Zweisprachigkeit, eine Unterform der Mehrsprachigkeit, bedeutet auf individueller Ebene, zwei Sprachen zu beherrschen. Eine zweisprachige Person wird traditionell als jemand definiert, der zwei Sprachen versteht und regelmäßig produziert. Der erste Kontakt einer zweisprachigen Person mit beiden Sprachen kann bereits in der frühen Kindheit beginnen, also vor dem dritten Lebensjahr, er kann aber auch später im Leben beginnen, während der einsprachigen oder zweisprachigen Erziehung. Gleich gute Sprachkenntnisse zweisprachiger Personen kommen selten vor, da diese in der Regel je nach Bereich variieren. So kann eine zweisprachige Person zum Beispiel arbeitsbezogene Begriffe in der einen Sprache besser beherrschen und familienbezogene Begriffe in einer anderen Sprache.
Zweisprachigkeit wird mit einer Reihe kognitiver Vorteile in Verbindung gebracht. Untersuchungen über die Interaktion zwischen der Erstsprache (L1) und der Zweitsprache (L2) einer zweisprachigen Person zeigen, dass beide Sprachen sich gegenseitig und auch die kognitiven Funktionen außerhalb der Sprache beeinflussen. Untersuchungen zu exekutiven Funktionen wie Arbeitsgedächtnis, Wahrnehmung und Aufmerksamkeits-/Hemmungskontrolle legen nahe, dass Zweisprachige in verschiedenen Situationen erhebliche kognitive Vorteile gegenüber einsprachigen Gleichaltrigen haben können. Es gibt auch altersbedingte Vorteile, die vor kognitivem Abbau bei älteren Erwachsenen zu schützen scheinen.
Im Laufe der Geschichte der Forschung zu den kognitiven Vorteilen der Zweisprachigkeit hat sich die Sichtweise von einer subtraktiven zu einer additiven Perspektive gewandelt: Heute geht man davon aus, dass Zweisprachigkeit die Fähigkeiten eines Menschen eher steigert als schmälert.
Es besteht jedoch erhebliche Uneinigkeit darüber, wie die Erkenntnisse zu diesem Thema interpretiert werden sollten. Systematische Übersichtsarbeiten und Metaanalysen von Studien zu Exekutivfunktionen konnten keine überzeugenden Belege für kognitive Vorteile bei gesunden Erwachsenen oder bei Teilnehmern aus einem größeren Altersspektrum finden.
Geschichte der Zweisprachigkeitsforschung Laut der School of Social Sciences der Singapore Management University (SMU) gab es vor den 1960er Jahren unterschiedliche Forschungsergebnisse zu zweisprachigen Personen, die jedoch allgemein die Ansicht unterstützten, dass Zweisprachigkeit auch Nachteile mit sich bringe. Die Forscher glaubten, dass Zweisprachige einen kleineren Wortschatz und verminderte kognitive Fähigkeiten hätten. Sie dachten auch, dass Kinder, die in jungen Jahren zwei Sprachen lernen, Schwierigkeiten hätten, die beiden Sprachen zu differenzieren und ihre Fähigkeiten so zu verbessern, dass sie in beiden Sprachen kompetent werden. Die Vorstellung, dass Zweisprachigkeit der sprachlichen und kognitiven Entwicklung eines Kindes schade, hielt sich hartnäckig. Einer historischen Übersicht im Journal of Genetic Psychology zufolge vertraten verschiedene Forscher diese Ansicht und stellten ein „Problem der Zweisprachigkeit“ oder den „behindernden Einfluss der Zweisprachigkeit“ fest. Nachfolgende Studien berichteten, dass Zweisprachige bei IQ-Tests schlechter abschnitten und in den meisten Aspekten der Sprachentwicklung darunter litten. Diese Sichtweisen auf Zweisprachigkeit könnten aus Studien stammen, die den sozioökonomischen Status nicht berücksichtigten und IQ-Tests an nicht kompetenten Sprechern einer Zweitsprache in dieser Zweitsprache durchführten. Viele dieser Studien verwendeten auch nicht standardisierte und subjektive Definitionen von Zweisprachigkeit und einer zweisprachigen Person und bezeichneten jemanden als zwei- oder einsprachig aufgrund von Annahmen, die auf der nationalen Herkunft der Eltern oder dem Familiennamen basierten.
