mini|Elisabeth Käsemann Der Mordfall Elisabeth Käsemann ereignete sich am 24. Mai 1977 in Argentinien. Elisabeth Käsemann, die Tochter des Theologen Ernst Käsemann, engagierte sich in den 1970er Jahren für soziale Gerechtigkeit in Südamerika. Während der Militärdiktatur in Argentinien wurde sie 1977 entführt, schwer gefoltert und schließlich ermordet. Deutsche Behörden, insbesondere das Auswärtige Amt unter Hans-Dietrich Genscher, unternahmen nichts, um ihr zu helfen. Erst 2011 wurde der Fall in Argentinien aufgearbeitet, während in Deutschland keine politische oder juristische Aufarbeitung stattfand.

Hergang Käsemann wurde in der Nacht vom 8. auf den 9. März 1977 in Buenos Aires verhaftet und in das geheime Haft- und Folterlager El Vesubio verschleppt. Ihre Eltern wurden ebenso wie Amnesty International wenige Tage später durch ihre englische Freundin Diana Austin informiert, die einige Tage nach Elisabeth Käsemann ebenfalls verhaftet, aber auf Druck der englischen Regierung wieder freigelassen worden war.Information aus dem Dokumentarfilm Das Mädchen – Was passierte mit Elisabeth K: https://www.youtube.com/watch?v=8GXhGjbybY0&t=745 Während ihrer Gefangenschaft wurde sie schwer gefoltert.

In der Nacht auf den 24. Mai 1977 wurde sie mit 15 weiteren Gefangenen aus dem Geheimgefängnis El Vesubio zu einem Haus in Monte Grande transportiert, dem Hauptort von Esteban Echeverría im Süden von Groß-Buenos Aires. Dort wurden die Opfer durch Schüsse in Genick und Rücken exekutiert. Ein als Wehrdienstleistender an dem Einsatz beteiligter Soldat sagte im Dezember 2010 bei einer Rekonstruktion der Ereignisse am Tatort im Rahmen des Gerichtsverfahrens gegen acht Verantwortliche als Zeuge aus und gab an, dass auch Militärpersonal in Zivil anwesend gewesen sei.

Am 25. Mai 1977 meldete die Zeitung Clarín den Tod von 16 Terroristen: Sie seien, so die später als falsch entlarvte Nachricht, am 24. Mai 1977 bei einem Feuergefecht mit der Polizei getötet worden. Die beschönigende Darstellung illegaler Exekutionen von Gefangenen als „im Gefecht umgekommen“ war Standard-Praxis der Desinformation des Militärregimes. Ein Feuerwehrhauptmann erklärte 2010 im Vesubio-Prozess, wie er mit seinen Kollegen die 16 Leichen aufgefunden hatte, die anschließend in ein Massengrab auf dem Friedhof von Monte Grande geworfen worden waren. Auf der von den Militärs veröffentlichten Liste der 16 angeblichen Terroristen erschien eine „Isabel Kaserman“,Ulrich Käsemann: (PDF) zur Eröffnung der Ausstellung „Elisabeth Käsemann – Ein Leben in Solidarität mit Lateinamerika“, auf der Webseite des Vereins der Freunde und Freundinnen des Otto-Suhr-Instituts, abgerufen am 11. Juli 2014 die erst später als Elisabeth Käsemann erkannt wurde.

Für die Überlassung des exhumierten Leichnams zur Überführung nach Deutschland soll Major Carlos Antonio Españadero von Ernst Käsemann 25.000 US-Dollar (damals ca. 100.000 Mark) verlangt und erhalten haben.Ricardo Ragendorfer: Historia del represor que se encariñó con el espía que había infiltrado en el ERP, in: Tiempo Argentino vom 12. Mai 2013, abgerufen am 12. Juli 2014 (spanisch) Der Geheimdienstoffizier Españadero fungierte während der Militärdiktatur unter dem Decknamen „Mayor Peirano“ als Verbindungsmann der Deutschen Botschaft zum Militärregime.Esteban Cuya: Mehr als nur ein Tennismatch, in: Lateinamerika Nachrichten vom März 2006, abgerufen am 30. Juni 2015 Die argentinischen Militärs übergaben den Leichnam Elisabeth Käsemanns der Deutschen Botschaft am 8. Juni 1977.Osvaldo Bayer und Frieder Wagner: Dass du zwei Tage schweigst unter Folter. 1991, Filmausschnitt auf YouTube, abgerufen am 3. Juni 2015 Die spätere Obduktion in Tübingen ergab, dass sie aus nächster Nähe erschossen worden war.

