mini|J. B. Grundmann: Haydn in Fürst Esterházyscher Uniform (1768) Der Applausus von Joseph Haydn (Hob. XXIVa: 6) aus dem Jahr 1768 ist eine allegorische Kantate für fünf Solisten, Chor und Orchester. Sie wurde von den Patres des Zisterzienserstifts Zwettl zum 50-jährigen Profess-Jubiläum ihres Abtes Rainer I. Kollmann beim Komponisten bestellt und am 17. April des Jahres uraufgeführt. Ebenfalls als Geschenk zu diesem Anlass erwarben die Gratulanten den umfangreichen Zwettler Tafelaufsatz in der kaiserlichen Porzellanmanufaktur von Wien, der sich heute im Museum für Angewandte Kunst Wien befindet. Weiters gaben sie ein repräsentatives Porträt des Abtes bei Josef Hauzinger in Auftrag.
Anlass, Werktradition Seit der Mitte des 17. Jahrhunderts wurden hohe Würdenträger des Habsburger Reichs zu feierlichen Anlässen, Jubiläen oder Jahrestagen mit Huldigungskompositionen bedacht, die Trionfi, Cantata Allegorica oder auch Applausus hießen.Siehe dazu: Friedrich W. Riedel: Joseph Haydns „Applausus“ und die Tradition des musikalischen Schultheaters in Österreich. In: Wissenschaftliche Arbeiten aus dem Burgenland, Bd. 90 (Jg. 1992), S. 88–106. Ihr Umfang war bedeutend und konnte sich mit den gleichzeitigen Opera seriae messen. Anstatt in verschiedene Akte gliederte sich ein solches Werk zumeist in mehrere Teile, hatte ebenfalls mehrere (allegorische) Protagonisten, sowie Chor und Orchester, die in Rezitativ und Arien, teilweise auch im Duett oder Quartett das Lob des Jubilars oder der Jubilarin sangen. Anders als der Prologue der französischen Tragédie lyrique oder die Licenza in der höfischen Oper, war ein Applausus ein Werk sui generis, das eigenständig bestehen konnte, wenn auch nur zu diesem einen Anlass. Der Aufwand dafür war trotz seines repräsentativen Charakters immer noch geringer als bei einer theatralen Opernaufführung, für die eigene Bühnenarchitekten engagiert werden mussten, und deren Ausstattung, Kostüme und Sänger enorme Summen verschlangen, weshalb diese Tradition in den Stiften und Klöstern wohl auch länger in Verwendung bleiben konnte.
Der Applausus, für dessen Vertonung man Joseph Haydn ausgewählt hatte, sollte zur Feier des 50-jährigen Profess-Jubiläums von Rainer Kollmann am 17. April 1768 vorgetragen werden. Von den über 600 Gulden, welche die Gratulanten für ein Geschenk gesammelt hatten, erhielt der Komponist 100 fl, was einem Viertel seines damaligen Jahresgehalts beim Fürsten Esterhazý entsprach.Man kann 100 Gulden einem heutigen Wert von ungefähr 10.000€ gleichsetzen (siehe dazu Geldwerttabelle der Stadt Wien 1768).
Libretto Das Libretto wurde häufig vom „Hauspoeten“ eines Stiftes, in diesem Fall vom Prior P. Placidus Assem (insignis et indefessus scriptor) verfasst,Siehe dazu: Andreas Gamerith: Sprachlos. Der Zwettler Tafelaufsatz und seine Entstehung. In: 300 Jahre Wiener Porzellan Manufaktur. Ausstellungskatalog. Hg. v. Christoph Thun-Hohenstein und Rainald Franz. Stuttgart 2018, S. 32–41, hier S. 34. der den Abt vor Ort vertrat, wenn sich Rainer Kollmann im Zwettler Hof von Wien oder auf Reisen befand. Es haben sich von P. Placidus zahlreiche Werke in zwei handschriftlichen Bänden, Analecta Rhetorica, in der Stiftsbibliothek erhalten, darunter auch der Applausus „Jubilaeum Virtutis Palatium“, den Haydn vertonte.
Ein Prunkexemplar des Textes für den Jubilar in gelbem Atlas eingebunden enthält das Datum der Aufführung: 17. April 1768, im altrömischen Kalender verfasst: „XV. Kalend. Maji“, der die Distanz bis zu den Kalenden des Mai angibt.Darin wird die Differenz bis zu den Kalenden des Mai gezählt (13 verbleibende Tage im April plus 2). Nachzulesen in: E. Chambers: Cyclopaedia: or, an Universal Dictionary of Arts and Sciences. London 1728, 1. Volume, S. 143: CALENDS, CALENDAE […] To find the Day of the Calends we are in, see how many Days there are yet remaining of the Month, and to that Number add two: For Example suppose it the 22nd of April ‘tis then the 10th of the Calends of May. For April contains 30 Days; and 22 taken from 30, there remains 8; to which two being added, the Sum is 10. Ergänzend auch Jörg Rüpke: Zeit und Fest. Eine Kulturgeschichte des Kalenders. C. H. Beck, München 2006.