Der Ton der Forscher änderte sich Ende der 1950er/Anfang der 1960er Jahre, als Eric Heinz Lenneberg, Noam Chomsky und Morris Halle das Feld der Biolinguistik mitbegründeten und die Rolle der Biologie in der Sprache erforschten. Ihre Ideen führten dazu, dass andere sich mehr mit der Rolle der menschlichen Entwicklung befassten. Ein Wendepunkt kam 1962 durch eine Studie, die sowohl soziodemografische Faktoren wie Alter, Geschlecht und sozialer Status berücksichtige als auch eine standardisierte Definition für Zweisprachigkeit im Gegensatz zu Einsprachigkeit anwendete. Die Studie ergab, dass Zweisprachigen offenbar erhebliche Vorteile gegenüber ihren einsprachigen Altersgenossen hatten. In Weiterführung dieser Studie begann die Forschung ab diesem Zeitpunkt ihren Schwerpunkt zu verlagern und untersuchte Bereiche der kognitiven Entwicklung und Fähigkeiten wie Wahrnehmung und exekutive Funktionen. 1967 wurde mit der Veröffentlichung von Lennebergs bahnbrechendem Buch Biological Foundations of Language erstmals die Idee einer kritischen Phase des Spracherwerbs eingeführt, die heute besser als sensible Phase bekannt ist und die Ideen zur Zweisprachigkeit weiter beeinflusste. 1977 veröffentlichte das American Institutes for Research eine einflussreiche Studie, die Zweisprachigkeit im Hinblick auf die Bildung diskutierte – wie sie die Leistung eines Kindes im Vergleich zu Gleichaltrigen beeinflusst. Diese Studie spielte eine große Rolle für unser Verständnis der Mehrsprachigkeit und ihrer Auswirkungen auf das Gehirn.
Seit den späten 1970er Jahren haben Forscher weitere kognitive Vorteile der Zweisprachigkeit festgestellt, darunter bessere Aufmerksamkeit, Aufgabenwechsel und Schutz vor altersbedingtem Leistungsabfall. Im Laufe der Zeit hat auch die Zahl der Zweisprachigen in den Vereinigten Staaten zugenommen. Während das United States Census Bureau keine direkten Umfragen zur Zweisprachigkeit durchführt, werden Umfragen zu den im Haushalt gesprochenen Sprachen durchgeführt. Nicht englischsprachige Haushalte werden auch nach Englischkenntnissen befragt. Eine Interpretation der Ergebnisse des Census Bureau aus dem Jahr 2012 ergab, dass 1980 11 % der Bevölkerung zweisprachig waren, 1990 14 % und 2012 20 %.
Kognitive Vorteile Exekutive Funktion Eine Exekutivfunktion ist eine Gruppe hochrangiger kognitiver Prozesse, die bei zielgerichteten Aufgaben wie Problemlösung, geistiger Flexibilität, Aufmerksamkeitskontrolle, Hemmungskontrolle und Aufgabenwechsel helfen. Ein Großteil der aktuellen Forschung zu den kognitiven Auswirkungen der Zweisprachigkeit untersucht die mögliche Beziehung zwischen Zweisprachigkeit und Exekutivfunktion; Einsprachige und Zweisprachige können Unterschiede in der Exekutivfunktion aufweisen. Studien, die Alter und Hintergrundfaktoren wie sozioökonomischer Status abgleichen, haben ergeben, dass Zweisprachige, die die geistigen Anforderungen des Erlernens mehrerer Sprachen erleben, möglicherweise eine größere Exekutivkontrolle haben und andere kognitive Vorteile erfahren als ihre einsprachigen Altersgenossen. Die Exekutivfunktion kann auch Auswirkungen auf ältere Erwachsene haben. Erwachsene, die in jungen Jahren eine zweite Sprache gelernt haben, zeigen eine bessere Kontrolle und Hemmungskontrolle als einsprachige Erwachsene sowie einen größeren Schutz vor kognitivem Abbau wie Demenz. Bemerkenswerterweise diskutieren einige Wissenschaftler weiterhin, ob ein zweisprachiger Vorteil bei der Exekutivfunktion besteht, wobei einige Studien und Metaanalysen zu gegenteiligen Schlussfolgerungen kommen.
Bimodale Zweisprachigkeit
Unimodale Zweisprachige sind Personen, die zwei Lautsprachen beherrschen. Im Gegensatz dazu beherrschen bimodale Zweisprachige Sprachen in unterschiedlichen Modalitäten (d. h. eine Laut- und eine Gebärdensprache). Studien haben gezeigt, dass unimodale und bimodale Zweisprachige bei ihrem Sprachgebrauch mit unterschiedlichen Faktoren und Anforderungen konfrontiert sind. In einer einsprachigen Gesprächssituation müssen unimodale Zweisprachige den Gebrauch einer ihrer Sprachen stärker unterdrücken als bimodale Zweisprachige, während sie die andere Sprache verwenden. Dies liegt daran, dass die Verwendung eines gesprochenen Wortes in einer anderen Sprache den Zuhörer verwirren würde, während die Verwendung eines Gebärdenwortes den Zuhörer weniger ablenken würde, selbst wenn er die Bedeutung der Gebärden nicht kennt.
