Die Bahnstrecke Emden–Jever, auch Ostfriesische Küstenbahn, ist eine Eisenbahnverbindung in Niedersachsen, die heute nur noch auf Teilstrecken in Betrieb ist. Sie schließt in Emden an die Bahnstrecke Rheine–Emden Süd an und führt über Norden und Esens nach Jever. Der Abschnitt zwischen Emden und Norden ist als elektrifizierte Hauptbahn Teil der Fernverbindung von Münster und Rheine nach Norddeich.
Der Abschnitt zwischen Dornum und Esens wurde 1986 abgebaut, der Abschnitt zwischen Norden und Dornum wird hingegen durch eine Museumsbahn nachgenutzt. Der Abschnitt Esens–Jever ist weiterhin für den Schienenpersonennahverkehr in Betrieb.
Geschichte
Planung, Bau und Inbetriebnahme
mini|links|Landkarte von 1881, die Strecke ist als „projektiert“ eingezeichnet
Nach der Inbetriebnahme der Bahnstrecke Sande–Jever durch die Großherzoglich Oldenburgischen Staatseisenbahnen 1871 erhoffte sich die Stadt Norden eine Verlängerung. Da die Oldenburgischen Staatseisenbahnen zögerten, wollte die Stadt Norden 1878 auf eigene Kosten mit dem Bau beginnen. Stattdessen beschloss die Preußische Regierung den Bau der Strecke Emden–Norden–Jever. Die Königlich Preußischen Staatseisenbahnen eröffneten die Strecke am 14. Juni 1883 feierlich und nahmen am 15. Juni den fahrplanmäßigen Zugverkehr auf. Von Georgsheil wurde gleichzeitig eine Zweigstrecke nach Aurich angelegt.
Die Strecke war anfangs eine eingleisige Nebenbahn. Zwischen Emden und Norden war sie direkt auf den heutigen Bundesstraßen 210 und 72 trassiert. Die Streckenhöchstgeschwindigkeit betrug zunächst 20 km/h, wurde aber bald auf 30 km/h und 1890 auf 40 km/h erhöht.
Anschließende Strecken und Neutrassierung Emden–Norden
Am 15. Juni 1892 wurde die abzweigende Strecke Norden–Norddeich eröffnet, die 1895 bis auf die dortige Mole erweitert wurde, um einen direkten Übergang zu den Fährschiffen nach Norderney und Juist herzustellen.
Durch den zunehmenden Bäderverkehr war die zum Teil am Straßenrand liegende Strecke den Anforderungen nicht mehr gewachsen. Zwischen 1903 und 1906 wurde die Strecke daher zwischen Emden-Harsweg und Norden abseits der Landstraße neu trassiert. Für den Anschluss nach Aurich entstand der Bahnhof Abelitz, von dem aus eine neue Strecke nach Georgsheil angelegt wurde. Der Abschnitt Georgsheil–Aurich blieb unverändert.
Die Streckenhöchstgeschwindigkeit wurde auf 60 km/h und später auf 90 km/h angehoben.
In Esens und Wittmund bestand über Rollbockanlagen Anschluss an die meterspurige Kreisbahn Leer–Aurich–Wittmund, die in nördlicher Richtung zum Fähranleger nach Bensersiel führte und Richtung Süden über Aurich nach Leer. Die Kreisbahn wurde 1967 für den Personen- und 1969 für den Güterverkehr stillgelegt und danach abgebaut.
In Jever schloss die Bahnstrecke Jever–Harle an. Der dortige Fähranleger der Schiffe nach Wangerooge wurde mit Tidezügen bedient.
Niedergang Norden–Esens
Der Personenverkehr zwischen Norden und Esens wurde am 29. Mai 1983 eingestellt. Zwischen Norden und Dornum wird die Strecke seit 1987 im touristischen Verkehr durch die Museumseisenbahn Küstenbahn Ostfriesland (MKO) befahren. Am 23. September 1989 wurde auch der Güterverkehr eingestellt und die Strecke wurde 1991 von der Deutschen Bahn über den Landkreis Aurich an die Anliegergemeinden verkauft. Diese haben sie an die Museumseisenbahn verpachtet.
Das Teilstück zwischen Dornum und Esens wurde am 27. September 1985 stillgelegt und 1986 demontiert. Auf der Trasse befindet sich seit 1990 ein Fahrradweg und eine Straße.
