Die Blackbox war eine 1992 als Wiener Mailbox für Politik und Jugendkultur gegründete Online-Community, die sich während der ersten zwei Jahre ihres Bestehens als größte und medienpräsenteste virtuelle Gemeinschaft Österreichs etablierte und diese Stellung etwa drei Jahre lang halten konnte. Am Höhepunkt ihres Erfolgs gegen Ende 1997 hatte die Blackbox um die viertausend aktive User und galt als wesentlicher Baustein der österreichischen Zivilgesellschaft. Anders als die meisten damaligen Mailboxen und das damalige Internet wurde sie nicht von stereotypischen Technikspezialisten dominiert, sondern wies einen hohen Anteil an Schülern, Studenten sozialwissenschaftlicher und anderer nichttechnischer Fächer, Kulturschaffenden, Publizisten und Politaktivisten auf.
Die Blackbox verlor ihre Bedeutung im Lauf der folgenden beiden Jahre wieder und wurde in ihrer ursprünglichen Form Ende 1999 stillgelegt. Das anstelle dessen 1998 eingerichtete Webmail- und Webforen-Angebot existierte trotz geringer gewordenem Bekanntheitsgrad bis Ende 2009. Da auch der Relaunch 2010 als „Forum für Politik und Gesellschaft“ die frühere Bedeutung bei weitem nicht erreichte, wurde der Betrieb Ende November 2012 eingestellt. Die E-Mail-Adressen der blackboxeigenen Domains verwaltet seitdem das Unternehmen Mediaclan.
Gründung als Mailbox Die Blackbox ging in der Nacht vom 11. auf den 12. November 1992 als BBS bzw. Mailbox für Politik und Jugendkultur im Nahbereich der Sozialistischen Jugend Österreich online. Die je nach Quelle drei oder vier unmittelbaren Gründer der Blackbox hatten sich jeder bereits mehrere Jahre lang in der Sozialistischen Jugend engagiert. Der Mitinitiator und spätere Abgeordnete zum Nationalrat Kai Jan Krainer zum Beispiel war Wiener Landessekretär der Organisation, der Hauptinitiator Michael Eisenriegler ein ehemaliger Pressesprecher. Eisenriegler war als Student der Publizistik an der Universität Wien darüber hinaus auch im Verband Sozialistischer StudentInnen aktiv.
Den Betreibern gelang es, ihre entsprechenden Beziehungen in Subventionen, öffentliche Aufträge und vor allem kostenlose Promotion durch die Stadt und das Unterrichtsministerium umzusetzen. Unter anderem war die Blackbox mehrere Jahre lang das offizielle virtuelle Forum aller öffentlichen Schulen der Stadt. Am 6. Dezember 1995 wurde sie im Rahmen einer Gala im Wiener Messepalast unter der Bezeichnung Digitale Stadt Wien sogar zum offiziellen virtuellen Forum der Stadt als solcher erklärt.
Die Blackbox wurde aufgrund derartiger Förderung rasch weit über den Kreis klassischen Mailboxpublikums hinaus bekannt. Sie verfügte außerdem über die Mittel, die so entstehende Nachfrage auch zu bedienen und ihre Expansionsschritte relativ langfristig planen zu können.
Erfolgsjahre Obwohl die Mailboxszene aufgrund der charakteristischen Inselhaftigkeit ihrer einzelnen Knoten und der unzureichenden Erweiterbarkeit ihrer monolithischen Softwareplattformen 1992 eigentlich bereits im Begriff war, vom kulturell wie technologisch offeneren Internet verdrängt zu werden, erzielte die Blackbox fast fünf Jahre lang kontinuierliches Wachstum.
Einen wesentlichen Beitrag zu diesem Erfolg leistete das für die Blackbox eingesetzte Mailboxsystem FirstClass, das nicht nur ausgereifte und effiziente Approximationen von E-Mail, Usenet und IRC vereinigte, sondern gleichzeitig auch wesentlich einfacher zu installieren und zu bedienen war als damals verbreitete Software zur Kommunikation über die entsprechenden Originalprotokolle.
Ein weiterer Faktor war, dass die Blackbox ab 1994 Gateways zu verschiedenen anderen österreichischen Mailboxen, zu Mailboxen in Berlin, Brüssel und Budapest sowie zu Teilen des Usenet finanzieren konnte. Damit schuf sie eine Art regionales Parallelinternet, durch das sich die technologieinhärente Isolation ihrer Community relativ lange kaschieren ließ.
