mini|Gaswerk Schlieren, ca. 1970: Kammerofendecke mit Füllwagen, links Löschtürme, hinten Kohlensilo Das Gaswerk Schlieren, auch Gaswerk der Stadt Zürich, abgekürzt GWZ, in Schlieren war das grösste Gaswerk der Schweiz. Es war von 1898 bis 1974 in Betrieb und versorgte die Stadt Zürich mit Stadtgas, bis die Umstellung auf Erdgas den Betrieb von Gaswerken in der Schweiz überflüssig machte. Das Gaswerk wurde an einem Standort ausserhalb der Stadt gebaut, um drei innerhalb der Stadtgrenzen liegende Gaswerke zu ersetzen. Ein Grossteil der historischen Betriebs- und Wohnbauten des Gaswerks Schlieren ist erhalten geblieben, einschliesslich einer der vier Gasometer. Diese Objekte sind als Zeugen der Schweizer Industriegeschichte von nationaler Bedeutung und stehen unter Denkmalschutz. Die lokale Bevölkerung nannte das Werk Gasi.
Geschichte Gaswerk auf dem Platzspitz Das erste Gaswerk in Zürich befand sich auf dem Platzspitz auf einem Areal, das später für das Landesmuseum genutzt wurde. Es nahm im Dezember 1856 den Betrieb als viertes Gaswerk der Schweiz auf, nachdem bereits die Städte Bern, Genf und Basel über Gaswerke verfügten. Betreiber war die Zürcher Aktiengesellschaft für Gasbeleuchtung, die von dem Konzessionär Ludwig August Riedinger aus Bayreuth zusammen mit lokalen Geldgebern gegründet wurde. Das Gas wurde durch Holzvergasung in Horizontalretortenöfen erzeugt und diente hauptsächlich zur Beleuchtung von privaten und städtischen Gaslaternen. Das Gaswerk verarbeitete zudem zeitweise Ölschiefer, bis dies vom Stadtrat 1864 unterbunden wurde.Escher: Das Gaswerk der Stadt Zürich. 1935, S. 90. Es wird der Begriff «Boghead-Kohlen» verwendet. mini|ohne|Gaswerk in der Platzpromenade
Gaswerk im Industriequartier Das Gaswerk auf dem Platzspitz wurde nach zehn Jahren Betrieb zu klein, weshalb ein neues Gaswerk im Industriequartier an der Limmatstrasse errichtet wurde, das 1867 den Betrieb aufnahm. Zusätzlich wurde 1873 ein kleineres Gaswerk in Riesbach an der Hornbachstrasse in Betrieb genommen. Mit dem neuen Gaswerk verbunden war auch die Umstellung von der Holzvergasung auf die Steinkohlevergasung.
1886 lief die dreissigjährige Konzession von Riedinger aus, wodurch die Stadt die Möglichkeit erhielt, das Gaswerk zu erwerben. Mit der Eingemeindung der Enge gelangte ein drittes Gaswerk in den Besitz der Stadt. Insgesamt konnten alle drei Gaswerke täglich zwischen 34'000 und 39'000 Kubikmeter Gas produzieren.Escher: Das Gaswerk der Stadt Zürich. 1935, S. 93. mini|ohne|Situationsplan des Gaswerks an der Limmatstrasse
Neubau in Schlieren mini|Gaswerk in den 1900er Jahren mini|Gaswerk Schlieren vor dem Umbau 1928 Die bestehenden drei Gaswerke konnten den Gasbedarf der Stadt nicht länger decken, weshalb der Gemeinderat im Februar 1897 den Neubau eines Gaswerks in Schlieren nahe der westlichen Stadtgrenze für 7,8 Millionen Franken bewilligte. Das neue Werk, für das ein 12 Hektar grosses Gelände erworben wurde, wurde östlich des Bahnhofs Schlieren errichtet und erhielt einen 1,5 km langen Gleisanschluss an die Nordostbahnstrecke Zürich–Baden. Das Ofenhaus wurde für die Produktion von 50'000 Kubikmeter Gas pro Tag ausgelegt, mit der Möglichkeit, die Kapazität durch den Bau eines zweiten Ofenhauses auf insgesamt 100'000 Kubikmeter zu erweitern. Im Ofenhaus standen vier Batterien mit jeweils acht Öfen, wobei jeder Ofen aus neun Schrägretorten mit einer Länge von 3,5 Metern bestand.Escher: Das Gaswerk der Stadt Zürich. 1935, S. 94.
Der neben dem Ofenhaus erstellte Kohlenschuppen hatte eine Lagerkapazität von knapp 14'000 Tonnen Kohle. Die Magazinierung erfolgte weitgehend automatisch: Die mit offenen Güterwagen angelieferte Kohle wurde in einen Trichter geleitet. Der Inhalt des Trichters konnte am unteren Ende in einen 0,8 m³ grossen Kübel abgelassen werden. Dieser Kübel wurde von einem elektrisch angetriebenen Aufzug, dem sogenannten Hunt’schen Elevator, angehoben, leicht seitlich verschoben und in einen weiteren Trichter entleert.Weiss: Das neue Gaswerk der Stadt Zürich in Schlieren. Teil 2.