Es treten in diesem Drama die vier Kardinaltugenden auf, Temperantia, Prudentia, Justitia und Fortitudo. Sie preisen den Abt und seinen Wohnort in höchsten Tönen. Sekundiert werden sie von der Figur der Theologia (Sapientia), die ihrerseits das Geschehen von einer fünften Warte aus kommentiert. Der Text ist in Latein gehalten, wie es im kirchlichen Zusammenhang Brauch war. P. Placidus hat das Werk in acht Szenen gegliedert, die, der Tradition entsprechend, jeweils aus Rezitativ und Arie bestehen. Die Rezitative sind ihrem erzählerischen ductus entsprechend in freier, die Arien in gebundener Form verfasst.
Komposition mini|Joseph Haydn; Applausus (Autograph, 1. Seite) Wer die Verbindung der Patres von Zwettl zum aufstrebenden Kapellmeister der Esterhazys hergestellt haben könnte, ist noch nicht zweifelsfrei geklärt. Vermutlich aber wurde er auf Vermittlung Johann Nepomuk Paul Werners (1734–1799), dem Sohn des Esterházyschen Kapellmeisters Gregor Josef Werner, der ab 1760 in Zwettl als Sängerknabenpräfekt und Regens chori wirkte, angesprochen.Siehe dazu: Klaus Petermayr: Joseph Haydns „Applausus“. Gedanken zu einem unterschätzten Werk. In: Eisenstädter Haydn-Berichte, [im Druck].
Der junge Joseph Haydn hat dem Text des Priors eine großformatige Komposition von strahlender Heiterkeit in C-Dur angemessen.Joseph Haydn: Applausus 1768. Partitur. Hg. v. Heinrich Wiens in Verbindung mit Irmgard Becker-Glauch (= Joseph Haydn. Werke. Hg. v. Joseph Haydn-Institut, Köln unter der Leitung von Georg Feder. Reihe XXVII, Band 2). Henle, München 1969. Dazu Kritischer Bericht: Joseph Haydn. Werke, Reihe XXVII, Bd. 2. Hg. v. Heinrich Wiens in Verbindung mit Irmgard Becker-Glauch. Henle, München 1971. Seine Vorbilder, die beiden Huldigungskantaten von Johann Georg Zechner aus den Jahren 1746 und 1753, an deren Formverlauf er sich weitgehend orientierte,Siehe dazu: Riedel: Joseph Haydns „Applausus“. 1992. unterscheiden sich jedoch bereits in der Instrumentation. Während Zechner dem festlichen Anlass angemessen ebenfalls Pauken und Trompeten, im Verbund mit Traversflöten und Posaunen (1746), bzw. mit Hörnern, Traversflöte und Gambe (1753) verwendet, lässt Haydn mit Oboen und Fagott aufhorchen, vielmehr aber noch mit der konzertanten Begleitung der E-Dur-Arie Nr. 4 (O pii Patriae!) durch ein Solo-Cembalo und der D-Dur-Arie Nr. 7 (O beatus incolatus!) mit Solo-Violine für die vom Tenor gesungene Figur der Justitia, die im Gesamtgefüge wie eingestreute Konzerte wirken. Der Tenor, als Kapellmeister des musizierenden Knabenchors im Stift, war zumeist auch der versierteste Musiker, dem solcherlei Virtuosität zugedacht wurde.
Die eigentliche Ouvertüre des Werks ist denkbar kurz gehalten, denn sie besteht nur aus der Accompagnato-Einleitung zum Eröffnungsrezitativ, die den sonnigen, heiteren und von festlichem Glanz – durch Pauken und Trompeten – geprägten Ton des Werks anklingen lässt. Haydn selbst hatte vor, dieser Einleitung die beiden ersten Sätze einer Symphonie voranzustellen, die er dem Stift zusenden wollte. Dazu ist es jedoch nie gekommen. Auf der Suche nach Symphonien der gleichen Tonart und Besetzung aus der Entstehungszeit gibt es zwar einige Werke zur Auswahl (Nr. 32, 33, 37, 41), zumeist wird jedoch auf die Symphonie Nr. 38 zurückgegriffen, und ihre beiden ersten Sätze, Allegro und Andante, vorangestellt, bevor die vier Tugenden ihr Vorhaben und sich selbst im Rezitativ vorstellen. Als erste Arie folgt deshalb auch ihr gemeinsames Quartett „Virtus inter ardua“.