Rettungsinitiativen In der Folge des Bekanntwerdens der Verhaftung von Elisabeth Käsemann kam es zu unterschiedlichen Bemühungen, das bedrohte Leben der Deutschen zu retten. Aufgrund der Aussagen von Käsemanns britischer Freundin Diana Austin, die kurz zuvor nach dreitägiger Folterhaft aus Argentinien in die USA ausreisen konnte, startete die Menschenrechtsorganisation Amnesty International im April 1977 eine internationale Öffentlichkeitskampagne, die sich sowohl gegenüber der argentinischen als auch der bundesdeutschen Regierung für eine Freilassung der Inhaftierten einsetzte und für Berichterstattung in den Medien sorgte. Parallel dazu wandte sich ihr Vater Ernst Käsemann bereits im März 1977 mit einem Hilfegesuch an die Deutsche Botschaft in Buenos Aires, auf das er jedoch nur die Antwort erhielt, eine Elisabeth Käsemann sei der Vertretung nicht bekannt.Hans Holzhaider: Mord in Buenos Aires. In: Süddeutsche Zeitung vom 25. August 2001 In den folgenden Wochen beteiligte sich die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) über das Referat Menschenrechte des Diakonischen Werks an den Bemühungen um eine Freilassung. (PDF-Datei; 2,70 MB) Ausstellungsbroschüre, Koalition gegen Straflosigkeit, Nürnberg, Mai 2007, S. 6

Die am 24. Mai 1977 erfolgte Ermordung Elisabeth Käsemanns war dem Auswärtigen Amt spätestens seit dem 3. Juni bekannt. In der argentinischen Lokalpresse wurde der Name bereits am 2. Juni genannt. Die Information wurde aber zurückgehalten, da sich zu dieser Zeit die deutsche Nationalmannschaft als amtierender Fußballweltmeister mit dem damaligen DFB-Präsidenten Hermann Neuberger zu einem freundschaftlichen PR- und Vorbereitungsspiel für die Fußball-WM 1978 in Argentinien aufhielt. Das Spiel fand am 5. Juni statt und Neuberger, der vor allem mit Unterstützung der südamerikanischen Verbände auch eine einflussreiche Position bei der FIFA eingenommen hatte und sehr gute Kontakte auf dem Halbkontinent pflegte, war aufgrund dessen im Vorfeld von verschiedenen Seiten voll informiert und um Einflussnahme im Fall Käsemann gebeten worden. Neuberger verwies daraufhin auf den Primat des (untätigen) Auswärtigen Amtes, dem er nicht vorgreifen wolle, und verbat sich politische Einflussnahme auf den Sport und das Spiel im Besonderen. Dem „knallharten Neuberger“ (der damalige Nationalspieler Paul Breitner) waren neben seinem persönlichen Status quo auch die wirtschaftlichen Interessen ebenso wichtig wie der Bundesregierung und ihren Vertretern und er nahm diesbezüglich regelmäßig politischen Einfluss: Siemens arbeitete an der Einführung des Farbfernsehens in Argentinien zur Fußball-WM, jeder argentinische Spieler erhielt einen Mercedes-PKW als Geschenk zum Freundschaftsspiel und Neuberger lobte sogar den argentinischen Militärdiktator Jorge Videla öffentlich für sein hartes Durchgreifen. Der damalige DFB-Funktionär Horst R. Schmidt nimmt an, dass es nur „eines Anrufes bedurft hätte, des DFB zu sagen, also: lassen sie die Frau frei“. In Argentinien wurde Neuberger dann von Botschafter Jörg Kastl über die Ermordung Käsemanns informiert. Den deutschen Spielern wurde der Fall Käsemann ebenso bewusst verschwiegen, da die DFB-Verantwortlichen offenbar Angst vor Protest von diesen hatten, und sie erfuhren von dem ganzen Komplex erst nach ihrer Rückkehr. Somit wurde die Todesnachricht der Familie Käsemann erst am 6. Juni 1977 übermittelt und dann öffentlich gemacht.

