mini|Historische Region Oberswanetien in Georgien mini|Historische Region Niederswanetien in Georgien mini|Waldgebiete in Oberswanetien mini|Swanetischer Wehrturm
Swanetien (/Swaneti) ist eine historisch-geographische Region im Norden Georgiens im Großen Kaukasus. Swanetien wird historisch als kulturell geschlossener Raum betrachtet, der über eine besondere Geschichte und Architektur sowie weitere spezifische soziale und wirtschaftliche Gegebenheiten verfügt. Politisch ist Swanetien innerhalb Georgiens heute auf die Regionen Mingrelien und Oberswanetien und Ratscha-Letschchumi und Niederswanetien aufgeteilt. Die bedeutendste Stadt in Swanetien ist Mestia, die Verwaltungshauptstadt Oberswanetiens. Swanetien ist eines der begehrtesten Reiseziele innerhalb Georgiens und vor allem bekannt für seine weitgehend unberührte Gebirgslandschaft und die besondere Architektur seiner Bergdörfer wie Kala, Mulachi und Uschguli (Ushguli), die von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt wurde. Der Asteroid des äußeren Hauptgürtels (3191) Svanetia ist nach der Region benannt.
Lage, politische Gliederung und Naturraum Swanetiens mini|Der Blick in das obere Flusstal des Zcheniszqali zeigt die für Swanetien typischen flussnahe Weideflächen. Swanetien liegt im Nordwesten Georgiens und grenzt von Süden her an die Republiken Karatschai-Tscherkessien und Kabardino-Balkarien der Russischen Föderation. Man unterscheidet zwischen Oberswanetien (georgisch Zemo Swaneti) und Niederswanetien (Kvemo Swaneti). Diese beiden Regionen als Teile der jeweiligen Verwaltungseinheiten Mingrelien und Oberswanetien (Samegrelo-Semo Swaneti) und Ratscha-Letschchumi und Niederswanetien (Racha-Letschchumi da Kwemo Swaneti) werden durch das Swanetische Gebirge getrennt. In Oberswanetien leben entlang des Haupttals des Enguri (Munizipalität Mestia) heute etwa 14.600 Menschen, in Niederswanetien (Munizipalität Lentechi) gut 9.000. Niederswanetien liegt zwischen Swanetischem und Letschchumi-Gebirge im Tal des Zcheniszqali. In Swanetien sank die Einwohnerzahl in Folge von Abwanderungsbewegungen aus ökologischen und ökonomischen Gründen seit Ende der 1980er Jahre stark. Die Abwanderung erfolgte vor allem nach Niederkartlien (Kvemo Kartli), eine Region südlich von Tiflis. Eine aktuelle Bevölkerungszahl kann nicht sicher benannt werden, da die Menschen trotz Abwanderung meist in ihrer Heimatregion registriert bleiben und mittlerweile wegen des wachsenden Tourismus nach Oberswanetien Rückwanderungsbewegungen eingesetzt haben. Neben Ober- und Unterswanetien siedelten Swanen seit dem 19. Jahrhundert im Kodori-Tal, einem Längstal, das auch als Dalischlucht bezeichnet wird, und das in der von Georgien abgespaltenen Republik Abchasien liegt. Im Zuge der georgischen Militärintervention unter Präsident Micheil Saakaschwili gegen die abtrünnige Republik Ossetien im Jahr 2008 wurden diese Swanen von abchasischen und russischen Militäreinheiten aus dem Kodori-Tal vertrieben und wanderten nach Niederkartlien und Oberswanetien ab.
Der höchste Berg in Swanetien (und damit in ganz Georgien) ist der hohe Schchara im Hauptkamm des Großen Kaukasus auf der Grenze zu Russland. Außerdem prägen die Gipfel des Tetnuldi () und des Uschba () die Landschaft Oberswanetiens. Die Gliederung des swanetischen Gebirgslandes reicht von verschiedenen Waldstufen (Fichten- und Tannen-, Buchen-, Hainbuchen- und orientalische Hainbuchenwälder und Birkenwälder) über alpine Matten bis in eine Fels- und Gletscherzone, wobei sich das Relief entlang der beiden Hauptflüsse Enguri und Zcheniszqali durch große Schroffheit auszeichnet mit tief eingeschnittenen, teilweise schwer zugänglichen Seitentälern und hoch gelegenen Gebirgspässen. Swanetien verfügt über eine hohe Biodiversität und über eine Reihe endemischer Pflanzenarten (darunter die Glockenblume Campanula engurensis, die Distel Lamyropsis charadzeae und das Fingerkraut Potentilla svanetica). Die obere Waldgrenze liegt bei etwa 2200 Metern, wobei anzumerken ist, dass diese durch jahrhundertealte Weidewirtschaft und Holzeinschlag um 200 bis 300 Meter tiefer liegt als die natürliche Grenze und die sonnenzugewandten Hänge von deutlich tiefer gelegenem Holzeinschlag geprägt sind, um die Hänge in Siedlungsnähe einer ackerbaulichen Nutzung zugänglich zu machen. Eng verbunden mit dem Naturraum sind Naturrisiken für den Menschen wie Starkregen oder starke Schneefälle, Lawinenabgänge, Hangrutschungen und Murenabgänge. Nachhaltige Formen der Forstwirtschaft sind erst im Entstehen.
