mini|hochkant|Franz Dinghofer, vermutlich bei seinem Amtsantritt als Bürgermeister von Linz, 1907 Franz Seraph Dinghofer (* 6. April 1873 in Ottensheim, Mühlviertel; † 12. Jänner 1956 in Wien) war ein österreichischer Richter und deutschnationaler Politiker (DnP bzw. GDVP) zur Zeit des Ersten Weltkriegs und der Zwischenkriegszeit.
Als Präsident der Provisorischen Nationalversammlung für Deutschösterreich war er im November 1918 an der Beschlussfassung über die Gründung der Republik Deutschösterreich beteiligt. Den Beschluss verkündete er anschließend gemeinsam mit Karl Seitz vom Balkon des Parlamentsgebäudes.
In der Ersten Republik hatte er anschließend mehrere hohe politische Ämter inne, unter anderem als Dritter Nationalratspräsident (1920–1926), Vizekanzler (1926–1927) und Justizminister (1926–1928).
Nach seinem Rückzug aus der Politik war er von 1928 bis 1938 Präsident des Obersten Gerichtshofes. Dinghofer war bekennender Antisemit und ab Juli 1940 NSDAP-Parteimitglied.
Leben und Wirken
Aus einer bereits lange im oberösterreichischen Ottensheim ansässigen Familie stammend – Vater und Großvater waren beide Postmeister und Gastwirte in der Gemeinde –,Mayrhofer 1970, S. 13. besuchte er ab 1879 die örtliche Volksschule. Danach wechselte er 1884 ins Gymnasium Freistadt, wo er 1892 maturierte, worauf er ein Jusstudium an der Universität Graz absolvierte. Im Oktober 1892 wurde er Mitglied des Vereins Oberösterreichischer und Salzburger Studenten Graz im Waidhofener Verband (der späteren Burschenschaft Ostmark Graz), der er lebenslang als Alter Herr verbunden blieb.Willy Nolte (Hrsg.): Burschenschafter-Stammrolle. Verzeichnis der Mitglieder der Deutschen Burschenschaft nach dem Stande vom Sommer-Semester 1934. Berlin 1934, S. 86.Helge Dvorak: Biografisches Lexikon der Deutschen Burschenschaft. Band I Politiker, Teilband 1: A–E. Heidelberg 1996, S. 205. Er wurde 1897 zum Dr. jur. promoviert. 1899 heiratete er die Linzerin Cäcilia Meindl, Besitzerin des „Schöllergutes“ in Linz Waldegg Nr. 57,Mayrhofer 1970, S. 15. mit der er einen Sohn und zwei Töchter hatte.
Nach der Gerichtspraxis beim Landesgericht Linz wurde Dinghofer 1898 Auskultant beim Landesgericht Wien, 1899 Gerichtsadjunkt beim Landesgericht Linz bzw. ab 1901 beim Bezirksgericht Urfahr und im Juni 1902 Richter für Zivil- und Strafsachen beim Bezirksgericht in Urfahr. Als Vertreter der Deutschnationalen gehörte er von 1901 bis 1918 dem Gemeinderat von Linz an, wo er Obmann-Stellvertreter der Rechts- und Finanzsektion war.
Ab 1905 war er Vizebürgermeister und von 1907 bis 1918 Bürgermeister von Linz. Dinghofer war nicht nur der jüngste Bürgermeister einer Stadt mit eigenem Statut in Cisleithanien, sondern auch das jüngste gewählte Stadtoberhaupt von Linz seit dem Bestehen einer freien Gemeinde. Als Bürgermeister war er Gründer der ersten Schrebergärten in Österreich, in seiner Amtszeit wurde St. Peter eingemeindet. Weiters wurden Grün- und Erholungsflächen ausgestaltet. Dinghofer betrieb aktive Verkehrspolitik und trat für den Ausbau des Eisenbahnnetzes ein.Mayrhofer 1970, S. 40–57 (Kapitel „Das Verkehrswesen“). Weiters wurde das Gaswerk kommunalisiertMayrhofer 1970, S. 57–59 (Kapitel „Die Kommunalisierung des Gaswerkes“). und es wurden städtische Milch- und Fleischverkaufsstellen eingerichtet, um der Teuerung entgegenzusteuern.Mayrhofer 1970, S. 73 f., 82. Arbeiterwohnungen wurden gebaut, Wohnungsgesellschaften gegründet. Weiters wurde das Städtische Jugendamt für durch die Kriegsfolgen verwahrloste junge Menschen errichtet. Die moderne Forschung betont, dass Dinghofer diese Reformen auch im Sinne eines ausgeprägt deutschnationalen Selbstverständnisses zur politischen Profilierung nutzte.
