Die Ausschreitungen in Amsterdam im November 2024 ereigneten sich in Zusammenhang mit dem Fußballspiel der UEFA Europa League 2024/25 des israelischen Vereins Maccabi Tel Aviv gegen den niederländischen Verein Ajax Amsterdam am 7. November 2024.
Anhänger von Maccabi Tel Aviv skandierten bei den schon am Vorabend des Spiels beginnenden Ausschreitungen anti-palästinensische und rassistische Parolen und attackierten Personen, Häuser und Taxis. Pro-palästinensische Akteure verabredeten sich in Chatgruppen, um Übergriffe auf israelische Fans zu verüben. Nach Polizeiangaben suchten sie gezielt nach Anhängern des Vereins Maccabi Tel Aviv, um diese anzugreifen.
Die Polizei nahm 62 Personen fest, darunter 49 in den Niederlanden wohnhafte Personen und zehn Israelis. Fünf Personen unbekannter Nationalität wurden im Krankenhaus behandelt und dann wieder entlassen, 20 bis 30 weitere erlitten leichte Verletzungen. In den nachfolgenden Tagen kam es zu weiteren Ausschreitungen, die ausschließlich von pro-palästinensischen Akteuren ausgingen, während die israelischen Maccabi-Fans nach Israel zurückkehrten.
Die Amsterdamer Gemeindeverwaltung bewertete die Ausschreitungen rückblickend als „giftige Mischung aus Antisemitismus, Hooliganverhalten und Wut über den Krieg in Palästina, Israel und anderen Ländern im Nahen Osten“, wobei sie das antisemitische Verhalten pro-palästinensischer Angreifer und das rassistische Verhalten israelischer Maccabi-Hooligans gleichermaßen hervorhob. Europäische und israelische Politiker und Medien sowie niederländische Behörden bewerten die Angriffe vom 7. November auf die israelischen Fans als antisemitisch, der israelische Staatspräsident Isaac Herzog sprach von einem Pogrom.Niederlande: Mehrere Festnahmen bei erneuten Ausschreitungen in Amsterdam | Zeit Online, 12. November 2024, abgerufen am 12. November 2024
Hintergrund Seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und dem Krieg in Israel und Gaza sind antisemitische Vorfälle weltweit angestiegen, auch in den Niederlanden. Einige Monate vor den Angriffen berichtete auch die Agentur der Europäischen Union für Grundrechte von einem Anstieg antisemitischer Angriffe in Europa. Die Gemeinde Amsterdam bereitete sich mit rund 800 Polizisten auf mögliche Auseinandersetzungen rund um das Fußballspiel zwischen Ajax Amsterdam und Maccabi Tel Aviv vor.Hoe de oorlog in het Midden-Oosten Amsterdam in geweld onderdompelde. In: de Volkskrant. 8. November 2024, abgerufen am 11. November 2024.
Chronologischer Verlauf der Ereignisse
Aktivitäten vor Spielbeginn Am Samstag, dem 2. November 2024, wurde in Amsterdam ein pro-palästinensischer Demonstrant von Anhängern von Ajax Amsterdam zusammengeschlagen, als er gegen die Ankunft von Maccabi Tel Aviv demonstrierte. Die Zeitung De Volkskrant berichtete, dass pro-palästinensische Chatgruppen dazu aufgerufen hätten, wegen der „israelischen Hooligans“ in der Woche keine palästinensischen Erkennungszeichen zu tragen und lieber zu Hause zu bleiben.Die „Judenjagd“ und ihre Vorgeschichte. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 10. November 2024, abgerufen am 11. November 2024. „Seid ihr körperlich und geistig darauf vorbereitet, es mit einer Menge Hooligans aufzunehmen?“, hieß es in einem oft geteilten Eintrag. Wer daheimbleibe, sei kein weniger guter Aktivist. Eine pro-palästinensische Gruppe forderte, das Spiel abzusagen, da Maccabi Israels Sicherheitskräften nahestehe.Bei Ausschreitungen in Amsterdam „ist ein Tabu gefallen“. In: Frankfurter Rundschau. 10. November 2024, abgerufen am 11. November 2024.
Mittwoch, 6. November Der Abend vor dem Fußballspiel verlief nach Angaben der Behörden zunächst ruhig., ) vom 11. November, abgerufen am 13. November 2024 (PDF, Archiv). In pro-palästinensischen Chatgruppen auf Telegram und WhatsApp sowie in sozialen Netzwerken tauchten „aggressive und bedrohliche Nachrichten“ auf; in einigen Fällen wurde eine Mobilisierung an bestimmten Orten beobachtet. Es kam zu einzelnen Zwischenfällen zwischen Fans von Maccabi Tel Aviv, Fenerbahçe Istanbul und AFC Ajax.