Das Klima ist in den mittleren Lagen humid mit kalten Wintern und weit in den Sommer reichenden Kältephasen. In den höheren Lagen nimmt die Zahl der warmen Monate ab, in den höchsten Lagen fehlt ein echter Sommer. In den niedrigeren Lagen von Enguri und Zcheniszqali sind die Winter gemäßigt und die Zahl der Sommermonate steigt.
Swanetien als Kulturraum In Georgien ist es bis heute weit verbreitet, ethnischen und regionalen Gruppen bestimmte Mentalitäten oder Lebensweisen zuzuschreiben. Und auch unter georgischen Wissenschaftlern ist es üblich, bestimmte traditionelle soziale Vorstellungen mit bestimmten ethnischen Gruppen zu verbinden. Swanen werden aufgrund besonderer geschichtlicher Bezüge dabei oft als Träger und Bewahrer von georgischer Kultur in einer gewissen reinen, unveränderten Form angesehen. Allerdings sind die über Georgien verteilt lebenden Menschen, die sich als Swanen sehen und von außen als solche bezeichnet werden, selbstverständlich weit davon entfernt, eine homogene Gruppe zu sein. Auch in der swanischen Selbstwahrnehmung führt dies dazu, sich als eine Gruppe zu sehen, die sich von anderen unterscheidet und sich als eine auf gewisse Weise freie Gruppe mit eigenen Regeln, Gesetzen und Lebensweisen zu betrachten. Aktuelle Umfragen des Caucasus BarometerCaucasus Barometer von 2017 zeigen, dass weiterhin 74 % der Bevölkerung Georgiens davon überzeugt sind, dass es für einen guten Bürger wichtig sei, Traditionen zu bewahren und diese zu schützen.
Geschichtliche Bezüge Geht es um die Swanen als Bevölkerungsgruppe oder Swanetien als Raum, verweisen wissenschaftliche und populärwissenschaftliche Literatur immer wieder auf bestimmte geschichtliche Ereignisse oder Phasen, die herangezogen werden, um das zu charakterisieren, was als typisch für die Region und deren Bevölkerung gesehen wird oder diese auf bestimmte Weise auszeichnen soll.
Die Swanen werden sowohl von den Griechen als auch von den Römern erwähnt. Im 4. Jahrhundert v. Chr. beschreibt der griechische Chronist Xenophon die Swanen. Vermutlich zogen sie im 3. Jahrhundert v. Chr. von den Ebenen zu den abliegenden Bergregionen. Von dem griechischen Geographen Strabon (63 v. Chr.–23 n. Chr.) wurden die Swanen als kriegerisches Volk beschrieben.
