wo die Mitte der Achtziger Jahre von ihm konzipierte Kleuker-/Steinmeyer-Orgel der Tonhalle Zürich in die Kathedrale von Koper transferiert und im November 2021 eingeweiht wurde.
Jean Guillou war bis ins hohe Alter als Konzertorganist und Pianist aktiv, darunter am 18. April 2018 in der Hamburger Elbphilharmonie, am 6. September 2018 im Oratoire du Louvre (das letzte Konzert in Paris, bei dem er sowohl als Organist als auch Pianist auftrat), und am 21. Oktober 2018 in St. Michael in München (Guillous letztes öffentliches Konzert). Jean Guillou starb am Morgen des 26. Januar 2019 im Alter von 88 Jahren an den Folgen einer Lungenentzündung in Paris. Am 5. Februar 2019 fand sein Requiem in der Kathedrale Notre-Dame statt, unter Mitwirkung von Olivier Latry, Philippe Lefebvre und Jean-Baptiste Monnot an der großen Orgel. Jean Guillous Grab befindet sich auf dem Friedhof Père-Lachaise (Chemin du Quinconce, D1/4547).
Kompositionen Die Informationen basieren auf dem Werkverzeichnis Catalogue de l'œuvre musical de Jean Guillou, das 2025 von der Association Augure herausgegeben wurde.
Orgel solo Fantaisie, op. 1 (1954 komponiert. Mainz: Schott, 2005.) 18 Variations, op. 3 (um 1956 komponiert. Mainz: Schott, 2005.) Sinfonietta, op. 4 (1955–1958 komponiert. Mainz: Schott, 2005.): I. Allegretto II. Andante III. Allegro giocoso Étude n° 1, ohne op. (1958 komponiert. Manuskript nicht mehr auffindbar.) Étude n° 2, ohne op. (1959 komponiert. Unveröffentlicht.) Poème romantique, ohne op. (In den Fünfziger Jahren komponiert. Manuskript nicht mehr auffindbar.): Ballade Ossianique n° 1 „Temora“, op. 8: Erste Version („Pour le tombeau de Colbert“; 1962 komponiert. Paris: Leduc, 1967.) Zweite Version (Ballade Ossianique n° 1 „Temora“; um 1995 fertiggestellt. Mainz: Schott, 2005.) Toccata, op. 9 (1953–1963 komponiert. Mainz: Schott, 2004.) Prélude n° 1, ohne op. (1965 komponiert. Wurde 1969 als I. Satz in die „6 Sagas“, op. 20 übernommen.) Prélude n° 2, ohne op. (1965 komponiert. Wurde 1969 als V. Satz in die „6 Sagas“, op. 20 übernommen.) Prélude n° 3, ohne op. (1966 komponiert. Wurde 1969 als III. Satz in die „6 Sagas“, op. 20 übernommen) Symphonie Initiatique, op. 18: Erste Version (drei Orgeln; 1969 komponiert. Unveröffentlicht.) Zweite Version (zwei Orgeln; um 1990 fertiggestellt. Unveröffentlicht.) Dritte Version (Orgel zu vier Händen und Füßen; um 2009 fertiggestellt. Mainz: Schott, 2016.) Canon en trois parties avec deux Interludes Thème et Variations, avec Divertimenti I et II, Trio I et II Introduction et Invention, Divertimenti III, IV et V Sonate con Ricercare 6 Sagas, op. 20 (1969 komponiert. Mainz: Schott, 2005.): I. Andante II. (ohne Titel) III. Andante IV. Moderato V. (ohne Titel) VI. Allegro con fuoco Ballade Ossianique n° 2 „Les Chants de Selma“, op. 23: Erste Version („Allen“; 1969–1970 komponiert. Paris: Leduc, 1971.) Zweite Version (Ballade Ossianique Nr. 2 „Les Chants de Selma“; ca. 1995 fertiggestellt. Mainz: Schott, 2005.) Pensieri (pour Claude Bernard), ohne op. (1970 komponiert. Unveröffentlicht.) Esquisse (1972 komponiert. Unveröffentlicht.) La Chapelle des abîmes, op. 26 (1972 komponiert/2005 revidiert. Mainz: Schott, 2005.) Scènes d’enfant, op. 28 (1973 komponiert. Mainz: Schott, 2005) Jeux d’orgue, op. 34 (1978–1981 komponiert. Wien: Universal Edition, 1984.): Unda celesta Longs corps d'anches Hautbois d'amour Sesquialtera quintaltera Anches vocatives Au miroir de flûtes Tutti ostinati Jeux d'orgue (1978 komponiert. Unveröffentlichte Sätze.): Bourdon de nuit Dulziana Entre Cornets et Bassons Montres vives Principe de Flûtes et de Cromorne Prologue Rangs de Fonds et tant d'autres Ranquettes et Cors mornes Trompeta de Llamamiento Voix humaine Échappée par le ciel, ohne op. (1979 komponiert. Unveröffentlicht.) Suite pour Rameau, op. 36 (1979–1982/1994 komponiert. Boston: Wayne Leupold Editions, 1994.): Rond Air tendre pour la Rose L'Indiscrète Gavotte Le neveu de Rameau Tendres Plaintes L'Ingénue Diderot La Rebelle Suite pour Rameau (1979/1982 komponiert. Unveröffentlichte Sätze.): Rondo La Triomphante Les Tourbillons Saga n° 7, op. 38 (1983 komponiert. Wien: Universal Edition, 1984.) Sonate en trio n° 1, op. 40 (um 1984 komponiert. Paris: Durand, 1985.) Chamades, op. 41 (1984/1993 komponiert. Glendale: H. T. FitzSimons, 1994.) Impromptu für Pedal solo, op. 42 (1984–1985 komponiert. Wien: Universal Edition, 1988.) Hypérion ou la Rhétorique du Feu, op. 45 (1988 komponiert. Boston: Wayne Leupold Editions, 1996.): I. Hermès, feu messager, translatif; le vif, l'agile II. Les Feux du silence, feu latent, insinuant III. Phlogistique de l'âme, feu subtil, esprit pénétrant IV. Agni-Ignis: les feux de l'exaltation Atmâ ou la rhétorique du Souffle (1990–1991 komponiert. Manuskript nicht mehr auffindbar.) Säya ou „L’Oiseau Bleu“, op. 50 (1993 komponiert. Mainz: Schott, 2004.) Éloge I, op. 52 (1994–1995 komponiert. Boston: Wayne Leupold Editions, 1995.) Alice au Pays de l’orgue für Orgel und Sprecher (Text von Jean Guillou), op. 53 (1995 komponiert. Mainz: Schott, 1998.) Pensieri (pour Jean Langlais), op. 54 (1995 komponiert. Glendale: H. T. FitzSimons, 1996.) Instants, op. 57 (1997 komponiert/2014 revidiert. Mainz: Schott, 2015.) Instants (1997 komponiert. Unveröffentlichte Sätze.): Andante Lento