Diese formvollendete Geste findet sich in keinem der Werke Zechners, und es ist eine elegante Wendung, um die Aufmerksamkeit auf den Auftritt der Theologia/Sapientia zu lenken, die die Nr. 2 Rezitativ und Arie „Non chymaeras somnitatis“ allein bestreitet, da sie das Tugend-Quartett bestehend aus Mäßigung, Weisheit, Gerechtigkeit und Stärke gewissermaßen von außen kommentiert.
Alle übrigen Rezitative werden gemeinschaftlich, im Dialog, zu dritt oder auch zu viert ausgeführt, was in der Form eines Orchester getragenen Accompagnato natürlich zu größerer Lebendigkeit im Geschehen beiträgt. Dies dient jedoch nur als Vorhang, Einführung und als dramatische Schilderung des Geschehens (in diesem Fall eines abstrakten Zustands) bis zur Übergabe an den, bzw. die Solisten in ihren ausladenden Da-Capo-Arien, die alle musikalische Aufmerksamkeit über weite Zeiträume in immer neu verzierten Wiederholungen ihrer A- und B-Teile auf sich lenken. Je nach Aufführung kann allein die zweite Arie der Justitia mit Violin-Solo, Nr. 7, schon einmal achtzehn Minuten dauern, und hinterlässt die Zuhörer trotz des überaus zart gehaltenen Charakters dieser Arie in einem sich steigernden musikalischen Hochgefühl, das – wäre die Darbietung im Opernhaus und der Sänger vorzüglich – in einem Beifallsorkan ausklingen würde.
Die größte gestalterische Kunst in einem so umfangreichen Werk wie dem Applausus besteht allerdings im Aufrechterhalten des Spannungsbogens über die Dauer des gesamten Zeitraums, was sowohl für die Musiker wie auch das Publikum unerlässlich ist. Und obwohl Haydn mit dieser Technik noch keineswegs so vertraut war, wie in späteren Jahren – er hatte erst zwei kleinere Bühnenwerke, Acide (1763) und La canterina (1766) verfasst – legt er das gesamte Gewicht der Gestaltung auf die wechselnden Charaktere der Protagonisten und schafft dadurch die entscheidenden Kontraste im musikalischen Verlauf.
Ensemble-Arien wechseln mit Solo-Arien, die von unterschiedlichsten Instrumenten in ihrem würdigen, sanften, mächtigen oder feierlichen Gebaren begleitet werden. Herausragend die Bass-Arie der Fortitudo, mitreißend beschwingt, kraftvoll im Ausdruck durch das Potential ihrer ungeheuren Sprünge, doch ebenso mitfühlend, wenn es um die Ausstrahlung der sanftesten Ruhe geht (suggeret ducissimam mens tranquillitatem). Dies ist die Arie, die vor der ganz in sich versunkenen und von keinem Sturm der Seele berührten Darbietung der Es-Dur-Arie der Temperantia (Nr. 6) steht, damit die Qualität der Mäßigung auch wirklich zur Kenntnis aller Beteiligten gelangt. Doch noch ist das Ziel der Vereinigung aller im gemeinschaftlichen Chor nicht erreicht, zuvor bietet Haydn der Justitia ein zweites Mal die Bühne (Nr. 7), diesmal im Verbund mit der innigen Solo-Violine, die den Glanz des Jubilars im Duett von Tenor und Geige widerspiegelt.
Mitwirkende Getragen wurde die musikalische Aufführung im Normalfall vom stiftseigenen Orchester und Chor, geleitet vom Tenor als Instruktor der Knaben. Ob man zusätzlich teure Solisten einstellen konnte für die Aufführung, ist nicht bekannt. Das Vorhaben einer solchen Aufführung war sehr ambitioniert, und möglicherweise waren die Sorgen des Komponisten nicht unberechtigt, ob die heimischen Kräfte seine musikalischen Vorstellungen auch würdig umsetzen könnten. Doch darüber haben sich keinerlei Quelle erhalten, und so kann man nur vermuten, dass das Festkollegium von der Aufführung ganz gewiss einen starken und prägenden Eindruck gewinnen konnte, der den Feiertag zu einem Ereignis werden ließ.
Orchester 2 Oboen, Fagott, 2 Hörner, 2 Trompeten, Pauken, Orgel (Bass), Streicher (+ Solo-Violine), Solo-Cembalo.
Begleitbrief