Vom Trichter aus wurde die Kohle mit einer Hunt’schen automatischen Bahn in den Kohlenschuppen befördert. Auf der Bahn lief ein Sattelbodenwagen mit einem Volumen von 1,5 m³. Dieser Wagen bewegte sich auf einer schiefen Ebene mit einem Gefälle von etwa 3 % in Richtung Absturzstelle, wurde jedoch durch ein Gegengewicht an einem Drahtseil abgebremst. An der Entladestelle öffnete eine am Gleis befestigte Auslöseknagge die Seitenwände des Wagens, sodass die Kohle in das darunterliegende Magazinabteil stürzte.
Drei gleiche Anlagen waren nebeneinander installiert und konnten gemeinsam etwa 90 Tonnen Kohle pro Stunde entladen. Sie wurden von Julius Pohlig aus Köln geliefert,Weiss: Das neue Gaswerk der Stadt Zürich in Schlieren. Teil 1, Doppeltafel. der später für seinen Seilbahnbau bekannt wurde.
Erweiterung 1903 bis 1909 Die 1896 erstellte Prognose über den Anstieg des Gasverbrauchs in den kommenden Jahren war völlig falsch. Zwischen 1899 und 1909 nahm die Bevölkerung jährlich um 3,5 % zu, der Gasverbrauch aber jährlich um knapp 40 %. Bereits 1903 wurden das Apparatehaus II und das Reinigungshaus II gebaut, weil die entsprechenden Anlagen von 1898 bei Vollbetrieb des Ofenhauses das produzierte Gasvolumen nicht mehr verarbeiten konnten.Karl Grunder: Das Gaswerk der Stadt Zürich in Schlieren. S. 247
1904 wurden anstelle des geplanten zweiten Ofenhauses im bestehenden Ofenhaus zwei Ofenbatterien durch Dessauer Vertikalöfen ersetzt. Jede der neuen Batterien bestand aus zehn vier Meter langen Retorten. Da die zwei Gasometer mit einem Fassungsvermögen von jeweils 25'000 Kubikmetern nicht mehr ausreichten, wurde 1908 ein dritter Gasometer mit einem Inhalt von 50'000 Kubikmetern errichtet.Kübler: Das Kohlengaswerk der Stadt Zürich. 1995, S. 9. mini|Kohlesilo II (Baujahr 1908) Der 1909 fertiggestellte 3'000 Tonnen Kohle fassende Kohlensilo II war einer der ersten unverkleideten Stahlbetonbauten Europas und fand deshalb international Beachtung. Planer waren die Gebrüder Rank in München, den Bau führte Eduard Züblin aus.
Im Jahre 1906 fertigte Eduard Spelterini Luftbilder von Zürich an, auf denen auch das Gaswerk Schlieren klar zu erkennen war. Diese Aufnahmen zeigte er vom 16. bis 20. Oktober bei Vorträgen in Wien.
Während des Internationalen Wettfliegens zu Zürich (Gordon-Bennett-Cup) Anfang Oktober 1909 war beim Gaswerk Schlieren ein Füllplatz für Luftschiffe eingerichtet. Die Befüllung war dank des hohen Gasbehälterdrucks ohne zusätzliche Einrichtungen möglich. Für die Befüllung der Ballone innerhalb von 2–3 Stunden wurde eine Gasmenge von rund 14'000 m³ benötigt. Später diente das Gaswerk auch als Startplatz für Ballone, so etwa am 8. Februar 1913 für Robert Liefmanns Bodensee.
1912 und 1916 wurden im Ofenhaus die beiden verbleibenden Ofenbatterien mit Schrägretorten ebenfalls durch Dessauer Vertikalöfen ersetzt. Das Gaswerk war nun in der Lage, täglich 150'000 Kubikmeter Gas zu produzieren, und im selben Jahr betrug die maximale tägliche Abgabe sogar 156'000 Kubikmeter. Allerdings ging die Gasabgabe in den letzten Jahren des Ersten Weltkriegs stark zurück, was dazu führte, dass die geplante Erweiterung des Gaswerks um zehn Jahre verschoben werden konnte.Escher: Das Gaswerk der Stadt Zürich. 1935, S. 95.
Erster Weltkrieg Ab Frühjahr 1917 gab es immer weniger Kohlenlieferungen aus Deutschland, sodass das Gaswerk auf Ersatzbrennstoffe angewiesen war. Es wurde auf in der Schweiz abgebaute minderwertige Braunkohle und Schieferkohle ausgewichen, während auch Holz und Torf als mögliche Brennstoffe in Betracht gezogen wurden. In diesem Zusammenhang beteiligte sich das Gaswerk an der Schweizerischen Torfgenossenschaft und erwarb ein eigenes Torfgebiet im Rifferswilermoos. 1918 bis 1920 bezog das Gaswerk 28'400 t Torf von inländischen Torffeldern. Davon wurden 10'700 t von der Torfgenossenschaft, 7000 t aus dem eigenen Torffeld im Rifferswilermoos, 5000 t vom Zugerberg, 2200 t aus dem Entlebuch und der Rest von verschiedenen anderen Orten bezogen.Kübler: Das Kohlengaswerk der Stadt Zürich. 1995, S. 10–11.