Ein nicht zu vernachlässigender dritter Faktor für den Erfolg der Blackbox war eine nur für Erwachsene zugängliche Forengruppe namens Intimzone, die unter anderem eine durch die Betreiber sanktionierte und mitverwaltete Pornosammlung von in der Geschichte der Jugendmailboxen vermutlich einzigartigem Umfang enthielt.
Gegen Ende 1997 verzeichnete die Blackbox etwa viertausend mehr oder weniger regelmäßige Besucher bei insgesamt über siebentausend Besuchern pro Quartal. Die Blackbox war damit ausgerechnet in dem halben Jahrzehnt, in dem Mailboxen weitgehend zum Anachronismus wurden, zu einem der größten und medienpräsentesten derartigen Systeme der Technikgeschichte gewachsen. Die Blackbox diente nicht nur als digitale Heimat verschiedener Kulturinitiativen und anderer NGOs, sondern auch als Plattform für die ersten Online-Präsenzen des Standard, verschiedener Studentenfraktionen und vierer der fünf damaligen österreichischen Parlamentsparteien. Vor allem die Junge Volkspartei, die Wiener Grünen und der unter Grünen und linken Sozialdemokraten populäre Bundesminister Caspar Einem nutzten die Blackbox intensiv als Diskussionsforum, die Grünen auch zur Kommunikation untereinander.
Namhafte Politiker und Medienpersönlichkeiten ließen sich im Rahmen sogenannter „Promichats“ von der Community interviewen, neben EU-Kommissar Franz Fischler unter anderem Bundeskanzler Viktor Klima, der Generalintendant des ORF Gerhard Zeiler, der Wirtschaftskapitän Hansjörg Tengg, die Künstler Alfred Dorfer und Hermes Phettberg, der Präsident des Wiener Jugendgerichtshofes Udo Jesionek und Geistliche wie etwa der umstrittene Bischof Kurt Krenn, außerdem verschiedene Bundesminister, Bundesgeschäftsführer und Spitzenkandidaten politischer Parteien, Stadträte, leitende Beamte, Herausgeber, Chefredakteure und Kolumnisten. Eine Mitarbeiterin einer inzwischen eingestellten Lifestyle-Zeitschrift stellte sich einige Zeit lang sogar als blackboxeigene Kummerkastentante für Beziehungsangelegenheiten zur Verfügung.
Das Blackbox-Forum 30jährige der Radiomoderatorin Susanne Pauser (heute Pleisnitzer) war mit zuletzt 30.000 Postings Ausgangspunkt des Wickie-Slime-Paiper-Hypes um Kindheitserinnerungen aus den 1970er Jahren.
Kultur Zur Zeit der Gründung der Blackbox verfügten in Österreich praktisch nur Universitätsangehörige über Zugang zu Usenet oder Internet, die Mailboxszene beschränkte sich auf noch weniger Menschen. Selbst Anfang 1997 surften erst vier Prozent der Österreicher „mehrmals pro Woche im Internet“.Laut Austrian Internet-Monitor. Vgl. ORF: Integral-Studie über Internet-Nutzung in Österreich Internet-Reichweite: ORF in Österreich an zweiter Stelle. APA-OTS, 14. April 1997. Die Blackbox konnte sich als Teil einer kulturellen Avantgarde fühlen und entwickelte ein entsprechendes Zusammengehörigkeitsgefühl auch über politische und persönliche Differenzen hinweg. Das Gemeinschaftsleben war ausgesprochen intensiv.
Zu den wöchentlich stattfindenden offiziellen Usertreffen ebenso wie zu spontanen privaten Zusammenkünften konnten Mitte der 1990er Jahre ohne weiteres mehrere Dutzend Besucher erscheinen. An der vom öffentlich-rechtlichen Jugendsender FM4 beworbenen Feier anlässlich des fünften Geburtstags der Blackbox am 20. November 1997 nahmen mehrere hundert Gratulanten teil.
Während Usenet und Internet in den frühen und mittleren Neunzigern von angehenden oder praktizierenden Technikern und Naturwissenschaftlern dominiert wurden und Mailboxen überhaupt fast nur Computerinteressierte anzogen, wies die Blackbox einen von Anfang an sehr hohen Anteil eher technikferner Benutzer auf. Einerseits gewann sie, wie von ihren Gründern geplant, Schüler und Studenten sozialwissenschaftlicher und anderer nichttechnischer Studienrichtungen für sich, andererseits wurde sie auch von älteren Menschen verschiedenster Professionen frequentiert, darunter Künstler, Kulturschaffende, Publizisten und Politiker. Auch einige neophile Pensionisten konnte die Blackbox für sich interessieren. Der Frauenanteil war für damalige Verhältnisse bemerkenswert hoch. Die ungewöhnliche Zusammensetzung der Community und ihre Disjunktivität zum Rest des damals gerne sogenannten Cyberspace führten gemeinsam mit technischen Spezifika der Plattform zur Entwicklung einer eigenen Netzkultur, deren Jargon und Umgangsformen sich von der anderer Mailboxen oder des Usenets deutlich unterschied.