Im Jahr 1998 schlug David Green sein inhibitory control model vor, das sich auf das ständige Bedürfnis eines Zweisprachigen bezieht, eine Sprache zu unterdrücken, während er eine andere verwendet. Da diese Aufgabe die Unterdrückung einer Ablenkungsquelle erfordert, wird diese Art der Kontrolle dann auf andere Aufgaben angewendet. Diese Behauptung wurde durch eine Studie untermauert, in der unimodale und bimodale Zweisprachige verglichen wurden. Da bimodale Zweisprachige sich in beiden Sprachen gleichzeitig ausdrücken können, benötigen sie möglicherweise weniger Hemmung. Diese Idee wurde durch die Ergebnisse der Studie unterstützt; nur unimodale Zweisprachige hatten einen Vorteil, gemessen an der Flanker-Aufgabe (einer kognitiven Aufgabe, die Aufmerksamkeitsfokus und Hemmung misst). Bimodale Zweisprachige wechseln auch weniger häufig die Sprachen (sog. Code-Switching), da sie eher beide Sprachen gleichzeitig verwenden als vollständig von einer zur anderen zu wechseln. Aus diesem Grund stellten die Forscher dieser Studie die Hypothese auf, dass es der Wechsel zwischen den Sprachen sein könnte, der unimodalen Zweisprachigen den Vorteil verschafft.
Zweisprachigkeit vs. exekutive Kontrolle Diaz und Hakuta gingen einer ursprünglichen Frage zum potenziellen zweisprachigen Vorteil nach: Lernen Kinder mit größeren kognitiven Fähigkeiten eher mehr als eine Sprache oder könnte die Kenntnis mehrerer Sprachen zu einer verbesserten kognitiven Leistungsfähigkeit beitragen? Sie führten an einer zweisprachigen Stichprobe von Kindern Raven’s Progressive Matrices durch, eine Reihe nonverbaler Tests zur Messung der kognitiven Fähigkeiten. Die Ergebnisse zeigten, dass ihre Stichprobe eine höhere Korrelation mit dem Grad der Zweisprachigkeit bzw. der Sprachkompetenz und den Testergebnissen aufwies. Dementsprechend legte diese Studie nahe, dass Zweisprachigkeit die kognitiven Fähigkeiten durch die Leistung vorhersagt. Außerdem lernen zweisprachige Muttersprachler oft eine der Sprachen aufgrund des familiären Umfelds, in dem die Verwendung beider Sprachen erforderlich ist. Es ist weniger wahrscheinlich, dass Kinder in einsprachigen Haushalten Zweitsprachen durch individuelle, angeborene kognitive Fähigkeiten lernen.
Kontroverse um die Vorteile der Zweisprachigkeit Die Vorstellung, dass Zweisprachigkeit die exekutiven Funktionen verbessert, wird unter Forschern nicht allgemein akzeptiert. Gemischte experimentelle Ergebnisse haben zu erbitterten, gegensätzlichen Ansichten geführt.
Die Forschungsmethoden beider Gruppen, die für und gegen die Vorteile der Zweisprachigkeit sind, sind umstritten. Einige Forscher, die diese Ansicht vertreten, argumentieren, dass die Korrelationen zwischen Zweisprachigkeit und Exekutivfunktionen inkonsistent sind, da sie sich auf Ergebnisse mit kleinen Stichprobengrößen, Publikationsbias und nicht einheitlichen Definitionen stützen. Darüber hinaus argumentieren sie, dass Zweisprachige nicht bei allen Aufgaben der Exekutivfunktionen durchgängig besser sind und dass bestehende Studien nur Zweisprachige mit Einsprachigen vergleichen und nicht Zweisprachige mit unterschiedlichen Sprachkompetenzen miteinander verglichen werden. Umgekehrt weisen Forscher, die einen Vorteil der Zweisprachigkeit unterstützen, darauf hin, dass Tests der Exekutivfunktionen zwar die Robustheit der Ergebnisse untergraben können, gegenteilige Ergebnisse jedoch von Forschern außerhalb des Zweisprachigkeitsfeldes stammen und neue bildgebende Verfahren historische Ergebnisse eines Vorteils der Zweisprachigkeit robust bestätigen und darauf aufbauen.
Parallele Aktivierung beider Sprachen