Gegen 23:00 Uhr wurden pro-palästinensische Graffiti in der Nähe der Johan-Cruyff-Arena gesprüht. Die Polizei nahm vier Personen fest. Kurz darauf ging eine Meldung ein, dass zehn pro-palästinensische Aktivisten einen Diaprojektor nutzten, um „Fuck F-side“ und weitere Botschaften auf die Arena zu projizieren. Bis 00:30 hatten alle zehn Personen den Ort verlassen, und zwei von ihnen erhielten ein 24-Stunden-Verbot.
Gegen Mitternacht kam es zu Störungen am Rokin, wo sich rund 50 Maccabi-Fans vor der Villa Mokum versammelten, einem besetzten Gebäude, an dem mehrere palästinensische Flaggen hingen. Aus der Gruppe wurden Steine auf die Fenster geworfen. Das Gebäude wurde schließlich erklommen und die Fahnen heruntergerissen. Ein Anwohner berichtete, dass die Fans versucht hätten, das Gebäude zu stürmen, gegen die Tür getreten, Enthauptungsgesten gemacht und „Wir werden euch töten und zurückkommen“ gerufen hätten. Ein Video hielt fest, wie die Fahne heruntergerissen und von den Fans mit „Fuck you, Palestine“ quittiert wurde.
Die Gruppe teilte sich offenbar, wobei einige in Richtung Hauptbahnhof und Spui gingen und andere in Richtung Rotlichtviertel, dabei Parolen rufend. Ebenso wurde ein Taxi von den Fans angegriffen und zerstört.Senay Boztas, Jason Burke, Jennifer Rankin: Amsterdam Police arrest more than 60 People after attacks on Israeli Football fans. In: theguardian.com, 8. November 2024. Ein weiteres Video dokumentierte, wie ein Mann mit Gürteln auf ein Auto einschlug, woraufhin der Fahrer auf Arabisch schimpfte und eilends davon fuhr; dabei soll es sich um den Übergriff auf ein Taxi handeln. An anderer Stelle am Rokin wurden weitere Taxis angegriffen und beschädigt.
Der Übergriff auf das Taxi führte zu einer ersten Eskalation und einem Online-Aufruf.Amsterdam police arrest more than 60 people after attacks on Israeli football fans. In: The Guardian. 8. November 2024, abgerufen am 11. November 2024. Mehrere wohl arabische Autofahrer in der Umgebung verfolgten daraufhin Maccabi-Anhänger, die zum Holland-Casino liefen, wo sich insgesamt 400 Fans aufhielten. Die Polizei eskortierte die Fans sicher aus dem Casino. Kleinere Auseinandersetzungen setzten sich jedoch rund um das Casino fort. Bei einem gewaltsamen Zwischenfall wurde ein Maccabi-Fan in die Gracht gestoßen. Um drei Uhr nachts in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag sei dann Ruhe eingekehrt.
Donnerstag, 7. November
Ausgangslage aus Sicht der Behörden Nach Polizeiangaben war die Lage am Donnerstagmorgen in einigen Teilen des Stadtzentrums „unruhig“. Um 11:00 Uhr besprachen Behörden an einer Sitzung die Vorfälle der vergangenen Nacht. „Die Hauptsorge galt der Aggression, die von Maccabi-Anhängern gezeigt wurde, und der Reaktion der Taxifahrer,“ so der spätere offizielle Bericht von Bürgermeisterin Halsema, Polizeichef Peter Holla und Oberstaatsanwalt René de Beukelaer. Die Behörden prüften das Lagebild, bewerteten die Notwendigkeit zusätzlicher Maßnahmen und evaluierten die vorbereiteten Szenarien neu. Die Polizei beurteilte die verschärften Sicherheitsmaßnahmen und den umfangreichen Einsatz als ausreichend. Ein möglicher Spielabbruch wurde erwogen, jedoch mangelte es dafür an rechtlichen Grundlagen. Stattdessen wurde entschieden, das Stadion frühzeitig zu öffnen und die israelischen Fans dorthin zu lenken, anstatt sie im Stadtzentrum zu belassen.
