Die Sächsischen Separatisten (SS) sind eine Anfang der 2020er Jahre aktiv gewordene mutmaßlich terroristische Vereinigung mit rechtsextremer Ausrichtung und personellen Verbindungen zur Partei Alternative für Deutschland (AfD) sowie deren ehemaligen Jugendorganisation Junge Alternative für Deutschland (JA).
Hintergrund Die Gruppe soll aus fünfzehn bis zwanzig Mitgliedern bestanden haben, seit spätestens November 2020 aktiv gewesen sein und sich selbst Sächsische Separatisten (SS) genannt haben. Sie propagierte rassistische, antisemitische und apokalyptische Ideologien und plante, mit Gewalt Gebiete in Sachsen und anderen ostdeutschen Ländern zu erobern, um ein am Nationalsozialismus orientiertes Staats- und Gesellschaftssystem zu errichten. In Anlehnung an Rechtsextreme in den Vereinigten Staaten nannten die Sächsischen Separatisten diese Bürgerkriegsphase „Boogaloo“. Außerdem seien als letztes Mittel „ethnische Säuberungen“ vorgesehen gewesen. Diese Säuberungen sollten Juden und Migranten betreffen, wobei sie von einem „Holocaust“ sprachen, der unweigerlich viele Tote mit sich bringen werde. Der Präsident des Bundesverfassungsschutzes (BfV), Thomas Haldenwang, ordnete die Gruppe der „-Szene“ () zu, die sich an den Schriften des US-Rechtsextremisten James Mason orientiert.
Die Mitglieder bereiteten sich mutmaßlich auf einen Systemsturz vor, indem sie paramilitärische Trainings absolvierten. Diese umfassten Übungen im Häuserkampf, den Umgang mit Schusswaffen sowie Nacht- und Gewaltmärsche. Zudem beschaffte sich die Gruppe militärische Ausrüstung wie Tarnanzüge, Gefechtshelme und Schutzwesten. Sie planten, sich durch den Handel mit Militärausrüstung und NS-Devotionalien zu finanzieren. Jörg Schimanek war dabei in den Verkauf von Schalldämpfern, Magazinen für Maschinengewehre und schusssicheren Westen involviert, wobei er Plattformen wie Kleinanzeigen und den Telegram-Kanal „Völkischer Flohmarkt“ nutzte. Der Wert der gehandelten Westen wurde auf rund 50.000 Euro geschätzt. Zusätzlich beabsichtigte Schimanek, für den „Ernstfall“ ein Lager in Polen einzurichten, in dem er militärische Ausrüstung wie Schalldämpfer und Magazine aufbewahren wollte. Die „SS“ sollten als „deutsche Zelle“ eines internationalen rechtsterroristischen Netzwerks, der „National Socialist Brotherhood“ (NSB), agieren und sich mit anderen Gruppen weltweit vernetzen.Wie der Anführer die Terrorgruppe finanzieren wollte, tagesschau.de, 20. Dezember 2024. Ein Schalldämpfer soll an den österreichischen Sprengstoffexperten Alfred K. verkauft worden sein, der auch das österreichische Innenministerium berät. Neben dem Schalldämpfer soll K. auch einen Beschusstest für schusssichere Platten russischer Machart organisiert haben.„Sächsische Separatisten“: Waffendeals mit Sprengstoffexperten in Österreich, mdr.de, 7. Februar 2025.
Anfang 2024 wurde das BfV auf die Gruppenchats aufmerksam und schleuste demzufolge einen Vertrauensmann in die Gruppe ein.Verstörende Gewaltfantasien, tagesschau.de, 7. November 2024. Der erste Hinweis auf die Gruppe kam aus den USA, nachdem dem FBI eine Person aus Deutschland in einem Online-Chat durch entsprechende Äußerungen aufgefallen war.Hinweis auf „Sächsische Separatisten“ kam aus den USA, zeit.de, 8. November 2024.