Von 1911 bis zur Auflösung Österreich-Ungarns 1918 war er Reichsratsabgeordneter in der Fraktion des Deutschen Nationalverbands. Dinghofer war Begründer des Deutschen Volksbundes. Er bezeichnete sich selbst als Antisemiten und trat für den „Auszug“ der jüdischen Bevölkerung ein.Daniela Ellmauer, Michael John, Regina Thumser (Hrsg.): „Arisierungen“, beschlagnahmte Vermögen, Rückstellungen und Entschädigungen in Oberösterreich, Band 11 (= Veröffentlichungen der Österreichischen Historikerkommission. Band 17). Verlag Oldenbourg, Wien/München 2004, ISBN 3-7029-0521-9, S. 44f. Michael John: Bevölkerung in der Stadt. „Einheimische“ und „Fremde“ in Linz (19. und 20. Jahrhundert). Archiv der Stadt Linz, Linz 2000, ISBN 3-900388-80-6, S. 141. Da Linz während des Ersten Weltkrieges zu den bestversorgten Städten der Monarchie gehörte,Mayrhofer 1970, S. 18. weil unter Dinghofer das Lebensmittelamt gegründet und 1914 Brot- und Mehlkarten eingeführt worden waren, wurde man in Wien auf ihn aufmerksam und bot ihm 1917 den Posten des k.k. Ernährungsministers an, den Dinghofer jedoch ausschlug.
Alle deutschen Reichsratsabgeordneten, so auch Dinghofer, wurden beim Zerfall des Vielvölkerstaats im Oktober 1918 Mitglieder der Provisorischen Nationalversammlung für Deutschösterreich, die bis Februar 1919 tagte. Dinghofer wurde von ihr in der Eröffnungssitzung am 21. Oktober 1918 neben dem Christsozialen Jodok Fink und dem Sozialdemokraten Karl Seitz zu einem ihrer drei gleichberechtigten Präsidenten gewählt. Innerhalb des 20-köpfigen Vollzugsausschusses der Nationalversammlung – dem Staatsrat – führte Dinghofer den Vorsitz in der für innere Verwaltung und Verfassung zuständigen Gruppe II. Er hatte am 12. November 1918 den Vorsitz in der Nationalversammlung, als diese auf Antrag des Staatsrates die republikanische Staatsform und die Zugehörigkeit zur deutschen Republik beschloss, und erklärte nach der Abstimmung über die Vorlage: einstimmig angenommen. Als amtierender Präsident verkündete er dann, von seinem sozialdemokratischen Präsidentenkollegen Seitz begleitet, von der Balustrade des Parlamentsgebäudes aus der tausende Menschen zählenden Volksmenge die Entscheidung: „Deutschösterreich ist eine Republik“.Othmar Rappersberger: Auch sie waren einmal an unserer Schule – Dr. Franz Dinghofer. In: 118. Jahresbericht des Bundesgymnasiums Freistadt. Eigenverlag, Freistadt 1988.
Ab November 1918 gehörte Dinghofer auch der provisorischen Landesversammlung für Oberösterreich an, im Juni 1919 wurde er in den Landtag gewählt. Er wurde am 16. Februar 1919 in die Konstituierende Nationalversammlung gewählt, konnte aber krankheitsbedingt an der Eröffnungssitzung vom 4. März und der Präsidentenwahl vom 5. März nicht teilnehmen, weshalb seine Wahl zum Dritten Präsidenten erst am 12. März 1919 stattfand. Um die Zersplitterung der deutschnationalen und deutschfreiheitlichen Abgeordneten zu überwinden, initiierte Dinghofer 1919 die Großdeutsche Vereinigung, aus der 1920 die deutschnational und antisemitisch gesinnte Großdeutsche Volkspartei hervorging. Die Bedingungen des Vertrags von Saint-Germain lehnte er ab, insbesondere das Verbot einer Vereinigung mit dem Deutschen Reich, und forderte eine Revision des Vertrags sowie eine Volksabstimmung über den Anschluss. In der Nationalversammlung, mit dem Inkrafttreten des Bundes-Verfassungsgesetzes am 10. November 1920 nachfolgenden, am 17. Oktober 1920 neu gewählten Nationalrat wurde er für die I. Gesetzgebungsperiode zum Dritten Präsidenten gewählt, ebenso für die am 20. November 1923 begonnene II. Gesetzgebungsperiode.
Im August 1920 erhielt er von Hugo Stinnes 250.000 Reichsmark für die Propagierung der Zugehörigkeit Österreichs zum Deutschen Reich.Gerald D. Feldman: Hugo Stinnes. Biographie eines Industriellen 1870-1924. München 1998, S. 693.