Ende des Ersten Weltkrieges genehmigte die Stadt im September 1918 einen Kredit in Höhe von 570'000 Franken für den Bau einer Obstdörranlage im Gaswerk, die täglich bis zu 20 Tonnen Grüngut dörren konnte. Die Anlage wurde mit einem Abhitzekessel betrieben und trug zur Bekämpfung der Nahrungsmittelknappheit bei. Sie befand sich in einem eigenen Gebäude, das über einen Keller mit 16 Dörrkammern mit einer Gesamtfläche für Dörrgut von 960 m² verfügte. Im Erdgeschoss konnten Früchte und Gemüse an einer Rampe aus den Bahnwagen entladen und für den Dörrprozess vorbereitet werden, bevor sie durch Schächte in den Keller abgeworfen wurden. Der Dachboden diente der Lagerung der getrockneten Ware, die über einen Aufzug an der Ostseite direkt aus dem Keller dorthin befördert wurde. Da sich die Ernährungslage 1919 verbesserte, wurde der Betrieb der Dörranlage bereits 1920 wieder eingestellt und das Gebäude als Lagerhalle vermietet.Kübler: Das Kohlengaswerk der Stadt Zürich. 1995, S. 53.
Nach dem Ersten Weltkrieg stieg der Gasverbrauch wieder an, sodass eine Erweiterung des Gaswerks notwendig wurde, die die Stimmbürger im Herbst 1927 genehmigten. Sie wurde von 1928 bis 1933 ausgeführt und erlaubte, die Tagesabgabe auf 250'000 Kubikmeter zu steigern. Mit der Einführung von Horizontalkammeröfen war es zudem möglich, hochwertigen Koks zu produzieren. 1936 wurde ein vierter Gasometer mit einem Fassungsvermögen von 100'000 m³ errichtet. Während der Wirtschaftskrise stagnierte der Gasabsatz, der jährlich zwischen 55 Millionen und 57 Millionen m³ lag.Kübler: Das Kohlengaswerk der Stadt Zürich. 1995, S. 14.
Zweiter Weltkrieg und Nachkriegsjahre mini|Gaswerk Schlieren (1963) mini|Die vier Gasometer des Gaswerks, vor dem rechten Gasometer von 1936 die Nassentschwefelungsanlage links und die Entgiftungsanlage rechts (1965) mini|Erdgas- und Leichtbenzinspaltanlage (1970) Während des Zweiten Weltkriegs kam es erneut zu einem Brennstoffmangel. Ab 1942 stockte die Kohlenzufuhr, wodurch auf Holzvergasung ausgewichen werden musste. Zu diesem Zweck wurde eine Holzaufbereitungsanlage eingerichtet, die ab März 1942 täglich 40 bis 60 Tonnen Gasholz produzierte. Für den Betrieb dieser höchst unwirtschaftlichen Anlage waren zusätzlich 130 bis 150 Hilfsarbeiter erforderlich. Der Betrieb konnte erst im Februar 1948 eingestellt werden, als wieder ausreichende Mengen Kohle aus dem Ausland eintrafen.
Auch während des Zweiten Weltkriegs betrieb das Gaswerk Obstdörranlagen. 1941 wurde im alten Kohlenmagazin eine Dörranlage eingerichtet, 1943 wurden zwei weitere eingebaut. Diese Anlagen, die mit Dampf aus einem Abhitzekessel betrieben wurden, waren jeweils im Herbst über einen Zeitraum von drei Monaten in Betrieb und verarbeiteten pro Saison 80 bis 120 Tonnen Grüngut, das von den Kunden vorgerüstet angeliefert und anschliessend wieder abgeholt wurde. Nach dem Krieg gab es Dörrgutspendeaktionen für das Rote Kreuz und zur Unterstützung notleidender Bevölkerung im Ausland. Der Betrieb der Dörranlagen wurde 1969 eingestellt.Kübler: Das Kohlengaswerk der Stadt Zürich. 1995, S. 53, 55.
Nach dem Krieg wurde die Gasproduktion rationalisiert und die Gasqualität verbessert. Die 1965 in Betrieb genommene Nassentschwefelungsanlage vereinfachte den Entschwefelungsprozess, während die gleichzeitig installierte Gasentgiftungsanlage den Kohlenmonoxidgehalt von 10 bis 15 % auf 2 % reduzierte. 1966 wurde der Gasverbund Ostschweiz (GVO) gegründet, heute Erdgas Ostschweiz, der ein regionales Ferngasnetz aufbaute, das von Schlieren aus versorgt wurde.