Festnahmen und Waffenfunde Am 5. November 2024 ließ die Bundesanwaltschaft acht mutmaßliche Mitglieder der Gruppierung festnehmen. Es bestehe dringender Tatverdacht der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung. Die Festnahmen fanden in und um Leipzig, in Dresden, im Landkreis Meißen und im polnischen Zgorzelec statt. Die festgenommenen Männer waren zum Festnahmezeitpunkt 21 bis 25 Jahre alt. Gleichzeitig wurden in rund 20 Objekten Durchsuchungen durchgeführt. Die Ermittlungen erfolgen in Zusammenarbeit mit dem Landeskriminalamt Sachsen, dem Bundeskriminalamt und dem Bundesamt für Verfassungsschutz. Die festgenommenen Personen werden dem Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofs vorgeführt, der über die Haftbefehle entscheiden wird. Die Haftbefehle gegen sieben Beschuldigte wurden in Vollzug gesetzt, Jörg Schimanek wurde am 20. Januar 2025 ausgeliefert, und der Haftbefehl wurde am 21. Januar in Vollzug gesetzt.Mutmaßlicher Anführer der „Sächsischen Separatisten“ in deutscher Haftanstalt, lvz.de, 21. Januar 2025. Laut Behördenangaben werde außerdem in diesem Zusammenhang gegen sieben weitere Personen ermittelt. An der Operation waren in Deutschland mehr als 450 Sicherheitskräfte von Bundeskriminalamt, Bundespolizei und anderen Behörden beteiligt.
Im Verlauf der Razzia wurden von den Fahndern nicht registrierte Schusswaffen, Munition, Schalldämpfer, Patronen für Kalaschnikow-Sturmgewehre, Einzelteile mutmaßlicher Kriegswaffen sowie die Hülse einer Mörsergranate gefunden. Die genaue Anzahl der Waffen und Munition war zunächst unklar. Der Verdächtige Kurt Hättasch ist laut Angaben der dpa Jäger; auch ein weiterer Beschuldigter besitzt eine waffenrechtliche Erlaubnis.AfD schließt mutmaßliche Terroristen aus. In: tagesschau.de, 7. November 2024, abgerufen am 7. November 2024.
Ein von der Familie Schimanek in den 1970ern angemietetes Forsthaus in der Nähe der Burgruine Kronsegg (Niederösterreich), in dem bereits Hans Jörg Schimanek jun. Wehrsportübungen der rechtsextremen Szene organisiert hatte, sollte als Stützpunkt der Sächsischen Separatisten in Österreich dienen.Laurin Lorenz, Fabian Schmid: Ermittlungen. Rechtsextreme „Sächsische Separatisten“ wollten sich am „Tag X“ nahe der Burgruine Kronsegg zurückziehen. In: Der Standard, 7. Februar 2025, abgerufen am 7. Februar 2025. Dort wurde ein großes Waffenlager ausgehoben, in dem insgesamt 30 Kilogramm Munition gelagert waren. Die Munition bestand aus Geschossen aus dem Zweiten Weltkrieg, die im Erdreich aufgespürt wurden, sowie aus neuwertiger Munition. Darüber hinaus fanden die Ermittler taktische Ausrüstungsgegenstände wie Schutzwesten, einen Schalldämpfer sowie NS-Devotionalien, Fotos und Gemälde.Großes Waffenlager bei Politiker-Enkeln entdeckt, krone.at, 14. Februar 2025.
Personen Als mutmaßlicher Rädelsführer der militanten Gruppe soll der in Zgorzelec festgenommene Jörg Schimanek agiert haben. Er wird vom Szeneanwalt Martin Kohlmann, Vorsitzender der Freien Sachsen, verteidigt.Anwalt verharmlost „Sächsische Separatisten“ als Wandergruppe, mdr.de, 8. November 2024. Bei Jörg Schimanek und dem ebenfalls angeklagten Jörn Schimanek handelt es sich um die Söhne des österreichischen Rechtsextremisten Hans Jörg Schimanek jun., der in den 1990er Jahren Mitglied in der Wehrsportübungen abhaltenden österreichischen Neonazi-Kameradschaft „Volkstreue außerparlamentarische Opposition“ (VAPO) war. Jörg Schimanek ist laut Recherchen der Zeit ein gelernter Obstbauer mit Affinität zur Bundeswehr, Jörg Schimanek nahm 2024 an einer Neonazidemonstration in Budapest anlässlich des „Tags der Ehre“ teil. Es bestanden Verbindungen zur Kleinstpartei „Der III. Weg“ sowie zu den „Jungen Nationalisten“.Björn Höcke posierte für Fotos mit den Rechtsterroristen, taz.de, 7. November 2024.
Kurt Hättasch saß seit 2024 für die AfD im Stadtrat von Grimma und war Schatzmeister der Jungen Alternative in Sachsen sowie Kreisvorstandsmitglied im AfD-Kreisverband Landkreis Leipzig. Er arbeitete beim Landtagsabgeordneten Alexander Wiesner (AfD); nach seiner Festnahme wurde ihm gekündigt. Laut inoffiziellen Angaben sei Hättasch mit einer Langwaffe vor die Polizisten getreten. Daraufhin seien zwei Warnschüsse abgegeben worden, und er habe einen Kieferbruch erlitten. Er wurde in ein Krankenhaus gebracht und operiert, Lebensgefahr bestand nicht. Hättaschs Frau ist die Tochter des ehemaligen Anführers der verbotenen „Skinheads Sächsische Schweiz“ (SSS) und reiste 2019 mit ihm in die Ukraine, um sich mit Vertretern der Brigade Asow zu vernetzen.Mit Terror und Trompeten, taz.de, 10. November 2024.