Amsterdams Bürgermeisterin Femke Halsema befürchtete gewalttätige Auseinandersetzungen. Eine vor dem Stadion geplante Demonstration gegen das Spiel wurde deshalb auf ihre Anweisung auf einen 1,5 Kilometer entfernten Ort am Anton de Komplein verlegt.Amsterdam: Wie es zu der antisemitischen Hetzjagd nach dem Fußballspiel kommen konnte – Der Spiegel, 8. November 2024, abgerufen am 11. November 2024. Auch die tägliche pro-palästinensische Demonstration im Stadtzentrum wurde nach Absprache mit den Behörden von den Organisatoren freiwillig abgesagt. Halsema erklärte am Donnerstagabend vor dem Spiel bei einer Pressekonferenz, sie habe sich „wochenlang“ auf dieses Spiel vorbereitet und den Nationalen Koordinator für Terrorismusbekämpfung und Sicherheit (NCTV) kontaktiert. Laut Halsema sah dieser damals keine konkrete Bedrohung, riet jedoch zur Vorsorge.
Provokationen durch Maccabi-Fans vor dem Spiel Gegen 13 Uhr versammelten sich Maccabi-Fans auf dem Dam-Platz, In: Het Parool. 9. November 2024, abgerufen am 11. November 2024.Die „Judenjagd“ und ihre Vorgeschichte. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 10. November 2024, abgerufen am 11. November 2024. wobei sie Transparente mit israelischen Soldaten zeigten und Feuerwerk zündeten. Ebenso wurden Aufkleber mit Bildern israelischer Soldaten angebracht.Hoe de oorlog in het Midden-Oosten Amsterdam in geweld onderdompelde. In: de Volkskrant. 8. November 2024, abgerufen am 11. November 2024. Gegner der Maccabi-Fans näherten sich der Versammlung, was zu Vorfällen in der Nähe des Dam-Platzes führte. Es kam zu beidseitigen Auseinandersetzungen. Die Stimmung kippte immer wieder, wenn die Fans mit einem „Free Palestine“-Ruf provoziert wurden. In: Het Parool. 9. November 2024, abgerufen am 11. November 2024. Maccabi-Fans zeigten Mittelfinger, riefen „Fuck Palestine“ und skandierten „Olé, olé, lasst die IDF (die israelische Armee) gewinnen, ficken wir die Araber“. Die Polizei nahm zehn Personen wegen verschiedener Straftaten fest, insbesondere wegen Störung der öffentlichen Ordnung.Amsterdam: Wie es zu der antisemitischen Hetzjagd nach dem Fußballspiel kommen konnte – Der Spiegel, 8. November 2024, abgerufen am 11. November 2024.
Gegen 17:30 Uhr marschierten etwa 1.000 Maccabi-Anhänger vom Dam-Platz zum Hauptbahnhof. Die Bereitschaftspolizei sperrte die Fanroute ab und begleitete die Anhänger zu reservierten U-Bahnen, die sie direkt zum Stadion brachten. Auf dem Weg zur U-Bahn riefen die Fans „Tod den Arabern“ und einen Schlachtruf, mit dem sie nicht ihr Team, sondern ihre Armee anfeuerten. In der U-Bahn sangen die Fans am Abend laut Frankfurter Allgemeine und New York Times ein Lied mit der Zeile: „Es gibt keine Schulen mehr in Gaza, alle Kinder sind tot. Olé, olé, olé.“ Aus Polizeisicht verlief der Fanmarsch kontrolliert, mit nur einer Festnahme wegen Störung der öffentlichen Ordnung. Am Bahnhof Strandvliet standen zahlreiche Polizeikräfte bereit, die die Fans zum Gästebereich im Stadion begleiteten.
Pro-palästinensische Mobilisierung Im Laufe des Tages wurden in pro-palästinensischen Chatgruppen widersprüchliche Meinungen zum bevorstehenden Spiel geteilt. Manche Stimmen warnten eindringlich, zum Stadion zu gehen und vor Eskalation, andere heizten die Stimmung an und riefen offen zur Gewalt auf. Im Laufe des Nachmittags wurde in den sozialen Medien in zunehmend schärferem Ton dazu aufgerufen, gegen Maccabi-Anhänger vorzugehen. Dabei tauchten auch antisemitische Begriffe auf. Auch hieß es in einem Chat, in „nicht-öffentlichen Gruppen“ würden „Pläne geschmiedet“. Die Polizei hielt später fest, dass die Täter in den sozialen Netzwerken mobilisiert wurden, zudem seien Taxifahrer aufgefordert worden, sich an der U-Bahn-Station Strandvliet zu versammeln, wo die Maccabi-Anhänger aussteigen würden. Schon vor dem Spiel entstand ein Video, auf dem eine Person von zwei Angreifern verfolgt wird, untertitelt mit „Anschauen und genießen … 6 Zionisten verjagt“. Nach dem Spiel hätten Aufrufe zum gezielten Angriff von „Kämpfern“ auf israelische Maccabi-Anhänger und zur „Judenjagd“ begonnen.