Das Fürstentum Swanetien gliederte sich etwa im 12. Jahrhundert dem georgischen Königreich an in der Zeit dessen sogenannten Goldenen Zeitalters zwischen 11. und 13. Jahrhundert. Nach dem Einbrechen mongolischer Streitkräfte zersplitterte das georgische Königreich zunehmend in viele regionale Herrschaftsgebiete mit einzelnen Feudalherren. Im 15. Jahrhundert entstanden dann das Fürstentum Dadeschkeliani-Swanetien im westlichen Oberswanetien, das Fürstentum Niederswanetien (nach der Fürstenfamilie, die zugleich über Mingrelien und im Mittelalter auch in Gurien herrschte, auch als Dadiani-Swanetien bezeichnet) und das sogenannte Freie Swanetien im östlichen Oberswanetien. Letzteres genoss einen hohen Grad an Autonomie, weil es dort keine Familienlinie gab, die so stark gewesen wäre, dass sie die politischen und ökonomischen Verhältnisse wesentlich bestimmt hätte. So kann das gesamte Enguri-Tal ab Mestia in dieser Zeit am besten beschrieben werden als Verbund unabhängiger Dorfgemeinschaften mit jeweils eigener Verwaltung, eigener Rechtsprechung und dem Vermögen, gemeinschaftsbezogene politische Akte umzusetzen. Swanetien war im gesamten Mittelalter trotz seiner abgeschiedenen Lage mit den georgischen Reichen verbunden. Allein in Oberswanetien wurden im Mittelalter über 100 georgisch-orthodoxe Kirchen gebaut, die meisten in der Hochzeit der Kirchenbaukunst zwischen dem 9. und 13. Jahrhundert.Kevin Tuite: Lightning, Sacrifice, and Possession in the Traditional Religions of the Caucasus (Continued from Anthropos 99. 2004: 143–159.) In: Anthropos, Band 99, Heft 2, 2004, S. 481–497, hier S. 489
Zwischen 1857 und 1859 wurde Niederswanetien vom Russischen Reich annektiert. 1864 folgte Oberswanetien. 1864 bereiste der deutsche Naturforscher Gustav Radde die Region. alt=Blick auf den Zcheniszqali in Niederswanetien kurz vor dem Pass in Richtung Oberswanetien in Richtung Enguri-Tal.|mini|Blick auf den Zcheniszqali in Niederswanetien kurz vor dem Pass in Richtung Oberswanetien hin zum Enguri-Tal. Bereits unter der Zeit des Einflusses des Russischen Reichs während der Kaukasuskriege (1817–1864) und der Demokratischen Republik Georgien (1918–1921) gab es starke Bemühungen, traditionelle Rechtsvorstellungen aufzulösen, wie sie in ganz Georgien und besonders in Swanetien verbreitet und im Alltag wirksam waren, z. B. in Form von Gemeinschaftsversammlungen, Ältestenräten und Mediationsgerichten, weil sie einer Modernisierung der Gesellschaft und einer Umsetzung zentralstaatlichen Rechts entgegenstanden.
In der Zeit der Sowjetunion wurden diese Bemühungen mit der Einrichtung sowjetischer Gerichte und der Durchführung von Strafverfahren zur Umsetzung der marxistisch-leninistischen Ideologie fortgesetzt und vertieft, stießen jedoch auf starken Widerstand unter der Bevölkerung Swanetiens und auch der sonstigen Bevölkerung Georgiens, weil das Sowjetsystem überwiegend als Kolonialmacht wahrgenommen wurde. Besonders im Kaukasus erfolgte die Einführung des sowjetischen Rechtssystems nicht konsequent, da die Gerichte und Strafverfolger schlicht überfordert waren von der Vielzahl der möglichen Fälle. So blieben gleichzeitig immer auch traditionelle Rechtsinstanzen wie Ältestenräte und Mediatorengerichte erhalten. Bis zum Ende der Sowjetunion sind für Swanetien Fälle dokumentiert, bei denen Personen sowohl Mitglieder sowjetischer Rechtsinstitution waren als auch in traditionellen Mediatorengerichten tätig waren, was sich eigentlich ausschloss. Dies lag daran, dass sich im sowjetischen Georgien eine Unterscheidung nach Kapitalverbrechen und anti-sowjetischen Verbrechen etablierte, deren Verhandlung und Verurteilung der Staat rigoros an sich zog und sogenannten Privatangelegenheiten, bei denen den Parteien zugestanden wurden, eine außergerichtliche Einigung anzustreben, z. B. über Instanzen traditionellen Rechts.
Als weiteres folgenreiches Ereignis in der Geschichte Swanetiens kann die ökologische und soziale Katastrophe im Winter 1986/87 gelten, die durch andauernde, ungewöhnlich starke Schneefälle verursacht wurde und in deren Folge, je nach Quellenlage, 80 bis 100 Menschen in Ober- und Unterswanetien ihr Leben verloren. Infolgedessen wurden ungefähr 16.000 Menschen evakuiert und dauerhaft umgesiedelt in andere Regionen Georgiens, v. a. in Dörfer in Kvemo Kartli, südlich von Tbilisi. mini|Mestia, die Verwaltungshauptstadt Swanetiens um 1900. alt=Der Stuhl eines Ältesten (makhushi) im privaten ethnografischen Museum einer Familie in Zhibiani (Ushguli).|mini|Der Stuhl eines Ältesten (makhushi) im privaten ethnografischen Museum einer Familie in Zhibiani (Ushguli).