Ab 1924 war er Vorsitzender Rat beim Oberlandesgericht Wien. Dinghofer hatte eine Führungsrolle im antisemitischen und antisozialistischen Geheimbund Deutsche Gemeinschaft inne.Andreas Huber, Linda Erker, Klaus Taschwer: Der Deutsche Klub. Austro-Nazis in der Hofburg. Czernin, Wien 2020, ISBN 978-3-7076-0651-5, S. 97 ().
Am 20. Oktober 1926 trat er als Dritter Präsident des Nationalrates in Hinblick auf seine Aufnahme in die Bundesregierung zurück. In der Regierung Ignaz Seipels war er von 20. Oktober 1926 bis 19. Mai 1927 Vizekanzler, danach Bundesminister im Bundeskanzleramt und von 1927 bis 1928 Bundesminister für Justiz. Infolge der Affäre Béla Kun trat Dinghofer am 4. Juli 1928 als Justizminister ab und zog sich aus der Politik zurück.Mayrhofer 1970, S. 128 f. (Kapitel „Der Rücktritt als Justizminister“).
Dinghofer kehrte noch 1928 zu seinem Beruf zurück, übersiedelte im Jahre 1929 in die Bundeshauptstadt (1. Bezirk, Uraniastraße 4)Mayrhofer 1970, S. 19. und war insgesamt zehn Jahre lang Präsident des Obersten Gerichtshofes, bis er am 11. Mai 1938 wegen Erreichens der Altersgrenze von 65 Jahren den Ruhestand antrat.
1938 soll es im Bereich des Schöllerguts an der heutigen Linzer Hanuschstraße, das seine inzwischen verstorbene Gattin in die Ehe eingebracht hatte, zu Enteignungen gekommen sein.Mayrhofer 1970, S. 20. Als Ersatz dafür kaufte sich Dinghofer im Jahr 1940 die Villa Sarsteiner in Bad Ischl, Bauerstraße 11. Außerdem war er an der Arisierung des oberösterreichischen Bergbaubetriebes Kamig beteiligt.
Walter Schuster publizierte 2011 erstmals, dass Franz Dinghofer mit 1. Juli 1940 in die NSDAP aufgenommen worden war.Walter Schuster: Eliten in Politik und Verwaltung: Die Stadt Linz 1918–1934–1938–1945. In: Wolfgang Weber/Walter Schuster (Hrsg.): Biographien und Zäsuren. Österreich uns seine Länder 1918–1933–1938. Linz 2011. S. 62 Mehr öffentlichen Widerhall fand die Veröffentlichung der gleichen Information durch das Mauthausen Komitee Österreich (MKÖ) und das Netzwerk gegen Rassismus und Rechtsextremismus, welche am 14. März 2019 nach eigenen Recherchen beim deutschen Bundesarchiv in Berlin öffentlich thematisierten, dass Franz Dinghofer am 18. April 1940 die Aufnahme in die NSDAP beantragte und zum 1. Juli desselben Jahres aufgenommen wurde (Mitgliedsnummer 8.450.902).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/6391205
mini|Das Grab von Franz Dinghofer und seiner Ehefrau Cäcilie geborene Meindl im Familiengrab auf dem St. Barbara-Friedhof in Linz Dinghofers Familie lebte bis 1945 in Wien, nach Kriegsende in Bad Ischl. Franz Dinghofer trat 1953 noch dem VdU als einfaches Mitglied bei,Margit Reiter: Die Ehemaligen. Der Nationalsozialismus und die Anfänge der FPÖ. Wallstein, Göttingen 2019, ISBN 978-3-8353-3515-8, S. 124. verstarb im 83. Lebensjahr am 12. Jänner 1956 und wurde auf dem St.-Barbara-Friedhof in Linz (Sektion 15, Gruft) beigesetzt.
Nachwirkung und Rezeption
Zeitgenössische Wahrnehmung In der Zwischenkriegszeit galt Dinghofer vor allem als einer der Mitgründer der Republik und als Vertreter eines konservativen, deutschnationalen Bürgertums. Seine Rolle als Vorsitzender der Provisorischen Nationalversammlung am 12. November 1918 führte dazu, dass er in der öffentlichen Erinnerung häufig – teils irreführend – als „Ausrufer der Republik“ bezeichnet wurde. Diese Deutung wurde bereits von der Forschung relativiert, da die Republik nicht ausgerufen, sondern durch die Nationalversammlung beschlossen wurde.
Nach 1945 spielte Dinghofer in der politischen Erinnerung zunächst kaum eine Rolle. Erst in den 2000er-Jahren wurde er – vor allem von der FPÖ – wieder verstärkt als historische Identifikationsfigur herangezogen.
Neuere historische Bewertung