Museumsbetrieb Norden–Dornum
Zwischen Norden und Dornum wird die durch die Anliegergemeinden gepachtete Strecke seit 1987 im touristischen Verkehr durch die MKO an Sonn- und Feiertagen im Sommerhalbjahr befahren. Das Rollmaterial besteht aus zwei Diesellokomotiven der Baureihe V 60 mit Gepäckwagen, Güterwagen, zwei Personen- sowie einem Buffetwagen. Beheimatet ist der Verein im Lokomotivschuppen am Bahnhof Norden, wo sämtliche Fahrzeuge untergestellt sind.
Zeitweise war der Abschnitt Norden–Dornum mit einem Nullpunkt in Norden bis km 16,450 in Dornum umkilometriert.
Die Strecke wurde in den vergangenen Jahren schrittweise saniert und in Hage in den Jahren 2006/2007 auf 210 Metern Länge neu trassiert, um Platz für eine Umgehungsstraße zu schaffen. Dabei wurde auch ein neuer Bahnhof mit zwei Bahnsteiggleisen und einer Laderampe eingerichtet. Das bisherige Gebäude des alten Bahnhofs war schon Anfang des Jahres nach Brandstiftung abgerissen worden. Der neue Bahnhof wurde 2008 endgültig fertiggestellt.
Im Jahr 2009 wurde der Haltepunkt Schloss Lütetsburg wieder in Betrieb genommen.
Modernisierung Esens–Jever
In den 1990er Jahren drohte auch dem Abschnitt zwischen Esens und Jever zusammen mit der Bahnstrecke Sande–Jever die Stilllegung. Um den Betrieb hier attraktiver durchführen zu können, sah die Landesnahverkehrsgesellschaft Niedersachsen in ihrem SPNV-Konzept von 1997 eine grundlegende Sanierung sowie eine Erhöhung der Streckenhöchstgeschwindigkeit auf 80 km/h vor. Die Maßnahmen wurden im Jahr 2000 abgeschlossen. Die Fahrzeit zwischen Sande und Esens wurde um 13 Minuten auf unter eine Stunde verringert. Dadurch war ein wirtschaftlicherer Betrieb mit zwei Triebwagenumläufen möglich, wobei die Fahrten umsteigefrei bis zum Bahnhof Wilhelmshaven im Oberzentrum Wilhelmshaven durchgebunden wurden. In Sande besteht ein direkter Anschluss am Bahnsteig gegenüber zu den Zügen von und nach Oldenburg bzw. Osnabrück, am Sonnabendmittag auch als Direktverbindung, seit Juni 2022 durch Flügelung einer Verbindung in Sande. mini|Neuer Haltepunkt Esens (2005) Um den Bahnübergang auf der Landesstraße Esens–Aurich entfernen zu können, wurde der Endpunkt in Esens vor der Kreuzung neu angelegt und der alte Bahnhof aufgegeben. So konnte auch ein Kombibahnsteig für Zug und Bus errichtet werden, sodass die Reisenden schnell und mit kurzem Umsteigeweg ihre Anschlüsse unter anderem nach Aurich, Norden, Neuharlingersiel und Harlesiel erreichen. Die Stationen von Esens bis Jever wurden erneuert und zu Haltepunkten zurückgebaut, sodass die Kapazität der eingleisigen Strecke stark reduziert wurde.
Im Rahmen der ersten Ausschreibung im niedersächsischen Schienenpersonennahverkehr bekam die NordWestBahn den Zuschlag für das Netz „Weser-Ems“. Seit November 2000 betreibt das Unternehmen den Nahverkehr auf der Strecke im Stundentakt mit Dieseltriebwagen vom Typ Alstom Coradia LINT 41. In Folge der Betriebsaufnahme und des Infrastrukturausbaus konnte die Nachfrage um 145 % gegenüber 1997 gesteigert werden. Ende 2005 wurde der seit längerer Zeit stillgelegte Haltepunkt in Burhafe reaktiviert.
Betriebsstellen
mini|Neugebautes Empfangsgebäude Dornum Dornum
Der Bahnhof Dornum wurde zusammen mit der Bahnstrecke eröffnet. Seit 1987 dient er als Endbahnhof der Museumseisenbahn Küstenbahn Ostfriesland. Heute sind noch das Umfahrgleis erhalten, die 30 m lange Bahnsteigkante am Hauptgleis wurde 2023 erneuert. Das ehemalige Empfangsgebäude mit angebautem Güterschuppen und ein Wasserturm wurden mittlerweile abgerissen. Für die Museumsbahn ist ein modernes Gebäude in Ziegelbauweise entstanden.
Esens
Vom früheren Bahnhof Esens bestand ein etwa 1000 m langes Gleis zum fünfgleisigen Bahnhof der Kleinbahn Leer–Aurich–Wittmund. Heute wurde der ehemalige Bahnhof aufgelassen und durch einen etwa 200 m östlich liegenden Haltepunkt ersetzt.