Auf Nachfrage erklärte Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher später, das Auswärtige Amt habe sich ab Bekanntwerden der Verhaftung „in über 30 verschiedenen Interventionen auf allen in Betracht kommenden Ebenen der argentinischen Verwaltung (...) um Aufklärung bemüht“. Der damalige Botschafter Jörg Kastl gab zwar zunächst an, er habe sich über inoffizielle Kanäle zur Diktatur für die Freilassung von Käsemann eingesetzt („Stille Diplomatie“). Insgesamt ging Kastl dabei zu Gunsten von Käsemann und anderen deutschen Opfern der Diktatur nach Einschätzung des Nürnberger Menschenrechtszentrums „weit über die vorgeschriebene konsularische Betreuung hinaus.“ Als er aber schließlich politischen Druck durch das Auswärtige Amt erbat, habe dieses abgelehnt.Dieter Maier: (PDF 118 kB von Juni 2012), auf der Internetseite des Nürnberger Menschenrechtszentrums (NMRZ), abgerufen am 2. Juni 2015 Allerdings erklärte Kastl 2014 wenige Monate vor seinem Tod in einem Interview im Dokumentarfilm Das Mädchen – Was geschah mit Elisabeth K.?: „Die Käsemann überquerte den Schießplatz und geriet in die Schusslinie, so einfach ist das.“ Und unter Bezug auf – allerdings überzogene und unbelegte – damalige Angaben aus US-amerikanischen Quellen: „Sie war erschossen und verscharrt worden, und zwar nicht ganz so ohne Gründe. [Sie] wäre auch bereit gewesen, Bomben zu werfen. [...] Weil sie, wie gesagt, mit recht explosiven Gedanken nach Argentinien gekommen war.“Tod durch politische Untätigkeit, Süddeutsche.deDer politische Mord an Elisabeth Käsemann – Wie das Auswärtige Amt und der DFB in Argentinien versagten. Thomas Gehringer im Tagesspiegel, online 4. Juni 2014

Damals lebten in Argentinien rund 100.000 deutsche Staatsangehörige, rund 100 von ihnen wurden zu Opfern der Militärdiktatur. Nach Aussagen des Auswärtigen Amts konnte die deutsche Diplomatie in 38 Fällen die Argentinier dazu bewegen, die Inhaftierten freizulassen.Felix Bohr, Jens Glüsing und Klaus Wiegrefe: Leichen und Pinguine. In: Der Spiegel vom 19. Mai 2014, abgerufen am 3. Juni 2015 Die Rolle der deutschen Außenpolitik und ihrer Akteure im Fall Käsemann und anderen wurde in der Folge zu einem Gegenstand politischer Kontroversen und zeitgeschichtlicher Forschung (siehe eigenen Abschnitt unten).

Ermittlungen und Prozess Das von den Eltern der Ermordeten angestrengte Ermittlungsverfahren wurde am 8. Februar 1980 von der Staatsanwaltschaft Tübingen eingestellt,Esteban Cuya: Späte Wahrheiten (nicht mehr online). In: „Amnesty Journal“, Mai 2007. Kopie veröffentlicht in Michael Schmid: Elisabeth Käsemann: Vor 30 Jahren von argentinischen Militärs ermordet, lebenshaus-alb.de. da „weitere Ermittlungsmöglichkeiten angesichts der ablehnenden Haltung der argentinischen Behörden nicht bestehen“. Überlebende Folteropfer der argentinischen Diktatur wie Diana Austin, Elena Alfaro und Ana María di Salvo bezeugten ab 2001 eidesstattlich gegenüber der Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth, dass Elisabeth Käsemann erst im geheimen Folterzentrum „Campo Palermo“, dann im geheimen Folterzentrum „El Vesubio“ gefangen gehalten, von da zusammen mit 15 anderen Gefangenen nach Monte Grande gebracht und dort hingerichtet worden war. Die gerichtsmedizinische Untersuchung in Tübingen ergab, dass Elisabeth Käsemann durch Schüsse in Genick und Rücken aus unmittelbarer Nähe getötet wurde, was auf eine typische Exekution hinweist.

Im Auftrag der Initiative Koalition gegen Straflosigkeit und der Familienangehörigen erstattete der Freiburger Rechtsanwalt Roland Beckert im Februar 1999 Strafanzeige im Fall Käsemann. Das Amtsgericht Nürnberg erließ am 11. Juli 2001 gegen den früheren argentinischen General Guillermo Suárez Mason wegen des Mordes an Elisabeth Käsemann Haftbefehl. 2003 folgten aus Nürnberg internationale Haftbefehle gegen die Junta-Mitglieder General Jorge Videla und Admiral Emilio Massera. Im Dezember 2009 wurden in Argentinien die Prozesse gegen die Militärs eröffnet. Auch im Fall Käsemann erfolgten Anklagen gegen verschiedene Personen, die 2011 zu lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilt wurden. In den Verfahren trat die Bundesrepublik Deutschland als Nebenklägerin auf. Der Mord an Elisabeth Käsemann sollte auch im Verfahren gegen den früheren Junta-Chef Jorge Rafael Videla verhandelt werden. Im Verfahren gegen Jorge Videla wollte die Familie Käsemann als Nebenklägerin auftreten. Jorge Videla verstarb jedoch im Mai 2013 im Gefängnis.