Die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 der Menschen mit Behinderung fand im Anschluss an die Profi-Fußball-Weltmeisterschaft in den drei Wochen vom 26. August bis zum 17. September 2006 erstmals in Deutschland statt. Sie wurde ausgerichtet von der INAS-FID (International Sports Federation for Persons with Intellectual Disability / Internationale Sportorganisation für Menschen mit kognitiver Behinderung).

Die saudi-arabische Nationalmannschaft siegte im Finale gegen die Niederlande im Elfmeterschießen. Favorit und Titelverteidiger England schied schon im Viertelfinale aus. Deutschland gewann das Spiel um Platz drei gegen Südafrika, wurde jedoch nachträglich disqualifiziert.

Ausrichtung, Unterstützung, Schirmherrschaft Nationaler Ausrichter war die Fußball-WM 2006 der Menschen mit Behinderung gGmbH mit Unterstützung des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Der zuständige internationale Verband hatte seine 4. Weltmeisterschaft an den Deutschen Behindertensportverband (DBS) vergeben; Partner des DBS war die Lebenshilfe für Menschen mit Behinderung, vertreten durch den Landesverband Nordrhein-Westfalen und die Bundesvereinigung. Die Schirmherrschaft hatte Gerhard Schröder übernommen, der der WM „einen guten Verlauf, den Aktiven den erhofften sportlichen Erfolg und den Zuschauern spannende Wettbewerbe“ gewünscht hatte (Infobroschüre: „Geballte Leidenschaft“, Seite 2). Er übernahm nach dem Finale die Siegerehrung des neuen Weltmeisters Saudi-Arabien und des Vizeweltmeisters Niederlande.

Spieler und Trainer 16 Nationalmannschaften aus fünf Kontinenten mit rund 500 Sportlern, Trainern und Begleitpersonal traten in 47 WM-Spielen gegeneinander an, um dem seit 2002 amtierenden Weltmeister England den Platz streitig zu machen. Gesetzt waren Deutschland als Gastgeber und England als Titelverteidiger sowie die Nationalmannschaften aus Brasilien (hatte die Teilnahme kurzfristig abgesagt; eingesprungen war ein Gastteam aus Bosnien-Herzegowina, dessen Spielbegegnungen als Freundschaftsspiele stattfanden), Frankreich, Japan, Mexiko, Niederlande, Nordirland, Australien, Polen, Portugal, Russland, Saudi-Arabien, Südafrika, Südkorea und Ungarn. Allen Spielern der Nationalmannschaften ist neben der Fußballbegeisterung gemeinsam, dass sie eine geistige Behinderung oder Lernbehinderung haben und ihr Intelligenzquotient bei maximal 75 liegt. Dies ist neben u. a. dem Vorhandensein von Schwierigkeiten bei der Alltagsbewältigung eine Voraussetzung für die Aufnahme in die Nationalmannschaft, der ein standardisiertes Registrierungsverfahren, inklusive eines Intelligenztests, eines psychologischen Tests, eines Gutachtens über das Vorliegen erheblicher Einschränkungen bei Alltagsfertigkeiten, eines 28-seitigen Fragebogens (z. B. zur Aufnahmefähigkeit von einfachen Anforderungen und komplexen taktischen Abläufen) und einer sportmedizinischen Untersuchung, vorangeht. Kein Spieler darf eine Regelschule besuchen oder besucht haben und seine Behinderung muss vor dem 18. Lebensjahr diagnostiziert worden sein. Dass diese Zugangsvoraussetzungen in den Medien derzeit häufig beinahe mehr Beachtung fänden als die sportlichen Leistungen der Spieler, kritisierte der Bundestagsabgeordnete Ilja Seifert. Nach dem Eröffnungsspiel der WM sprach sich Seifert als behindertenpolitischer Sprecher der Linksfraktion im Bundestag bei einem Treffen mit Bundespräsident Horst Köhler, der die Spiele eröffnet hatte, dafür aus, dass die Medien ihren Schwerpunkt künftig mehr auf die Stärken der Spieler richten sollten: „Es ist an der Zeit, im Sportteil der Zeitungen und elektronischen Medien über die spielerische Reife, taktische Disziplin und individuellen Stärken der Spieler zu berichten“, sagte Seifert. Er habe beim Eröffnungsspiel mit eigenen Augen sehen können: „Was dort geboten wird, ist hochwertiger Sport.“