Wittmund
Im Bahnhof Wittmund war ebenfalls die Kleinbahn Leer–Aurich–Wittmund angeschlossen, deren Gleisanlagen befanden sich gegenüber denen der Bahnstrecke Emden–Jever.
Ausblick
West-Ost-Verbindung
mini|Karte der Eisenbahnverbindungen in Ostfriesland Die Anrainer-Kommunen Esens, Dornum, Großheide, Hage und Norden sowie die Landkreise Wittmund und Aurich haben ein Gutachten in Auftrag gegeben, mit dem die Chancen einer Reaktivierung des stillgelegten Abschnitts zwischen Norden und Esens bewertet werden sollen. In: Flensburg online. 15. Januar 2009. Problematisch ist hierbei, dass der alte Bahnhof in Esens durch einen Supermarkt überbaut wurde und die Deutsche Bahn weitere Grundstücksverkäufe im Bereich der ehemaligen Bahntrasse plant.
Die Stadt Aurich untersucht darüber hinaus eine Verlängerung der Bahnstrecke Abelitz–Aurich (13 Kilometer, 2008 reaktiviert, Stand 2021 nur Güterverkehr, kein Personenverkehr) nach Wittmund, um dort Anschluss an die Bahnstrecke Emden–Jever zu erhalten. Ziel ist eine durchgehende Bahnverbindung für den Güterverkehr zwischen dem im September 2012 offiziell in Betrieb genommenen JadeWeserPort in Wilhelmshaven (dem einzigen deutschen Tiefwasserhafen) und dem Emder Hafen (weiter Seehafen, daneben Fährhafen zur Nordseeinsel Borkum mit dem Bahnhof Emden Außenhafen). Wichtige Produkte im Seeverkehr der erwähnten Häfen sind vor allem Kraftfahrzeuge aus der Produktion des Volkswagenwerk Emden, sowie Windkraftanlagen (beziehungsweise deren Teile) des Herstellers Enercon, dessen Hauptsitz Aurich ist. Enercon war in der Vergangenheit Miteigentümer der Bahnstrecke Abelitz-Aurich und betrieb deren Reaktivierung durch eigene Investitionen in Millionenhöhe aktiv mit, hat sich seither jedoch aus dem Eisenbahnbetrieb zurückgezogen. Auch Errichterschiffe für Offshore-Windparks legen in Emden und am JadeWeserPort an.
Laut einer Studie aus dem Jahr 2009 würden sich die Kosten für den Wiederaufbau des Abschnittes Dornum-Esens auf etwa 16 Millionen Euro belaufen.Reaktivierung von Bahnstrecken in Niedersachsen. Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im niedersächsischen Landtag. S. 14.
Im Dezember 2010 wurde im Rathaus Dornum eine Vereinbarung unterzeichnet, „die 1983 stillgelegte Trasse nicht durch weitere planerische und bauliche Maßnahmen einzuschränken“. Damit ist zunächst die Trasse nach Norden gemeint, allerdings ist die Strecke bis Esens weiterhin im Gespräch.
Seit 2023 wird eine mögliche Reaktivierung erneut geprüft.
Verbindung Esens–Bensersiel
Darüber hinaus bestehen Überlegungen, die Bahnstrecke von Esens zum Fährhafen in Bensersiel zu verlängern, um eine bessere Reiseverbindung zum Fährverkehr nach Langeoog zu schaffen. Zwischen Esens und Bensersiel verkehrte bis 1967 schon die schmalspurige Kleinbahn Leer–Aurich–Wittmund, die jedoch nach der Stilllegung abgebaut und zum Teil durch ein Neubaugebiet überbaut wurde. Daher kann die alte Trasse nicht oder nur teilweise genutzt werden. Die rund sieben Kilometer lange Verbindung war 2013–2015 Teil eines Untersuchungs- und Auswahlverfahrens der LNVG zur Reaktivierung von Bahnstrecken. In der ersten Runde erreichte die Verbindung die engere Auswahl von 28 reaktivierbaren Strecken, wurde jedoch bei der Reduzierung auf acht Strecken in der zweiten Runde aus dem Verfahren ausgeschlossen.
Weblinks
Einzelnachweise
Kustenbahn Kategorie:Bahnstrecke in Niedersachsen Kategorie:Verkehr (Landkreis Aurich) Kategorie:Verkehr (Landkreis Wittmund) Kategorie:Verkehr (Landkreis Friesland) Kategorie:Erbaut 1883