Auch die Beschuldigten Kevin Richter und Hans-Georg P. hatten Verbindungen zur AfD. Kevin Richter war in mehreren Gremien der Stadt Grimma Stellvertreter für AfD-Stadträte und zuvor Medienbeauftragter sowie Beauftragter für die Junge Alternative im Kreisverband Leipziger Land der AfD, während Hans-Georg P. 2021 von der Leipziger AfD in den Stadtbezirksbeirat Ost bestellt wurde. Der LVZ zufolge hatte auch Richter in der Vergangenheit für einen Abgeordneten gearbeitet.
Der ehemalige Berliner Finanzsenator und Ex-Unionspolitiker Peter Kurth überwies nach Informationen des Spiegel 100.000 Euro an ein Mitglied der Gruppe. Das Geld wurde verwendet, um eine Immobilie in Grimma zu erwerben, die als Szenetreff dienen sollte. Kurth betont, dass er „nichts von der Gruppe geahnt habe“.Maik Baumgärtner, Nicola Naber, Sven Röbel, Wolf Wiedmann-Schmidt: Ex-Unionspolitiker Peter Kurth überwies 100.000 Euro an mutmaßliche Terroristen, spiegel.de, 11. November 2024.Ex-CDU-Politiker hilft „Sächsischen Separatisten“: 100.000 Euro für Terrorverdächtige, mdr.de, 11. November 2024. Zudem waren mindestens zwei Mitglieder zeitweise bei der Bundeswehr, wurden jedoch entlassen: Kurt Hättasch, weil er die Existenzberechtigung der Bundesrepublik Deutschland leugnete, und Karl K., der nach nur dreieinhalb Monaten Dienst wegen rechtsextremer Äußerungen und dem Verkauf von NSDAP-bezogenen Abzeichen und Gegenständen entlassen wurde; Karl K. war zudem in den NS-Devotionalienhandel des mutmaßlichen Rädelsführers Jörg Schimanek eingebunden, während dessen Bruder sich ebenfalls für den Militärdienst bewarb, jedoch nicht angenommen wurde. Nach Angaben seiner Anwältin wurde Karl K. jedoch nicht wegen Fehlverhaltens aus der Bundeswehr entlassen, sondern machte nach wenigen Monaten seine widerrufliche Verpflichtungserklärung geltend und trat auf eigenen Entschluss hin aus dem Militärdienst aus.„Sächsische Separatisten“: Mutmaßliche Mitglieder aus der Bundeswehr geworfen, tagesschau.de, 17. Januar 2025.
Im Februar 2025 wurden polizeiliche Ermittlungen gegen René Schimanek, Büroleiter des österreichischen Nationalratspräsidenten Walter Rosenkranz (FPÖ) sowie Onkel von Jörg und Jörn Schimanek, publik. Schimanek war in dem Forsthaus in Langenlois, das der Neonazigruppe als Rückszugsort gedient hätte, hauptwohnsitzgemeldet. Im August 2023 trafen sich eine Gruppe um Jörg und Jörn Schimanek in Wien mit Gottfried Küssel, einer Schlüsselfigur der österreichischen Neonaziszene. Das Treffen wurde von österreichischen Ermittlern observiert. Anwesend waren die drei Söhne der Familie Schimanek, ihre Mutter sowie die Lebensgefährtin von Jörg Schimanek. Gegen den dritten, jüngsten Bruder und die Lebensgefährtin von Jörg Schimanek wird ebenfalls ermittelt. Küssel ist der Gründer der VAPO, in der bereits der Vater der Schimaneks aktiv war.
Reaktionen Nach der Razzia schloss der AfD-Bundesvorstand laut Alice Weidel die festgenommenen AfD-Mitglieder einstimmig mit sofortiger Wirkung aus der Partei aus. Laut Deutschlandfunk entscheidet über den Ausschluss ein Schiedsgericht; bis dahin sollen die drei unter Terrorismusverdacht stehenden AfD-Mitglieder „von der Ausübung ihrer Mitgliedsrechte ausgeschlossen werden“. Der Vorstand des sächsischen Landesverbands der AfD beschloss am 6. November 2024 einstimmig den Entzug der Mitgliedsrechte, während der Bundesvorstand am gleichen Tag eine Sondertelefonkonferenz zu diesem Thema durchführte.