Für Deutschland 2006 in der Mannschaft waren: Mannschaftskapitän Guido Skorna aus Eschweiler (* 16. Juni 1984, RN 4, Mittelfeld, 20 Länderspiele, Teilnahme an der WM 2002 / Japan und der EM 2003 / Portugal, seit 2002 aktiver Spieler in der Nationalmannschaft der Menschen mit Behinderung), Dirk Müller (* 24. August 1984, RN 1, Tor), Jens Kloß aus Neuss (* 2. November 1983, RN 12, Tor, 5 Länderspiele, Teilnahme an der WM 2002 / Japan und der EM 2003 / Portugal, seit 2002 aktiver Spieler in der Nationalmannschaft der Menschen mit Behinderung), Waldemar Monsch (* 20. November 1987, RN 2, Abwehr) Tufan Civelek aus Datteln (* 2. November 1983, RN 3, Abwehr, 10 Länderspiele, Teilnahme an der EM 2003 / Portugal, seit 2003 aktiver Spieler in der Nationalmannschaft der Menschen mit Behinderung). Adolf Blum (* 7. September 1969, RN 5, Abwehr) Rodel Schmitz aus Leverkusen (* 1. Januar 1989, RN 15, Abwehr, Aktiv in der Jugend des VfL Leverkusen), Dino Winterich aus Aachen (* 27. März 1986, Abwehr, 6 Länderspiele, seit 2004 aktiver Spieler in der Nationalmannschaft der Menschen mit Behinderung), Stephan Pesch aus Bad Oeynhausen (* 11. Oktober 1981, RN 7, Mittelfeld, 1 Länderspiel, seit 2005 aktiver Spieler in der Nationalmannschaft der Menschen mit Behinderung), Alexander Schlei (* 15. Oktober 1988, RN 8, Mittelfeld), Ahmet Demir aus Düren (* 26. September 1988, RN 10, Mittelfeld, 10 Länderspiele, Teilnahme an der EM 2003 / Portugal, seit 2003 Spieler in der Nationalmannschaft der Menschen mit Behinderung), Timo Mummert (* 30. August 1983, RN 13, Mittelfeld), Patrick Schwandt aus Bergneustadt (* 27. November 1989, RN 16, Mittelfeld), Bernd Binder aus Augsburg (* 2. März 1983, RN 19, Mittelfeld, seit 2002 aktiver Spieler in der Nationalmannschaft der Menschen mit Behinderung, Teilnahme an der WM 2002 / Japan und der EM 2003 / Portugal), Ronny Kasper aus Salzwedel (* 29. Juli 1985, RN 20, Mittelfeld), Juan Miro (* 3. Dezember 1982, RN 6, Angriff), Andreas Timm aus Essen (* 23. September 1974, RN 9, Angriff, ehemaliger Mannschaftskapitän, 70 Länderspiele, seit 1993 in der Nationalmannschaft der Menschen mit Behinderung, Teilnahme an allen bisherigen Weltmeisterschaften), Zipan Miro (* 3. Dezember 1982, RN 11, Angriff) Roberto Oliveira (* 27. September 1987, RN 14, Angriff) Wissan El-Hammadi (* 10. Januar 1989, RN 17, Angriff) Maik Paternuga aus Bielefeld (seit 2005 aktiver Spieler in der Nationalmannschaft der Menschen mit Behinderung), Cornelius Albert aus Wülfslingen (2 Länderspiele, seit 2004 aktiver Spieler in der Nationalmannschaft der Menschen mit Behinderung), Serkan Kahraman aus Aachen, Frank Mertens aus Eschweiler (51 Länderspiele, Teilnahme an der WM 1998 / England und der WM 2002 / Japan, seit 1995 in der Nationalmannschaft der Menschen mit Behinderung), Patrik Elsner aus Kosel (7 Länderspiele, Teilnahme an den Global Games in Schweden, seit 2004 aktiver Spieler in der Nationalmannschaft der Menschen mit Behinderung), Kai Thiele aus Bad Oeynhausen, Dierk Greskowiak aus Marl (8 Länderspiele)

Fünf Spieler, mit denen Trainer Willi Breuer fest gerechnet hatte, konnten nicht aufgestellt werden: Manuel Hoyer, Fidan Klinaku, Skhelzan Klinaku, David Briehm und Samir Spago. Bei Hoyer und den Brüdern Klinaku hatten sich die Zugangsvoraussetzungen geändert, da nach einer neuen Einstufung ihr IQ über den maximal zulässigen 75 liegt. Bei Briehm und Spago konnten die Eltern nicht von der Teilnahme überzeugt werden.

Trainiert wurde die deutsche Nationalmannschaft von Willi Breuer aus Bergheim (staatlich geprüfter Fußballlehrer, seit 1992 verantwortlicher Honorarbundestrainer für Fußball im Deutschen Behindertensportverband, zuvor fünf Jahre Nachwuchstrainer beim 1. FC Köln), Co-Trainer Ulrich Ollesch aus Jülich (seit 1987 aktiv beim Sport und Fußball der Menschen mit und ohne Behinderung, Teilnahme an den Weltmeisterschaften 1998 / England und 2002 / Japan, sowie an den Europameisterschaften 1996 / England, 2000 / Schweden und 2003 / Portugal), Co-Trainer Gisbert Schugall aus Recklinghausen (seit 1992 aktiv beim Sport und Fußball der Menschen mit und ohne Behinderungen, Fachübungsleiter in den Recklinghäuser Werkstätten, seit 2005 im Trainerstab), Torwarttrainer Peter Lewecke aus Lemgo (Sport und Fußball der Menschen mit Behinderung seit 1990, Teilnahme an den Weltmeisterschaften 1994 / Niederlande, 1998 / England, 2002 / Japan, 2006 / Deutschland und an den Europameisterschaften 1996 / England, 2000 / Schweden und 2003 / Portugal). Christoph Daum, der sich dem Trainerstab im August 2006 kurz vor Beginn der WM als Co-Trainer angeschlossen hatte.