Zwei der Besonderheiten der Blackbox waren ihr hoher Anteil an Sockenpuppen, im Blackbox-Jargon als Fakes bezeichnet, und die diesen gegenüber geübte freundliche Toleranz. Die formal als Verein organisierte Blackbox machte uneingeschränkten Zugang von einem Beitritt als außerordentliches Mitglied und damit der Bezahlung eines Beitrags von etwa 800 Schilling (rund 58 Euro) pro Jahr abhängig. Accounts von Nichtmitgliedern unterlagen neben anderen Einschränkungen einer Zugangsbegrenzung auf eine Onlinezeit von 45 Minuten pro Tag. Intensivnutzer umgingen diese Begrenzung durch das Anlegen von Zusatzaccounts.
Es war allgemein bekannt, dass einkommensschwache junge Enthusiasten sich zum Unterhalten von fünf oder mehr Fakes und zum dementsprechenden Posten unter fünf oder mehr Namen gezwungen sehen konnten. Die damit einhergehende relative Toleranz gegenüber Fakes ließ mit der Zeit Fakerei auch aus anderen Gründen um sich greifen. Schließlich diskutierten selbst Administratoren unter alternativen Identitäten.
Aus dem Wunsch nach mehr Vereinsbeitritten heraus und weil die Blackbox theoretisch von jedem User verlangte, unter seinem Klarnamen (auch: „Realname“) aufzutreten, sahen sich die Administratoren zum Löschen zumindest der offensichtlichen Fakes gezwungen. Einige User reagierten darauf, indem sie entweder Freunde und Familienmitglieder oder auch einfach beliebige Namen aus dem Telefonbuch als Fakeaccounts registrierten. Die nicht weniger als zehn aktiven Fakes des populären Blackboxers Huda M. oder die Auftritte der gleichermaßen nymphomanen wie leider schwer zu fassenden Schülerin Tamara Hoffmann zählen für viele Veteranen zu den liebstgewonnenen Anekdoten.
Kontroversen Außenwirkung Das Elitebewusstsein der Blackbox sorgte für teilweise spannungsbehaftete Außenbeziehungen. Der Philosoph und politische Theoretiker Oliver Marchart etwa störte sich an der von ihm gefühlten Dissonanz zwischen der Selbstdarstellung der Blackbox als nichtkommerzielles Idealistenprojekt und dem Auftreten ihrer Betreiber als wohlhabende Erfolgsunternehmer. Marchart bezeichnete die Betreiber als „SJ-uppies“ und „Datenschnösel“ und warf ihnen vor, „großkotzige Operettenfeiern mit Sekt, Kaviarbrötchen, Paella-Buffet und was weiß ich“ zu veranstalten und sich als Teil der Wiener „Schickeria“ zu gerieren, während Initiatoren vergleichbarer Projekte damit zufrieden seien, ehrenamtlich und „auf reiner Freak-Basis“ zu arbeiten.Oliver Marchart: Ein Wien ist genug! Zur digitalen Zweitverwertung einer Stadt. – Bericht über Eröffnung der Digitalen Stadt Wien. In: kunstradio.at, Oliver Marchart: Attacken. 6. Dezember 1995, abgerufen am 6. Mai 2010. Die Blackbox wurde wiederholt Ziel derartiger Kritik, wenn auch meist weniger polemisch formuliert.
Besonders gespannt war das Verhältnis der Blackbox zur österreichischen Usenet-Gemeinde. Die Blackbox betrachtete sich selbst als älteste Online-Community Österreichs oder überhaupt Europas. Sie beanspruchte neben der historischen auch kulturelle Präzedenz und sah das österreichische Usenet insgesamt als eine Art Fortsatz ihrer selbst. Aufgrund der Schnittstelle einiger öffentlicher Blackboxforen, die als Newsgroup-Hierarchie at.blackbox.* ins Usenet gespiegelt wurden, ging man dabei so weit, zufällige und nichts von der Existenz der Blackbox ahnende Usenet-Teilnehmer als Blackbox-User zu bezeichnen. Die Usenet-Community auf der anderen Seite bestand darauf, sich als dezentral und die Blackbox als einen Zugangsanbieter unter vielen zu sehen.