Teammanager war Wolfgang Warnke aus Essen (Sport und Fußball der Menschen mit Behinderung seit 1980, Teilnahme als Trainer oder Manager an den Weltmeisterschaften 1994 / Niederlande, 1998 / England und 2002 / Japan sowie an den Europameisterschaften 1996 / England, 2000 / Schweden und 2003 / Portugal)

Seit 2005 wird die Nationalmannschaft betreut vom Physiotherapeuten Heinrich Kowalczyk.

Mannschaftsarzt war Peter Dietrich aus Dortmund

Zuschauer Während beispielsweise die WM in den Niederlanden mit lediglich 30.000 Zuschauern insgesamt besucht wurde, konnten allein in der Vorrunde der WM 2006 in Deutschland rund 138.000 Zuschauer in den Stadien begrüßt werden. Die Eröffnungsfeier mit rund 12.000 Gästen fand am 27. August in der Kölnarena in Köln statt. Mit dem Eröffnungsspiel zwischen Deutschland und Japan begannen zwei Tage später am 29. August in der Duisburger MSV-Arena vor rund 22.000 Zuschauern die Spiele, die von Bundespräsident Horst Köhler eröffnet wurden. Anwesend waren außerdem u. a. Reiner Calmund, Christoph Daum und Guildo Horn. Finale und Abschlussfeier fanden in der BayArena in Leverkusen statt. Insgesamt wurden die Spiele von rund 260.000 bis 300.000 Zuschauern in den Stadien verfolgt, Millionen sahen sich Übertragungen der Begegnungen im Fernsehen oder online an.

Spiele Die Spiele wurden nach den FIFA-Regeln ausgetragen; jedoch sind nach Möglichkeit alle 16 Platzierungen ausgespielt worden. Was bereits aus den vergangenen Weltmeisterschaften zu erwarten war, hat sich auch in der WM 2006 bestätigt: Das Leistungsniveau der Spieler ist vergleichbar mit dem der Spielklassen der Kreisklasse und Kreisliga, wobei alle antretenden Teams auch deutlich höherklassig spielende Sportler hatten. Dies ist nicht zuletzt auf die sich stetig verbessernde Zusammenarbeit mit den nationalen Fußballverbänden zurückzuführen. Einige Spieler sind in den nationalen Ligabetrieb integriert. Fast alle Spieler der deutschen Nationalmannschaft spielen auf einem Level zwischen Kreisliga A und C, Ausnahme ist Mannschaftskapitän Skorna, der bei Rhenania Eschweiler in der Verbandsliga spielt. Wie erwartet zeigte sich in den Spielbegegnungen viel Authentizität, da die unterschiedlich starken kognitiven Einschränkungen der Spieler bedingen, dass die Entwicklung der Spiele in höherem Maße über situativ-spontane Emotionen und weniger über vorausschauend-berechnende Ratio ablief: „Und so ist das Spiel (…) geprägt von echter Begeisterung, unverfälschter Spielfreude und großen Gefühlen“ (Infobroschüre „Geballte Leidenschaft“, Seite 15).

Die Spiele wurden in den Bundesländern Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Bayern und Sachsen-Anhalt in folgenden Städten ausgetragen:

Aachen, Arendsee, Bielefeld, Bochum, Bonn, Bottrop, Braunschweig, Celle, Dinslaken, Dortmund, Düsseldorf, Duisburg (Eröffnungsspiel), Essen, Euskirchen, Gardelegen, Gütersloh, Hamm, Hannover, Hürth, Kleve, Klötze, Köln, Krefeld, Leverkusen (Finale), Lippstadt, Stemwede, Lüdenscheid, München, Münster, Oberhausen, Olpe, Osterburg, Recklinghausen, Salzwedel, Schwelm, Stendal, Waltrop, Wegberg, Wermelskirchen, Wesel, Wolfsburg

Die Auslosung der Spielbegegnungen erfolgte am 28. April 2006 im ZDF-Hauptstadtstudio Berlin und wurde moderiert von Johannes B. Kerner. Als Botschafter der WM war der ehemalige Nationaltrainer Rudi Völler ebenfalls gekommen. Für die deutsche Nationalmannschaft fiel das Los auf Begegnungen mit den Teams aus Japan, Nordirland und Russland.